Analyse der dramatischen Figurenbeziehung: Hamlet und Horatio


Seminararbeit, 2003
12 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Emotionaler Ansatz: Freundschaft und Vertrauen
2. Psychoanalytischer Ansatz: Horatio – Hamlets ideales Selbst
3. Dramatischer Ansatz: Horatio als Deuter Hamlets

III. Schluss

IV. Literaturverzeichnis
1. Primärtext
2. Sekundärtexte

I. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit soll die dramatische Figurenbeziehung zwischen Hamlet und Horatio analysiert werden.

Da Horatio als der einzige Freund Hamlets in dieser Tragödie bezeichnet werden kann, lohnt eine nähere Untersuchung dieser emotionalen Beziehung.

Im Folgenden soll aus psychoanalytischer Sichtweise herausgearbeitet werden, ob Hamlet in Horatio das Ideal seiner Selbst sieht und was diese Idealbildung über den Charakter des Hamlets aussagt.

Ebenfalls soll die dramatische Funktion Horatios in Hamlet und ihre Wirkung auf den Zuschauer im Vordergrund stehen.

I. Hauptteil

1. Emotionaler Ansatz: Freundschaft und Vertrauen

„Einzig seine Freundschaft zu Horatio bildet eine korruptionsfreie Enklave, einen kleinen Freiraum eines von Falschheit und Verstellung unverzerrten menschlichen Umgangs“[1] Während die anderen Charaktere in Hamlet den Prinzen und somit Höhergestellten sehen, kann seine Beziehung zu Horatio tatsächlich als Freundschaft bezeichnet werden, wie im Näheren gezeigt werden soll. Entsprechend herzlich ist seine Begrüßung beim Wiedersehen mit Horatio: “Horatio – or I do forget myself.“[2]

Da Hamlet schon genug Schmeichler am Hof hat, wehrt er Horatios Positionierung als Diener (“your poor servant ever.“ (I, 2, 162)) sofort mit der Klärung der Beziehung als Freundschaft ab (“my good friend,...“ (I, 2, 163)).

Beide kennen sich von der Universität in Wittenberg, dennoch wird schnell deutlich, dass Hamlet in Horatio eher den Gelehrten sieht als in sich selbst.

Es liegt nahe anzunehmen, dass Shakespeare vermutlich bei der Namensgebung an den im Mittelalter bekannten römischen Dichter Quintus Horatius Flaccus gedacht hat.

Schulze sieht in dieser geistigen Beziehung noch mehr, wenn er sagt: „er [Horatio] als Älterer ... hat ein wenig von einem Prinzen-Erzieher an sich.“[3],[4] und Hamlet erkennt Horatios Wissen tatsächlich als ihm übergeordnet an, was er an einer Stelle deutlich anspricht: “your philosophy.“ (I, 5, 167).

Dass Horatio durchaus Charaktereigenschaften eines Gelehrten zeigt, wird schon vor dem ersten Zusammentreffen der beiden Freunde sichtbar als er den Berichten von der Geistererscheinung keinen Glauben schenken will, da es sicherlich gegen jegliche Lehre der Universität in Wittenberg stünde: “Horatio says `tis but our fantasy, And will not let belief take hold of him...“ (I, 2, 23-24). Dennoch bleibt er beim Auftauchen des Geistes ruhig, resolut und vernünftig und scheint im Gegensatz zu Marcellus und Barnado Herr dieser Situation zu sein (vgl. I, 1, 40 ff.).

Auf welcher Ehrlichkeit diese Freundschaft beruht, zeigt die sachliche Wiedergabe der Geistererscheinung (vgl. I, 2, 189 ff.). “This bodes some strange eruption...“ (I, 1, 69) – Da Horatio eine böse Vorahnung hat, wäre es plausibel gewesen, die Vorkommnisse zu verschweigen, um seinen Freund nicht in Schwierigkeiten zu verwickeln. Clark fasst diese Tatsache folgendermaßen zusammen: „His honesty contrasts sharply with the dishonesty of the other characters,...“[5]

Wie sehr sich Hamlet auf Horatios Ehrlichkeit verlässt, wird sichtbar, wenn er ihm die Aufgabe anvertraut, Claudius bei dem Schauspiel genau zu beobachten: “Observe my uncle.“ (III, 2, 70). Er ist sich Horatios Unvoreingenommenheit sicher und bringt das folgendermaßen zum Ausdruck: “Whose blood and judgement are so well commeddled...“ (III, 2, 59). Horatio hat diese Freundschaftspflicht aufs Genauste erfüllt und das Resultat gesichert: “I did very well note him.“ (III, 2, 264).

