Mit Netz und doppeltem Boden - Fluch und Segen der Polit-PR im Berliner Hauptstadtjournalismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
50 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Theoretisches Fundament
a Begrifflichkeiten
b Interdependenz der Systeme
b Akteure

3 Entwicklung der Polit-PR
a Klassisches Lobbying
b Politische Öffentlichkeitsarbeit in der „Bonner Republik“
c Amerikanische Tradition
d Marketing für die Politik – Anleihen aus der Ökonomie
e Neue Medienwirklichkeit

4 Die neue „Berliner Republik“

5 Professionalisierung von Polit-PR
a Qualifikation und Ausbildung
b Organisiertheit

6 Fluch
a Nachteile für Journalismus und Öffentlichkeit
b Marionettenspieler oder Dampfplauderer? Das Phänomen Moritz Hunzinger

7 Segen
a Vorteile für Journalismus und Öffentlichkeit
b Wahrhaftigkeit „trotz“ PR
c Verhaltenskodizes

8 Zukunftsmusik? Voll professionalisierte Politikberater

9 Fluch, Segen – oder beides? Ein Fazit

10 Literatur
b Artikel in Fachzeitschriften
c Artikel in Zeitungen und Publikumszeitschriften
Internet
d Fernsehbeiträge

1 Einleitung

Der Neuling im Hauptstadtjournalismus reibt sich verwundert die Augen. Sein erstes Treffen unter Berliner Medienschaffenden und prompt findet er sich mitten in einem engmaschigen Netz von Kontakten wieder. Dieser Redakteur hat eine Biographie über jenen Minister geschrieben, jener Pressesprecher war einst Nachrichtenchef bei diesem Blatt, diese Abgeordnete ist eine gute Freundin jenes Verlagshauses, jener Firmenvertreter hat ein Kommunikationsseminar mit diesem freien Journalisten gehalten. Zehntausende von Politikern, Journalisten und Lobbyisten tummeln sich in der Bundeshauptstadt und doch scheint jeder irgendwie schon mit jedem zu tun gehabt zu haben.

Allzu nahe liegt hier der Verdacht der Mauschelei. Berichten Journalisten noch objektiv über Parlamentarier, die sie auf einen Latte Macchiato im Café Einstein treffen? Ist es zulässig, dass Unternehmen Politiker zu ungezwungenen Abendveranstaltungen einladen, für einen Plausch übers Big Business? Und welche Rolle spielen die so genannten „Berater“, die es so vortrefflich zu verstehen scheinen, ihre Schützlinge, die Volksvertreter, ins rechte Licht der Öffentlichkeit zu rücken? „Als normaler Durchschnittsbürger erfährt man hin und wieder ein Detail und kann sich nur wundern. Denn da werden nicht nur […] politische Geneigtheiten befördert, sondern auch Stimmungen ganz unauffällig und effizient erzeugt.“[1] Sind Journalisten und mit ihnen die Öffentlichkeit der Polit-PR hilflos ausgeliefert? Wer beeinflusst hier wen – und wer darf wen beeinflussen? Fest steht in jedem Fall: Die Politik ist auf die Vermittlungsleistung der Medien angewiesen. Massenmediale Vermittlung geht für die Politik allerdings einher mit Kontrollverlust[2]: „Die Medien beherrscht nur, wer sich ihnen unterwirft.“[3] Ein spannendes und aktuelles Thema, aber gleichzeitig ein weites Feld. Aus diesem Grunde sollen neueste Entwicklungen und aktuelle Medienberichte aus den vergangenen zehn Jahren ebenso zur Sprache kommen wie theoretische Betrachtungen und normative Diskussionsansätze. Die vorliegende Arbeit versucht, ein wenig Licht ins Dunkel des Hauptstadt-Networkings zu bringen. Sie soll die Interdependenzen zwischen Medien, Politik und verschiedenen Formen der Politikberatung und -beeinflussung unter den Rahmenbedingungen der „Berliner Republik“ unter die Lupe nehmen.

