Trivialisiert 'Geschichte zum Anfassen' den Nationalsozialismus? Erörterung einer geschichtswissenschaftlichen Kontroverse


Seminararbeit, 2004
28 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entstehung der „Geschichte zum Anfassen“

3 Vorgehensweise und Probleme
Quellen und Quellenlage
Abgrenzung der Thematik
Aufbereitung des Quellenmaterials
Repräsentativität

4 Die Argumente der Kritiker

5 Nutzen einer Alltags- und Regionalgeschichte bezüglich der NS-Zeit
Die Vorzüge
Interessante und überraschende Ergebnisse
Ein gelungenes Beispiel: das „Bayern-Projekt“

6 Geschichtsforschung auf eigene Faust: die „Geschichtswerkstätten“

7 Der Konsens

8 Fazit

9 Literatur

1 Einleitung

Alltags- und Regionalgeschichte waren seit ihrer Entstehung ein heikles Thema in der deutschen Geschichtswissenschaft. Nach einer langen Zeit, in der Historiker sich von der Öffentlichkeit abgekapselt hatten, erschien die Hinwendung zur Geschichte der „kleinen Leute“ manchen als Patentrezept, um Geschichtsinteresse in der Bevölkerung zu wecken, manchen als bloße Methode, um sich vor der Analyse größerer Zusammenhänge zu drücken. Manche sehen sie als Brücke zu heutigen Problemen, andere als nostalgischen Heimatkult.

Besonders eklatant zeigen sich diese Kritikpunkte in Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus. Hat die neue Richtung, vom „Spiegel“ gar als „neue Geschichtsbewegung“ bezeichnet[1], also zu einer besseren Einsicht in die NS-Zeit verholfen und einer interessierten Öffentlichkeit den Zugang dazu eröffnet oder verzerrt sie ihr Bild ins Triviale? Diese Frage soll in der vorliegenden Arbeit erörtert werden. Sie befasst sich in erster Linie mit der so genannten „Alltagsgeschichte“, aber auch mit den Feldern „Regionalgeschichte“ und „Oral History“, da sie thematisch wie methodisch eng miteinander verbunden sind. M. E. lässt sich allen Richtungen der Anspruch der „Geschichte zum Anfassen“ zuschreiben, weshalb sie im Folgenden als solche bezeichnet werden sollen.

Zunächst wird ein kurzer Überblick über die Entstehungsgeschichte der genannten Richtungen gegeben, vor allem in Bezug auf das „Dritte Reich“, das von Beginn an ein wichtiges Forschungsfeld war. Im Anschluss daran wird die Vorgehensweise der Alltagshistoriker der NS-Zeit vorgestellt, verbunden mit den Problemen, auf die sie in ihrer Arbeit immer wieder stoßen: die der meist schwierigen Quellenlage, der eingeschränkten Abgrenzbarkeit der Thematik sowie der Frage, in welcher Form die Ergebnisse präsentiert werden sollten. Der Streit um die „Geschichte zum Anfassen“, in erster Linie die der NS-Zeit, wird anschließend nachgezeichnet, indem zuerst Kritiker zu Wort kommen, dann Vorzüge der Richtung aufgezählt werden. Als vorbildhaftes Exempel soll das „Bayern-Projekt“ des Münchner Instituts für Zeitgeschichte dienen, das den Widerstand in Bayern anhand zahlreicher konkreter Beispiele erforschte und damit die deutsche Alltags- und

Regionalgeschichtsforschung deutlich vorangetrieben hat. Eine wichtige „Nebenerscheinung“ der Richtung „Geschichte zum Anfassen“ war, dass auch Laien begannen, sich mit der Geschichte zum Beispiel ihrer Region, ihrer Stadt oder ihres Stadtteils auseinanderzusetzen. Seit den achtziger Jahren entstanden auf dieser Grundlage die so genannten „Geschichtswerkstätten“, aber zum Beispiel auch Projekte mit Schülern. Auf beide Erscheinungen soll hier kurz eingegangen werden. Die Arbeit endet mit der Präsentation einiger Aussagen neueren Datums, die beispielhaft für eine Art Konsens stehen, zu dem der Großteil der Historiker inzwischen im Streit um die „Geschichte zum Anfassen“ gekommen ist. Daran knüpft abschließend ein persönliches Fazit der Verfasserin an.

