Pierre Bourdieus Theorie der Felder und Niklas Luhmanns Theorie der Systeme


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
30 Seiten, Note: 1,9

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Pierre Bourdieu – Ein Theoriegrundriss
2.1.1. Zur Werksgeschichte
2.1.2. Zur Theorie – Zentrale Begriffe
2.2. Niklas Luhmann – Ein Theoriegrundriss
2.2.1. Zur Werksgeschichte
2.2.2. Zur Theorie – Zentrale Begriffe
2.3. Berührungspunkte

3. Fazit

4. Literatur

1. Einleitung

In dieser Seminararbeit möchte ich mich mit der Theorie der Felder von Pierre Bourdieu und mit der Theorie Sozialer Systeme von Niklas Luhmann auseinandersetzen. Auf den ersten Blick scheint ihnen nicht viel gemeinsam zu sein; allein die Vorgehensweise der Theorieproduktion ist bei Luhmann und Bourdieu so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Während letzterer mit ethnologischen Ansätzen seine Feldforschungen in Algerien begann und die Grundpfeiler seiner Theorie in einer Gesellschaft vergrub, dessen Kultur durch den französischen Imperialismus in eine traditionelle und eine kapitalistische Sphäre gespalten war, arbeitete Luhmann in der staatlichen Verwaltung und konstruierte mit Hilfe eines Zettelkastens seine Systemtheorie, nachdem er eher zufällig mit dem Strukturfunktionalismus von Talcott Parsons in Berührung kam.

Trotzdem umschreiben die Begriffsinstrumentarien beider Ansätze mach meiner Ansicht eine ähnliche Sichtweise des Sozialen als Ordnungssystem. Mit der Position eines selbstbestimmten und freien Individuums europäischer Tradition brechen beide, denn die Strukturen des Sozialen prägen nach Bourdieus Ansicht zum großen Teil das Handeln, wie er es in seinem Habitus-Konzept formuliert, und bei Luhmann geht es nicht mehr um das Subjekt als Grundlage alles Sozialen sondern um Kommunikation, die getrennt vom Bewusstsein kommuniziert.

Ich weiß nicht ob Luhmann dem von Bourdieu häufig zitierten Satz von Leibnitz zustimmen würde, das die Menschen zu drei Vierteln Automaten seien, aber die Dekonstruktion des Individuums in biologische und psychische Systeme und die Distanzierung dieser Systeme zu den sozialen Systemen deutet für mich in diese Richtung. Bei Luhmann kommuniziert nur die Kommunikation und nicht das Individuum. Bourdieu sieht den Akteur, wie er das Individuum bezeichnet, als Korrelat seines übergeordneten Klassenhabitus und der damit verbundenen Anreicherung an bestimmten Kapitalsorten. Gemeinsam ist beiden damit auch die Kränkung des traditionellen europäischen Narzissmus, der sich im Licht der vollkommenen Wahlfreiheit sonnte.

Folgend möchte ich versuchen, die Theorien je für sich darzustellen und zwar anhand ihrer zentralen Begriffe, was unter den Punkten 2.1 und 2.2 geschehen soll. Unter 2.3 sollen Berührungspunkte beider Ansätze herausgearbeitet werden, ich möchte auch den Versuch einer Durchdringung wagen.

Unter Punkt 3 soll ein abschließendes Fazit gezogen werden, Literaturangaben sind unter Punkt 4 zu finden.

Abschließend möchte ich noch bemerken, dass der Vergleich von zentralen Begriffen in dieser Arbeit wahrscheinlich die übliche methodologische Zuordnung nicht berücksichtigen kann, die sich bei einer erschöpfenden Analyse ergeben würde. Dies geschieht aufgrund des Vergleiches an sich, denn wenn lediglich das Begriffsinstrumentarium verglichen wird, ohne den großen Theorierahmen komplett aufzuspannen, bleiben beim Umfang dieser Arbeit wissenschaftstheoretische und metaphysische Grundsätze eher im Dunkeln. Der Vorteil ist die relativ wertfreie Analyse, die sich nicht zwingend mit ideologischem Theoriegeplänkel auseinandersetzen muss und die dadurch vielleicht eine interessante Perspektive eröffnen kann.

