Die Verrohung der Sprache durch den Neopopulismus


Facharbeit (Schule), 2020

26 Seiten, Note: 10


Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

Vorwort

Sprachwissenschaftliche Merkmale für eine Verrohung

Politologische Aspekte einer Verrohung

Vorschläge zur Etablierung eines respektvolleren Umgangs

Konklusion

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

AfD Alternative für Deutschland

CDU Christlich-Demokratische Union

CSU Christlich-Soziale Union

FDP Freie Demokratische Partei

GfK Gewaltfreie Kommunikation

PEGIDA Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes

SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands

Vorwort

Das 21. Jahrhundert hat gesellschaftliche Veränderungen mit sich gebracht – insbesondere im Bereich des Sprachgebrauches. Ein großer Teil der westlichen Gesellschaft hat einen regelrechten Hass gegen das Etablierte entwickelt, die Flucht- und Migrationskrise aus dem Jahr 2015 hat für einen politischen und medialen Fokus auf den rechten Flügel gesorgt und die Volksparteien in ganz Europa erleben einen Abwärtstrend1.

Wir erleben also eine Renaissance des Populismus. Und damit einen sprachlichen Wandel, den wir durch Vereinfachungen komplexer politischer Prozesse begutachten können. Wenn die Alternative für Deutschland (AfD) davon spricht, eine Integrationsbeauftragte „in Anatolien (zu) entsorgen“2, ist es das Resultat des emporsteigenden Hasses gegen das bisher bekannte System, dem ‚Establishment‘. In meiner Aufgabe möchte ich deshalb untersuchen, wie sich die Sprache seit der Migrationskrise im Jahr 2015 verändert hat und wie insbesondere die Partei Alternative für Deutschland auf die Verrohung der deutschen Sprache Einfluss gehabt hat. Ist es der Wille der Partei nach Veränderung oder der bloße Hass gegen die Volksparteien?

Fest steht: 2015 war wegen der Migrations- und Flüchtlingskrise ein historisches Jahr. Und die Veränderung der Sprache hat maßgeblich, aber nicht ausschließlich mit der AfD und 2015 zu tun, wie ich später feststellen werde. Im Laufe meiner Arbeit werde ich deshalb untersuchen, wie sich auch andere Parteien eine vereinfachte Sprache gebraucht haben, um das Wähler- und Symphatisantenpotential des rechten politischen Flügels zu beeindrucken. Wenn der damalige CSU-Vorsitzende und bayrischer Ministerpräsident Horst Seehofer davon spricht, dass die Flüchtlingskrise „die Mutter aller Probleme“3 sei, dann sorgt das unumgänglich für mehr Skepsis, wenn nicht Hass und Hetze, gegenüber dieser Bevölkerungsgruppe.

Meine Arbeit wird folgendes untersuchen: Ist die AfD Auslöser oder Resultat einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung? Geht die sprachliche Veränderung, die Linguisten gelegentlich als ‚Verrohung‘ bezeichnen, auf Kosten der AfD oder ist die rechtspopulistische Partei ein Abbild der Gesellschaft, die sich immer mehr dieser Sprache gebraucht? Ist die AfD für Hassrede verantwortlich oder befeuert sie diese nur? Meine Arbeit wird also auch darüber berichten, ob die Partei die Verantwortung für die sprachliche Veränderung trägt oder lediglich ein Indikator ist. Dazu werde ich die sprachliche Veränderung im Alltag untersuchen. Wenn Psychologen davon berichten, dass immer mehr Patienten ein aggressives Verhalten aufzeigen oder Pädagogen erklären, dass der Umgang auf dem Pausenhof immer aggressiver wird, müssen wir anscheinend feststellen, dass die Gesellschaft und der Umgang miteinander harscher werden.

Mein erstes Kapitel befasst sich mit der sprachwissenschaftlichen Veränderung, die wir momentan begutachten. Wörter erleben eine Bedeutungsverschlechterung, die man Pejorationen nennt: So werden Bücher beispielsweise als Schinken und Geschäfte als Saftläden bezeichnet. Immer häufiger erlebt man, dass diese Pejorationen eine Dominanz, nahezu eine Monopolstellung in unserem Sprachgebrauch ausmachen. Die spätmoderne Gesellschaft hat diesen Gebrauch intensiviert und die Sprache damit verändert. Sprachnormen werden kontinuierlich eliminiert.

