"Welche Wirklichkeit bitte...?" - Programmatik und Milieus des New Journalism


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
25 Seiten, Note: 1

Leseprobe

1. Einleitung

2. Definition und Abgrenzung des „Neuen Journalismus“
2.1. Anfänge des New Journalism
2.2. Selbstverständnis, Methode und Themen der New Journalists

3. Merkmale, Stilmittel und Schreibweisen des New Journalism
3.1. Perspektive
3.2. Sprache
3.3. Rhythmus
3.4. New Journalism vs. Established Journalism
3.4.1. Medienwirklichkeit
3.4.2. Subjektivität als ehrliche Wahrheit

4. New Journalism in Deutschland: Zeitgeistmode oder Wegbereiter
4.1. Milieus des New Journalism
4.2. BeispielTempo: Wegbereiter oder Zeitgeistmode?
4.2.1. Programmatik vonTempo
4.3. New Journalism wird Pop(ulär)-Kult(ur)
4.4. Der „Fall Tom Kummer“ und der Abstieg

5. Schluss

Quellen

1. Einleitung

New Journalism ist nicht neu. Aber er ist anders als der Mainstream des Nachrichten- oder Informationsjournalismus. Ein New Journalist schreibt anders, denkt anders und ist anders. Wahrscheinlich unterscheidet er sich am meisten in Auffassung seines Berufs vom konventionellen Journalisten. „Das ewige neutrale Getue des Reporters“1ist es, was Helge Timmerberg „auf die Nerven“ geht; Timmerberg ist einer der bekanntesten deutschen New Journalists, seitdem New Journalism aus den USA in den achtziger Jahren auch nach Deutschland kam. „Was immer sie in orthodoxen Journalistenschulen sagen, es ist falsch“, meint Timmerberg, „Halt’ dich raus, sagen sie. Dich gibt es nicht. Deine Gedanken, Hoffnungen, Träume, Sehnsüchte, Fehler, Visionen... vergiss es. Du bist lediglich ein kabelloses Mikrofon, so ’ne Art Medium.“2Der neutrale Beobachter ist für Timmerberg nichts als „blöde Heuchelei“3.

New Journalism ist nicht objektiv, darin liegt die Stärke dieser Denkschule. Dass Journalismus ein Abbild der Realität, ein Spiegel der Wirklichkeit, ein fast wissenschaftliches Verfahren der Wahrheitsfindung sein soll, interessiert den New Journalist nicht. Der New Journalist bemüht sich nicht, nach der einen, absoluten Wahrheit zu suchen; denn die ist nicht zu haben.

Stattdessen rückt der Reporter in das Zentrum der Geschichte, schildert das Geschehen aus seiner Perspektive. Das ist subjektiv und vielleicht manchmal näher an Literatur, als an dem, was Journalismus traditionellerweise ist. Subjektivität ist ein Element, das New Journalism vom etablierten Journalismus, dem sogenannten Established Journalism, unterscheidet. Diese und weitere Unterscheidungen sind Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Zur Definition und Abgrenzung des New Journalism werden zunächst die Anfänge und das Selbstverständnis der ersten New Journalists in den USA dargestellt, dann Merkmale, Stilmittel und Schreibweisen sowie die Wirklichkeitskonstruktion des New Journalism erläutert. In einem zweiten Schritt geht die Arbeit ein auf Milieus für New Journalism in Deutschland, beschrieben wird die Entwicklung von Vorreitern wie der ZeitschriftTempo, bis zum Pop-Journalismus Mitte der neunziger Jahre und dem Rückschlag im Jahr 2000, durch den Skandal um Tom Kummer. Mit Blick auf die Gegenwart stellt sich die Frage, ob und wenn ja, welchen Einfluss die „Bewegung New Journalism“ auf die Presse in Deutschland hat.