Hierfür sollen zunächst einige Begriffe erläutert werden, die im Bereich politischer Kommunikation eine Rolle spielen. Im Anschluss wird auf einige theoretische Grundlagen eingegangen, vor allem auf den systemtheoretischen und den akteursbezogenen Ansatz, die zur Erklärung der Vorgänge im Berliner Kommunikationsnetzwerk herangezogen werden können. Um das heutige Erscheinungsbild politischer PR verstehen zu können, lohnt sich ein Rückgriff auf die Aspekte, die es in der Vergangenheit geprägt haben: klassisches Lobbying, politische Öffentlichkeitsarbeit in der BRD zu Bonner Zeiten und im Gegensatz dazu in den USA, die Einflüsse des Marketing sowie der heutigen Medienwelt. Eine kurze Schilderung des Arbeitsalltags in der „Berliner Republik“ wird gefolgt von der Frage, inwiefern die politische PR dort als Profession angesehen werden bzw. was sie zur vollständigen Profession fehlt. Einige Vor- und Nachteile der realen Polit-PR sollen im Anschluss daran geschildert werden, sowohl auf allgemeiner Ebene als auch anhand zweier Beispiele. Eine rein demokratienormative Perspektive wird dabei bewusst ausgeklammert. Die Vor- und Nachteile sollen in erster Linie vom Standpunkt des Journalismus aus geschildert werden. Als Negativbeispiel wird „eine der schillerndsten PR-Figuren“[4] des letzten Jahrzehnts herangezogen, nämlich der „Kontaktmakler“ Moritz Hunzinger. Im Gegensatz dazu soll abschließend das Bild einer vielleicht idealen, voll professionalisierten Polit-PR gezeichnet werden sowie der ideale Umgang von Journalisten mit einer solchen. Den Schluss bildet der Versuch eines Fazits: Ist Polit-PR für den Berliner Hauptstadtjournalismus nun Fluch, Segen oder gar beides?

2 Theoretisches Fundament

a Begrifflichkeiten

In der vorliegenden Arbeit wird eine Reihe von Begriffen verwendet, die von fast jedem Autor – ganz zu schweigen von den Praktikern – anders definiert werden: Public Relations, Public Affairs, Lobbying, Politikberatung und schließlich Polit-PR. Aus diesem Grunde sollen zu Beginn einige Auslegungen dieser Begriffe vorgestellt werden, die wohl zumindest als allgemein akzeptabel gelten können. Alle Begriffe beschreiben Vorgänge aus der politischen Kommunikation. Diese besteht nach heutigem Verständnis, wie Kepplinger recht treffend formuliert, „in der Vermittlung von Informationen […] über politisch relevante Themen. Politisch relevant sind Themen, die in den Geltungsbereich politischer Entscheidungsinstanzen fallen oder fallen sollen.“[5] Politische Kommunikation kann also als sehr umfassender Begriff angesehen werden, der sämtliche Kommunikationsprozesse zwischen Politik, Medien, Öffentlichkeit und sonstigen Beteiligten zu solchen Themen in sich vereinigt.

Allein für „Public Relations“ soll es über 2 000 Definitionen geben.[6] Ganz allgemein kann man unter „PR“ „das Management von Informations- und Kommunikationsprozessen zwischen Organisationen einerseits und ihren internen oder externen Umwelten (Teilöffentlichkeiten) andererseits“[7] verstehen. PR-Fachleute wären demnach einfach Mittler oder Vermittler, also gänzlich neutral. Laut Roland Burkart allerdings kommt dazu noch das strategische Verfolgen einer Intention, mit dem Ziel der Beeinflussung der Umwelten.[8] Franz Ronneberger hat bereits 1988 versucht, den Begriff speziell auf die Politik anzuwenden. Er sah „Polit-PR“, wie er diese Form der PR nennt, als „ein Handeln, durch das Öffentlichkeit für die Kenntnisnahme von Vorgängen des politischen Systems hergestellt, diese Öffentlichkeit […] auf die gegebenen Interessen eines definierbaren Publikums bezogen, durch persuasive Kommunikation bei diesen Teilöffentlichkeiten für Verständnis und Zustimmung […] gerungen und wenn möglich ein Dialog in und mit den Teilöffentlichkeiten angeregt […] wird.“[9]