Im zweiten Kapitel werde ich von den politologischen Aspekten einer Verrohung berichten. Die Rolle der AfD wird einen großen Teil einnehmen und die (sprachlichen) Verhaltensmuster der Funktionäre und der Parteistruktur werden untersucht. Das Prinzip des „Provozieren, relativieren, dementieren“4 ist der Grundpfeiler für dieses Muster und sorgt dafür, dass vulgäre Ausfälle tolerierbar gemacht werden, weil sie anschließend relativiert werden. Ich spreche persönlich mit Politikern, um zu erfahren, welche konkreten Einflüsse dieses Verhalten auf ihr politisches Engagement und privates Leben hat. Dadurch möchte ich zeigen, welche Auswirkungen die sprachlichen Veränderungen mit sich bringen. Sprache kann laut dem Philosophen Gerald Posselt nämlich auch „selbst gewaltsam sein [..]“5. Verschiebt die sprachliche Veränderung auch Normen im interpersonellen Umgang? Welchen Einfluss haben soziale Medien? Diese Fragen werde ich in dem zweiten Kapitel behandeln.

Weiterhin werde ich untersuchen, ob es Lösungsansätze zur Entrohung der Sprache gibt. Wegweisend ist dabei das Konzept zur Gewaltfreien Kommunikation (GfK; auch Giraffensprache genannt) von Marshall B. Rosenberg. In seinem Handlungskonzept geht es darum, ein wertschätzendes und auf Respekt beruhendes Zusammenleben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Als wichtigstes Instrument dazu empfindet er dabei die Sprache.

Die sprachliche Veränderung ist ein Teil einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung. Sie folgt aus der fehlenden Wichtigkeit von Normen im interpersonellen Austausch und der zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung, die hauptsächlich aus dem Jahr 2015 hervorgeht. Eine These meiner Arbeit lautet also, angebunden an das Zitat des Bundesinnenministers: 2015: Die Mutter aller Probleme. Die Flüchtlings- und Migrationskrise hat in meinen Augen einen entscheidenden, wenngleich nicht den auslösenden Teil zur sprachlichen Verrohung beigetragen. Grundsätzlich wird es bei meiner Abgabe darum gehen, den sprachlichen Wandel, von dem immer alle sprechen, zu exemplifizieren: Was ist ein sprachlicher Wandel? Welche konkreten Beispiele zeigen einen solchen Wandel auf? Das Beispiel der AfD ist dabei ein interessantes Fallbeispiel, um die Problematik des Hassrede zu verdeutlichen – aber längst nicht das Einzige.

Sprachwissenschaftliche Merkmale für eine Verrohung

Wenn man in der Sprachwissenschaft von einer Verrohung der Sprache spricht, bezieht man sich auf Aspekte einer sprachlichen Veränderung, die die Qualität der ursprünglichen Sprache verschlechtert. Es braucht quasi eine ‚ursprüngliche Sprache‘, also einen Ausgangspunkt, von dem man erwartet, es sei eine qualitativ hochwertigere Sprache, und eine ‚resultierende Sprache‘, also ein Endprodukt, dass aufgrund der im Laufe des Geschehens kontinuierlichen Veränderung nun ein qualitativ minderwertiges Resultat darstellt. Wo und was ist also der Ausgangspunkt und was lässt sich als sprachliches Endprodukt definieren? Es braucht schließlich ein davor und danach.

Zur Exemplifizierung können wir beispielsweise den häufigeren Gebrauch von Pejorationen nennen. Pejorationen sind Bedeutungsverschlechterungen, die einen bisher üblichen Begriff durch einen anderen Ausdruck ersetzen. Dieser ‚neue‘ Ausdruck ist jedoch zumeist abwertend, gleichwohl er in der Grundbedeutung nichts verändert – entscheidend ist, dass mit dem neuen verschlechterten Begriff automatisch eine andere Konnotation einhergeht. Wenn man als Beispiel das Wort ‚Schinken‘ für eine Lektüre bzw. ein Buch nimmt, geht der Empfänger automatisch davon aus, dass es sich um etwas Langweiliges, etwas nicht Lesenswertes dreht. Eigentlich ist aber nur das Objekt des Buches gemeint, die Bezeichnung ‚Schinken‘ sorgt jedoch für eine negative, abwertende Konnotation des Begriffes. Eigentlich ist mit dem Wort ‚Schinken‘ ein Stück Fleisch gemeint, zumeist etwas Trockenes – und damit verbindet man dann letztlich auch jenes Buch; eine trockene Lektüre, die durch den neuen Begriffsgebrauch kaum spannend u. lesenswert sein kann.