2. Definition und Abgrenzung des „Neuen Journalismus“

2.1. Anfänge des New Journalism

New Journalism wurde geboren in den USA der sechziger Jahre, er ist ein Produkt des Wertewandels jener Zeit.4Zur Zeit der Beat- und Hippie-Generation, in einer Zeit die „chaotisch, zersplittert, ziellos, unzusammenhängend, mit einem Wort: absurd“5war, waren es wenige Journalisten der neuen Generation, die den Journalismus heraus fordern und dessen traditionelle Regeln brechen wollten. Der rationale, distanzierte Nachrichtenjournalismus konnte den gesellschaftlichen Wandel nach Ansicht der „neuen“ Journalisten nicht darstellen, zu kühl und nicht nah genug an den Menschen war die faktenorientierte Berichterstattung.6 Die Antwort der jungen Autoren war radikale Opposition zum Methodenkanon des Informationsjournalismus mit seiner strikten Trennung von Nachricht und Meinung, von Fiction und Nonfiction.7Autoren des New Journalism wie Tom Wolfe, Jimmy Breslin oder Gay Talese profitierten vom Lebensgefühl der späten sechziger und frühen siebziger Jahre, ihre Texte fanden zunächst Verbreitung in der noch jungen „Underground Press“, ehe sie ein Massenpublikum fanden.

New Journalism war mehr als die momentane Stimmung einer Subkultur, es war ein Programm mit eigenen Zielen und eigenen innovativen Techniken „als Waffe gegen den ‚anämischen’ Faktenjournalismus“8- Erzählung statt Wiedergabe, Intuition statt Analyse, Menschen statt Dinge, Stil statt Statistik9hießen die Schlagwörter.

Gemeinsamkeiten, die erlauben, von New Journalism als einer Art Denkschule des Journalismus zu sprechen, sind Subjektivität - entgegen dem Ritual von objektiver Berichterstattung im Informationsjournalismus -, literarische Techniken, authentische Sprache, zeitgeistige Themen, emotionales eingehen auf die Protagonisten und oft ein soziales Anliegen.10

So neu wie der Name vermuten lässt, waren die Techniken des New Journalism, etwa die Verbindung von Journalismus und Literatur, allerdings nicht. Vorformen von literarischem Journalismus oder journalistischer Literatur existierten im 19. Jahrhundert schon bei Mark Twain, Daniel Defoe, Charles Dickens, Emile Zola, später Ernest Hemingway, Antoine de Saint-Exupéry oder Albert Camus.11 Weitere Vorläufer der New Journalists waren die Kriegsberichterstatter des Zweiten Weltkriegs, deren Geschichten oft Einzelschicksale, sogenannte „Mikrothemen“, erzählerisch skizzierten. Ihre Methoden übernahmen zahlreiche New Journalists in Reportagen über den Vietnam Krieg.12

Das Neue, was „neue“ Journalisten von ihren Vorfahren unterscheidet und zu New Journalists macht, ist ein programmatisches Konzept und das gemeinsame Bewusstsein einer Bewegung - nicht ohne ihre Wurzeln zu verleugnen. Im Gegenteil, Tom Wolfe etwa, als vielleicht prominentester Vertreter des New Journalism überhaupt, war fasziniert von Reporterbildern aus den 20er Jahren und dem Lebensgefühl der Zeit.13

2.2. Selbstverständnis, Methode und Themen der New Journalists

„Chicago 1928, that was the general idea... Drunken reporters out on the ledge of the News... Nights down at the saloon... Nights down at the detective bureau - it was always night time in my daydreams of the newspaper life. Reporters didn`t work during the day. I wanted the whole movie, nothing left out.“14Die