Public Affairs unterscheidet sich, je nach Definition, marginal bis deutlich von Public Relations. Eine eher weit gefasste Definition liefert der Wirtschaftsautor Friedhelm Schwarz: „Kommunikation und Interessenvertretung von Unternehmen gegenüber Entscheidungs­trägern, Meinungsführern und Weichenstellern in Politik, Verwaltung, Medien und Verbänden.“[10] Parallelen zum Lobbying sind hier unverkennbar. Dieses kann man als Teilbereich der PA verstehen und mit Interessenvertretung gegenüber Politik und Verwaltung gleichsetzen, wie sie in der Bundesrepublik auf legale und legitime Art und Weise Firmen, Verbände und Politikberater betreiben.[11] Politikberatung ist in Abgrenzung dazu nach dem Politiklexikon von Klaus Schubert und Martina Klein „ein Sammelbegriff für unterschiedliche Formen der Unterstützung und Absicherung politischer Entscheidungen und der hierfür politisch Beauftragten.“[12] Bewusst wird in dieser Arbeit darauf verzichtet, die Rolle der Wissenschaft in der Politikberatung darzulegen – aus dem einfachen Grund, dass die meisten Politik- und Sozialwissenschaftler der Bundesrepublik noch immer allzu ungern ihre akademischen Elfenbeintürme verlassen. Trotz ihres nicht von der Hand zu weisenden Sachverstandes und trotz des immer größer werdenden Bedarfs an Politikberatern spielen sie in der Berliner Polit-PR-Szene kaum eine Rolle.

Abschließend noch eine Anmerkung zur Definition von „Polit-PR“: Dieses knackige Schlagwort wird auf unterschiedlichste Art und Weise verwendet und hat im Laufe der vergangenen Jahrzehnte einige Wandlungen durchgemacht. In der Folge soll „Polit-PR“ nicht im Sinne Ronnebergers, sondern als die „komplizierte (und bisweilen graue) Schnittmenge von Public Affairs, Politikberatung und Lobbying“[13] verstanden werden – die wohl treffendste Umschreibung für das, was heute das politische Kommunikationsnetzwerk der Bundeshauptstadt beherrscht.

b Interdependenz der Systeme

Für die vorliegende Arbeit sind nach der Terminologie der Systemtheorie, die für die meisten Analysen politischer Kommunikation herangezogen wird[14], mehrere gesellschaftliche Teilsysteme von Bedeutung. Im Zentrum stehen das Politiksystem sowie das Mediensystem, doch auch das System „Öffentlichkeit“ (je nach Perspektive auch „Bürger“ oder „Rezipienten“) sowie das Wirtschaftssystem spielen durch ihre vielfältigen Interdependenzen mit den Erstgenannten eine Rolle. Zentral dabei ist die Frage, welches Teilsystem welches andere mehr zu beeinflussen vermag – wenn man so will, welches Teilsystem das führende in der Gesellschaft ist.

Zentrale Funktion des Politiksystems ist „die Herstellung allgemein verbindlicher Entscheidungen bei Problemen, die von anderen Systemen nicht gelöst werden“[15]. Es gibt also die Rahmenbedingungen vor, unter denen die anderen Systeme agieren können, z. B. durch Gesetze. Dabei ist es hochgradig abhängig vom Teilsystem der Wählerschaft, denn sie ist es, die das Politiksystem zusammenstellt und ihm seine Legitimation gibt. Diese Tatsache führt wiederum zu einer starken Dependenz des Politiksystems vom Mediensystem, denn die Medien sind es, die den Bürgern ein bestimmtes Bild von der Politik vermittelt. In dem Zusammenhang spielt der eigentlich akteursbezogene Aspekt des Politiker-Images[16] eine große Rolle, denn dieses ist hochgradig abhängig von der systemimmanenten Logik der Medien. „Gerade hier“, so Konrad Lischka in der taz, „funktionieren die Medien als selbstreferenzielles System mit beachtlicher Erwartungsstabilität. […] Medien schreiben [die so genannte Führungskompetenz] einem Politiker so lange zu, bis innerparteiliche Kritiker ihre Position angesichts der vermeintlichen Dominanz abschwächen.“[17]