2. Hauptteil

2.1. Pierre Bourdieu – Ein Theoriegrundriss

2.1.1. Zur Werksgeschichte

Ich möchte zunächst einige allgemeine Daten zur Lebens- und Werksgeschichte Pierre Bourdieus zusammentragen. Geboren 1930 war Bourdieu als Sohn eines Landwirtes und einer Hausfrau in seiner eigenen Theorie zur Klasse der Beherrschten zu rechnen, die mit wenig ökonomischem und geringem kulturellem Kapital ausgestattet war. Durch die außerordentlich guten Leistungen im schulischen Bereich erwarb er sich jedoch zügig kulturelles Kapital im Bildungswesen und vollendete sein Studium an einer französischen Elitehochschule in Paris. Mitte der 1950er Jahre wurde Bourdieu als Wehrpflichtiger in den französischen Kolonialkrieg mit Algerien involviert und begann dort während des Krieges und danach mit der Ausarbeitung seiner späteren Hauptbegriffe anhand der Analyse der gespaltenen algerischen Gesellschaft, speziell der Kabylen. Das Aufeinandertreffen der traditionell geprägten algerischen Gesellschaft mit den kapitalistischen Funktionsprinzipien der Kolonialmacht führte zu einem Dualismus der kabylischen Lebensweise und Bourdieu machte es sich zur Aufgabe, dies in Feldforschungen näher zu untersuchen (Vgl. Fuchs-Heinritz/König, 2005:14). Dabei zeichnete sich sein Stil durch ethnologische Methoden und eine ganzheitliche Betrachtungsweise aus, Bourdieu hatte hier bereits immer schon ein Prinzip von Zusammenhängen im Sinn, die sich weit über ein Forschungsgebiet ausdehnten.

1961 startete Bourdieu in Frankreich seine Arbeiten zum Bildungssektor, die im Werk „Die Illusion der Chancengleichheit“ zusammengefasst wurden. „Es geht um die Ermittlung der Wahrscheinlichkeiten für den Besuch einer Hochschule in Abhängigkeit vom Beruf der Eltern […].“(Fuchs-Heinritz/König, 2005:32). Gearbeitet wird mit statistischen Zahlen verschiedener Institutionen; das Ergebnis zeigt, wie der Titel der Untersuchung schon vermuten lässt, dass die Chance für Kinder der Herrschenden eine Hochschule zu besuchen um ein Vielfaches größer ist, als für Kinder der beherrschten Klasse. Bourdieu wird sich hier sicherlich mit den ersten Grundgedanken der Kapitalsorten auseinandergesetzt haben, denn diese Untersuchung verweist eindeutig auf die höheren Bildungschancen in Kombination mit dem Erwerb kulturellen Kapitals: „Das Ergebnis, das Bourdieu immer wieder zu belegen sucht: Die Behauptung der Chancengleichheit im Bildungssystem bemäntelt nur, dass der Schulerfolg entscheidend von dem aus dem Elternhaus mitgebrachten kulturellen Kapital abhängt.“ (Fuchs-Heinritz/König, 2005:42).

1979 erscheint „Die feinen Unterschiede“, eine Untersuchung, die sich über Geschmacksfragen (im wahrsten Sinne fragte Bourdieu nach der Bevorzugung bestimmter Speisen) verschiedenen Lebensstilen nähert, diese kategorisiert und bestimmte Korrelationen darstellt. Er will damit versuchen, die Wahrnehmungs- und Interpretationssysteme der sozialen Welt zu katalogisieren um sie dann mit bestimmten Gruppen: bei ihm Klassen, in einen direkten Zusammenhang zu bringen.

