Quellenanalyse: "Ein offenes Wort in ernster Stunde" von Kardinal Bertram


Seminararbeit, 2003

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Methodische Vorüberlegungen

II. Hinführung zum Quellentext
1.) Historischer Kontext: Der Nationalsozialismus und die katholische Kirche bis 1931
2.) Biographischer Kontext: Adolf Kardinal Bertram
3.) Quellenbezogener Kontext

III. Quellenanalyse
1.) Berechtigter Nationalismus als Brücke zwischen katholischer Kirche und Nationalismus
2.) Das Spannungsfeld zwischen Assimilation und Widerstand
a.) Obrigkeit ist gottgegeben
b.) Auflehnung gegen die nationalsozialistische Ideologie
3.) Die Instrumentalisierung der Kirchengeschichte – oder die Vergleichbarkeit von Reformation und dem Niedergang der Weimarer Republik
4.) Die Besonnenheit als Grat zwischen Abwarten und Handeln

IV. Integration der Quelle in den historisch-politischen Gesamtzusammenhang

V. Literaturverzeichnis

I. Methodische Vorüberlegungen

Im Mittelpunkt der vorliegenden Hauarbeit steht die Quellenanalyse der Kundgebung Adolf Kardinal Bertrams, „Ein offenes Wort in ernster Stunde“, die er am Ende des Jahres 1930 verfasst hat.

Zur besseren Einordnung der Quelle in die Gesamtproblematik sollen jedoch zuerst Zusammenhänge aufgezeigt werden, die für das Verständnis der Quelle relevant sind. Dafür sind ein Vorverständnis der nationalsozialistischen Grundhaltung zur katholischen Kirche bis 1931, ebenso wie biographische Angaben zu Adolf Bertram und der quellenbezogene Kontext, der Auskunft geben soll über die Vorgeschichte der Entstehung der Quelle, von großer Bedeutung.

Bei der Quellenanalyse sollen dann anhand von vier entwickelten Problemstellungen beziehungsweise Thesen die relevanten Aussagen der Quelle untersucht werden.

In einem letzten Schritt sollen die erarbeiteten Erkenntnisse in ihren historisch-politischen Gesamtzusammenhang gestellt werden. Schwerpunktmäßig sollen die genannten Aspekte an der übergeordneten Hauptfragestellung: ‚Inwieweit ist die Kundgebung ein förderlicher und wirkungsvoller Beitrag zur Stärkung der Position der Kirche am Ende der Weimarer Republik?‘ näher geprüft werden.

Vor dem Hintergrund der Bedeutsamkeit der erarbeiteten Quelle für diese Zeit ist es erstaunlich, dass die Literaturlage diesbezüglich sehr schlecht ist. Zwar gibt es zahlreiche Biographien Bertrams, jedoch geht niemand ausführlicher auf die Kundgebung vom Dezember 1930 ein. Aus diesem Grund ist eine Untersuchung der Quelle besonders interessant.

II. Hinführung zum Quellentext

1.) Historischer Kontext: Der Nationalsozialismus und die katholische Kirche bis 1931

Religionspolitsche Vorstellungen der Nationalsozialisten wurden erstmalig im 25-Punkte Programm der NSDAP vom 24. Februar 1920 deutlich formuliert. Unter Punkt 24 heißt es darin:

Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen.

Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden. Sie bekämpft den jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns und ist überzeugt, daß eine andauernde Genesung unseres Volkes nur erfolgen kann von innen heraus auf der Grundlage: Gemeinnutz vor Eigennutz.[1]

Obwohl klar wird, wie mehrdeutig die gewählten Begrifflichkeiten sind, bezogen die deutschen Bischöfe zunächst öffentlich keine Stellung. Zu stark waren sie in dieser Zeit damit beschäftigt ihre Position gegenüber der Weimarer Republik zu finden.[2] Hinzu kam, dass die NSDAP in den 20er Jahren kaum Wahlerfolge erzielte und außerhalb Bayerns nicht ganz ernst genommen wurde.

