Die Deklaration von Arbroath - Ausdruck des schottischen Nationalbewusstseins?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1. Relevanz des Themas
2. Forschungs - und Quellenlage
3. Definition von Nationalbewusstsein

II. Hauptteil
1. Auf dem Weg zur Deklaration von Arbroath
2. Züge von Nationalbewusstsein in der Deklaration von Arbroath
a. Die Rolle des Geschichtsbewusstsein s
b. Die Bedeutung der schottischen Kirche
c. Das Prinzip des schottischen Gemeinschaftsbewusstseins
d. Die Legitimation des Herrschers
e. Die Beziehung zwischen ‚community’ und Herrscher
f. Die Bedeutung von Sprache
3. Rezeptionsgeschichte

III. Schluss

IV. Bibliographie

I. Einleitung

1. Relevanz des Themas

‚Sicherlich finden wir keine deutlichere Aussage des schottischen Nationalismus und Patriotismus im 14. Jahrhundert [als die Deklaration von Arbroath]. Eben so sicher wurde nirgendwo im Westen Europas in dieser Periode eine feinsinnigere Erklärung über den Anspruch auf nationale Unabhängigkeit produziert. In dieser Hinsicht ist die konservative ‚community of the Scottish realm’ ihrem Zeitalter weit voraus.’[1]

Lange Zeit galt Großbritannien als Musterbild geglückter nationaler Integration. So schrieb Reginald Coupland 1954: „Heute sind diese kriegführenden Nationen harmonisch vereint in einem integrierten Vielvölkerstaat.“[2] Dieses Bild änderte sich, als bei den Unterhauswahlen 1974 die Scottish National Party (SNP) 30,3 Prozent der Wählerstimmen und elf Unterhaussitze gewann, was der schottischen Unabhängigkeitsbewegung einen neuen Aufschwung gab und 1999 in der Wahl eines eigenen schottischen Parlaments gipfelte.

Die Wurzeln dieser Suche nach Unabhängigkeit sind im Mittelalter zu finden. Als Entstehungsdatum der schottischen Nation wird vielfach das 13./14. Jahrhundert gesehen, vornehmlich die Zeit des Unabhängigkeitskrieges gegen England 1296-1357.[3] Damit sich eine Gemeinschaft jedoch als Nation empfinden kann, bedarf es eines Bewusstseins der eigenen Nationszugehörigkeit.

In der vorliegenden Hausarbeit soll untersucht werden, ob die Herausbildung von Nationalbewusstsein schon im Spätmittelalter nachweisbar ist. Die herausragende Position der Deklaration von Arbroath in der schottischen Nationalgeschichte legt nahe, diese Quelle auf Anzeichen von frühem Nationalbewusstsein zu überprüfen.

Hierbei soll wie folgt vorgegangen werden: Nach einer kurzen Analyse des Forschungsstandes soll per Definition festgelegt werden, was unter dem Begriff Nationalbewusstsein verstanden werden soll. Der historische Kontext soll durch Aufzeigen quellenimmanenter Entwicklungen hinleiten zur eigentlichen Quellenarbeit. Im folgenden Teil werden einzelne Argumentationsstränge, die in der Quelle auftauchen, auf ihre Bedeutung für die Entwicklung des schottischen Nationalbewusstseins überprüft. Im letzten Teil soll auf die Bedeutung der Deklaration von Arbroath für die spätere Entwicklung eingegangen werden.

2. Forschungs - und Quellenlage

Die Deklaration von Arbroath wurde ursprünglich in dreifacher Ausfertigung erstellt: der Entwurf, die endgültige Version, die dem Papst gesendet wurde und eine Kopie davon, die in Schottland aufbewahrt wurde. Von diesen drei Dokumenten hat nur das letzte die Zeit überdauert. Fergusson vermutet, dass der Verfasser des Originals nicht die gleiche Person gewesen sein kann, die die Abschrift verfasste, da sie Fehler und Wortauslassungen enthält, die dem Papst sicherlich nicht geschickt wurden.[4] Folglich muss bei Bewertung dieser Quelle bedacht werden, dass das Original rhetorisch leicht differenziert gewesen sein kann und dadurch 1320 eventuell eine andere Wirkung erzielte.

Grant Simpson fragte 1977: „Kann überhaupt irgendetwas Vorstellbares noch gesagt werden über ein Dokument, dass anscheinend in Schottland so bekannt ist wie die Deklaration von Arbroath?“[5] Diese Frage muss bejaht werden. Obwohl schon Ende der vierziger Jahre Analysen des Manifests begannen, setzte eine ausführlichere Betrachtung erst in den siebziger Jahren, hauptsächlich mit den Arbeiten Duncans[6] ein. Forschungsansätze, welche die Deklaration im Verhältnis zu schottischen Freiheits- und Unabhängigkeitsbestrebungen sehen, treten vermehrt erst in den letzten Jahren auf. Hierzu zählen vor allem Goldsteins Publikation „The Matter of Scotland“ und Cowans Aufsatz „Identity, Freedom and the Declaration of Arbroath“. Ein Zusammenhang zu den politischen Strömungen dieser Zeit ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen.