Das Maß der Einschreibung des Sozialen in die Akteure, wie Bourdieu das Individuum bezeichnet, hat bei dieser Beschreibung bereits eine fast selbstverständliche Komponente. Auch hier spannt er seine Untersuchung über alle Bereiche des sozialen Lebens hinweg auf, bleibt nicht bei einem Sektor der Analyse, wieder führt er Interviews und übt sich in ethnologischer Beobachtung. Methodologisch wertet er seine Erhebungen mit einem zweidimensionalen Koordinatensystem aus, das er durch die zwei Achsen ökonomisches und kulturelles Kapital miteinander in Verbindung bringt und somit Positionen im Raum entstehen lässt.

„Bourdieus Untersuchung belegt empirisch, dass Geschmack nicht zufällig, sondern klassenspezifisch verteilt ist, und dass die legitimen Künste der herrschenden Klasse vorbehalten sind, während der mittlere Geschmack dem Kleinbürgertum und der populäre Geschmack der beherrschten Klasse zugehört. Kurz: Der Geschmack […] indiziert die Klassenzugehörigkeit.“ (Fuchs-Heinritz/König, 2005:59).

Anschließen daran wird sich eine Untersuchung über das Wohnen und die Zusammenhänge mit den Bauunternehmen.

Ende 1993 erscheint „Das Elend der Welt“ eine Analyse der „malaise social“, die Ende der 1980 Jahre in Frankreich diskutiert wurde. Quasi als Auftragsarbeit an Bourdieu vergeben, bedient dieser sich wiederum eigener Interview- und Analysetechniken. Die Betroffenen selbst sollen zu Wort kommen und Bourdieu will ihr Sprachrohr sein. Zu diesem Zweck wurde versucht, die Interviewsituation möglichst herrschaftsfrei zu gestalten. Trotzdem verließ Bourdieu nicht die Ansicht, dass die sozialen Strukturen in den Akteuren wirken und viele ihrer als natürlich empfunden Handlungs- und Kategorisierungsmuster vorgeben. Für den Leser sollen die beschriebenen Einzelschicksale dementsprechend nicht aus der Lebensgeschichte des Einzelnen heraus erklärt werden, sondern aus den in ihm wirkenden sozialen Determinanten. Durch seine Erfahrung mit dem sozialen Raum und der Positionierung der Klassen, der Lebensstile, kommt Bourdieu zur folgender Ansicht für die Ursache der Einzelschicksale: „Ehemals projektierte und gesellschaftlich versprochene Laufbahnen sind verschlossen, angestrebte Positionen werden unerreichbar und sicher geglaubte Aussichten verbaut, und dies, obwohl das Subjekt alles getan hat, eine in seiner sozialen Position ehemals angelegte gesellschaftliche Flugbahn zu nehmen.“ (Bourdieu in: Fuchs-Heinritz/König, 2005:110). Dies liegt nach seiner Ansicht in der Inkongruenz von (Klassen)Habitus und sozialer Positionierung in einem sich schnell wandelnden sozialen Raum.

Bourdieu wandte sich am Ende seiner Karriere entschieden gegen den Neoliberalismus und die alleinige Herrschaft des Marktes, mehr und mehr mischte er sich durch politische Aussagen in die Debatten der Zeit ein. Er starb 2002 in Paris.

2.1.2. Zur Theorie – Zentrale Begriffe

Überblick

Bourdieus Soziologie ist eine Soziologie der Relationen: „Im Zentrum seines Interesses steht nicht die Erklärung einer einzelnen Handlung, sondern jeweils eine Konfiguration, aus der keine Kausalerklärungen abgeleitet, sondern Relationen ersichtlich werden.“ (Rehbein, 2006:82).