Adolf Hitler sah in den beiden Kirchen ein gewaltiges Hindernis für den Machtanspruch seiner Partei. Zentrumspartei und Bayerische Volkspartei verfügten über eine konstante Wählerschaft aus allen Schichten, die den Nationalsozialismus überwiegend ablehnten. Kirchenpolitische Fragen interessierten Hitler daher nur insoweit, wie sie einem Abbau dieses Mißtrauens entgegenstrebten. In seinem zweibändigen Werk „Mein Kampf“ (1925-1927) wirbt er um die Kirchen, da er weiß, dass er ihre Hilfe benötigt. Er sieht in ihnen das „Fundament einer sittlich-religiösen und moralischen Festigung unseres Volkskörpers“.[3] Jedoch wird auch zweifelsfrei Hitlers Kritik an der katholischen Kirche deutlich, wie zum Beispiel wenn er dem Zentrum einen Hang zum politischen Katholizismus vorwirft: „... Unverschämtheit, mit der man den katholischen Glauben mit einer politischen Partei zu identifizieren versuchte.“[4] oder beim gegen die katholische Kirche gerichteten Vorwurf des Ultramontanismus[5], der „wegen seines Internationalismus als „undeutsch“ diffamiert wurde.“[6] Die Ablösung der Religion durch die „exakten Wissenschaft[en]“[7] wird als eigentliche Intention Hitlers deutlich.

Dennoch wurde immer wieder - sowohl von den katholischen Autoritäten wie auch vom Kirchenvolk - auf Gemeinsamkeiten des Nationalsozialismus und der Kirche hingewiesen: „Gemeinsam war beiden auch, mit freilich unterschiedlicher Begründung, die Frontstellung gegen Marxismus und Liberalismus.“[8] Diese Übereinstimmung verblendete die Kirche lange Zeit vor der realen Gefahr des Nationalsozialismus.

Aufmerksam auf die gefährliche politische Lage wurde die katholische Kirche erst bei der Reichstagswahl vom 14. September 1930, bei der die NSDAP mit 18,3 % zur zweitgrößten Partei aufstieg. „Jetzt erkannten die meisten Bischöfe schlagartig die tödliche Gefahr der Hitler-Bewegung und reagierten auch auf diese neue Herausforderung.“[9] Doch bevor der Episkopat eine gemeinsame Haltung zur Lehre des Nationalsozialismus abgeben konnte, nahm die Diözese Mainz Stellung zu einer Anfrage der NSDAP Gauleitung Hessen. Darin bezieht Generalvikar Mayer Position zu dem Punkt 24 des NSDAP Programms ebenso wie zu den täuschenden Worten Hitlers in „Mein Kampf“ und kommt zu dem Schluß, „daß die Kulturpolitik des Nationalsozialismus mit dem katholischen Christentum in Widerspruch steht.“[10] und daher kein Katholik Mitglied der NSDAP sein könne.

Durch diese Einzelentscheidung, die von den Nationalsozialisten publik gemacht wurde, fühlte sich der Episkopat in die Defensive gedrängt, was dazu führte, dass keine gemeinsame Kundgebung des deutschen Episkopats herausgegeben wurde und keine einheitliche Seelsorgepraxis entstand.

2.) Biographischer Kontext: Adolf Kardinal Bertram

„So aufrichtig Bertram dem Ideal der Abstinenz von allem Politischen nachstrebte, entziehen konnte er sich dessen Allgegenwart dennoch nicht.“[11] Als Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz seit Januar 1929 hatte Adolf Kardinal Bertram, Fürstbischof von Breslau neben dem Vorsitzenden der Freisinger Bischofskonferenz, Kardinal Michael von Faulhaber, das bedeutendste Amt der katholischen Kirche in Deutschland inne und dies in einer Zeit, in der Stellungnahmen der kirchlichen Leitung wichtig waren aus zweierlei Gründen: zum einen um sich klar vom Nationalsozialismus abzugrenzen und zum anderen als Orientierungshilfe für das Kirchenvolk.

Jedoch sorgte Bertrams schmächtige Körperbau und ein angeborener Sprachfehler dafür, dass eine tiefsitzende Ängstlichkeit und Publizitätsscheu ihn vor großen Auftritten hinderte.[12]

Dies hielt ihn jedoch nicht davon ab, die von Papst Pius XI. propagierte Katholische Aktion ab 1928 in Deutschland voranzutreiben, die -von Geistlichen und Laien getragen - die Grundsätze und Werte der katholischen Religion im häuslichen wie im gesellschaftlichen Leben zur Entfaltung bringen sollte.[13]