Diesen Gebrauch erleben wir in der spätmodernen Gesellschaft deutlich häufiger als zuvor. Nicht nur im deutschen Sprachgebrauch, auch in anderen Sprachräumen, beispielsweise dem angelsächsischen. Sogar bestimmte Vornamen können im Laufe der Jahre eine Bedeutungsverschlechterung bedeuten. So erklärt Bettina Felicitas Birk von der Uni München: „Der männliche Vorname Kevin hat im Deutschen eine pejorative Konnotation [..]. Im Amerikanischen ist der Name Kevin beispielsweise neutral. Kevin ist kein Einzelfall, es gibt sogar eine Vielzahl konnotativer Eigennamen.“6

Die Pejorisierung vieler Begriffe im heutigen Sprachgebrauch ist auffällig und Teil des sprachlichen Wandels, der eben darauf basiert ist, dass viele Begriffe stigmatisiert, abgewertet oder gar im positiven Kontext unbrauchbar gemacht werden. Auch Pejorisierungen sorgen dafür, dass wir einen immer raueren Umgangston haben – wenn man beispielsweise gefragt wird, ob man jemandem seinen ‚Schinken‘ leihen kann, dann reagiert man eher empört als erfreut. Trotzdem haben sich diese Pejorisierungen im heutigen Sprachgebrauch quasi eingelebt und sind nicht mehr wegzudenken.

Das hervorstechendste Merkmal des neuen Sprachgebrauchs im Neopopulismus ist die Hassrede, die man modernerweise gemäß dem englischen Begriff umgangssprachlich auch als Hate Speech bezeichnet. Insbesondere im politologischen Kontext wird dieser Begriff oft erwähnt; so merkt man insbesondere, dass die im Bundestag neuvertretene Partei ‚Alternative für Deutschland‘ Hassrede als politisches Instrument zur Provokation nutzt. Aber Hassrede ist mittlerweile nicht nur zum politischen, sondern zum gesellschaftlichen Alltag geworden – wir erleben Hassrede jeden Tag in der Mitte unserer Gesellschaft. Sowohl im Umgangston miteinander als auch im Journalismus, und insbesondere in den neuen, ‚sozialen‘ Medien.

Der Europarat definiert Hassrede wie folgt: „Der Begriff ‚Hassrede’ (umfasst) jegliche Ausdrucksformen, welche Rassenhass, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder andere Formen von Hass, die auf Intoleranz gründen, propagieren, dazu anstiften, sie fördern oder rechtfertigen, einschließlich der Intoleranz, die sich in Form eines aggressiven Nationalismus und Ethnozentrismus, einer Diskriminierung und Feindseligkeit gegenüber Minderheiten, Einwanderern und der Einwanderung entstammenden Personen ausdrücken.“7

Hassrede ist demnach eine Auswirkung der emporsteigenden gesellschaftlichen Intoleranz. In den neuen ‚sozialen’ Medien, wie Facebook, Twitter und Instagram, also Plattformen, auf denen man sich unter einer – nicht unbedingt wahren – Nutzerkennung mit anderen Menschen bzw. Profilen digital austauschen kann, erleben wir dieses Phänomen häufiger als im normalen Leben. Wie Behörden feststellen, ist dabei ein Kriterium ausschlaggebend: Die Anonymität im Netz. So schreibt beispielsweise die Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg: „Wer Hassreden verbreitet, kann dank falscher Profile sehr einfach anonym bleiben und von mehreren Accounts gleichzeitig schreiben.“8 Das erschwert nicht nur die Möglichkeit zur Strafverfolgung, sondern sorgt auch für enthemmten Hass: „Im realen Leben sieht jemand [..] die Reaktion des Opfers. Anders ist das im Netz: Der Täter wird nicht direkt mit der Reaktion des Opfers konfrontiert und muss keine direkte kritische Reaktion der Umwelt fürchten.“9