Klischeevorstellung vom Reporterleben begeisterte wohl nicht nur Tom Wolfe, sondern traf im Kern das Selbstverständnis vieler New Journalists. In der Beschreibung von Haas und Wallisch ist es „der ständig rauchende und manchmal Kaffee, aber zumeist Spirituosen trinkende Reporter, der nie seinen Filzhut abnimmt, kaum Privatleben, aber dafür eine Art Heimat in der Halb- und Unterwelt der Metropolen gefunden hat und dessen Informanten häufig Kriminelle sind.“15 Charakteristisch für manchen New Journalist - das beste Beispiel ist wohl Hunter S. Thompson16als Vorbild für viele - schien die permanente Pflege von Milieus (Drogen, Sex, Reisen) und von Grenzerfahrungen, die in die Texte eingingen. Das Berichten über eigene Erlebnisse, möglicherweise in extremen Milieus, geschah jedoch nicht allein aus Gründen der Selbstinszenierung und Eitelkeit. Die persönliche Betroffenheit, eine partizipatorische Grundhaltung, die Ablehnung arbeitsteiliger und hierarchischer Organisationen gehörten ebenso zu den konstituierenden Merkmalen des New Journalism, wie das „wühlen im Schmutz“17, der Bearbeitung von grenzwertigen, vom etablierten Journalismus vernachlässigten, Themen.18Für den New Journalist war eine intensive Recherche wesentlich, er taucht in das Leben der Personen ein, über die er schreibt. „Zu den Menschen hinzugehen ist selbstverständlich, mit ihnen zu leben nahezu Voraussetzung für wirklich genaue Eindrücke und solcherart fundierte Reportagen. Nicht anders arbeiten viele Sozialwissenschaftler.“19 Besonders anschaulich beschreibt der Autor Helge Timmerberg was gemeint ist, wenn der Journalist seinen persönlichen Hintergrund in die Geschichte eingebaut hat. Über seinen „New-Journalism-Kollegen“ Hunter S. Thompson sagte Timmerberg, er sei jemand, „der es zu mühsam findet, in einer durch und durch verrückten Welt so zu tun, als sei der Reporter der einzig Normale weit und breit. So zu tun, als hätte er sich noch nie in die Hose gepisst, wenn er über Alkoholismus schreibt, als habe er noch nie `ne Nutte gefickt, wenn Prostitution sein Thema ist, als habe er noch nie seiner kleinen Schwester die Schokolade weggenommen, wenn er über Gewalt gegen Frauen berichtet.“20

3. Merkmale, Stilmittel und Schreibweisen des New Journalism

3.1. Perspektive

Von der persönlichen Meinung oder Stimmung über den Prozess der Recherche oder die Schreibsituation kann der New Journalist alles einfließen lassen und damit die Produktionsprozess des Textes offen legen. In diesem Zusammenhang können Erzähler-Ich und Autor-Ich sogar identisch sein. Über die Frage, wie weit sich die Persönlichkeit des Autors in die Geschichte begeben darf, sind jedoch die Neuen Journalisten nicht einig. Nach David Eason unterscheiden sich New Journalists in dieser Hinsicht in zwei Gruppen: Diejenigen, welche wie „Ethnographen“ ihr Thema verfolgen und selbst „ephemere Rollen“ spielen wie Tom Wolfe, Gay Talese und Truman Capote. Und solche, die zumeist aus der Ich- Perspektive berichteten wie Joan Didion, Norman Mailer und Hunter S. Thompson.21„They saw life through their own filters, describing what it felt to live in a world where shared public understandings about ‚the real world’ and about culture and morals had fallen away. Without an external frame of reference, they focused more on their own reality. The authors of the second group were often a dominating presence in their works.“22Ist das Argument von Journalismuskritikern, die persönlich eingefärbte Berichterstattung sei unseriös23und führe etwa zu Beliebigkeit zumindest nicht abwegig (s.u.), so ermöglicht der Verlust an „primärer Objektivität“ doch die Möglichkeit, als Stilmittel eingesetzt durch die „identifizierbare Stimme, erhebliche gestalterische Optionen“ zu schaffen, „die Nähe, Betroffenheit, Leidenschaft etc. und damit neben den Fakten und ihrem Zusammenhang auch deren Tonalität und Stimmung vermitteln können.“24

3.2. Sprache

Weiteres prägendes Merkmal des New Journalism ist die Sprache. Einerseits bedienen sich die Neuen Journalisten der Sprache, wie sie klassischerweise in Reportagen verwendet wird25, andererseits sollen „bemühte Wortspiele, abgedroschene Redewendungen, hundertmal gelesene Metaphern und Synonyme“26nicht länger vorkommen. Sprachliche Konventionen werden bewusst verletzt, die Entfernung von der Hochsprache ist gewollt - eine Orientierung an der Alltagssprache kann Nähe zum Leser schaffen.