Das Kadinal Bertram die Gefahren des Nationalsozialismus erkannte, steht außer Zweifel. Trotz der radikalen Zugriffe des Nationalsozialismus auf religiöse Freiheit und religiöses Leben wollte Bertram jedoch einen offenen Bruch mit der Regierung vermeiden. Im Laufe der Jahre wurde ihm nur allzu klar, dass es „um Sein oder Nichtsein des Christentums und der katholischen Kirche in Deutschland“[14] ging. Aus taktischen Gründen verzichtete Bertram auf die oft notwendige Schärfe und zeigte sich entgegenkommend. Walter Adolph kennzeichnete Bertrams Stil als „Eingabenpolitik“[15]: Bertram verfasste Eingaben, Proteste und Denkschriften, die dem Regime sachlich Kirchenfeindlichkeit nachwies, dem aber kein aktiver Protest folgte. Angelpunkt fast aller Beschwerden ab 1933 war die Berufung auf das Reichskonkordat.

Hintergrund für diese Eingabenpolitik war auch eine permanente Angst vor einer Wiederholung des Kulturkampfes, der unter Reichskanzler Otto von Bismarck die Wirksamkeit der Kirche drastisch eingeschränkt hatte.[16] Seinen Kritikern, die eine offene Konfrontation mit dem Regime forderten, entgegnete er immer wieder, „daß er den Kulturkampf mitgemacht habe und sich nicht dazu entschließen könne, es dazu kommen zu lassen, daß wieder Gläubige ohne Geistlichen sterben müßten.“[17]

Überzeugt war Bertram von zwei Strömungen in der Nationalsozialistischen Partei: „eine ausgeprägt antikirchliche und antichristliche und eine auf den Ausgleich mit der Kirche bedachte.“[18] Durch seine Eingabenpolitik wollte er die Ausgleichsströmung stärken.

[...]


[1] Feder, Gottfried. Das Programm der N.S.D.A.P. und seine weltanschaulichen Grundgedanken. München, 1933. S. 17-21.

[2] Vgl. Denzler, Georg; Volker Fabricius (Hrsg.). Die Kirchen im Dritten Reich. Christen und Nazis Hand in Hand? Bd. 1: Darstellung. Frankfurt, 1984. S. 24-25.

[3] Hitler, Adolf. Mein Kampf. 2 Bde. in einem Band. München, 591933. S. 379.

[4] Hitler, S. 378.

[5] Hitler, S. 384.

[6] Lill, Rudolf. Ideologie und Kirchenpolitik des Nationalsozialismus. In: Gotto, Klaus; Konrad Repgen (Hrsg.). Die Katholiken und das Dritte Reich. Mainz, 21983. S. 25.

[7] Hitler, S. 378.

[8] Lill, S. 26.

[9] Denzler; Fabricius. Bd. 1, S. 26

[10] Vgl. Denzler, Georg; Volker Fabricius (Hrsg.). Die Kirchen im Dritten Reich. Christen und Nazis Hand in Hand? Bd. 2: Dokumente. Frankfurt, 1984. S. 29.

[11] Volk, Ludwig. Katholische Kirche und Nationalsozialismus. Ausgewählte Aufsätze. Hrsg. von Dieter Albrecht, Mainz, 1987. S. 256.

[12] Ebd., S. 261.

[13] Vgl. Köhler, Joachim. Adolf Kardinal Bertram als Promotor der Katholischen Aktion. In: Adolf Kardinal Bertram: sein Leben und Wirken auf dem Hintergrund der Geschichte seiner Zeit. Teil I. Hrsg. von Bernhard Stasiewski. Köln, 1992. S. 104.

[14] Stasiewski, Bernhard. Einleitung. In: Adolf Kardinal Bertram: sein Leben und Wirken auf dem Hintergrund der Geschichte seiner Zeit. Teil I. Hrsg. von Bernhard Stasiewski. Köln, 1992. S. 3.

[15] Adolph, Walter. Hirtenamt und Hitler-Diktatur. Berlin, 1965. S. 109.

[16] Vgl. Stasiewski. Einleitung. S. 1.

[17] Adolph, S. 102.

[18] Ebd., S. 111.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Quellenanalyse: "Ein offenes Wort in ernster Stunde" von Kardinal Bertram
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar: Katholische Kirche und nationalsozialistische Herrschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V69033
ISBN (eBook)
9783638808873
ISBN (Buch)
9783656740391
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Quellenanalyse, Kardinal, Bertram, Wort, Stunde, Proseminar, Katholische, Kirche, Herrschaft
Arbeit zitieren
Dörte Ridder (Autor), 2003, Quellenanalyse: "Ein offenes Wort in ernster Stunde" von Kardinal Bertram, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69033

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