Foucault liest Kant - Kritisches Ethos als Paradigma der Erwachsenenbildung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Aufklärung? – Kant

3. Foucault liest Kant
3.1 Kritik
3.2 Ethos
3.3 Der Tod des Menschen
3.4 Zusammenfassung und Ziele

4. Folgen für die Erwachsenenbildung

5. Schluss

6. Literaturangaben

1. Einleitung

„Aufklärung bezeichnet eine ideengeschichtliche Epoche in Europa [...], in der sich die Vernunft (Rationalität), ihr richtiger Gebrauch und vernunftbegründete Ordnungen als Maßstab menschlichen Strebens und wissenschaftlicher Forschung durchsetzen. Politisch-philosophisch begann sich das Ideal des rational handelnden Subjektes gegen die (auf Tradition und Autorität begründeten) alten Mächte durchzusetzen. Die Aufklärung stellt insofern den Beginn der Moderne dar.“[1] Aufklärung wird in dem zitierten Abschnitt, wie auch in anderen historischen Darstellungen, als historische Epoche im 18. Jahrhundert dargestellt. Normalerweise werden Epochen erst nachträglich bestimmt. Bei dieser Epoche hat es sich anders verhalten: Kant bestimmt sie, noch während sie im Gange war: „Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? [...] Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung.“[2] Aufklärung bezeichnet also einen bestimmten Zeitabschnitt, der durch spezifische Probleme und Fragen, wie Vernunft, Rationalität oder Auflehnung gegen Traditionen, ausgezeichnet war.

Aufklärung hat jedoch noch eine andere Bedeutung, die sie fruchtbar macht für eine pädagogische Anbindung[3]: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (WAK 53), so die bekannte Definition Kants. Hier wird Aufklärung als ein Prozess des Menschen verstanden, sich aus seiner Unmündigkeit, also der Tatsache, nicht seinen eigenen Verstand zu gebrauchen, zu lösen. Aufklärung in diesem Sinne kann nie abgeschlossen sein, denn immer neue Generationen erblicken das Licht der Welt, die wiederum im Projekt der Aufklärung von vorne beginnen. Die Aufgabe der Pädagogik ist nun an der Aufklärung des Einzelnen mitzuwirken und sie zu ermöglichen. Daher beschreibt Aufklärung eine nie endende Aufgabe der Menschheit, die je neu und individuell erfüllt werden muss. In dieser Bestimmung hat der Aufklärungsaufsatz Kants nicht nur eine historische Bestimmung einer Epoche geliefert, sondern auch eine Haltung grundgelegt, die, gleich der Zeitspanne Ende des 18. Jahrhunderts, als Aufklärung bezeichnet wird.

Michel Foucault hat sich Zeit seines Lebens mit diesem Aufsatz Kants vermehrt beschäftigt[4].In einem seiner letzten verfassten Texte[5] stellt er aus Kants Aufsatz ein Motiv heraus, das er als „Haltung der Moderne“ (WAF 41), als „philosophische[s] Ethos, [...] als permanente Kritik unseres historischen Seins“ (WAF 45), als „kritische Ontologie“ (WAF 53) oder als „philosophisches Leben“ (WAF 53) charakterisiert. Kants Aufklärungsgedanke wird in der Lesart Foucaults zu einer ständigen Aufgabe unserer selbst, zu einer Haltung, die wir uns und der Welt gegenüber einnehmen und die die Bedingung für Mündigkeit und ihre praktische Umsetzung im Leben ist.

Ziel dieser Arbeit ist das kritische Ethos, das Foucault in Kants Aufklärungsgedanken fundiert sieht, als Paradigma der Erwachsenenbildung fruchtbar zu machen. Zuerst möchte ich daher kurz den Aufklärungsgedanken bei Kant skizzieren (Kapitel 2). Daran schließt sich Foucaults Interpretation des Kantaufsatzes (Kapitel 3) an. In Kapitel 3.1 und 3.2 werde ich das kritische Ethos von zwei Seiten bestimmen: Einerseits von dem Begriff der Kritik (3.1), andererseits vom Begriff des Ethos (3.2). Im Teil über den Tod des Menschen (3.3) wird der Mensch als sich ständig wandelbares Wesen dargestellt und somit sowohl Foucaults genealogisch-archäologische Vorgehensweise beispielhaft verdeutlicht als auch eine ‚Anthropologie’ Foucaults vorgenommen. Kapitel 3.4 fasst das kritische Ethos zusammen und beschreibt die Ziele, die Foucault mit ihm verfolgt. Der darauf folgende Abschnitt skizziert die Folgen des kritischen Ethos für die Erwachsenenbildung (Kapitel 4).

2. Was ist Aufklärung? – Kant

1783 verfasst Immanuel Kant den Aufsatz: „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“. Darin bestimmt er die Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (WAK 53). Aufklärung ist zunächst der Ausgang aus Unmündigkeit, sie meint ein Loswerden von Vormündern und Vorurteilen. Zudem, so Kant, ist die Unmündigkeit selbst verschuldet; „Faulheit“ „Feigheit“, Bequemlichkeit, ein Mangel an Mut und das Fehlen eines Entschlusses sind die Gründe für die Unmündigkeit (WAK 53).