Ähnlich mächtig erscheint das Mediensystem, betrachtet man seine traditionell als zentral geltende Funktion: das Agenda-Setting. In Wechselwirkungsprozessen mit seinen Umwelten entwirft es eine bestimmte Medienagenda[18], also einen sich ständig verändernden Fundus an Themen, die durch ihre prominente Platzierung in der Gesellschaft als besonders wichtig angesehen werden.[19] Aus Sicht der Kommunikationswissenschaft wird dem Mediensystem ganz selbstverständlich diese Agenda-Setting-Funktion zugeschrieben. Vernachlässigt wird dabei allerdings der Aspekt, dass das Politiksystem sie nur allzu gerne für sich beanspruchen würde. Welcher Politiker möchte nicht „sein“ Thema prominent in der öffentlichen Diskussion platzieren? Das Problem hierbei, gerade in der Bundesrepublik: „[D]ie eher reaktive Öffentlichkeitsarbeit der Bundesregierung [ist] dem medialen Agenda-Setting strukturell unterlegen.“[20]

Das Produkt offensiverer Öffentlichkeitsarbeit, zum Beispiel mit Hilfe professioneller Politikberater, die sich die Eigengesetzlichkeit des dynamischen Systems Medien zunutze machen[21], ist Informationspolitik von ganz anderer Qualität: ein „Agenda-Building“, eine aktive Einflussnahme auf die Themenprioritäten in den Massenmedien.[22] Das politische System ist dabei bestrebt, dem Mediensystem eine reine Mediatorenfunktion zuzuweisen.[23] Zu diesem Zweck bedient es sich der Polit-PR.

Die Stellung von Polit-PR im Gesellschaftssystem ist alles andere als eindeutig. Ist sie ein eigenes Teilsystem, steht sie als reines Bindeglied zwischen den anderen Teilsystemen oder durchdringt sie sie alle? Schon 1987 verstand Gabriele Pauli-Balleis politische PR als eine Aktionsform des Politiksystems. Unter dieser Prämisse lässt sich in funktional-struktureller Perspektive sagen, dass die wichtigste Funktion politischer PR ist, die Bürger zur Unterstützung des politischen Systems zu mobilisieren[24], damit dieses seine Funktionen wahrnehmen kann. Konkret sollte PR politische Entscheidungen unterstützen, die die Komplexität gesellschaftlicher Zusammenhänge reduzieren[25], indem sie den Entscheidungen zu öffentlicher Akzeptanz verhilft. Aus strukturell-funktionaler Sicht indes sollte Polit-PR zur Erfüllung der Bedürfnisse des Politiksystems[26] – wie der Durchsetzung eines bestimmten Gesetzes – und damit zu dessen Erhalt beitragen. Sarcinelli und Hoffmann meinen etwas Ähnliches, wenn sie von der „integrierte[n] Managementfunktion“[27] der PR für das Politiksystem sprechen.

Eine andere Möglichkeit ist, PR – und damit auch politische PR – neben dem Journalismus innerhalb eines publizistischen Systems anzusiedeln, als „publizistisches Teilsystem“, wie es Günter Bentele tut. Als Funktionen dieser beiden Teilsysteme nennt er die Generierung, Bereitstellung, Verarbeitung und Verbreitung von Informationen, vor allem von Themen mit Relevanz für die Öffentlichkeit.[28]

Marion G. Müller hingegen verortet alle PR innerhalb des Wirtschaftssystems, konstatiert allerdings eine „zunehmende Durchlässigkeit gesellschaftlicher Subsysteme“:

„Die Durchdringung von Politik und PR erfolgt wechselseitig.“[29] Schicha und Brosda schließlich verstehen Polit-PR als Grenzstelle des Politiksystems – „allein schon aus dem Grund, dass politische Kommunikation, mithin politische PR, genuin politische Wirkungen entfaltet und in diesem Sinne immer auch Politik ist“[30]. Die Ausbildung von PR-Tätigkeiten im Politiksystem erfolgt deshalb nur, damit sich die politischen Wirkungen auch unter veränderten Umweltbedingungen – nämlich einer wachsenden Dominanz des Wirtschafts- und vor allem des Mediensystems –noch entfalten können.