Wieder ist Tom Wolfe der Vorreiter, seine Reportage „The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby“ von 1963 ist das (erste) Beispiel für alle sprachlichen Elemente des New Journalism: „farbbetonte Sprache, zum Teil nur intuitiv verstehbare Neologismen, ungewöhnliche Interpunktionen, Lautmalerei, systematische Anwendung von Dialogen im Wortlaut [...] sowie ein realer szenischer Aufbau“27. New Journalists spielen mit der Kreativität von Sprache. In Wahrheit versuchen sie „nicht zu schreiben, sondern zu sehen“28.

3.3. Rhythmus

New Journalism legt Wert auf Tempo, auf erzählerische Gewandtheit durch besonders ausgefeilte Formulierungen, durch ausführliche Oberflächen- und Detailbeschreibungen sowie durch das rasche Springen zwischen verschiedenen Schauplätzen und Akteuren, dem sogenannten „switching“. Ein dramaturgisches Setting der Geschichte, häufiger Perspektivwechsel, eine Handlung, die sich von Szene zu Szene vorwärts bewegt: der New Journalism bedient sich filmischer Elemente („motion“).29Die visuelle Orientierung des Schreibens ist an Erzählmuster des modernen Hollywood-Films angelehnt.30

[...]


1Medium Magazin(2/1988): „Das Glück des Süchtigen“.

2Ibid.

3Ibid.

4Vgl. Homepage: Wallisch (2000), 1. [Die Seitenangaben beziehen sich auf die Druckversion des Artikels im Internet.]

5Wolfe, Tom: Dichter in den Dreck. Manifest für den großen wahren Roman. In: TransAtlantik (3/1990), 17. Zitiert nach: Homepage: Wallisch (2000).

6Vgl. Homepage: Wallisch (2000), 1.

7Vgl. Haas (1999), 340.

8Homepage: Wallisch (2000), 1.

9Haas/ Wallisch (1991), 298.

10„In der Literatur gibt es eine Reihe von Etikettierungen, die unter dem Begriff ‚New Journalism’ subsumiert werden: sie reichen vom ‚Präzisions-Journalismus’ über den literarischen zum advokatorischen Journalismus. Solche Zuordnungen sind [...] tendenziell falsch, weil unter dem New Journalism, eben ein eigenständiges berufliches Programm mit spezifischen Merkmalsausprägungen verstanden wird, das [...]nicht in allem mit den genannten Journalismen übereinstimmt.“ Haas (1999), 340.

11Haas (1999), 342; Homepage: Wallisch (2000), 2.

12Vgl. Homepage: Wallisch (2000), 2.

13Ibid., 2.

14Wolfe (1973), 3.

15Haas/ Wallisch (1991), 300.

16Thompsons Schreibweise ist sogar eine eigene Bezeichnung verliehen worden: „GonzoJournalismus“.

17Wörtl. von „muckraking“; Begriff, der Anfang des 20. Jahrhundert von Theodore Roosevelt stammen soll und von ihm abschätzig gemeint war für einen Journalismus, der soziale Missverhältnisse oder Korruption aufdeckt. Schmidt/ Weischenberg (1994), 231.

18Vgl. Haas (1999), 341.

19Haas (1999), 348.

20Tempo(4/1988): „Hart, härter, Hunter“.

21Haas (1999), 349.

22David Eason, zitiert nach: Ibid., 349.

23Die Ich-Perpektive ist in Berichten ist nach allgemeiner Lehrmeinung nach wie vor „verboten“.

24Haas (1999), 349f.

25Vgl. Haller (1997), 159ff.

26Homepage: „Kein Zuhause mehr“, Hammelehle (2002).

27Homepage: Wallisch (2000), 3.

28Haas (1999), 341.

29Vgl. Homepage: Wallisch (2000), 2.

30Eine journalistische Mode, die ihren Anfang allerdings bereits in den USA der Zwischenkriegszeit hatte. Vgl. Ibid., 2.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
"Welche Wirklichkeit bitte...?" - Programmatik und Milieus des New Journalism
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft )
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
25
Katalognummer
V61729
ISBN (eBook)
9783638551274
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Welche, Wirklichkeit, Programmatik, Milieus, Journalism
Arbeit zitieren
Jörg Hackhausen (Autor), 2003, "Welche Wirklichkeit bitte...?" - Programmatik und Milieus des New Journalism, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61729

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