Diese Möglichkeit zur anonymisierten Verbreitung kritischer Haltungen, die dann zumeist weder konstruktiv sind noch irgendeiner normierten Umgangsform entsprechen, sorgt für eine zunehmende gesellschaftliche Spaltung und ein Abhärten der Fronten. Konstruktive Debatten, wie wir sie zuvor in Polittalks im Fernsehen erleben konnten, werden immer mehr durch auf Hass basierte Konflikte im Netz ersetzt. Dadurch verlieren die Diskussion und der Sprachgebrauch nicht nur die Würde und den Anstand, den sie verdient hätten, sondern die Gesellschaft verliert immer mehr einen gemeinsamen Konsens.

Die Ausbreitung sozialer Medien und die schlussfolgernde Enthemmung der Diskursteilnehmer, die dafür sorgt, dass sprachliche Normen irrelevant werden, sind also ein wichtiger Bestandteil, wenn nicht Hauptgrund, des gesellschaftlichen und insbesondere sprachlichen Wandels.

Auch können wir beobachten, dass Menschen durch den Umgang mit sozialen Medien in ihrer Haltung immer weiter gestärkt werden. Oftmals halten sie sich in Foren oder Gruppen von sozialen Netzwerken auf, die auf eine bestimmte Haltung oder Ideologie ausgerichtet sind. So erleben wir verstärkt das Phänomen der ‚Filterblase‘, also dass Menschen sich nur noch in Gruppen befinden, die ihre Meinung teilen, anstatt mit Menschen zu diskutieren, die eine andere Haltung haben. Dies sorgt unausweichlich für ein Verstärken der eigenen Meinung, weil es keinen Gegenpol gibt, der versucht, die Person von einer anderen Haltung zu überzeugen. Dadurch werden Menschen immer stärker radikalisiert und ihre Haltungen geraten zunehmend ins Extreme. Wenn es schlussendlich zu einer Diskussion mit Andersdenkenden bspw. auf sozialen Plattformen kommt, ist der sprachliche Umgangsstil dementsprechend radikal und rigoros. Es wird keine Rücksicht auf sprachliche Normen genommen, weil man von der eigenen Meinung so überzeugt ist, dass der Andersdenkende ja quasi nur stupide sein kann – mit dem man dann auch nicht ordentlich zu reden hat.

Oftmals wird kritisiert, dass gerade die Betreiber sozialer Plattformen für eine Verhärtung der Umgangsformen sorgen. Durch ihre Algorithmen sorgen sie nämlich für o.g. Phänomen: Menschen erhalten bei Facebook in ihrem News Feed ‘ zumeist Nachrichten oder Beiträge, die auf ihre politische oder gesellschaftliche Haltung oder Ideologie zugeschnitten sind und mit deren persönlicher Auffassung übereinstimmen.10 Es wäre nun jedoch eine politische, ethische oder gar philosophische Diskussion, ob die Betreiber der Netzwerke für das Verhalten der Menschen auf sozialen Plattformen verantwortlich sind oder ob Menschen als starke Individuen ihr Verhalten selbst regulieren können – ein Ausführen dieser Diskussion würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Aus linguistischer Sicht lässt sich allerdings feststellen: Soziale Medien, Filterblasen und Echokammern sind maßgeblich mit dafür verantwortlich, dass sprachliche Normen im Umgang miteinander an Relevanz und Beachtung verlieren. Schließlich überträgt sich der sprachliche Stil in virtuellen Netzwerken zwangsläufig auch auf das reelle Leben; die zahlreichen vulgären Ausfälle bei aktuellen Demonstrationen und Initiativen, auf die ich später zurückkommen werde, sind nur ein Beispiel dafür.

Ein wesentlicher Kommunikationsbereich, der für den sprachlichen Wandel mitverantwortlich ist, ist die sog. ‚persuasive Kommunikation‘. Persuasiv ist eine bildungssprachliche Bezeichnung für einen überredenden oder überzeugenden Kommunikationsstil. Die persuasive Kommunikationsform ist also ein Mittel, dass wir nutzen, wenn wir jemand anderen überzeugen wollen. Dafür bedarf es eines gewissen Selbstvertrauens im Ausdruck und in der Argumentation und zumeist eine kräftige Lautstärke, die dafür sorgt, dass der Empfänger einen gewissen Überzeugungswillen assoziiert.

