Die Entstehung der Kanonikerkongregationen und die Kanonikerreform des Konzils von Aachen 816


Seminararbeit, 1996
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Abriß über die Geschichte der Regularkanoniker bis zum Konzil von Aachen
1.1 Kanoniker im vierten Jahrhundert
1.2 Der heilige Augustinus und seine Gründungen
1.3 Kleriker im sechsten und siebenten Jahrhundert

2. Die Reformbestrebungen des achten Jahrhunderts und das Konzil von Aachen
2.1 Chrodegang von Metz
2.2 Das Konzil von Aachen
2.2.1 Aufbau des Konzilsdekretes
2.2.2 Die Verwirklichung des Dekretes des Aachener Konzils
2.2.3 Die Seelsorge durch Kleriker

Literatur

1. Abriß über die Geschichte der Regularkanoniker bis zum Konzil von Aachen

1.1 Kanoniker im vierten Jahrhundert

Die Ursprünge von regulierten Kanonikern reichen in die Frühzeit des Christentums zurück. Der "Sacer et Apostolicus Ordo Canonicorum Regularium Sancti Augustini" beginnt seine Geschichte bei den Anfängen des Christentums, um auszudrücken, daß den entsprechend der Regel lebenden Kleriker, den "canonicus", ein enges Band mit dem Gedankengut der frühen Kirche verbindet[1]. Die in der Apostelgeschichte (Apg 4,32) erwähnte "Koinonia" der Urgemeinde in Jerusalem sollte zwar nicht in erster Linie ein klösterliches, jedoch ein karitatives Ideal ausdrücken.

Die Väter stützten sich bei ihrer Definition des Idealbildes des Klerikers einerseits auf die Lebensformen die biblisch erwähnt wurden, andererseits auf die Erfordernisse zum weihevollen Vollzug der Liturgie, dessen Begründung sie ebenso in der Heiligen Schrift zu finden glaubten. Beispiele hierfür sind die Kommentare des heiligen Hilarius[2] und des heiligen Ambrosius[3] über den Psalm 119. Einen Ausgangspunkt zur Entsagung von den weltlichen Gütern bildete der 57. Vers dieses Psalmes (Portio mea Dominus - Mein Anteil ist der Herr (EU)). Außerdem seien hier die Briefe des heiligen Hieronymus an Heliodor[4], an Rusticus[5] und an Nepotian[6] genannt. Diese Betrachtungen bilden die Grundlage für die Schaffung einer Lebensordnung des Klerus.

Das Zölibatsgesetz wird von Tertullian, vom heiligen Cyrill von Jerusalem und vom heiligen Hieronymus als Brauch bezeugt und von den Konzilien von Elvira (um 300), von Karthago, von Toledo und von Turin (um 400) gutgeheißen. Von heiligen Papst Leo wird es im fünften Jahrhundert auf Subdiakone ausgedehnt.[7]

Noch weitere Maßnahmen des fünften Jahrhunderts sollten Kleriker vom Umgang mit der Welt fernhalten.

So wurde Klerikern der Handel, die Verwaltung zeitlicher Angelegenheiten, die Teilnahme an profanen Vergnügungen und vieles mehr verboten. Die äußeren Zeichen der Absonderung waren die Tonsur und das Ordenskleid, welches gegen Ende des fünften Jahrhunderts aufkommt. Vom Konzil von Chalkedon (451) wird die Stabilität des Klerus festgelegt.

In ihrer Gesamtheit bilden diese päpstlichen und konziliaren Bestimmungen, sowie die Erläuterungen der Kirchenväter, den Grundstock der "canonica regula". Hinzu kam noch Übungen des gemeinsamen Lebens des Klerus wie der Verzicht auf jegliches Eigentum und bis zu ständigen Verweilen in gemeinsamer Klausur, einem gemeinsamen Schlafraum und einem Speisesaal.

Das Bestehen solcher Priesterkollegien wie auch eine starke Bindung an den Bischof bei der Ausübung seiner Ämter und seine Anteilnahme an den Kirchengütern läßt aber nicht auf eine allgemeine "apostolische" Armut des Klerus schließen. Keine Spur davon findet man in den großen Städten wie Mailand, Karthago und Rom.

Die Armut war wohl eher ein Ideal, das von privaten Initiativen getragen wurde.

Nun begannen aber unter dem wachsenden Einfluß der Mönchsaszetik einige Bischöfe, Kleriker um sich zu versammeln, welche die apostolischen Tugenden mit dem Priesteramt verbinden wollten. Der genaue rechtliche Status solcher Kommunitäten ist nicht bekannt. Sie bildeten sich in Antiochien um Diodorus, in Verona um den heiligen Zeno und vor allem an der Bischofskirche von Vercelli um den heiligen Eusebius (+371). Der heilige Ambrosius überliefert von ihm, daß in seiner Kirche sowohl Mönche als auch Kleriker waren[8]. Angeregt wurde Eusebius wohl durch das Mönchsleben in Ägypten, mit welchem er bei seiner Verbannung durch die Arianer in Kontakt kam[9].