Wo auch immer man politische PR verortet, eine Interdependenz aller Subsysteme ist nicht von der Hand zu weisen, selbst wenn Hoffjann es bestreitet.[31] Und in der heutigen kapitalistischen Mediengesellschaft nehmen diese Interdependenzen sogar noch zu: PR politisiert sich, während Politik ihre Öffentlichkeitswirksamkeit immer öfter über die politischen Inhalte stellt – ebenso wie sich das Mediensystem politisch instrumentalisiert, während das politische System sich „mediatisiert“.[32]

b Akteure

Für den Themenbereich der Polit-PR scheint ein akteursbezogener Ansatz jedoch sinnvoller zu sein. Denn Polit-PR ist meist ein in hohem Maße informeller Prozess, der auf interpersonaler Ebene stattfindet: ein Politikberater gibt einem Politiker Tipps für publikumswirksames Auftreten bei „Sabine Christiansen“, ein Politiker empfängt einen Journalisten für ein Hintergrundgespräch in seinem Büro, eine PR-Agentin ruft in einer Redaktion an, um ein Thema vorzuschlagen... Das alles sind Interaktionen einzelner Akteure, deren nichtöffentliche Netzwerk-Beziehungen in Zeiten des Neokorporatismus immer wichtiger werden. „Begreift man politische Kommunikation [also nicht als Vorgang zwischen gesellschaftlichen Teilsystemen, sondern] als eine spezifische Form sozialen Handelns, dann werden die Beteiligten […] als Akteure gesehen, […] die symbolisch interagieren, um ihre jeweiligen Ziele zu erreichen.“[33]

Dieses zielgerichtete soziale Handeln ist bei allen beteiligten Akteuren darauf ausgelegt, „Einfluss auf die Meinungen der Bürger zu nehmen“[34], entweder direkt oder indirekt. „Alle […] sind bestrebt, die jeweiligen Verhältnisse unter Wahrung ihrer Autonomie zu stabilisieren.“[35]

Politiker haben das Ziel, öffentliche Unterstützung für ihre Vorhaben zu sichern bzw. zu gewinnen.[36] Unabdingbar dafür ist eine gute Presse. So versuchen Politiker, gerade auf dem Wege informeller Kommunikation, die Berichterstattung über sie beeinflussbarer zu machen und die Spielregeln der Journalisten für sich zu nutzen.[37] Nebenprodukt dabei ist das Image, das Journalisten sich im direkten Kontakt von den Politikern machen. Ein optimal dienliches Image ist unentbehrlich für den Erfolg eines Politikers. Images sind „vereinfachte, typisierte und in der Regel bewertete Vorstellungsbild[er]“, die meist „in sehr kurzen Zeiträumen auf Basis eines Minimums an Information“[38] entstehen. Insofern ist es für einen einmal in den Fokus medialer Aufmerksamkeit gekommen Politiker einfach, ein bestimmtes Image zu erlangen, und im Idealfall sogar möglich, das erlangte positive Image auf die Partei zu übertragen.[39] Umso schwieriger ist es jedoch, ein negatives Image wieder loszuwerden.[40]

Hier ist professionelle Beratung gefragt, die dafür sorgt, dass nur das erwünschte Image in den Medien präsentiert wird und beim Rezipienten, also Wähler ankommt.