Wir erleben momentan häufiger, dass der Sinn der persuasiven Kommunikation zwar erkannt wird, jedoch oftmals nicht verstanden wird, wie man sich ausdrücken soll o. muss, um genau jenes Ziel der persuasiven Kommunikation zu erreichen: Das Überzeugen des Empfängers. Der unbedingte Wille zur Überzeugung von der eigenen Auffassung während einer interpersonellen Debatte mundet dann in einem starren, aggressiven Ausfechten der persönlichen Haltung. Wer kennt es nicht: Ein politischer Diskurs in der Familie endet oft im Streit, weil man vernimmt, dass die andere Haltung so unbrauchbar ist, dass man den Diskurspartner gar nicht als starkes Individuum und Diskussionsgegner ansieht, sondern man ihn als unbeholfenes Wesen anerkennt, dem durch aggressives Auftreten endlich mal ‚die Leviten gelesen‘ werden muss. Schließlich ist die Meinung des Gegenübers so konträr zu der eigenen, dass diese nicht einmal den Ansatz einer rationalen Haltungsfindung haben könnte. Die eigene Haltung wird dabei als das Absolute interpretiert.

Dadurch wird die persuasive Kommunikation immer rauer und Menschen nutzen zum Überzeugen nicht mehr die eigene Argumentationsstärke, sondern nur noch provokante und vulgäre Ausdrücke, um den anderen nicht von der Richtigkeit der eigenen Auffassung zu überzeugen, sondern von der Fehlerhaftigkeit seiner. Persuasive Kommunikation ist durch diese Entwicklung immer destruktiver geworden.

Dieses Phänomen ist insbesondere ein Phänomen der Spätmoderne. In dieser Epoche, die durch eine Verhärtung politischer und gesellschaftlicher Flügel gekennzeichnet ist (s. Wahlergebnisse Bundestagswahl 2017 mit Blick auf radikale Parteien11 o. Verhältnis und Sprachverhalten von Gegendemonstranten zu Demonstranten auf bspw. Anti-Islam-Demonstrationen12 ), bauscht sich der gesellschaftliche Diskurs zu einem aggressiven, entarteten Diskurs auf. Die Menschen werden sensibler gegenüber konträren Meinungen und reagieren empfindlicher auf Andersdenkende. Dies sorgt schließlich dafür, dass persuasive Kommunikation rauer und aggressiver wird; der Wille zum Überzeugen ist zwar da, das Ziel wird aber nur noch selten erreicht.

Jene Entwicklungen, bspw. der Hassrede, der zunehmenden Aggression in der persuasiven Kommunikation, der zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung oder der steigenden Möglichkeit zur Anonymität und damit zum sprachlichen Eskalieren, sorgen für eine gemeinsame Auswirkung: Der Destruktion soziokultureller Sprachnormen.

Als soziokulturelle Sprachnormen definiert Dr. phil. Katrin Ankenbrand in ihrer Inauguraldissertation: „Die Routinen des alltäglichen Umgangs sind, wie alle Abläufe, die der permanenten gesellschaftlichen Koordination bedürfen, in festen Normen kodiert. Normen zeichnen sich dadurch aus, dass sie allgemeine gesellschaftliche Gültigkeit und Verbindlichkeit besitzen und zugleich individuell sanktioniert und akzeptiert sind. Durch Sprachnormen wird kommunikative Normalität hergestellt. Wer außerhalb dieser Normen agiert, wird mit Attributen wie ‚komisch’ und ‚sonderbar’ belegt und sozial ausgeschlossen. Aus diesem Grund ist es das Bestreben jedes Sprachbenutzers, sich in das Sprachnormengefüge einzufügen, um nicht sozial auffällig zu werden.“13

Diese Normen werden im Laufe der Zeit immer irrelevanter. Ankenbrand hebt besonders die Höflichkeit als soziokulturelle Sprachnorm hervor. Durch das generelle Zunehmen von Aggression, Provokation, Rigorosität und Empathielosigkeit im Sprachgebrauch verlieren soziokulturelle Sprachnormen, insbesondere Höflichkeitsformen, immens an Wert und Relevanz. Bei einer Auseinandersetzung auf Facebook beispielsweise – oder in der Familie – wird man nur selten erleben können, dass Höflichkeitsnormen, z.B. das Siezen des Empfängers, noch eine Rolle spielen. Der Respekt vor Institutionen, Personen des öffentlichen Lebens oder Autoritäten geht verloren, weil die Institution, Person oder Behörde in dem Moment der Diskussion (und oftmals auch in der generellen Haltung) nur noch als Feind und eben nicht mehr als legitimer und integrer Faktor anerkannt wird.

