Sozialpädagogische Unterstützungsmöglichkeit für Kinder psychisch kranker Väter


Diplomarbeit, 2007
93 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Familie mit einem psychisch kranken Vater
2.1 Die Situation des erkrankten Elternteils
2.2 Schwierigkeiten der Angehörigen psychisch kranker Menschen
2.3 Belastungen und Auswirkungen auf das Zusammenleben

3 Die Lebenssituation alleinerziehender Väter
3.1 Definition, Zahlen und Fakten
3.2 Formen der Alleinerziehung
3.3 Rollenfindung
3.4 Anforderungen im Alltag
3.4.1 Erziehungs- und Betreuungsmöglichkeiten
3.4.2 Haushaltsführung
3.5 Status in der Gesellschaft
3.6 Soziale Isolation und die Bedeutung des Alleinseins auf die eigene Zufriedenheit

4 Die Lebenssituation von Kindern psychisch kranker Eltern

4.1 Lebensumstände und Schwierigkeiten
4.2 Besondere Belastungen der Kinder
4.3 Bewältigungsstrategien
4.4 Das Erkrankungsrisiko von Kindern psychisch kranker Eltern
4.5 Auswirkungen der elterlichen Erkrankung auf die Entwicklung des Kindes
4.5.1 Säuglinge
4.5.2 Kleinkinder
4.5.3 Kinder im Vorschulalter
4.5.4 Schulkinder
4.5.5 Adoleszenz
4.6 Forschungsergebnisse
4.6.1 Ergebnisse der Risikoforschung
4.6.2 Ergebnisse der Resilienz- und Bewältigungsforschung
4.6.3 Ergebnisse der Vulnerabilitätsforschung

5 Unterstützungsmöglichkeiten
5.1 Rechtliche Rahmenbedingungen
5.2 Vernetzung
5.2.1 Vernetzung mit dem sozialen Netz der Familie
5.2.2 Vernetzung auf professioneller Ebene am Beispiel der Helferkonferenz
5.2.3 Öffentlichkeitsarbeit
5.3 weitere Hilfsmöglichkeiten
5.3.1 Psychose - Seminare
5.3.2 Angehörigengruppen
5.3.3 Erziehungsbeistand / Betreuungshilfen
5.3.4 Sozialpädagogische Familienhilfe
5.3.5 Soziale Gruppenarbeit
5.3.6 Hilfsangebote für alleinerziehende Väter 56r
5.3.7 Überlegungen zu einem selbst entworfenen Konzept
5.4 bestehende Unterstützungsmöglichkeiten
5.4.1 Initiative „Netz und Boden“
5.4.2 Kinderprojekt „Auryn“
5.4.3 Präventionsprojekt „Kipkel e.V.“
5.4.4 Patenschaft bei „Pfiff e.V.“
5.4.5 Praxisprojekt in Rheinland- Pfalz
5.4.6 Kinderprojekt Mannheim
5.4.7 Betreute Wohneinheiten für Mutter/Vater und Kind

6 Schlussbetrachtung

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Durch meine praktische Arbeit im Projekt Sozialpsychiatrie in einer Kontaktstelle wurde mir erstmals bewusst, dass es psychisch Erkrankte gibt, die auch Eltern sind. Diese Kinder fanden in meiner Arbeit bisher keinerlei Beachtung. Selbst in meinem Praktikum auf einer geschlossenen Station für erwachsene chronisch psychisch Kranke wurden die Kinder nicht wahrgenommen und waren auch nicht als Besucher auf der Station.

Mein grundsätzliches Interesse an der Arbeit mit Kindern, sowie aktuelle Medienberichte, z. B. die des kleinen Kevin aus Bremen, haben mich für das Thema „Kinder psychisch kranker Eltern“ sensibilisiert.

Obwohl sich die Thematik bis in die 1930er Jahre zurückverfolgen lässt, ist sie bis heute ein soziales Randthema. In Deutschland bekam die Öffentlichkeit erst 1994 durch Remschmidts und Mattejats Buch „Kinder psychotischer Eltern“ Zugang zu den Ergebnissen der entsprechenden kinder- und jugendpsychiatrischen Forschung. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie erkannte den Zusammenhang zwischen einer psychischen Erkrankung eines Elternteils und der psychischen Erkrankung der Kinder. Fast ein Drittel aller stationär zu behandelnden Kinder sind Kinder psychisch kranker Eltern.[1] Schone / Wagenblass (2002) gehen davon aus, dass in der Bundesrepublik Deutschland ca. 500.000 Kinder ein psychisch krankes Elternteil haben.[2] Remschmidt / Mattejat (1994) bestätigen diese Zahlen.[3]

Zusätzlich zu ihrem Werk wurden 1997, die in den Niederlanden bereits vorhandenen Informationshefte an deutsche Verhältnisse angepasst und vom Dachverband Psychosozialer Hilfevereinigungen e.V. herausgebracht.