2 Entstehung der „Geschichte zum Anfassen“

Die deutsche Geschichtswissenschaft begann bald nach dem Krieg, sich mit der NS-Zeit auseinanderzusetzen, allerdings für viele Jahre abgeschottet von einer größeren Öffentlichkeit. Dem entsprach der eher masseninkompatible Ansatz der damaligen Forschung: Die zentralen Themen waren das Möglichwerden der Machtergreifung durch die Weimarer Krise, die Außenpolitik, die nationalsozialistische Ideologie und ihre Umsetzung im Holocaust.[2]

Man bewegte sich auf dem historistischen Parkett der Staatsaktionen und wichtigen politischen Köpfe.

In den sechziger Jahren verlagerte sich der Fokus auf die großen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge. Auch in der Nationalsozialismus-Forschung hielten die Ansätze der Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie der Historischen Sozialwissenschaft Einzug. Eine wichtige Vertretergruppe dieser neuen, strukturorientierten Richtungen waren marxistische Historiker, die sich im Wesentlichen für die Rolle des „Großkapitals“ oder der Herrschaftseliten im Nationalsozialismus interessierten. Bei der Erörterung der Frage, wie es zu der Machtübernahme 1933 kommen konnte, spielten dementsprechend nicht die Erfahrungen des Volkes eine Rolle, sondern vor allem die politischen und gesellschaftlichen Strukturen.

Der anschließende erneute Paradigmenwechsel vollzog sich dann unter anderem dadurch, dass Marxismus- und Funktionalismus-Vertreter selbst zunehmend Detailprobleme und regionale Beispiele ins Auge fassten. Zeitlich fiel dieses Umdenken zusammen mit der Studentenbewegung der späten sechziger Jahre, in deren Verlauf sich allmählich Enttäuschung ausbreitete über das Scheitern der Forderungen nach schnellen, grundlegenden Reformen. Volker Ullrich sieht hier eine weitere Wurzel der „Geschichte zum Anfassen“: „Die Wiederentdeckung der Subjektivität, der Rückzug in überschaubare Räume, die Entwicklung alternativer Lebensformen sind der Humus, auf dem das neue Interesse an Alltagskultur und Alltagsgeschichte gedeihen konnte.“[3]

Doch nicht nur die Studenten, auch die breite Masse hatte in den siebziger Jahren, ausgelöst durch die erste Wirtschaftskrise seit dem Krieg, ein verstärktes Bedürfnis „nach verlässlich-unbelasteter Tradition, in der man sich zu identifizieren vermag.“[4]

Diese hatte unter der Diktatur des Nationalsozialismus stark gelitten, war aber von der Bevölkerung nicht vermisst worden, so lange es ihr in der Zeit des „Wirtschaftswunders“ gut ging.

Durch das benachbarte Themenspektrum „Volk und Alltag“ kam es nun erstmals zu einer Kooperation mit Volkskunde und Kulturanthropologie.[5] Neben den Volkskundlern hatten lange vor den Historikern auch Philosophen, Soziologen und auch Sprachwissenschaftler den Alltag als ertragreichen Ansatz entdeckt, um bisher unerklärt gebliebene gesellschaftliche Erscheinungen verstehen zu können.[6] Auch methodisch waren die anderen Wissenschaften der Geschichtsforschung in dieser Beziehung voraus. So wurden in der Soziologie schon lange biographische Befragungen durchgeführt, die in der Oral History später ihr Äquivalent in lebensgeschichtlichen Interviews fanden. Im Ausland, besonders in Frankreich, England und den USA, hatte die Darstellung von Alltagsthemen eine lange, über heimattümelnde Volkskunde hinausgehende Tradition. So war in Frankreich bereits Marc Blochs „Les rois thaumaturges“ 1924 ein Schritt in Richtung der modernen Alltagsgeschichte.[7] Einen entscheidenden Impuls gab später der schwedische Journalist Sven Lindquist. Er rief vor allem die Arbeiter dazu auf, im eigenen Milieu Geschichtsforschung zu betreiben, für das sie selbst und nicht außen stehende Historiker die besten Experten seien.[8] So rückten die Arbeiter als Forschende wie als zu Erforschende in den Blickpunkt.