So hat beispielsweise die Diskussion rund um das Siezen als gesellschaftlich anerkannte Sprachnorm in den letzten Jahren an immer größerer Bedeutung gewonnen. In europäischen Nachbarländern wird das Duzen zumeist bevorzugt: In Dänemark werden nahezu nur Mitglieder des Königshauses mit ‚de‘ (Sie) angesprochen, in Spanien wird in nahezu allen Belangen nur noch ‚tú‘ (Du) verwendet.14 Dieses Aussterben des Siezens ist ein zu der Verrohung der Sprache sich parallel entwickelndes Phänomen und ist weiterhin Teil der Destruktion soziokultureller Sprachnormen. Diskussionen werden persönlicher und der Gegenüber wird nicht respektiert. Es wird kein Unterschied zwischen Autoritäten und Gleichgesinnten (bspw. Familienmitgliedern) gemacht. Man entzieht Personen des öffentlichen Lebens, Behörden, (inter)nationalen Institutionen somit die Integrität, die vorausgesetzt wird, indem man sie durch ein persönliches Personalpronomen anspricht. Beispielgebend ist hierbei das Phänomen, das Lehrerinnen und Lehrer immer häufiger geduzt werden. Ob das Siezen in Deutschland also abgeschafft werden soll oder nicht, obliegt dem gesellschaftlichen Diskurs - aus sprachwissenschaftlicher Sicht wäre es jedoch ein weiterer Bestandteil der sprachlichen Verrohung.

Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat also die Destruktion gesellschaftlicher Sprachnormen? Dr. Gerald Posselt von der Wiener Universität definiert die Sprache nicht nur als Form des Ausdrückens, sondern auch als Instrument zum Erzielen einer – evtl. gewaltsamen – Wirkung: „Zum Beispiel im Fall von hatespeech, Propaganda oder Drohungen. Das liegt daran, dass wir mit sprachlichen Äußerungen nicht nur Dinge in der Welt beschreiben, sondern auch Handlungen vollziehen und Tatsachen schaffen, etwa wenn wir ein Versprechen geben.“15

Das Versprechen exemplifiziert das Wirken der Sprache: Wenn wir jemandem etwas versprechen, dann geht der Empfänger automatisch davon aus, dass wir ihm sein Versprechen erfüllen. Das Auslösen der Erwartung beim Empfänger ist zugleich das Wirken der Sprache: Man hat dem Empfänger schließlich nur durch die Sprache signalisiert, eine Handlung ausüben zu wollen. „Sobald wir Aussagen tätigen, vollziehen wir immer auch Handlungen, und sei es die Handlung des Behauptens“, erklärt Gerald Posselt, „Sprechen hat dann einen Handlungscharakter und als eine solche Handlung kann Sprechen gewaltsam und verletzend sein, aber natürlich auch tröstend, heilsam und ermutigend.“16

[...]


1 (Quitzau, 2018)

2 (DW, 2017)

3 (vgl. Heckmann, 2018)

4 (Steffen, 2016)

5 (Stern, 2019)

6 (Birk, 2012)

7 (Europarat, 1997)

8 (Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg)

9 Ebd.

10 (vgl. Fichter, 2019)

11 (Decker, 2018)

12 (vgl. Mönch, 2019)

13 (Ankenbrand, 2013)

14 (Büscher, kein Datum)

15 (Stern, 2019)

16 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Verrohung der Sprache durch den Neopopulismus
Note
10
Autor
Jahr
2020
Seiten
26
Katalognummer
V703079
ISBN (eBook)
9783346208798
Sprache
Deutsch
Schlagworte
neopopulismus, sprache, verrohung
Arbeit zitieren
Leon Bossen (Autor), 2020, Die Verrohung der Sprache durch den Neopopulismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/703079

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