Häufige Interaktionspartner im Hauptstadtredaktionsalltag sind die politischen Öffentlichkeitsarbeiter. Sie werden von den Journalisten nicht nur aus den gerade genannten Gründen einerseits mit deutlich abwertender Konnotation als strategische Akteure angesehen, andererseits aber auch nicht ohne Dankbarkeit als Informationsquelle über den jeweiligen Politikbereich.[41] Im Interaktionssystem der Akteure sind Pressesprecher und ähnliche Funktionsträger also wohl am ehesten in den Zwischenräumen anzusiedeln, mit Klaus-Peter Schmidt-Deguelles Worten als „Transmissionsriemen in beide Richtungen“[42]. Das entspräche der weiter oben angeführten Definition von PR: neutrale Mittler, die in beide Richtungen Nutzen bringen. Insofern handelten die politischen Akteure kontraproduktiv, wenn sie ihre Pressesprecher in der Vergangenheit häufig stiefmütterlich behandelten: „[O]ft wird die Pressestelle als lästiges Anhängsel betrachtet und als Letztes informiert.“[43]

3 Entwicklung der Polit-PR

Auch wenn sich Journalisten wie Politiker noch sträuben mögen – Polit-PR ist heute nahezu unverzichtbar. Politikern und Parteien wird allmählich bewusst, dass sie sich anders verkaufen müssen, um der allgemeinen Politik-Müdigkeit entgegenzuwirken. Ansprechende Politikvermittlung soll nicht erst durch die Medien geschaffen werden, sondern schon im politischen Prozess an sich. Hierfür reichen Wahlplakate und Wahlwerbespots längst nicht mehr aus. An die Stelle der „Holzhammer-Methode“[44] politischer Werbung muss ein Prozess gegenseitiger Verständigung treten. Wähler müssen immer wieder aufs Neue gewonnen werden und lassen sich weniger leicht ködern als früher, wie der schweizer Medienwissenschaftler Otfried Jarren konstatiert: „Den Parteien laufen die Mitglieder davon, und sie können sich immer weniger auf die Mobilisierbarkeit ihrer Anhänger verlassen. Also muss man alles kampagnenhaft organisieren. […] Das verlangt größere Kommunikationsfähigkeiten.“[45] Diese sind heute die Spezialität der Polit-PR. Wie es dazu kam, lässt sich nur unter mehreren, voneinander getrennten Gesichtspunkten erklären, denn der vielgestaltige Charakter heutiger Polit-PR wurde von vielen unterschiedlichen Entwicklungen beeinflusst.

a Klassisches Lobbying

Will man die Genese der Polit-PR untersuchen, lohnt sich zunächst ein Blick auf den klassischen Lobbyismus, wie er bereits seit den Anfängen der Bundesrepublik existiert. Unter Lobbyismus verstand man hierzulande viele Jahrzehnte vor allem die Kommunikation von Interessenverbänden mit politischen Institutionen, die das Ziel hatte, die Bundespolitik gemäß den Verbandsinteressen zu beeinflussen. Als Lobbyisten wurden jene Hauptstadtvertreter der Verbände angesehen, die offiziell beim Parlament akkreditiert sind: im Jahr 2005 knapp 1 900.[46] Der Nutzen für Verbandsmitglieder liegt auf der Hand: Im Verband werden die Interessen, seien es die von Arbeitnehmern, die von Zeitungsverlegern oder auch gemeinnützige wie der Tierschutz, gebündelt und können so an die Politik weitervermittelt werden – am besten möglichst frühzeitig, bevor eine Gesetzesnovelle die jeweiligen Interessen beschneiden kann. Auch auf Seiten der Politik ist Lobbyismus durchaus vorgesehen und sinnvoll.

[...]


[1] www.epd.de/medien/medien_index_4264.htm, Zugriff am 6.4.06.

[2] Vgl. Klingemann, Hans-Dieter / Voltmer, Katrin: Politische Kommunikation als Wahlkampfkommunikation. In: Jarren, Otfried / Sarcinelli, Ulrich / Saxer, Ulrich (Hrsg.): Politische Kommunikation in der demokratischen Gesellschaft. Opladen 1998, S. 397.

[3] Meyer, Thomas: Mediokratie. Die Kolonisierung der Politik durch die Massenmedien. Frankfurt am Main 2001, S. 85.

[4] Leyendecker, Hans: Morbus missionis. In: Süddeutsche Zeitung vom 21.6.04, S. 19.

[5] Kepplinger, Hans Mathias: Politische Kommunikation als Persuasion. In: ebd., S. 363.