1.2 Der heilige Augustinus und seine Gründungen

All diese Bemühungen fanden ihre Synthese im Werk des heiligen Augustinus, das aber seine Verwirklichung erst mit der Reform des Jahres 1059 fand[10].

Eine der ersten Gründungen des heiligen Augustinus war die Gemeinschaft auf dem Landgut des Verecundus in Cassiciacum, welche aber nur auf kameradschaftlicher Basis funktionierte und deren wesentlichstes Ziel das Suchen nach der philosophischen Wahrheit war. Dennoch war es die Vorschule des klösterlichen Lebens. Die Vorstellungen vom klösterlichen Gemeinschaftsleben brachte Augustinus wohl aus Italien mit[11].

Auf dem väterlichen Landgut von Thagaste entstand dann aber ein "monasterium".

Als Augustinus 391 in den Priesterstand erhoben und bald darauf zu Bischof berufen wurde, kam zu seinem monastischen Ideal noch ein liturgisches dazu. Es kam somit zu einer innigen Wechselbeziehung zwischen der "vita clericalis" und der "vita liturgica"[12]. Diese doppelte Schau des Augustinus kennzeichnen zwei Gründungen: das Gartenkloster auf dem Grundstück des Bischofs Valerius, das er noch vor seiner Bischofsweihe gründete[13], welches Vorbild für die Augustiner-Eremiten war und das für unsere Betrachtung weitaus wichtigere Bischofskloster, das dem Kanonikerorden der regulierten Chorherrn als Vorbild diente.

Das Episcopium war ein echtes Kloster. Der heilige Bischof nannte es in seinem Sermon 355 "monasterium clericorum"[14]. In diesem Kloster sollte der gesamte Klerus der Bischofsstadt leben, da Augustinus die apostolische Lebensweise, als die den Klerikern entsprechende empfand. Außerdem sollte es als Heranbildungsstätte für den künftigen Klerus dienen. Mit der Aufnahme in das Episcopium war die Verpflichtung auf die "vita apostolica" verbunden. Hiermit ist das Vorziehen der Anliegen der Gemeinschaft gegenüber den eigenen sowie die Armut als Verzichtleistung auf privates Eigentum und die Keuschheit gemeint. Die Gemeinschaft erhielt sich durch die Bewirtschaftung des Kirchengutes und durch Spenden[15].

1.3 Kleriker im sechsten und siebenten Jahrhundert

In der Völkerwanderungszeit wurde die Bevölkerung Nordafrikas durch die Vandalen verdrängt. Ob die Schüler Augustins ihre Lebenshaltung in die neue Heimat mitgenommen haben, ist fraglich.

Für Julian Pomerus dürfte es zutreffen. Er fungierte als "Abt" einer Klerikergemeinschaft an der Sankt Throphimuskathedrale in Arles und verfaßte die Schrift "De vita contemplativa"[16], in welchem er die apostolische Armut und Weltabgeschiedenheit für seine Kleriker empfiehlt.

Die sich seit 520 in Gallien und Spanien häufenden Konzilien, wie das Konzilien von Clermont, von Orléans und von Tours, beschäftigten sich bereits wieder mit den Kanonikern.

Im sechsten Jahrhundert kommt es zu einer immer stärkeren Annäherung zwischen Mönchen und Kanonikern. So werden in verschiedenen Diözesen den Mönchen liturgische Aufgaben zugewiesen. So stellte sich für die Mönche, die in der Wüste von den Erzeugnissen ihrer Hände lebten, ob sie nun da sie am Altar dienten auch von den Kirchengüter leben dürften[17].

Aus den Maßnahmen der Konzilien läßt sich noch nicht auf eine vollständige Kanonikerregel schließen.

Ein "canonicus" war wohl ein Kleriker, der seine Standespflichten erfüllte, darunter die Rezitation des kanonischen Stundengebetes, der seiner Kirche verbunden und seinem Bischof untertan ist. Somit hat er das Recht die kirchlichen "stipendia" anzunehmen. Er beachtet also die "canones", das ist die Gesamtheit der Schrift-, Väter- und Konzilstexte, in welchen die Grundzüge des Wesens des klerikalen Lebens festgelegt sind.

Egbert von York (732-766) definiert die "canones" folgend: "Wir sagen die Canones sind Regeln, welche die heiligen Väter aufstellten, in welchen geschrieben ist, wie die Kanoniker, das sind Regularkleriker, leben sollten."[18].