In Hamlets Lobeshymne auf Horatio wird deutlich, wie sehr er diese Freundschaft schätzt (vgl. III, 2, 47-64). “The whole speech comes dangerously close to being a personal confession of the strength of Hamlet’s feeling for Horatio:“[6] In ihr hebt er zuerst dankbar hervor, dass er sich der Echtheit dieser Freundschaft bewußt ist, da Horatio nicht reich ist und es trotzdem nie den Anschein hat als ob er sich durch die Freundschaft Vorteile verschaffen würde: “Nay, do not think I flatter, for what advancement may I hope from thee,...“ (III, 2, 46-47).

Im Folgenden lobt er Horatio in den höchsten Tönen und zeigt eine große Bewunderung dafür, dass dieser leidet, ohne sich über seine Lage zu beklagen: “As one in suffering all that suffers nothing,...“ (III, 2, 56). An dieser Stelle spielt er wahrscheinlich auf die Tatsache an, dass er selbst nicht auf Horatio gehört hat, als dieser ihm riet, dem Geist nicht zu folgen: “Be ruled, you shall not go.“ (I, 4, 81).

Die Stärke seiner Gefühle wird verdeutlicht in der dreifachen Wiederholung des Wortes “heart“, mit einer vierten Wiederholung beinhaltet in “core“[7]: “I will wear him in my heart’s core, ay in my heart of heart,...“ (III, 2, 62-63).

Den größten Freundschaftsbeweis erbringt Hamlet jedoch, wenn er Horatio als Damon bezeichnet („O Damon dear,...“ (III, 2, 255)). Er spielt damit auf die zuverlässige Freundschaft der beiden, aus der griechischen Antike stammenden Freunde Damon und Pythias an. Laut dieser Sage darf Pythias, bevor sein Todesurteil vollstreckt wird, seine Angelegenheiten zu Hause regeln. Für die Garantie seines Wiederkehrens bleibt Damon als Unterpfand. Obwohl jeder an dem Treueversprechen Pythias zweifelt, vertraut Damon auf die Verlässlichkeit seines Freundes. Und er wird nicht enttäuscht, als Pythias zur richtigen Zeit wiederkehrt.[8] Somit ist es eine große Ehre für Horatio, dass Hamlet ihre Freundschaft mit den beiden antiken Figuren gleichsetzt. Gleichzeitig zeigt der Wortgebrauch, auf welcher hohen geistigen Ebene die Gespräche der beiden Freunde stehen, denn beiden muß die Sage so bekannt sein, dass Horatio die Anspielung als Kompliment versteht.

[...]


[1] Andreas Höfele, „Hamlet“, in: Shakespeares Dramen, Hrsg. v. Philipp Reclam, Stuttgart, 2000, S. 269.

[2] William Shakespeare, Hamlet, Hrsg. v. Richard Andrews; Rex Gibson, Cambridge,102001, (I, 2, 161).

[3] Fritz Willy Schulze , Hamlet. Geschichtssubstanzen zwischen Rohstoff und Endform des Gedichts, Halle/Saale, 1956, S.140.

[4] Horatio muss älter sein, da er den alten Hamlet damals sah, “When he th’ambitious Norway combated;...“ (I, 1, 61), und das geschah in Hamlets Geburtsjahr, was laut dem Totengräber dreißig Jahre her ist (V, 1, 137).

[5] Cumberland Clark, A study of Hamlet, Stratford-upon-Avon, 1926, S.95-96.

[6] Maurice Charney, Style in Hamlet, Princeton, N.J.,1969, S.270.

[7] vgl. Lateinisch: cor = Herz

[8] vgl. Valerius Maximus, „The History of Damon and Pythias from De Amicitiae Vinculo“, http://www.fordham.edu/halsall/pwh/valmax-damon.html, Datum: 07.09.2002 und

vgl. Friedrich Schiller, „Die Bürgschaft“, in: Deutsche Gedichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Hrsg. v. Benno von Wiese, Düsseldorf, 1968, S.285-289.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Analyse der dramatischen Figurenbeziehung: Hamlet und Horatio
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Englisches Seminar)
Veranstaltung
Shakespeare, Hamlet
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
12
Katalognummer
V69036
ISBN (eBook)
9783638808903
ISBN (Buch)
9783656562726
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Figurenbeziehung, Hamlet, Horatio, Shakespeare, Thema Hamlet
Arbeit zitieren
Dörte Ridder (Autor), 2003, Analyse der dramatischen Figurenbeziehung: Hamlet und Horatio, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69036

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