In dem von ihm konstruierten sozialen Raum befinden sich die Akteure, wie Bourdieu die Individuen bezeichnet, an bestimmten Positionen, die sich aus der jeweiligen Anhäufung bestimmter Kapitalsorten ergibt. Die Konfiguration in der Akkumulation von bestimmtem Kapital schafft damit ganz allgemein Positionen und soziale Strukturen, konstituiert also den sozialen Raum. Dabei werden vier Hauptsorten von Kapital unterschieden: das ökonomische, das kulturelle, das soziale und das symbolische Kapital. Ingesamt gesehen ist das Kapital „soziale Energie“, die als materielle oder geistige Arbeit gegeben ist und sich von einzelnen Menschen oder Gruppen angeeignet wird, bzw. ihnen aufgrund ihrer sozialen Position im Raum von Geburt an zugeordnet ist (Vgl.Fuchs-Heinritz/König, 2005:157). Die verschiedenen Kapitalsorten orientieren sich an den von Bourdieu abgesteckten Feldern im Raum, nämlich zum Beispiel am wissenschaftlichen, ökonomischen, religiösen, künstlerischen Feld usw. Ein Feld ist „… ein Ensemble objektiver historischer Relationen zwischen Positionen, die auf bestimmten Formen von Macht (oder Kapital) beruhen…“ (Wacquant in: Fuchs-Heinritz/König, 2005:139). Die Verteilung des Kapitals unter den Akteuren im jeweiligen Feld bestimmt die Ordnung und Struktur des einzelnen Feldes und damit letzten Endes die der sozialen Welt, des sozialen Raumes. Das strukturelle Soziale des Feldes wird nun von Bourdieu über die Anwendung von sozialer Praxis und sozialem Sinn, also im weitesten Sinne durch Handlung, mit dem einzelnen Akteur verbunden. In diesem konstituiert sich nämlich aufgrund seiner Position im Feld und im Raum und durch die damit verbundene Sozialisation ein von der Position abhängiger Habitus.

Die Grundidee zum Konzept des Habitus hatte Bourdieu bereits in Algerien, als er beobachtete, dass trotz des Importes kapitalistischer Strukturen durch die französischen Besatzer die Handlungsweisen der Eingeborenen häufig nicht der rationalen Logik der kapitalistischen Handlungspraxis entsprachen. In den Akteuren waren, passend zur Dualität der alten traditionellen und neuen kapitalistischen Struktur, zwei Sets von eingeübten Handlungsweisen vorhanden, die sich in der sozialen Praxis vermischten. „Bourdieu zeigt, dass das rationale Denken keine universelle Fähigkeit ist […], sondern dass es an bestimmte Existenzbedingungen gebunden ist, die überhaupt Zukunftsplanung und Berechnung gestatten.“ (Fuchs-Heinritz/König, 2005:25).

Im Akteur befinden sich also sozialisierte Handlungsdispositionen, die mit seiner Soziallage eng verknüpft sind und ein reibungsloses Bewegen in seiner jeweiligen sozialen Umgebung, also im sozialen Feld und Raum, ermöglichen. Dazu muss sich der Akteur seine Handlung nicht berechnen, wie oft behauptet wird, sondern sie ist ihm quasi einverleibt. Er handelt unbewusst, ähnlich einem Spieler, der am Spiel teilnimmt, ohne bei jeder Entscheidung lange Abwägungsprozesse in Gang setzen zu müssen. Grundvorraussetzung ist natürlich das Interesse am Spiel und die Akzeptanz der immanenten Regeln, wie Bourdieu betont. Der Habitus schlägt sich in jeglichem Output des Akteurs nieder, sowohl in seinem Gang, seiner Haltung, als auch in den Arten des Handelns und dem soziokulturellen Geschmack.