Hierin unterscheidet sich der Kanonikerstand vom Mönchstum, welches sich langsam unter der Regel des heiligen Benedikt zu einen beginnt. Die Kanoniker bildeten aber noch keine eigene Institution noch hatten sie einen definierten rechtlichen Status. So müßten eigentlich alle Kleriker "canonici" sein, nur erlaubte ihnen ihre menschliche Schwäche dieses nicht immer. So gab es auch weiterhin umherziehende Kleriker und solche die sich dem Dienst In den "villae", den Dörfern gewidmet hatten.

Bei den unter den "canones" lebenden Klerikern unterschied man bald zwischen jenen die einem Kathedralkoster angehörten und somit dem Bischof unterstanden und solchen die Äbten unterstanden, dem späteren Kollegiatsklerus.

Unter Gregor dem Großen kommt es zu einer völligen Trennung zwischen Mönchstum und Klerikerstand, damit nicht die Mönchskommunität durch den Einfluß der Kleriker verweltlicht. Für ihn ist die "militia clericatus" unvereinbar mit der "professio monastica"[19].

Aus verschiedenen Quellen erfahren wir mehr über die Ausgestaltung dieser Gemeinschaftsformen. So berichtet Gregor von Tours in seinem "Liber Vitae Patrum" über eine "mensa canonicorum"[20]. Die "Historia Francorum" (10,31) erwähnt eine solche "mensa" am Hof des Bischofs Baudinus in Tour um 550. Nach Gregor dem Großen bestand auch in Mailand ein gemeinsames Refektorium[21].

In seiner Verbannung umgab sich Fulgentius von Ruspe mit Mönchen und Klerikern, die eine gemeinsame Tafel und einen gemeinsamen Keller besaßen und gemeinsam beten und lasen. Nur führten die Mönche ein strengeres Leben in völliger Armut und abgehoben von den Sitten der Kleriker.

Aus dem sechsten und siebenden Jahrhundert wären noch einige weitere Beispiele zu nennen[22]. Man kann aber hier deutlich die Uneinigkeit in der Unterscheidung beziehungsweise Trennung von Klerikern und Mönchen in dieser Zeit erkennen. So sind die Bezeichnungen der Angehörigen einer Basilika höchst zweideutig. So wird beispielsweise "custodes" für alle verwendet die mit dem Dienst um die Institution betraut sind - vom Abt bis zum niedrigsten Aufseher. Die Wörter "fratres", "pauperes" ja auch "monachi" werden verwendet um alle zu bezeichnen ob nun Kleriker oder Laien, welche unter der Leitung eines Abtes leben.

[...]


[1] SCHMID, Michael; DIERMEIER, Severin: Kurzgefaßte Gechichte der Augustiner Chorherrn. In: In unum congreganti 8 (1961). Sonderdruck Heft 1, S.5.

[2] Patrolologiae cursus completus: series Latinae. Bd. 9. J.-P. MIGNE (Hrsg.). Paris: 1844, S. 551.

[3] P.L. 14,1294.

[4] P.L. 22,352.

[5] P.L. 22,1072.

[6] P.L. 22,527.

[7] SCHMID, aaO., S. 5.

[8] P.L. 17,720.

[9] MOIS, Jakob; Das Stift Rottenbuch in der Kirchenreform des XI. - XII. Jahrhunderts: Ein Beitrag zur Orden-Geschichte der Augustiner-Chorherrn: München 1953, S.232.

[10] SCHMID, aaO., S. 7.

[11] MOIS, aaO., S. 232.

[12] SCHMID, aaO., S. 10.

[13] MOIS, aaO., S. 233.

[14] SCHMID, aaO., S. 10.

[15] SCHMID, aaO., S. 11.

[16] P.L. 59, 411-520.

[17] SCHMID, aaO., S. 23.

[18] P.L. 89,379.

[19] P.L. 57,680.

[20] Monumenta germaniae historica: Scriptorum rerum merovingarum. Bd. I,II. Hannover: 1885, 683.703.

[21] P.L. 77,715.

[22] SCHMID, aaO., S. 25-29.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Entstehung der Kanonikerkongregationen und die Kanonikerreform des Konzils von Aachen 816
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Kirchengeschichte)
Note
2,0
Autor
Jahr
1996
Seiten
15
Katalognummer
V63285
ISBN (eBook)
9783638563680
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Alte Rechtschreibung
Schlagworte
Entstehung, Kanonikerkongregationen, Kanonikerreform, Konzils, Aachen, Reichskirche, Ludwig I., Ludwig der Fromme, Ludwig der Erste, Mönchtum, Kirche, Karolinger
Arbeit zitieren
Mag. phil. Thomas Haviar (Autor), 1996, Die Entstehung der Kanonikerkongregationen und die Kanonikerreform des Konzils von Aachen 816, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63285

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