Vorherrschendes Thema war zunächst nicht nur hier die Alltagskultur der Arbeiterschicht seit dem neunzehnten Jahrhundert, ihre soziale Lage, ihre Familienverhältnisse, ihre Freizeit usw. Eine besonders wichtige Rolle in der Etablierung der Geschichte der kleinen Räume bezüglich des „Dritten Reiches“ spielte die Erforschung des Widerstandes. In dem Bestreben, den

Untersuchungen Tiefe und Anschaulichkeit zugleich zu verleihen, ergab sich dies fast zwangsläufig, denn nur in der Beschränkung auf den kleinen Raum ist die Quellenmasse von Zeitzeugenaussagen, Gestapo-Schriftstücken, persönlichen Dokumenten der „Widerständler“ oder Artikeln aus der nationalsozialistischen Presse etc. zu bewältigen.[9]

Erstmals gab es also eine „Geschichte zum Anfassen“, die sich jedermann eröffnete. Zur weiteren Popularisierung des Trends haben dann die Medien entscheidend beigetragen. In den siebziger und achtziger Jahren erschien eine ganze Reihe historischer Spielfilme, die das Leben der „kleinen Leute“ darstellten.[10] In ihnen stand allerdings „Heimat“, „ wie in Edgar Reitz’ erfolggekröntem Fernsehfilm das neue Losungswort, […] jedoch nicht mehr nur als Synonym für eine kleine heile Welt“[11], sondern sollte in allen positiven wie negativen Facetten sowie im gesamtgesellschaftlichen Kontext dargestellt werden. Die Popularität der Historiographie in jenen Jahren manifestierte sich in groß angelegten Aktionen wie dem Wettbewerb „Alltag im Nationalsozialismus“, an dem 1981 über 12 000 Jugendliche teilnahmen.[12]

Als Grund, warum diese Art der Geschichtsschreibung in Deutschland erst ab den siebziger Jahren aufkam, führen Detlev Peukert und Jürgen Reulecke eine „Blockade der Erinnerung“ an, eine „Verweigerung, sich der NS-Vergangenheit zu stellen“. Diese habe erst an Gewicht verloren, als die jüngsten im „Dritten Reich“ schon erwachsenen Zeitzeugen die Besonnenheit des Rentenalters erreichten.[13] Vermutlich bestand damit verbunden eine Scheu unter den Historikern, sich der Methode der lebensgeschichtlichen Interviews zuzuwenden, zumal mit Menschen, die unter dem NS-Regime zu leiden hatten. Ein anderer Grund ist im Wesen der konservativen deutschen Geschichtswissenschaft und deren außerordentlich starkem Einfluss zu suchen, der von ihren Protagonisten – vor allem Vertreter der Bielefelder Schule wie Hans-Ulrich Wehler – vehement verteidigt wurde.[14]

