Fernsehgewalt - Wie beeinflusst mediale Gewalt das Verhalten von Kindern?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
27 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Einleitung

In der öffentlichen Diskussion wird Mediengewalt häufig verharmlost, mit dem Argument, dass auch schon in den alten Volksmärchen Gewalt alltäglich war.

Die heutigen audiovisuellen Gestaltungsmittel bieten jedoch ein viel größeres Spektrum an Möglichkeiten um in die Psyche der Kinder und Jugendlichen zu gelangen.

Es gibt auf der anderen Seite auch eine Gruppe von Personen, unter die auch Experten fallen, welche die Meinung vertreten, dass Mediengewalt sogar einen positiven Effekt mit sich brächte. Die Kinder würden so auf die Gewalt und Brutalität in der realen Welt vorbereitet und abgehärtet werden. Dabei ist aber anzumerken, dass Fernsehen Kinder durchaus nicht das wahre Leben widerspiegelt, sondern höchstens zusammenhanglose Ausschnitte bietet.

In der Medienwirkungsforschung ist immer wieder der Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und aggressivem Verhalten zu finden. Gerade Kinder sind während ihrer Entwicklungsphase besonders anfällig für mediale Gewalt. Allerdings konnte man feststellen, dass jene Angebote besonders von Kindern und Jugendlichen konsumiert werden, die ohnehin schon ein hohes Gewaltpotenzial aufweisen.

Mit diesem Thema haben sich unzählige Studien befasst, ohne jedoch zu einem einheitlichen Ergebnis zu gelangen. Zu Beginn meiner Arbeit möchte ich kurz die verschiedenen Thesen darstellen.

Zunächst die Katharsisthese, welche auf die Theorie Aristoteles der antiken Tragödie zurückgeht. Demnach wirke die Beobachtung von Gewalt reinigend und der Zuschauer medialer Gewalt reagiere stellvertretend seine negativen Emotionen ab. Die Beobachtung von aggressiven Handlungen und damit verbundenem Miterleben und Mitfühlen soll die Bereitschaft zur Gewalt mindern. Die Katharsisthese ist eine der am häufigsten widerlegten Behauptungen der Medienwirkungsforschung. Aus der Sicht der sozial- kognitiven Lerntheorie spricht, dass Rezipienten eine beobachtete Handlung nicht unbedingt sofort ausführen müssen. Sie können auch erst zu einem späteren Zeitpunkt abgerufen werden[1]

Das zentrale Thema der Inhibitionsthese ist, dass Menschen vom Betrachten von Gewalt abgeschreckt werden. Dabei werden Aggressionsängste und Schuldgefühle bei den Zuschauern hervorgerufen, besonders dann, wenn die negativen Folgen der Handlung wie Verletzungen und Schmerzen besonders deutlich dargestellt werden. Die Inhibitionsthese thematisiert unterschiedliche Effekte bei unterschiedlicher Darstellung von Aggressionskonsequenzen.

Die aus den Handlungen des Modells resultierenden positiven oder negativen Konsequenzen haben verstärkende oder abschwächende Wirkung auf die Übertragung des Rezipienten auf das eigene Verhaltensschemata.[2]

Der Fokus der Stimulationsthese beruht auf der Annahme, dass die Bereitschaft zur Gewalt durch Beobachtung entsprechender Inhalte ansteigt. Als Vorraussetzung muss sich der Rezipient allerdings in einem negativen Erregungszustand befinden. Ihm wird ein als gewalthaltig angesehener Film präsentiert. Anschließend lässt sich beobachten, dass der Zuschauer bestimmter gewalthaltiger Medien bei Vorliegen bestimmter persönlichkeitsspezifischer Merkmale sowie situativer Bedingungen zu erhöhtem aggressivem Verhalten führt. Es bleibt jedoch unklar, ob aggressives Verhalten nur in Verbindung mit Emotionen oder auch ohne auftreten. Die Habitualisierungsthese sieht den Gewohnheitseffekt von Gewalt als langfristigen Effekt. Eine Abstumpfung gegenüber medialer Gewalt kann durch häufigen Konsum zu einer Veralltäglichung von Gewalt auch im Alltag führen. Die Imitationsthese schlussfolgert, dass durch hohen Konsum von medialer Gewalt die Gefahr besteht, diese Taten in der Realität nachzuahmen. Diese These darf allerdings nicht kausal gesehen werden. Zuletzt gibt es auch die These, dass Mediengewalt keinen Einfluss hat, sondern andere Faktoren für gewalttätiges Handeln verantwortlich sind.