Für diesen Ausgang aus der Unmündigkeit bedarf es des „Mut[es]“, sich seines „eigenen Verstandes zu bedienen“(WAK 53). Aufklärung ist somit kein müheloser Prozess, er erfordert sowohl Mut (verstanden als „Tapferkeit des Geistes“[6] ) als auch einen Entschluss dazu und impliziert einen langen, beschwerlichen Weg, auf dem man sich ganz auf die Leitung des eigenen Verstandes verlassen und allen Vormündern und Vorurteilen entsagen muss.

Der Philosoph aus Königsberg betont ferner die Schwierigkeit, selbstständig „durch eigene Bearbeitung“ des „Geistes“ (WAK 54) der Unmündigkeit zu entkommen. Einem „Publikum“, also einer Gemeinschaft von Menschen, „ist [dies] eher möglich“ (WAK 54), womit der kollektive Charakter des Aufklärungsgedankens deutlich wird.

Kant teilt den Gebrauch der Vernunft in zwei unterschiedliche Bereiche ein. „[D]er öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muß jederzeit frei sein“ (WAK 55). Dem gegenüber steht der „Privatgebrauch“ (WAK 55) der Vernunft, der „öfters sehr enge eingeschränkt sein“ (WAK 55) darf. Im privaten Gebrauch befindet sich die Vernunft, falls man einen „Posten“ oder ein „Amt“ inne hat, oder „Teil der Maschine“ (WAK 55f) ist. Dem Priester vor der Gemeinde bleibt es verwehrt, die Vernunft frei zu gebrauchen. Falls er jedoch als „Gelehrter“ (und dies kann durchaus ein Priester sein) zur ganzen „Welt“ (WAK 57) spricht, ist es ihm gestattet, von seiner Vernunft freien Gebrauch zu machen. Kant trennt hier zwei Bereiche klar voneinander ab, in denen der Gebrauch der Vernunft eingeschränkt bzw. niemals verhindert werden darf. Der öffentliche, nicht der private Gebrauch der Vernunft wird somit zum Triebmotor und zur Bedingung der Aufklärung.

Aufklärung wird des Weiteren in zweifacher Weise beschrieben. Einerseits ist sie die „ursprüngliche Bestimmung“ (WAK 58) der Menschheit, andererseits eine je persönliche Aufgabe. Individueller und allgemeiner Prozess bedingen sich jedoch wechselseitig. Schreitet die Menschheit in der Aufklärung fort, so vergrößern sich auch die Möglichkeiten für den individuellen Prozess. Umgekehrt wirken auch die Individuen auf den allgemeinen Fortschritt in der Aufklärung ein.

Der Aufklärungsgedanke bei Kant ist zusammengefasst bestimmt als Ausgang aus der Unmündigkeit und Zuwendung zum selbstständigen Gebrauch der Vernunft ohne Leitung durch andere. Die Bedingungen hierfür sind ein Entschluss, der des Mutes bedarf, wie die Möglichkeit, öffentlich von seiner Vernunft Gebrauch zu machen. Außerdem deutet Kant Aufklärung als einen sich wechselseitig bedingenden Prozess von allgemeinem und individuellem Fortschritt.

3. Foucault liest Kant

Michel Foucault interpretiert den Gedanken Kants neu. Seine Lesart ist erstaunend und von beträchtlicher Tiefe. Er sieht in Kants Text eine persönliche Haltung, ein kritisches Ethos grundgelegt, das sich durch eine „historische[ ] Ontologie“ (WAF 48) auszeichnet.

Für Foucault ist „Was ist Aufklärung?“ die entscheidende Frage, auf die die gesamte „moderne Philosophie“ (WAF 35) eine Antwort suchte und sucht. Dieses Kernproblem Kants ist stets eine Frage nach der reinen „Aktualität“ (WAF 37)[7]. Die Gegenwart wird nicht von einer kommenden guten und glücklichen Zukunft her verstanden, in der es jetzt darauf ankäme, die Weichen für die kommende Zeit zu stellen. Kants Frage bezieht sich Foucault´s Lesart gemäß auf die Gegenwart und bedarf, wie ich später noch zeigen werde, der historischen Untersuchung der Bedingungen, unter denen die unsrige Gegenwart und ebenso wir selbst zu dem geworden sind, was wir sind.

Aufklärung sei, so Foucault, „durch eine Veränderung der bestehenden Beziehungen zwischen Wille, Autorität und dem Gebrauch der Vernunft definiert.“ (WAF 37) Wie bei Kant hängt auch für Foucault die Aufklärung von dem Mut ab, sich von seinen Vormündern loszusagen und die Vernunft frei zu gebrauchen.

