Besser gut repräsentiert als schlecht selbstregiert? 'Theorien demokratischer Elitenherrschaft' auf dem Prüfstand


Hausarbeit, 2005

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Vertreter der „Theorie demokratischer Elitenherrschaft“
3.1 „Funktionseliten“ und „Elitenpluralismus“
3.1.1 Das Volk als Kontrollinstanz – Otto Stammer
3.1.2 Soziale Differenzierung – Raymond Aron
3.1.3 Ungleiche Verteilung politischen Einflusses – Robert A. Dahl
3.1.4 Die „geplante Demokratie“ – Karl Mannheim
3.2 Das Marktmodell – Joseph A. Schumpeter

III. Die Herrschaft isolierter Machteliten – C. Wright Mills

IV. Normative Kritik an den Theorien – Die „radikalen Demokraten“
5.1 Selbstverwaltung – Thomas B. Bottomore
5.2 Gleichheit politischer Macht – Peter Bachrach Begriffe und empirische Feststellungen

V. Fazit

VI. Literatur

I. Einleitung

„Eine Demokratie, in der alle Menschen in allem die gleiche Verantwortung hätten, würde die Gewissenhaften bedrücken und für die Übrigen Zügellosigkeit bedeuten.“[1] Dies war für T. S. Eliot ein Grund dafür, dass in jeder Gesellschaft, selbst in einer Demokratie, die Politik und ihr kulturell-sozial-ökonomisches Umfeld von einigen wenigen gelenkt werden müssen Jene „wenigen“ kann man als „Eliten“ bezeichnen.

„Is it not a contradiction in terms to speak about ,élites‘ in a democratic society? Does democratization not do away with the distinction between ,élite‘ and ,mass‘ altogether?“[2], fragte in diesem Zusammenhang Karl Mannheim in den fünfziger Jahren. Nein, lautet die einfache Antwort – und dies ist aber schon der einzige gemeinsame Nenner, auf den sich die Elitetheoretiker der letzten Jahrzehnte einigen konnten.

Der vorherrschende Ansatz der Nachkriegszeit war, im Anschluss an die ersten, klassischen Elitetheorien, jener, den man unter dem Terminus „Theorien demokratischer Elitenherrschaft“ zusammenfassen kann. Jene sollen in der vorliegenden Arbeit vorgestellt, eingeordnet und bewertet werden.

Bei der Vorstellung der Theoretiker bietet es sich an, nach Untergruppen geordnet vorzugehen. Zunächst wären da die Vertreter der Konzepte „Funktionseliten“ und „Elitenpluralismus“, die den Eliten – wie die Namen schon sagen – grundlegende Funktionen in der demokratischen Gesellschaft und gleichzeitig ein unabdingbares Minimum an innerem Pluralismus zuweisen: Otto Stammer, Raymond Aron und Robert A. Dahl, die sehr ähnliche Ansätze verfolgen. Ebenfalls zu erwähnen wäre Karl Mannheim, der auch zu dieser erste Untergruppe zu zählen ist, allerdings mit seinem Konzept der „geplanten Demokratie“ doch eine gewisse Sonderrolle einnimmt. Schließlich wären da noch Joseph A. Schumpeter, der für das ökonomische Elitenmodell steht, sowie C. Wright Mills, dessen Theorie der Machtelite streng genommen genau das Gegenteil einer „demokratischen Elitenherrschaft“ beschreibt.

Im Anschluss werden diesen Theorien die einige Jahre später entwickelten, kritischen Ansätze radikalerer Demokratiebefürworter entgegengestellt. An den Beispielen Thomas B. Bottomores und Peter Bachrachs soll gezeigt werden, dass sie Alternativen zu der

Herrschaft einer kleinen Elite für möglich hielten und so versuchten, das „Eliteproblem“ als zentrales „Herrschaftsproblem parlamentarischer Demokratien“[3] für überflüssig zu erklären.

In den Abschnittstiteln werden die jeweiligen Schlagwörter verwendet, die nach Meinung der Verfasserin die Besonderheiten des jeweiligen Ansatzes treffend hervorheben.

II. Vertreter der „Theorie demokratischer Elitenherrschaft“

Die klassischen Elitetheorien, vertreten durch Gaetano Mosca, Vilfredo Pareto und Robert Michels, brachten im frühen zwanzigsten Jahrhundert die Elitediskussion aus dem aristokratischen Prinzip in die Demokratietheorie ein. So zeigten sie auf, dass es auch in demokratischen Systemen immer eine Minderheit sein muss, die de facto die Macht innehat. Aus diesem Gedanken entwickelten sich in der Folge die so genannten „Theorien demokratischer Elitenherrschaft“. Dieser ursprünglich polemische Begriff wurde mit ironischer Intention in den siebziger Jahren von Peter Bachrach erst im Nachhinein in die Diskussion eingebracht[4], d. h. die entsprechenden Vertreter bezeichneten ihren gemeinsamen Denkansatz noch nicht so. Zudem halten einige Autoren die Begrifflichkeit für eher inadäquat. So schlug Helmut Köser beispielsweise schon 1975 vor, das Konzept eher als „pluralistische Demokratietheorie“ zu bezeichnen.[5] Wie diese Formulierung zu rechtfertigen ist, soll sich bei der anschließenden Betrachtung der Denkansätze zeigen.

