Antiamerikanismus als Merkmal der europäischen Identitätsfindung - Eine beispielhafte Untersuchung europäischer Öffentlichkeit im Kosovokrieg 1999


Hausarbeit, 2005

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I.1 EINLEITUNG
I.2. THESE
II. HAUPTTEIL
II.1 Kriegsschauplätze – notorisch unterstellte „Großmachtinteressen“
II.1.a) die rein wirtschaftlichen und geopolitischen US- Interessen
II.1.b) das Machtmonopol der USA – Kritik an der „unipolaren Welt“
II.2. Kriegsschauplätze – Kritik an der US-Politik und deren Nähe zu Verschwörungstheorien
II.2.a) Angst vor der „Neuen Weltordnung“ der USA
II.2.b) der Mythos von der Schwächung Europas als primärem US-Ziel
II.2.c) die USA und ihr europäischer „Vasall“
II.3. Kriegsschauplätze – Stärke des Rechts versus Recht des Stärkeren
II.4 In Europa – der Mythos von Europa gegen den von Amerika
II.4.a) historisches Europa als Gegenstück am Beispiel des russischen Sonderfalls
II.4.b) Europa im Balkan – der Balkan als „Miniatur-Europa“
II.5. In Europa – Fremdkörper USA in Europa

III. FAZIT

IV. LITERATURLISTE

I.1. EINLEITUNG

Werden heute die Gemeinsamkeiten Europas, die Zukunft des Weltsystems oder schlicht das europäisch-amerikanische Verhältnis erläutert, sind politische Metaphern üblich. Grundlegend für ihre Allgemeinverständlichkeit ist das projektive Verhältnis Europas zu „Amerika“. Das Positiv-Negativ-Bild, welches „Amerika“ lediglich im Verhältnis zu Europa denkt[1], lässt sich vor allem im traditionellen europäischen Blick auf „Amerika“ verorten, der sich nach der europäischen Besiedlung über die amerikanische Unabhängigkeitserklärung innerhalb der antimodernistischen Reaktionsbildung in Europa zum Negativbild kehrte: Im zwiespältigen Sog der Moderne wird Amerika zur Projektionsfläche des gesellschaftlich Unverstandenen in einer immer komplexer werdenden Welt. In diesem Sinne schützt das Negativbild Amerika, welches sich qua omnipräsentem Kapitalismus (in heutigen Debatte häufig der aggressiver konnotierte „Imperialismus“) auch in Europa befindet, vor Selbstkritik. Das „Amerika in Europa“ wird systematisch in die USA ausgelagert. Es entwickelt sich eine europäische Weltanschauung.

In bezug auf aktuelle Konflikte ist in der europäischen Öffentlichkeit auffällig, dass selbst in auf konkrete Vorkommnisse bezogenen Debatten Chiffren benutzt werden, die meist eins zu eins auf das europäische Gefühl für „Amerika“ bzw. das gefühlte Verhältnis Europa – Amerika übertragbar sind.

So steht z.B. die Nato für eine US-dominierte, aggressive und unilateralistische Weltordnung und reine Interessenpolitik, deren Durchsetzung durch ihr Gewaltmonopol geschützt würde. Die durch „Nato“ ausgelöste Assoziationskette ist (im Krisenfall) weitgehend entleert von der realpolitischen Bedeutung der Allianz, er ist einer der antiamerikanischen und weiter -modernistischen Stereotypen[2].

I.2. THESE

Anhand von verschiedenen Debatten im Kontext des Jugoslawien-Bombardements 1999 (im Folgenden trotz der falschen Implikationen kurz „Kosovo-Krieg“) werde ich versuchen, eventuelle, auf die USA bezogenen Affekte auf ihren gemeinsamen Ursprung hin zu untersuchen. Im Gegensatz zur - soziale wie auch politische Grenzen überschreitenden - relativ einhelligen europäischen Öffentlichkeit zum US-geführten Irakkrieg 2003, gab es 1999 eine „Protestbewegung“ die sich potenziell auch gegen die Rolle der eigenen Regierung stellte, sowie eine parlamentarische Opposition im Bundestag, die PDS. Trotzdessen fällt eine weitgehend einheitliche Sprache und Deutung der Geschehnisse auf, die immer, wenn sie auftaucht, einen gleichen Bezugspunkt hat: die USA. Offensichtlich machte dieses gemeinsame Verständnis es der Opposition möglich Kritik, statt sie an den eignen Regierungen zu üben, weitgehend auf „Amerika“ zu verlagern - Kriegsbefürworter als auch

-gegner zogen sich auf Europa oder eine Idee von Europa zurück, mit der sie ihre Position stärkten.

In dieser Arbeit unterstelle ich die deutsche Friedens-Öffentlichkeit zum Kosovo-Krieg exemplarisch für die europäische nehmen zu können, bzw. übernehme die deutsche Sprechposition die selbst vorgibt eine europäische zu sein.