Inzwischen ist der Einfluss der neuen Richtung nichtsdestotrotz sogar größer als im Ausland einzuschätzen. So schreibt der amerikanische Historiker Roger Fletcher 1988: „Its ramifications are probably wider than those of history from below as practiced hitherto in the anglophone world, in France, in Italy, or the West in general.“[15] So ist die Geschichtsschreibung verschiedenster Epochen inzwischen von der Alltagsgeschichte geprägt worden – oft auch latent. Beispielsweise hat sie auch in Thomas Nipperdeys einflussreichen Darstellungen deutscher Geschichte ganz selbstverständlich Einzug gehalten; wie in der Analyse der „Bürgerwelt“ in seinem Werk „Deutsche Geschichte 1800-1866“.[16] Das Ausmaß des Einflusses verdeutlicht sehr gut eine weitere Einschätzung Fletchers: „It appears that more Germans now contemplate their history […] as one generation learning from the life experiences of another, not judgmentally but withdue compassion and understanding.“[17] Statt abgehobener Theorie soll sich nun also in die Eltern- und Großelterngeneration hineinversetzt werden, um aus ihrem Handeln, ihrem eventuellen Fehlverhalten zu lernen. Ob dies einen Rückschritt in die Zeit des Historismus bedeutet, sei hier dahingestellt. Nach dem langjährigen Primat der Sozialgeschichte war wohl die revolutionär rasche Ausbreitung des Trends „Geschichte zum Anfassen“ – Peter Borscheid spricht gar von einem „Pendelschlag zurück, wie er in dieser Heftigkeit und Schnelle bisher noch nie erlebt wurde“[18] – das Moment, welches die Debatte um dessen Zulässigkeit derartig angeheizt hat.

[...]


[1] Zit. bei Paul/Schoßig, Die andere Geschichte, S. 11.

[2] Vgl. Peukert/Reulecke, Einleitung, in: Die Reihen fast geschlossen, S. 11.

[3] Ebd., S. 405.

[4] Paul/Schoßig, Die andere Geschichte, S. 16.

[5] Dass diese Zusammenarbeit erst in den siebziger Jahren zustande kam und auch danach zögerlich blieb, könnte laut Jürgen Kocka damit zusammenhängen, „dass die Volkskunde in der NS-Zeit besonders korrumpiert war“: Kocka, Diskussionsbeitrag, in: Alltagsgeschichte der NS-Zeit, S. 51.

[6] Vgl. Borscheid, Alltagsgeschichte – Modetorheit oder neues Tor zur Vergangenheit?, in: Sozialgeschichte in Deutschland III, S. 83.

[7] Vgl. ebd., S. 79

[8] Vgl. z. B. Lüdtke, Formierung der Massen oder: Mitmachen und Hinnehmen?, in: Normalität oder Normalisierung?, S. 23.

[9] Herrmann, Widerstand und Verweigerung, in: Das zersplitterte Nein, S. I.

[10] Vgl. Ullrich, Entdeckungsreise in den historischen Alltag, S. 404.

[11] Borscheid, Alltagsgeschichte – Modetorheit oder neues Tor zur Vergangenheit, S. 84.

[12] vgl. Paul/Schoßig, Die andere Geschichte, S. 15.

[13] Vgl. Peukert/Reulecke, Einleitung, in: Die Reihen fast geschlossen, S. 13.

[14] Vgl. Fletcher, History from Below Comes to Germany, in: Journal of Modern History, S. 558.

[15] Ebd., S. 558.

[16] Vgl. dazu Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat, München 1983.

[17] Fletcher, History from Below Comes to Germany, S. 565f.

[18] Borscheid, Alltagsgeschichte – Modetorheit oder neues Tor zur Vergangenheit, S. 85.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Trivialisiert 'Geschichte zum Anfassen' den Nationalsozialismus? Erörterung einer geschichtswissenschaftlichen Kontroverse
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar: Nationalsozialismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
28
Katalognummer
V68697
ISBN (eBook)
9783638611282
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trivialisiert, Geschichte, Anfassen, Nationalsozialismus, Erörterung, Kontroverse, Proseminar
Arbeit zitieren
Juliane Matthey (Autor), 2004, Trivialisiert 'Geschichte zum Anfassen' den Nationalsozialismus? Erörterung einer geschichtswissenschaftlichen Kontroverse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68697

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