[6] Vgl. Drabant-Schwalbach, Astrid: PR – systematisches Kommunikationsmanagement als strategischer Erfolgsfaktor in Wirtschaft, Verwaltung und Politik. In: Ahrens, Rupert / Knödler-Bunte, Eberhard (Hrsg.): Public Relations in der öffentlichen Diskussion. Die Affäre Hunzinger – ein PR-Missverständnis. Berlin 2003, S. 114.

[7] Bentele, Günter: Öffentlichkeitsarbeit. In: ebd., S. 695.

[8] Vgl. Burkart, Roland: Verständigungsorientierte Public Relations-Kampagnen. In: Röttger 2002, a. a. O., S. 303.

[9] Ronneberger, Franz: Die Rolle von Public Relations im politischen Entscheidungsprozess. In. Böckelmann, Frank E.: (Hrsg.): Medienmacht und Politik. Mediatisierte Politik und politischer Wertewandel. Berlin 1989, S. 150.

[10] Schwarz, Friedhelm: Das gekaufte Parlament. Die Lobby und ihr Bundestag. München 1999, S. 256.

[11] Vgl. Zumpfort, Wolf-D.: Unternehmenslobbying: Politik informieren - Interessen kommunizieren. In: Dagger, Steffen / Greiner, Christoph / Leinert, Kirsten u.a. (Hrsg.): Politikberatung in Deutschland. Praxis in Perspektiven. Wiesbaden 2004, S.151f. In der Wissenschaft wird Lobbying in der Regel allerdings der PR zugerechnet. Vgl. Bentele, Günter: Der „Fall Hunzinger“, Lobbying und die Ethik der Public Relations. In: Ahrens/Knödler-Bunte 2003, a. a. O., S. 131.

[12] Schubert, Klaus / Klein, Martina: Das Politiklexikon. Bonn 2003, S. 223.

[13] Vesper, Sebastian: Richtlinien gesucht. In: PR Report 38, Heft 5/2003, S. 30.

[14] Vgl. Jarren, Otfried / Sarcinelli, Ulrich: „Politische Kommunikation als Forschungs- und als politisches Handlungsfeld: Einleitende Anmerkungen zum Versuch der systematischen Erschließung. In: Jarren/Sarcinelli/Saxer 1998, a. a. O., S. 16.

[15] Altmeppen, Klaus-Dieter / Löffelholz, Martin: Journalismus. In: Jarren/Sarcinelli/Saxer 1998, a. a. O., S. 415.

[16] Zur Erläuterung des Begriffs „Image“ siehe II.c.

[17] Lischka, Konrad: In Frisurfragen charakterfest. In: taz vom 23.10.01, S. 18.

[18] Vgl. Brettschneider, Frank: Agenda-Setting. In: Jarren/Sarcinelli/Saxer 1998. a. a. O., S. 636.

[19] Vgl. ebd., S. 635.

[20] Glaab, Manuela / Sesselmeier, Werner: Und weiter wird sich durchgewurstelt. In: Frankfurter Rundschau vom 27.7.05, S. 7.

[21] Vgl. Kepplinger: Politische Kommunikation als Persuasion. In: Jarren/Sarcinelli/Saxer 1998, a. a. O., S. 362.

[22] Vgl. Nieland, Jörg-Uwe 2003, a. a. O., S. 135.

[23] Vgl. Kepplinger: Politische Kommunikation als Persuasion. In: Jarren/Sarcinelli/Saxer 1998, a. a. O., S. 363.

[24] Vgl. Pauli-Balleis 1987, a. a. O., S. 15.

[25] Vgl. ebd., S. 70.

[26] Vgl. ebd., S. 16.

[27] Sarcinelli, Ulrich / Hoffmann, Jochen: Öffentlichkeitsarbeit zwischen Ideal und Ideologie. In: Röttger 2002, a. a. O., S. 39.

[28] Vgl. Bentele, Günter: Öffentlichkeitsarbeit. In: Jarren/Sarcinelli/Saxer 1998, a. a. O., S. 695.