1. Die Psychologie des Kindes nach Piaget

Jean Piaget hat die Intelligenz des Kindes in vier Phasen unterteilt, welche jedoch als nicht klar abgegrenzte Stadien anzusehen sind, sondern auch fließend ineinander übergehen.

Die erste Phase bezeichnet Piaget als das sensumotorische Stadium (0 bis ca.1,5 Jahre), die zweite als das präoperationale Stadium (1,5-7), die dritte als das konkret-operationale Stadium (7-11/12) und als letztes das formal-operationale Stadium (ab ca.11/12 Jahren).[3]

Auch das soziale Lernen eines Kindes erfolgt in Phasen. In der frühesten Kindheit denkt das Kind, es sei der Mittelpunkt der Welt, um welchen sich alles dreht. Später lernt es, durch soziale Wechselbeziehungen zu Gleichaltrigen die wichtigsten sozialen Verhaltensregeln. Dieser Prozess ist ausschlaggebend, um sich im Leben zu Recht zu finden. Im Kindesalter spielen auch die Vorgaben der Eltern und Bezugspersonen eine entscheidende Rolle für die Ausprägung von Verhaltensmustern, welche das gesamte Leben eines Menschen nachhaltig prägen. Ab der Pubertät und häufig auch schon früher, tritt das Normsystem der Peer-Group an die Stelle jenes des Erziehungsberechtigens.

Die moralische Entwicklung eines Kindes verläuft ähnlich in drei Stufen ab:

Zunächst ist das Kind gegenüber der Autoritätsperson gehorsam. Im Laufe der nächsten Phase entsteht eine eigene kooperative Moral, welche sich durch den Umgang mit Gleichaltrigen entwickelt. Der Begriff der Gerechtigkeit wird an dieser Stelle durch das Prinzip der Gleichheit geprägt. Erst ab einem Alter von ca. 11/12 Jahren urteilt das Kind unter Berücksichtigung persönlicher Umstände.

Zu den ursprünglichen Ängsten der Kinder gehört das Alleinsein. Die Bewältigung dieses Zustandes findet etwas zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr statt. Es entsteht eine Gewissheit, dass die Mutter da ist, obwohl sie gerade nicht im Raum ist. Um ein solches Bewusstsein beim Kind zu prägen, ist Liebe, Geborgenheit und Sicherheit von Seiten der Eltern wichtig.

Auch ein geregelter Tagesablauf verbessert die emotionale Stärke eines Kindes. An dieser Stelle findet man häufig das Beispiel der vielen Scheidungskinder, welche durch ein zerrüttetes Elternhaus und ständigem Wechsel zwischen Mutter und Vater als Ansprechpartner, unter Angstzuständen leiden.

Auf der anderen Seite streben Kinder schon recht früh nach Selbstständigkeit und Anerkennung in der Pear- Group. Diese Kontroverse in der Entwicklung versuchen viele Kinder und Jugendliche mit einer Flucht in eine mediale Welt zu kompensieren.

„Die Medien sollen eine Verbindungsbrücke zwischen der Realität und dem Selbst schaffen.“[4]

Junge Kinder während der präoperationelen Phase konzentrieren sich auf die Personen, die im Film/Fernsehsendung vorkommen und auf die Umgebung, in welcher sich diese befindet. „Das Verstehen und Erkennen der Fernsehinhalte ist fragmentarisch und zufällig“[5]

Mit Beginn der präoperationalen Phase kann das Kind nun komplexe Handlungen verstehen. Es ist dazu fähig, sich in andere Personen hineinzuversetzen und viele Filmtechniken zu erkennen und zu verstehen.