Die Sozialarbeit wird auf diese Kinder erst aufmerksam, wenn sie bereits Auffälligkeiten oder Störungen entwickelt haben bzw. wenn eine Fremdunterbringung notwendig wird. Aus diesem Grund werden frühzeitige Hilfsmöglichkeiten heute auch als sehr wichtig angesehen, da somit negative Auswirkungen der psychischen Krankheit auf das Familienleben kompensiert werden können.

Mittlerweile gibt es in Deutschland präventive Unterstützungsmöglichkeiten für Kinder psychisch kranker Eltern, die die Belastungen reduzieren können.

Diese sind aber hauptsächlich zeitlich begrenzte Modellprojekte, die trotz bewiesener Erfolge nach Ende der Projektzeit wieder eingestellt werden, da die finanziellen Mittel fehlen.

Viele Kinder psychisch kranker Eltern leben getrennt von einem Elternteil, so dass auch das Problemfeld „Leben mit einem alleinerziehenden psychisch kranken Elternteil“ beleuchtet wird.

Aus der gerade beschriebenen Ausgangslage lassen sich nun Fragen ableiten, mit denen sich die Arbeit im Folgenden beschäftigt wird.

1. Wie sieht die Lebenssituation von Kindern psychisch kranker Eltern aus?

- Welchen Schwierigkeiten und Belastungen sind die Kinder im Alltag ausgesetzt?
- Was für Bewältigungsstrategien entwickeln Kindern in dieser speziellen Lebenslage?
- Wie hoch ist das Erkrankungsrisiko von Kindern psychisch kranker Eltern selbst eine psychische Störung zu entwickeln?
- Welche Auswirkungen hat die psychische Erkrankung der Eltern auf die

Entwicklung des Kindes?

2. Was für Schwierigkeiten hat ein alleinerziehender psychisch erkrankter Vater im

Zusammenleben und der Erziehung mit seinem Kind und in der Gesellschaft?

3. Welche Aufgaben kann die Sozialarbeit übernehmen, um Kinder mit einem psy-

chisch kranken Elternteil optimal zu unterstützen?

4. Welche Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten für Kinder psychisch Kranker

gibt es bereits?

Um einen Eindruck für die Lebenssituation von Kindern psychisch kranker Eltern zu bekommen, werden in Kapitel 2 die Situation des erkrankten Elternteils, sowie Belastungen und Auswirkungen auf die Familienangehörigen dargestellt. Hier wird die Schwierigkeit nicht nur für die Kinder deutlich, mit der gegebenen Situation umzugehen.

Das folgende Kapitel 3 zeigt die Lebenssituation von alleinerziehenden Vätern auf. Hier soll erkennbar werden, dass nicht nur eine psychische Krankheit, sondern auch die Alleinerziehung an sich das Funktionieren einer Familie beeinflusst.

Kapitel 4 beschäftigt sich nun ausführlich mit der Lebenssituation von Kindern psychisch kranker Eltern. Zum einen werden die besonderen Lebensumstände und die damit verbundenen Belastungen dieser Kinder beleuchtet, zum anderen werden die verschiedenen Bewältigungsstrategien und das eigene Erkrankungsrisiko der Kinder aufgezeigt. Außerdem schildert das Kapitel die möglichen Auswirkungen der elterlichen psychischen Erkrankung auf die unterschiedlichen Entwicklungsphasen des Kindes. Im letzten Teil des 4. Kapitels werden die Ergebnisse der verschiedenen Forschungen vorgestellt.

In Kapitel 5 werden die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen dargestellt, um die betroffenen Kinder zu unterstützen. Im Anschluss daran werden die Aufgaben und Möglichkeiten der Sozialarbeit vorgestellt. Hierbei steht das Knüpfen sozialer und professioneller Netzwerke im Mittelpunkt. Am Ende des 5. Kapitels werden bestehende Modellprojekte und Initiativen vorgestellt, das letzte Kapitel fasst die Arbeit noch einmal kurz zusammen.

Lesehinweis:

Aus Gründen der Übersichtlichkeit und der besseren Lesbarkeit möchte ich auf eine Schreibweise, die beide Geschlechter berücksichtigt, verzichten, sofern sie nicht beim Zitieren übernommen werden muss. Ich verwende hauptsächlich die männliche Personenbezeichnung, die dann für beide Geschlechter steht.