Über die Angemessenheit der Begriffe wird später noch zu sprechen sein; unbestreitbar ist allerdings, dass sich eine gute Handvoll Theoretiker unter ihnen zusammenfassen lassen, da ihre Theorien, obwohl teilweise sehr unterschiedliche Aspekte von Elitenherrschaft und Demokratie beleuchtet werden, deutliche Parallelen aufweisen. Sie alle wurden in den fünfziger Jahren entwickelt, also einer Zeit, die vom gesellschaftlichen Umbruch geprägt war. Es war der Beginn und gleichzeitig die Hochphase des Kalten Krieges, des ideologischen Kampfes der „westlichen Demokratie“ gegen die marxistische Ideenwelt des Ostblocks – Thomas B. Bottomore meint gar, dass „der Widerstand gegen den Marxismus der eigentliche Ausgangspunkt für die Entstehung der Elitetheorien“[6] gewesen sei. Gleichzeitig bildeten sich in Europa neue Demokratien heraus, unter denen die Bundesrepublik Deutschland die wohl wichtigste darstellte. Diese Rahmenbedingungen sind im Hinterkopf zu behalten bei der Analyse der Überlegungen der „demokratischen Elitetheoretiker“.

3.1 „Funktionseliten“ und „Elitenpluralismus“

3.1.1 Das Volk als Kontrollinstanz – Otto Stammer

Otto Stammer sagt, ganz im Anschluss an die klassischen Elitetheoretiker, dass es in der neuartigen Massengesellschaft keine wirkliche Volksherrschaft gibt, sondern nur Herrschaft im Auftrag und unter der Kontrolle des Volkes. Demokratie ist demnach ein Repräsentativsystem, mit dem Volk als höchster Berufungsinstanz. Die Herrscher, also die Eliten, handeln mit dem Einverständnis des Volkes, wenn sie dessen Gemeinschaftswillen konzipieren und delegieren, also die politische Willensbildung ausführen, womit das Volk selbst in komplexen Massengesellschaften maßlos überfordert wäre.[7] Damit sie dies in vernünftiger Art und Weise vollbringen können, benötigen sie eine enge politische Bindung zwischen den Volksmassen, den gesellschaftlichen Gruppen und der Staatsführung. Sie müssen also eine starke Bindung sowohl nach oben – zur Führung – als auch nach unten – zur Masse – haben, um ihre „funktionale Mittlerstellung zwischen Führung und Volk“[8] ausfüllen zu können. Dass die Eliten sich gesellschaftlich abkapseln, wie in der politischen Diskussion so oft beklagt, stellt bei diesem Modell dementsprechend eine besonders große Gefahr dar, da in diesem Fall das ganze demokratische System außer Kraft gesetzt würde.

Stammers Eliten dürfen auch insofern nicht gesellschaftlich isoliert sein, als sie sich aus der gesamten Breite der Gesellschaft rekrutieren – und zwar über die so genannten Muttergruppen, in denen sich durch besondere Leistung elitäre Kleingruppen herausbilden. Die einzelnen Eliten, die aus verschiedenen Muttergruppen hervorgegangen sind, stehen miteinander im Konkurrenzkampf, denn alle wollen ihre Einflussbereiche in der Gesellschaft ausdehnen.[9] Es sind bei Stammer also pluralistische und gleichzeitig leistungsbezogene Funktionseliten, die durch die Muttergruppen „gesiebt“ werden. Das Volk fungiert dabei als schiedsrichterliche Kontrollinstanz, die durchaus sachverständig ist. Genau so sieht das Raymond Aron – ganz im Gegensatz zu Schumpeter, der ja eher eine vernichtende Meinung über die Kompetenz der Massen hat, wie an späterer Stelle noch deutlich werden soll.

[...]


[1] Eliot, T. S.: Zum Begriff der Kultur, München 1961, S. 53.

[2] Mannheim, Karl: Essays on the Sociology of Culture. London 1956, S. 200.

[3] Köser, Helmut: Demokratie und Eliteherrschaft. Das Eliteproblem in der Demokratietheorie. In: Dieter Oberndörfer / Wolfgang Jäger (Hrsg.): Die neue Elite. Eine Kritik der kritischen Demokratietheorie. Freiburg 1975, S. 150.

[4] Vgl. Köser, a. a. O., S. 158f.

[5] Vgl. ebd., S. 158f.

[6] Bottomore, Thomas B.: Elite und Gesellschaft. Eine Entwicklung über die Entwicklung des Eliteproblems. München 1966, S. 134.

[7] Vgl. Stammer, Otto: Das Elitenproblem in der Demokratie. 1951. In: Wilfried Röhrich: Demokratische Elitenherrschaft. Darmstadt 1975, S. 205.

[8] Ebd., S. 202.

[9] Vgl. ebd., S. 214. Als „Muttergruppen“ bezeichnet Stammer verschiedenartigste Arten von politisch wirksamen Vereinigungen wie Parteien, Verwaltungen oder auch Parlamente.

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Details

Titel
Besser gut repräsentiert als schlecht selbstregiert? 'Theorien demokratischer Elitenherrschaft' auf dem Prüfstand
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Lehrstuhl für Politikwissenschaft II)
Veranstaltung
Übung: Elite und Politische Klasse
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V68695
ISBN (eBook)
9783638611268
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Besser, Theorien, Elitenherrschaft, Prüfstand, Elite, Politische, Klasse
Arbeit zitieren
Juliane Matthey (Autor), 2005, Besser gut repräsentiert als schlecht selbstregiert? 'Theorien demokratischer Elitenherrschaft' auf dem Prüfstand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68695

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