[29] Müller, Marion G.: Politisches Parfüm. In: Röttger 2002, a. a. O., S. 209.

[30] Schicha, Christian / Brosda, Carsten: Interaktion von Politik, PR und Journalismus. In: Schatz, Heribert / Rössler, Patrick / Nieland, Jörg-Uwe (Hrsg.): Politische Akteure in der Mediendemokratie. Politiker in den Fesseln der Medien? Wiesbaden 2002, S. 47f.

[31] Vgl. Hoffjann, Olaf: Das öffentliche Gesicht der Politik. In: Donsbach/Jandura 2003, a. a. O., S. 213. Er „vermutet, dass Journalismus und Public Relations zwar voneinander abhängig sind, dass sie aber durchaus auch ohne die Leistungen des anderen Systems existieren könnten“ und: „Auf die Existenz des Journalismus könnte die Politik […] verzichten – dafür gibt es Marktplätze, Handzettel und Plakate“. Um Belege für diese Thesen zu finden, müsste man schon in vormoderne Zeiten zurückgehen.

[32] Vgl. Altmeppen/Löffelholz 1998, a. a. O., S. 416.

[33] Vowe, Gerhard: Akteur. In: Jarren/Sarcinelli/Saxer 1998, a. a. O., S. 636.

[34] Gerhards, Jürgen: Öffentlichkeit. In: ebd., S. 694.

[35] Altmeppen/Löffelholz 1998, a. a. O., S. 417.

[36] Vgl. Tenscher 2002, a. a. O., S. 251.

[37] Vgl. Altmeppen/Löffelholz 1998, a. a. O., S. 416.

[38] Bentele, Günter: Image. In: Jarren/Sarcinelli/Saxer 1998, a. a. O., S. 657.

[39] Vgl. Kepplinger: Politische Kommunikation als Persuasion. In: Jarren/Sarcinelli/Saxer, a. a. O., S. 366f.

[40] Die Behauptung Klaus Mertens, ein Politiker-Image könne „im Bedarfsfall auch schnell geändert werden“, ist demnach mit Vorsicht zu genießen. Zwar ist ein neues Image schnell aus dem Hut gezaubert, doch der Rezipient als „Gewohnheitstier“ wird sich nicht so leicht von seinem einmal gebildeten Urteil abbringen lassen. Vgl. Merten, Klaus: Medien als Steigbügelhalter. In: message 4, Heft 2/2003, S. 49.

[41] Vgl. Schicha/Brosda 2002, a. a. O., S. 55. „Hier mögen Öffentlichkeitsarbeiter aus anderen Branchen neidisch werden“, kommentiert Hoffjann das stete Interesse, ja die Angewiesenheit von Journalisten auf Polit-PR. Hoffjann 2003, a. a. O., S. 222.

[42] Leif, Thomas / Schmidt-Deguelle, Klaus-Peter: „Viel Glück und harte Arbeit“. In: message 2, Heft 4/2000, S. 53.

[43] Ebd., S. 54.

[44] Schmidt, Heike: Nonstop aufwärts. In: Werben & Verkaufen 39, Heft 16/2001, S. 64.

[45] Stalder, Helmut / Jarren, Otfried: „Wir brauchen neue Formen des politischen Dialogs“. In: Tages-Anzeiger vom 2.9.99, S. 2.

[46] Vgl. Hoffmann, Andreas: Die Kontaktmänner. In: Süddeutsche Zeitung vom 18.8.05, S. 8.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Mit Netz und doppeltem Boden - Fluch und Segen der Polit-PR im Berliner Hauptstadtjournalismus
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Lehrstuhl für Journalistik I)
Veranstaltung
Hauptseminar: Massenmedien und Politik
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
50
Katalognummer
V68694
ISBN (eBook)
9783638611251
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Netz, Boden, Fluch, Segen, Polit-PR, Berliner, Hauptstadtjournalismus, Hauptseminar, Massenmedien, Politik
Arbeit zitieren
Juliane Matthey (Autor), 2006, Mit Netz und doppeltem Boden - Fluch und Segen der Polit-PR im Berliner Hauptstadtjournalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68694

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