Zitate werde ich korrekt übernehmen, auch wenn sie in alter Rechtschreibung geschrieben sind.

Spreche ich in dieser Arbeit von Kindern psychisch Kranker, so sind diese im Alter von 0 - 18 Jahren gemeint, die mit dem erkrankten Elternteil gemeinsam in einem Haushalt leben. Alle anderen Kinder werde ich explizit benennen.

Die Bezeichnung „psychisch kranke Eltern“ bezieht sich in dieser Arbeit stets auf nur ein Elternteil, also Vater oder Mutter, sofern es nicht extra gekennzeichnet ist.

Bei den psychischen Störungen der Eltern habe ich mich auf keine bestimmt festgelegt; ich werde in den Ausführungen u.a. Beispiele aus depressiven und psychotischen Krisen anführen.

In meiner Arbeit werde ich zwischen den Berufsbezeichnungen „Sozialpädagoge“ und „Sozialarbeiter“ nicht unterscheiden, sondern den Begriff der „Sozialarbeit“ synonym für beide verwenden.

2 Die Familie mit einem psychisch kranken Vater

Eine Familie erfüllt unterschiedliche Funktionen, z. B. die Erziehung und Sozialisation der Kinder, die Regeneration der einzelnen Familienmitglieder und deren finanzielle Versorgung. Aber auch das Sicherstellen grundlegender Bedürfnisse (Körperpflege, Ernährung), sowie Verlässlichkeit und Bindung, Sicherheit, Vertrauen, Zuwendung und Anerkennung ist für die Entwicklung und Identitätsbildung von großer Bedeutung.

Die Regenerationsfunktion leistet einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der psychischen Gesundheit und Integrität jedes Einzelnen. Die Familie dient als Rückzugsraum gegenüber dem außerfamiliären Alltag. Im Normalfall unterstützen sich die einzelnen Familienmitglieder bei der Verarbeitung der von außen kommenden Belastungen. Die finanzielle Versorgung garantiert die Beteiligung an gesellschaftlichen Gegebenheiten wie Kultur, Bildung, Gesundheit oder Feizeit.[4]

Erkrankt jedoch ein Elternteil, so werden die gerade benannten Familienfunktionen beeinträchtigt und können oftmals nur noch unzureichend erfüllt werden. Erkrankt die primäre Bezugsperson des Kindes, besteht die Gefahr, dass Defizite im kognitiven und sozial - emotionalen Bereich auftreten. Die Gefahr ist umso größer, je jünger das Kind ist.

Bleibt der erkrankte Elternteil über einen längeren Zeitraum in einer Krise, so ist auch die finanzielle Versorgung nicht mehr zwangsweise gesichert, so dass sich die wirtschaftliche Lage der Familie verschlechtert.

Die Funktionsverluste der Familie sind aber davon abhängig, welcher Elternteil erkrankt, da die Rollenverteilung innerhalb einer Familie oftmals noch nach traditionellen Verteilungsmustern geschieht. Erkrankt der Mann, so kann die Frau beispielsweise die Erziehung aufrechterhalten. Bei einer Erkrankung der Frau sieht es anders aus. Dies bedeutet für den Mann eine zusätzliche Belastung, da er sich neben dem Beruf auch noch um die Kindeserziehung kümmern muss. Hier ist auch die Gefahr größer, dass die familiären Strukturen durch eine Trennung auseinander fallen.[5]

Wenn die Familie nur aus einem Elternteil besteht, sind die Auswirkungen für das Familiensystem gravierend. Der Alleinerziehende, also die primäre Bezugsperson, muss mit seiner Erkrankung alleine zurechtkommen und kann sich deshalb eventuell nicht ausreichend um sein Kind kümmern.