Es liegt nahe, dass die negativen Affekte auf denen jene stereotypen Chiffren (durchaus mit einer realpolitischen Grundlage) gegenüber den kriegführenden USA basieren, gleiche Wurzeln haben. Meine These ist die des traditionellen Antiamerikanismus[3] in einer, sich auf realpolitischer Ebene forcierenden, europäischen Institutionalisierung und Identitätsbildung, der eine besondere Intensität in der weltpolitischen Konfrontation (wie dem Kosovo-Krieg) erreicht.

II. HAUPTTEIL

II.1. Kriegsschauplätze - notorisch unterstellte „Großmachtinteressen“

II.1.a) die rein wirtschaftlichen und geopolitischen US-Interessen

Gregor Gysi sagte in einer seiner Reden gegen die deutsche Beteiligung am Nato-Bombardement vor dem Bundestag:

„Ich glaube, daß das [ökonomische, pragmatische, S.V.] eher die Motive der US-Führung waren als der Schutz der Menschenrechte der Kosovo-Albaner. Denn die Politik der USA sowohl bei der Vertreibung der Serben aus Kroatien als auch bei den Napalmbomben auf Vietnam macht mich und viele andere misstrauisch gegenüber den erklärten Zielen der USA hinsichtlich dieses Krieges.“[4]

Misstrauisch steht der Oppositionspolitiker den USA gegenüber, wenn ihre Ziele vorgeblich moralische sind, zumindest welche, die keine wirtschaftliche Komponente haben. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten wird es der europäischen Seite durchaus abgenommen, aus selbstlosen, „humanitären“[5] Gründen militärisch zu intervenieren. Thematisiert bzw. kritisiert wird an der europäischen Außenpolitik nicht die Möglichkeit eines dahinterstehenden ökonomischen oder geopolitischen Interesses, sondern die Naivität, mit der Europa sich an einem (anders motivierten) US-Krieg beteiligt.

„Die amerikanischen Interessen sind ganz offensichtlich.“[6],

stellt der Publizist Günter Matschke zu den Motivationen. den Kosovo-Krieg zu führen, fest. Die Funktionsmechanismen des US-amerikanischen Systems erscheinen von Europa grundsätzlich durchschaut. Die USA, so kann man schließen, funktionieren einfach, denn sie agieren nach den Bedürfnissen des Kapitals, welche auch ihre eigentlichen sind. Die dem amerikanischen Interessensystem beigesetzten charakteristischen Attribute wie „offensichtlich“, „klar“, „deutlich“, „schier“, „einfach“, „banal“ usw. erfordern geradezu einen europäischen Gegensatz; z.B. ein kompliziertes, in langer Tradition wurzelndes moralisch-politisches System. Der Vorwurf, der USA gehe es um „Öl“ (Ölvorräte, Ölpipelines, die Sicherung von Transportrouten usw.) stellt noch einmal eine Verschärfung dieses antiimperialistischen Affekts dar.

„“Blut für Öl“ – im Westen nichts Neues“,

beginnt ein Bericht des Wirtschaftsmagazins ISW über die amerikanischen Gründe Jugoslawien zu bombardieren. Sich die eindeutigen Ziele der USA im Irak-Krieg 1991 noch einmal vor Augen führend („Die „vitalen“ Interessen der USA entpuppten sich aber sehr schnell als schiere Öl-Interessen.“) stoßen die Kritiker schnell auf ein Moment der Kontinuität in der US-Politik, das sich zwar nicht unbedingt eindeutig belegen lässt, aber trotzdem „eindeutig“ erscheint. So heißt es:

„Beim Krieg gegen Jugoslawien scheint ein solcher Zusammenhang nicht zu bestehen. Und doch ist die Blutspur, die die NATO über den Balkan zieht auch mit Öl vermischt. Sie führt bis zu den Ölfeldern um Baku am Kaspischen Meer, dorthin, wo auch schon Hitler seine Panzer nachtanken lassen wollte.“[7]

Ohne weiteres führt ihre Darstellung der Funktionsmechanismen der US-Außenpolitik die Autoren zum als rücksichtslosesten Imperialisten und Ausbeuter geltenden NS-Führer. Mit dieser Parallelisierung[8] über die Metaphernreihe Krieg - Öl - Blut (ein Chiffre für barbarische Geopolitik) stellen sie die USA außerhalb jeglichen internationalen Rechts.

II.1.b) Das Machtmonopol der USA – Kritik an der „unipolaren Welt“

Die Besonderheit der USA ist, dass sie mit ihren spezifischen Werten und politischen Regeln die Welt nach ihrem Vorbild zu prägen vermag. Freiwillig geschieht die Übernahme amerikanischer Normen allerdings nicht. Im Neuen Deutschland heißt es zur Debatte um das Uno-Mandat für den Kosovo-Krieg in einer Überschrift:

„Die USA als Weltsheriff mit Schüssen aus dem Sattel drücken dem 21. Jahrhundert ihren Stempel auf, doch unsere Parteifeiglinge schwafeln von ‚westlicher Wertegemeinschaft’.“[9]

Mit dem, sich aus ihrem Monopol ergebenden, weltweiten Einfluss schaffen es die USA, nicht nur die Welt zu „prägen“, aber ihnen ihren „Stempel aufzudrücken“[10], also die Welt fremd zu markieren.