Dezidierte Arbeiten über die Entwicklung des schottischen Nationalbewusstseins im Zusammenhang mit der Deklaration von Arbroath sind nicht aufzufinden. In den genannten Werken wird nur am Rande darauf eingegangen.

3. Definition von Nationalbewusstsein

Denken Deutsche an Nationalbewusstsein, kommen ihnen in aller Regel die Nationalbestrebungen Anfang des 19. Jahrhunderts in den Sinn. So stellt sich die Frage, wie ein solcher Gedanke mit dem Mittelalter vereinbar ist?

Der Begriff Nationalbewusstsein ist zwar ein Konzept, welches erst in der Neuzeit definiert wurde, dennoch sind Ansätze bereits in der Antike erkennbar und Entwicklungen, vor allem in den westeuropäischen Staaten, schon im Spätmittelalter aufzeigbar.[7] Aus diesem Grund soll eine moderne Definition des Begriffs Nationalbewusstsein zugrunde gelegt werden, anhand derer im Weiteren geprüft werden kann, inwieweit ein solches Bewusstsein schon in der schottischen Gesellschaft des Spätmittelalters existierte.

Im Wörterbuch zur Geschichte ist Nationalbewusstsein umrissen als „Empfinden für die Zusammengehörigkeit der Glieder einer Nation, zumeist aus dem Bewusstsein gleicher Abstammung, Sprache, Kulturüberlieferung oder geschichtlichen Vergangenheit erwachsen.“[8] Darüber hinaus wird vielfach noch differenziert zwischen „objektiv gegebenen Faktoren“, wie den oben genannten und „subjektiv-gedanklichen Orientie-rungen (z.B. übereinstimmende Weltbilder, Rechts-, Staats- und Gesellschafts-auffassungen)“[9]. Voraussetzung für ein Nationalbewusstsein ist ein starkes Selbstwert-gefühl, das in übersteigerter Form „in Abgrenzung zu anderen Staaten oder Nationen die eigenen nationalen Eigenschaften überhöht bzw. sie Anderen gegenüber als höherrangig ansieht.“[10]

II. Hauptteil

1. Auf dem Weg zur Deklaration von Arbroath

„Der Krieg wurde gekämpft um den Status quo des dreizehnten Jahrhunderts aufrecht zu halten, aber er beeinträchtigte Schottlands nationale Souveränität zutiefst. Obwohl ein schottischer Staat und eine schottische Identität schon existierte, wurden beide außerordentlich gestärkt.“[11]

Bevor die Deklaration von Abroath als ausdrucksstarkes Dokument eines möglichen Nationalbewusstseins untersucht werden kann, muss zunächst geklärt werden, wie die Entwicklung zu dieser Deklaration verlaufen ist.

Die dynastische Krise nach dem Tod des kinderlosen Königs Alexander III. im März 1286 führte zum Vertrag von Birgham, einem Hochzeitsarrangement zwischen dem Sohn des englischen Königs und der Enkelin des verstorbenen schottischen Königs. Dieser Vertrag sah zwar die Vereinigung der zwei Königreiche unter einem Herrscher vor, doch versprach Edward I., dass das schottische Königreich separat und frei, sowie rechtlich und politisch unabhängig sein würde. Zur Erfüllung dieses Vertrages kam es aufgrund des Todes der Erbin nicht, doch ab diesem Zeitpunkt sah die schottische Gemeinschaft sich in ihren Rechten von englischer Seite aus bestätigt und das „Wachsen eines starken, jedoch noch vagen Gefühls einer Nation“[12] wird erstmals erkennbar.

Als der von englischer Seite aus empfohlene König John I. 1295 vor Edward I. kapitulierte, entfernte die Gemeinschaft ihn aus der Regierung und errichtete einen Rat bestehend aus zwölf Aristokraten, die von nun an die Geschicke Schottlands in die Hand nahmen. Das Scheitern dieser Baronsherrschaft, sichtbar durch die symbolische Entfernung des Stone of Destiny und das Aufzwingen der vasallischen Herrschaft, wird als Schlag gegen die nationale Einheit betrachtet: „Schottlands Unabhängigkeit und verbunden damit die charakteristische Identität des Königreiches existierten nicht mehr.“[13]

Daraufhin kam es zum Ausbruch des so genannten Unabhängigkeitskrieges, in dem die Schotten 1304 beim Fall von Stirling Castle eine der ersten schweren Niederlagen hinnehmen mussten. Die schottische Gemeinschaft realisierte, dass, wenn der schottische Widerstand wiederaufleben sollte, es eines neuen Führers bedurfte: in Robert Bruce sah man den Geeigneten,[14] auch wenn dieser sich durch den Mord an seinem Rivalen John Comyn für einige als zweifelhafte Wahl darstellte.