Zudem sei Aufklärung einerseits eine „Tatsache“, ein sich „entwickelnde[r] Prozeß“, andererseits aber auch eine „Aufgabe“ und „Verpflichtung“ (WAF 37f). Wenn der Mensch selbst für seine Unmündigkeit verantwortlich ist, dann muss er auch selbst den ersten Schritt tun, ihr zu entsagen. Die Aufgabe jedes einzelnen Menschen ist es also den Mut aufzubringen, sich von der Autorität anderer zu entziehen und sich auf die Leitung seines eigenen Verstandes zu verlassen. Die Deutung der Aufklärung als Tatsache entzündet sich an der Feststellung Kants, die „ursprüngliche Bestimmung“ der „menschlichen Natur“ sei ein „Fortschreiten“ (WAK 58) in der Aufklärung. Foucault versteht Kant als Autor, der zwar auf den Tatsachencharakter der Aufklärung verweist, daraus jedoch nicht den Schluss zieht, alles würde von alleine fortlaufen. Vielmehr verknüpft er die Tatsache mit der persönlichen Aufgabe, sich der Aufklärung zu verschreiben, was auch durch den Charakter des „Wahlspruch[s]“ (WAF 38; WAK 53) noch einmal verdeutlicht wird. Ein Wechselspiel zwischen individuellem und allgemeinem Prozess entsteht, der sich gegenseitig bedingt und verstärkt.

Foucault folgt Kants Trennung der Bereiche, in denen die Vernunft im Leben der Menschen auftritt. Er differenziert den „Privatgebrauch“ von dem Bereich, in dem die Vernunft „durch die Abwesenheit jeglicher Strafandrohung“ (WAF 40) gesichert wird. Als Steuerzahler beispielsweise muss ich zwar meine Steuern bezahlen, als mündiger Bürger ist es jedoch möglich, wenn nicht sogar geboten, über das System der Steuerzahlung zu räsonieren, das heißt seine Vernunft nur um der Vernunft willen zu gebrauchen. Fraglich bleibt, wie der öffentliche Vernunftgebrauch gesichert werden kann, wenn es die oberste Pflicht des Bürgers ist, so gut wie möglich zu gehorchen. Kant schlägt als die Garantie jeglichen öffentlichen Vernunftgebrauchs durch den Monarchen, damals Friedrich II, bei gleichzeitiger Ausrichtung der Gesetze, unter die sich die Bürger unterordnen, auf die „universale[ ] Vernunft“ (WAF 40). So ist der Grundsatz dieser Regierung: „räsonniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; nur gehorcht!“ (WAK 61)

[...]


[1] Schubert/Klein 2006, S. 27

[2] Kant, I.: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?; in: Weischedel, W. (Hrsg.): Immanuel Kant.

Werkausgabe. Band XI, Frankfurt am Main 1977, S. 53-61, S. 59; im Folgenden zitiert als WAK

[3] Eine ganze pädagogische Tradition, die kritische Erziehungswissenschaft, beruft sich auf die Aufklärung

verbunden mit dem marxistischen Emanzipationspostulat

[4] Siehe zu den Stellen, in denen sich Foucault mit dem Aufklärungsaufsatz Kants beschäftigte Hemminger

2004, S. 173 sowie Guess 2003, Anmerkung 2, S. 145

[5] Foucault, M.: Was ist Aufklärung?; in: Erdmann, E./Forst, R./Honneth, A. (Hrsg.): Ethos der Moderne.

Foucaults Kritik der Aufklärung, Frankfurt am Main 1990, S. 35-54; im Folgenden zitiert als WAF

[6] Dörpinghaus u.a. 2006, S. 55

[7] In der Deutung der Aufklärungsfrage Kants als reine Frage nach der Aktualität ergeben sich Spannungen

zu anderen Schriften Kants („Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ und

„Über Pädagogik“), in denen Aufklärung als natürlich und notwendig verlaufend gedeutet wird.

Dörpinghaus (2005) legt die Aufklärung Kants als eine Frage nach der Gegenwart aus, die sich nicht als

zum Zukünftigen hinweisend versteht und somit nicht dem Fortschritt huldigt. Aufklärung, Erziehung

und Bildung haben die Aufgabe, sich „um das Gegenwärtige, um das Hier und Jetzt [...] zu kümmern.“

(S.123)

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Foucault liest Kant - Kritisches Ethos als Paradigma der Erwachsenenbildung
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Veranstaltung
Paradigmen der Erwachsenenbildung
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V64962
ISBN (eBook)
9783638576390
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit stellt die Verschiebungen am Begriff der Aufklärung, wie ihn Kant definiert, durch Michel Foucault dar, der ihn zu einem Kritischen Ethos erweitert. So findet diese Hauptseminarsarbeit in der Allgemeinen Pädagogik wie in der Erwachsenenbildung ihren Platz.
Schlagworte
Foucault, Kant, Kritisches, Ethos, Paradigma, Erwachsenenbildung, Paradigmen, Erwachsenenbildung
Arbeit zitieren
Markus Riefling (Autor), 2006, Foucault liest Kant - Kritisches Ethos als Paradigma der Erwachsenenbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64962

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