„Vervollständigt wird das Fernsehverständnis in dieser Phase durch Aneignung so genannter Format- und Narrationsschemata. Während es sich bei ersterem um Genrewissen handelt, ermöglichen die Narrationsschemata dem Kind, die Gesamtdramaturgie von Fernsehsendungen zu verstehen.“[6]

Wie Kinder Gewalt im Fernsehen wahrnehmen, hängt also von dem Menschen und Weltbild des Kindes und Jugendlichen zusammen.

Es ist auch hier wieder zu unterscheiden zwischen verschiedenen Menschenbildern. Es besteht das egozentrische, regelorientierte, normativ- emotionale und normativ- rationale Bild.

Das egozentrische, sowie das regelorientierte Menschenbild findet man häufig bei jüngeren Kindern und solchen, die aus sozial schwachen Familien stammen. Für diese Kinder entsteht durch geschaute, mediale Gewalt auch immer eine direkte, persönliche Bedrohung. Sie reagieren mit Angst und Unsicherheit im Alltag.

Älter Kinder gehören in den meisten Fällen dem normativ-emotionalen und normativ- rationalem Menschenbild an. Sie stammen in der Regel aus einer sozial angesehenen Schicht und sind in der Lage Gewalt zu erkennen und mit dem eigenen Normsystem zu vergleichen und gegebenenfalls negativ zu bewerten.

Das normativ- emotionale Menschenbild entwickelt sich durch die Verhaltensweisen und Denkmuster der Eltern und das normativ- rationale Menschenbild beruht auf der Vorstellung, dass ein Mensch ein vernünftiges und verantwortliches Wesen ist. In dieser Phase können die Kinder bereits einen Teil der medialen Gewalt verarbeiten.

Die Entwicklungsphasen gehen, wie anfangs schon erwähnt fließend ineinander über. Kinder die sich auf einer niedrigen Entwicklungsstufe befinden, glauben zum Beispiel, dass Trickfilmfiguren Schmerzen erleiden, wobei Kinder auf einer höheren Stufe bereits Trickfilme als Fiktion erkennen, aber bei Spielfilmen den Schauspielern echte Verletzungen zuschreiben. Durchschnittlich setzt ein Erkennen von Fiktion in beiden Genres ab einem Altern von ca. zehn bis dreizehn Jahren ein.

Wie ein Kind letztlich Film- und Fernseheindrücke verarbeitet hängt stark von der Einstellung gegenüber den geschauten Sendungen ab. Ob ein Programm als gut oder schlecht bewertet wird ist eine Einstellung, die die Kinder von Klein an bei ihren Eltern abgucken. In einem Haushalt, in welchem den ganzen Tag Talkshows laufen, werden die Kinder mit hoher Wahrscheinlichkeit jene Formate als positiver einschätzen als Kinder aus Haushalten in welchen vielmehr Sendungen des öffentlich rechtlichen Fernsehens zu geregelten Zeiten konsumiert werden.

[...]


[1] Krebs, Dagmar: Gewalt und Pornographie im Fernsehen, Seite 366

[2] Krebs, Seite 366 f.

[3] nach Franz Buggle: Die Entwicklungspsychologie Jean Piagets S.21ff

[4] Gabriele Fischer, Fernsehmotive und Fernsehkonsum, Seite 51

[5] ebd. S.54

[6] ebd. S.55

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Fernsehgewalt - Wie beeinflusst mediale Gewalt das Verhalten von Kindern?
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Bildmedien im Deutschunterricht
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V63213
ISBN (eBook)
9783638563130
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fernsehgewalt, Gewalt, Verhalten, Kindern, Bildmedien, Deutschunterricht
Arbeit zitieren
Jennifer Urban (Autor), 2006, Fernsehgewalt - Wie beeinflusst mediale Gewalt das Verhalten von Kindern?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63213

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