Neben zahlreichen Schlachten wurde jedoch auch auf diplomatischen Wegen versucht, die zuvor anerkannten Rechte bestätigen zu lassen. Diese Niederschriften können als Vorreiter der Deklaration von Arbroath gelten und nehmen somit eine Schlüsselstelle für das schottische Unabhängigkeitsbewusstsein ein. Zu nennen sei hier vor allem die Bulle Scimus fili des Papstes Bonifaz VIII., in der dieser Schottland 1299 zusichert, frei von England jedoch unmittelbar der Kirche Roms untergeordnet zu sein. Als von englischer Seite jedoch kein politisches Einlenken stattfand, verstärkte sich 1301 der diplomatische Druck auf die Kurie, geleitet von dem kanonischen Anwalt Baldred Bisset. Zum Unterstreichen seiner Forderung nach Freiheit verfasste Bisset eine später als Processus bekannt gewordene historische Rechtfertigung der alten Rechte Schottlands auf Freiheit von der Oberherrschaft Englands.

Auch auf schottischem Gebiet kam es zu Handlungen, die die nationale Freiheit und Einheit beschworen. 1310 versammelten sich drei Ritter an der Cambuskenneth Abtei und schworen, „dass es ihre Pflicht sei die Freiheit des Königreiches und den kürzlich gekrönten König Robert gegen alle Sterblichen, Franzosen, Engländer und Schotten bis zu ihrem letzten Atemzug zu verteidigen.“[15]

Eine vergleichbare Anerkennung König Roberts I. von Seiten des Papstes blieb jedoch aus. Als die schottischen Überfälle auf England nicht abnahmen, verfügte Papst Johannes XXII. im Juni 1318 die Exkommunikation Roberts I.

Die Schotten hofften den päpstlichen Zorn abzuwenden, indem sie ihm die so genannte apologia schickten, die unter dem Namen Deklaration von Arbroath berühmt wurde. Dieser Brief war adressiert an Papst Johannes XXII., unterzeichnet von schottischen Baronen und datiert vom 6. April 1320 im Kloster von Arbroath. Die Deklaration ist ein Appell an den Papst, seinen Einfluss gerecht zu nutzen, und legt die komplette anglo-schottische Kontroverse aus Sicht der Schotten dar.

[...]


[1] Barrow, G. W. S. Robert Bruce and the Community of the Realm of Scotland. London, 1965. S. 430.

[2] Coupland, Reginald. Welsh and Scottish Nationalism. London, 1954. S. XV.

[3] Vgl. Kalckhoff, Andreas. Nacio Scottorum, schottischer Regionalismus im Spätmittelalter. In: Europäische Hochschulschriften, Reihe 3, 142. Frankfurt/Main, 1983. S. 3.

[4] Fergusson, James. The Declaration of Arbroath. Edinburgh, 1970. S. 23.

[5] Simpson, Grant G. The Declaration of Arbroath revitalised. In: The Scottish Historical Review. Band 56 (1977). Edinburgh. S. 11.

[6] Siehe Bibliographie.

[7] Fuchs, Konrad und Raab, Heribert. Stichwort: Nationalbewusstsein. In: Dtv-Wörterbuch zur Geschichte. Band 2. München, 8. Auflage1992. S. 549.

[8] Bayer, Erich und Wende, Frank. Stichwort: Nationalbewusstsein. In: Wörterbuch zur Geschichte: Begriffe und Fachausdrücke. Stuttgart, 5. neu gestaltete und erweiterte Auflage1995. S. 395.

[9] Brockhaus – die Enzyklopädie. Stichwort: Nationalbewußtsein. Bd. 15. Leipzig, 20. überarbeitete und aktualisierte Auflage1998. S. 347-348.

[10] Riescher, Gisela. Stichwort: Nationalismus. In: Nohlen, Dieter. Kleines Lexikon der Politik. München, 2001. S. 314.

[11] Grant, Alexander. Fourteenth-Century Scotland. In: The New Cambridge Medieval History. Hrsg. von M. Jones. Band 6. Cambridge, 2000. S. 354.

[12] Mackenzie, Agnes Mure. Robert Bruce: King of Scots. Edinburgh, 1956. S. 22.

[13] Watson, Fiona. The Enigmatic Lion: Scotland, Kingship and National Identity in the Wars of Independence. In: Image and Identity: The Making and Re-making of Scotland Through the Ages. Hrsg. von Dauvit Broun, R. J. Finlay and Michael Lynch. Edinburgh, 1998. S. 24.

[14] Vgl. Nicholson, Ranald. Scotland: The Later Middle Ages. In. The Edinburgh History of Scotland. Band II. Edinburgh, 1974. S. 71

[15] Duncan. The community of the realm of Scotland and Robert Bruce. S. 199.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Deklaration von Arbroath - Ausdruck des schottischen Nationalbewusstseins?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Konflikt, Region und Identität im mittelalterlichen und modernen Europa
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V69032
ISBN (eBook)
9783638808866
ISBN (Buch)
9783656562740
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deklaration, Arbroath, Ausdruck, Nationalbewusstseins, Hauptseminar, Konflikt, Region, Identität, Europa
Arbeit zitieren
Dörte Ridder (Autor), 2005, Die Deklaration von Arbroath - Ausdruck des schottischen Nationalbewusstseins?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69032

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