Eine Protestschrift erklärt, was aus dem Gewaltmonopol folgt:

„Neben die ökonomischen Zwänge der neuen Weltordnung und die globale Durchsetzung neoliberaler Politik auf der Basis des Washington-Konsenses tritt jenseits allen Völkerrechts die Etablierung eines illegitimen Gewaltmonopols der NATO. Der NATO-Einsatz ist eine Machtdemonstration, die das Bündnis als einzige globale Ordnungsmacht etablieren soll.“[11]

Die Nato steht hier stellvertretend für das neue politische Weltsystem, welches in der europäischen Öffentlichkeit synonym mit den USA steht. Zwang ist auch das Spezifikum von USA und Nato.

[...]


[1] „Wir wünschen uns, dass sich die USA auch künftig an diesen [ihren „ursprünglichen“, S.V.] Grundsätzen messen lassen, also ihre Macht auch im Sinne der europäischen Interessen einsetzen. Wir wollen ja, dass Amerika eine europäische Macht bleibt.“ sagt der deutsche Botschafter in Washington, Wolfgang Ischinger, in einem Interview: „Wir müssen die USA an ihre Maßstäbe erinnern". In: Berliner Zeitung, 29.06.01

[2] als verschärftes Beispiel lässt sich hier die für die Zeit des Irakkriegs populäre Kette Krieg-Imperialismus-USA-Weltmacht-Geld-Israel-Faschismus nennen, in der aus einem durchaus antikapitalistischen, also im Ansatz kritischen, Affekt heraus sich ein umfassender Blick auf die Welt offenbart, der eine Gesellschaftsanalyse qua Verkürzung unmöglich macht und klar verschwörungstheoretisch ist.

[3] Der Begriff des „Antiamerikanismus“ ist in u.U. ein irreführender. In dieser Arbeit soll er auf „Amerika“ bezogene Affekte bezeichnen, die symptomatisch für die europäische Identitätsbildung im 21.Jhd sind.

[4] Gregor Gysi, Rede vor dem Bundestag, 5.5.1999. Zitiert nach: „Krieg und Kritik II: Die PDS. Patriotische Argumente gegen den Krieg.“ (http://www.landplage.de/imperialismus/kosovopds.html)

[5] Vgl. hierzu den offiziellen deutschen Terminus für die Beteiligung am NATO-Bombardement gegen Jugoslawien, „humanitäre Intervention“.

[6] Günter Matschke, Interview. In: Junge Freiheit, 2.4.99

[7] Leo Mayer, Fred Schmid: Serbien und das Öl vom Kaspischen Meer. In: isw-Report 40 („Weltsheriff NATO“)

des Vereins für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung

[8] Vgl. dazu die notorischen Protestplakate auf den Demonstrationen gegen den Irakkrieg 2000, auf denen der US-Präsident George Bush mit Insignien Adolf Hitlers gezeigt wurde. Vereinzelt gab es das bereits bei den Protesten gegen den Kosovo-Krieg.

[9] Ehemalige 68er führen seit mehr als zwei Monaten als Verbündete (Vasallen?) der USA Krieg im Kosovo. In: Neues Deutschland, 29./30.8.99

[10] dies erinnert sehr an die Plakate auf Anti-Kriegs-Demonstrationen, auf denen der Protest gegen amerikanische Luftschläge mit einem durchgestrichenen Mc-Donalds-Zeichen ausdrückten wurde. Das Mc-Donalds-Symbol steht hierbei stellvertretend für „Amerika“, den american way of life, US-amerikanische Einflussnahme.

[11] Sofortiger Stopp der Bombardierung! Gemeinsame Stellungnahme von medico international, ASW und WEED zum Krieg auf dem Balkan (www.coli.uni-saarland.de/~pietsch/stop-war/PineSGI39599060610515623638D-100000.html)

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Details

Titel
Antiamerikanismus als Merkmal der europäischen Identitätsfindung - Eine beispielhafte Untersuchung europäischer Öffentlichkeit im Kosovokrieg 1999
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
PS: Definitionen von Europa - Nation, Rassifizierung, Gender und Klasse im Kontext der EU-Erweiterungen
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V62749
ISBN (eBook)
9783638559423
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antiamerikanismus, Merkmal, Identitätsfindung, Eine, Untersuchung, Kosovokrieg, Definitionen, Europa, Nation, Rassifizierung, Gender, Klasse, Kontext, EU-Erweiterungen
Arbeit zitieren
Sonja Vogel (Autor), 2005, Antiamerikanismus als Merkmal der europäischen Identitätsfindung - Eine beispielhafte Untersuchung europäischer Öffentlichkeit im Kosovokrieg 1999, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62749

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