So gelangt Bourdieu schließlich zu einem Klassifikationsschema der Klassen und Lebensstile im sozialen Raum. „Durchweg arbeitet Bourdieu mit einem einfachen Modell von drei Grundklassen: die herrschende Klasse setzt sich aus denen zusammen, die viel ökonomisches, aber eher wenig kulturelles Kapital haben. Die Mittelklasse […]besteht aus drei Fraktionen: dem absteigendem, dem neuen und dem exekutiven Kleinbürgertum. Die beherrschte Klasse […] besteht aus jenen, die weder nennenswert viel ökonomisches noch kulturelles Kapital haben.“ (Fuchs-Heinritz/König, 2005:177). Zur empirischen Darstellung nutz er vor allem die Verteilung und Struktur der jeweiligen Kapitalsorten, sowie Informationen über Einkommen, Bildung und Beruf. In diesem Klassifikationsschema tritt aufgrund der Relationalität vor allem das Phänomen der sozialen Ungleichheit in den Vordergrund. Der soziale Raum erscheint immer mehr als die Folie, auf der der Kampf der einzelnen Akteure um Kapital und Position abläuft. So erklärt sich Bourdieu auch sozialen Wandel, nämlich durch die Neupositionierung der Akteure in den Feldern, was letzten Endes auch zu neuen Konstellationen der Felder untereinander führen kann.

Praxis und Habitus

Bourdieus Praxis-Modell bricht mit der Vorstellung der populären rational-choice-theory, die dem Menschen eine bewusst ausgeführte, rationale Handlung vorschreibt. Für ihn ist das Handeln zum großen Teil auf einer intuitiven, unbewussten Ebene angesiedelt, folgt aber trotzdem einem bestimmten Maß an Logik, nämlich der des Habitus. Das Handeln findet in der alltäglichen Praxis statt und folgt dem sozialen Sinn des Habitus, der es konstituiert. „Die Alltagspraxis zeichnet sich durch unbewusste Sicherheit, Takt, Fingerspitzengefühl, Improvisation und ständige Innovation aus. Sie ist keine Befolgung theoretisch konstruierter Regeln. […] Sie verträgt nur ein gewisses Maß an Logik; ein Übermaß würde sie nur stören oder zerstören. Das gilt auch für ihre Infragestellung. Während man handelt, kann man nicht über das Handeln nachdenken oder es gar anzweifeln, sonst würde es nicht gelingen.“ (Rehbein, 2006:85). Es kommt also aus Sicht des Handelnden zu einem quasi nicht kontrolliert intendierten Handlungsfluss, der mit dem Satz „So macht man es eben!“ zu begründen ist. Natürlich steht hinter der Handlung immer ein Interesse, von Bourdieu als Illusio bezeichnet, aber dieses ist nicht allgemein gültig und von Akteur zu Akteur übertragbar, wie es die Theorie des rationalen Handels glaubhaft machen will. Das Handeln in der Praxis ist zwar auch auf eine Maximierung bestimmter Ressourcen aus (was die Nähe zum ökonomischen Prinzip verdeutlicht), diese sind aber nicht einem universellen Klassifikationsschema entnommen, das für alle Menschen an sich die „höchsten Güter“ definiert, sondern das Interesse an der Maximierung begründet sich aus dem Set an Dispositionen (Einstellungen, Geschmäcker, Werte, Normen, Moral usw.) die in der jeweiligen sozialen Position sozialisiert wurden. So kann das Handeln eines Akteurs aus der Sicht eines anderen vollkommen unsinnig sein, eben aus Sicht seines Habitus keinen sozialen Sinn produzieren. Das einfache Von-der-Hand-gehen der sozialen Praxis (wohlgemerkt in dem Habitus adäquaten Situationen), lässt darauf schließen, dass die Handlungsdispositionen tief im Akteur angelegt sind. Nach Bourdieu beantwortet das Konzept des Habitus die Frage nach der sinnvollen Strukturierung der sozialen Praxis: „Wie können Verhaltensweisen geregelt sein, ohne dass ihnen eine Befolgung von Regeln zugrunde liegt? Diese Frage bezeichnet Bourdieu als seine Ausgangsfrage. Er beantwortete sie mit dem Begriff des Habitus. Der Begriff ermöglicht es, die Handelnden nicht nur als strukturalistischen Träger der Struktur zu erfassen, ohne dabei jedoch in den Individualimus zu verfallen.“ (Rehbein, 2006:86) Bourdieu trachtet mit dem Begriff also auch nach einer Überwindung des Gegensatzes von Strukturalismus-Individualismus: „Auf der Basis des Habitus ist Handeln weder spontan noch determiniert, sondern Ereignis einer notwendigen Verbindung von Disposition und objektivem Ereignis.“ (Bourdieu in: Rehbein, 2006:94) Die „richtige“ Verbindung von sozialisierter Disposition mit dem objektiven Ereignis ist dann gängige, alltägliche soziale Praxis, die sozialen Sinn macht.

Die Assoziation mit psychoanalytischen Konzepten bleibt bei einer genaueren Betrachtung von Bourdieus Habitus- und Praxisbegriff nicht aus. Es handelt sich um im Individuum befindliche (Sinn)Strukturen und Handlungsdispositionen, die sozialisationstheoretisch durch verschiedene gesellschaftliche Formen von Spiel und Ritual an den Akteur weitergegeben werden. Diese ermöglichen ein Wohlfühlen in all den Situationen, die mit dem Habitus verknüpft, erlernt oder in Aussicht gestellt werden. Der Habitus strebt (ähnlich wie Freud es für den Todestrieb in „Jenseits des Lustprinzips“ oder allgemein für unerfüllte Wünsche der Kindheit an sich formuliert hat) nach einem Wiederherstellen der Situation oder zumindest ihrer sozialen Konstanten, in denen er sich problemfrei manifestieren kann. „Das heißt, der Habitus ist eine Tendenz, so zu handeln, wie man es einmal – insbesondere das erste Mal – gelernt hat. Beim Lernen orientiert man sich nicht an Modellen, sondern an Handlungen anderer Menschen. Mit dem Lernen übernimmt man ein Muster, das für die Wiederholung parat bleibt. Durch mehrfache Wiederholung prägt sich das Muster ein, es wird habitualisiert.“ (Rehbein, 2006:901). Diese Habitualisierung prägt sich laut Bourdieu sowohl über den menschlichen Körper ein, als auch über die psychologischen Komponenten, denn die Ordnung des Sozialen ist, wie Bourdieu zeigt, auch eine Ordnung der Körper und ihrer Relationen (man denke an die Chefetage, also die Hierachisierung von Gebäuden o.ä.). „Was der Leib gelernt hat, das besitzt man nicht wie wiederbetrachtbares Wissen, sondern das ist man.“ (Bourdieu, 1987b:135). Ist der Habitus erst konstituiert so wohnt ihm außerdem eine gewisse Trägheit inne, das heißt, er strebt, wie oben erläutert nach dem Wiederherstellen von für ihn entgegenkommenden Situationen, er vermeidet allzu große Innovationen, vor allem die bewusste Konfrontation mit ihm untypisch erscheinenden sozialen Konstellationen und Situationen. Dabei muss aber auch gesagt werden, dass er schon auf seine Art in der Form selbst innovativ ist, da sich im wiederholten Durchleben ähnlich hergestellter oder auftretender Situationen nie alle Faktoren gleichen können, und er so ein gewisses Maß an Innovation benötigt. Die Trägheit des Habitus bezeichnet Bourdieu als Hysteresis, ein Effekt mit dem die Reproduktion von Herrschaft und gesellschaftlichen Strukturen erklärbar sind.

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Pierre Bourdieus Theorie der Felder und Niklas Luhmanns Theorie der Systeme
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Fachbereich Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Methodologie Pierre Bourdieus
Note
1,9
Autor
Jahr
2005
Seiten
30
Katalognummer
V64438
ISBN (eBook)
9783638572583
ISBN (Buch)
9783640129645
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pierre, Bourdieus, Theorie, Felder, Niklas, Luhmanns, Systeme, Seminar, Methodologie
Arbeit zitieren
André Kloska (Autor), 2005, Pierre Bourdieus Theorie der Felder und Niklas Luhmanns Theorie der Systeme , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64438

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