In diesem Fall besteht ein hoher Bedarf an Unterstützung und Hilfe (auch im institutionellen Bereich), da das soziale Netzwerk von Alleinerziehenden im Gegensatz zu anderen Familien kleiner ist.[6]

2.1 Die Situation des erkrankten Elternteils

Wie bereits genannt wirken sich psychische Erkrankungen, die das Fühlen, Denken und Handeln beeinträchtigen und somit also auch die Persönlichkeit des Menschen verändern, auch auf die Beziehungsfähigkeit insbesondere zu Kindern aus. Grundvoraussetzung für ein ausgewogenes Miteinander stellt die emotionale Schwingungsfähigkeit dar, die besonders bei Depressionen und psychotischen Erkrankungen beeinträchtigt ist. Aufgrund des Verlustes dieser Fähigkeiten und der Abflachung der Affekte können die erkrankten Elternteile für ihre Angehörigen gefühlskalt, distanziert und nicht beziehungsfähig erscheinen.[7]

Die Psychiater Huber und Gross, sowie die Psychologin Süllwold haben in den 1970er Jahren das Basisstörungskonzept entwickelt, um die Psychose von Betroffenen nachvollziehen zu können. Dieses Konzept zeigt, dass bei Erkrankten während einer Psychose grundsätzliche Störungen im Bereich des Denkens, der Sprache, der Wahrnehmung, der Gefühle und der Bewegung vorhanden sind, die die Betroffenen auch bei sich wahrnehmen. Die Erfahrung innerer Verwirrung und Desorientierung ist bei einer Psychose durchgehend, so dass der Versuch mit der Störung umzugehen, eine erhöhte Anstrengung der Betroffenen verlangt. Dies führt oft zu Isolation, da sich der Betroffenen zurückziehen muss.[8]

Anfang, Ende und Dauer einer Psychose sind individuell unterschiedlich und nicht vorhersehbar. Helene und Hubert Beitler (2000) beschreiben in ihrem Buch „Psychose und Partnerschaft“, wie einige Symptome einer Psychose erlebt werden. Daher beziehe ich mich im Folgenden auf sie.

Da eine Psychose schleichend beginnt, ist es für Angehörige sehr schwierig die Veränderungen wahrzunehmen. Der Betroffene bemerkt es zwar schon, ignoriert und verdrängt die Vorboten, wie z.B. Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit oder innere Unruhe, jedoch oftmals.

Bei einer Psychose beginnt sich die Innenwelt von der Außenwelt abzugrenzen. Die Innenwelt tritt anfangs in den Vordergrund und absorbiert den Betroffenen.

Innere persönliche oder unbewusste Bilder treten in den Vordergrund, sie nehmen Gestalt an oder sprechen als Stimmen. Der Betroffene wirkt häufig sehr zerstreut und hat das starke Bedürfnis sich zurückzuziehen. Häufig werden psychoseerkrankte Menschen von philosophischen, religiösen oder künstlerischen Gedanken und Ideen überflutet. Die äußere Realität wird dabei nur eingeschränkt wahrgenommen und in das traumhafte Erleben eingebaut. Typisch für eine Psychose ist, dass der Betroffene das Gefühl hat, er sei der einzige Gesunde. Sie neigen dazu, für sie sonst ausgeschlossene Dinge zu tun.

Ein weiteres Symptom einer Psychose ist das veränderte Denken. Dies bedeutet, dass der informative Anteil in den Hintergrund tritt, während sich der emotionale Anteil in den Vordergrund schiebt. Die Betroffenen fühlen sich in ihrem Denken und Handeln transparent für ihre Umgebung.

Halluzinationen sind ein typisches Merkmal einer Psychose. Sie können alle Sinne betreffen. Der Betroffene hört beispielsweise nicht vorhandene Stimmen und sieht imaginäre Filme. Je nach Stimmungslage und Temperament sind die Halluzinationen ängstigend, faszinierend oder machen wütend.[9]

In Kapitel 2.2 werden die Schwierigkeiten und Beeinträchtigungen der Angehörigen geschildert. Doch auch für den Erkrankten ist die Situation nicht einfach. Er ist in einer akuten Krise mit alltäglichen Anforderungen außerhalb und innerhalb der Familie überfordert. Hinzu kommt, dass die unterschiedlichen Nebenwirkungen der Medikamente, wie z. B. Müdigkeit, Beeinträchtigung der körperlichen Verfassung, Gefühlsverflachung oder motorische Unruhe, den Kontakt und die Kommunikation mit Angehörigen erschweren.

Vor allem Klinikaufenthalte beeinflussen das Selbstbewusstsein des Erkrankten. Sie schämen sich ihren Kindern gegenüber, weil sie sie lange alleine lassen und zweifeln an ihrer Elternkompetenz. Diese Scham schränkt häufig den Kontakt zur Außenwelt ein, da psychisch erkrankte Menschen noch heute stark stigmatisiert und mit negativen Eigenschaften (z. B. gefährlich, aggressiv, unberechenbar etc.) verbunden werden.[10]

2.2 Schwierigkeiten der Angehörigen psychisch kranker Menschen

Im Gegensatz zu vielen anderen Krankheiten ist die psychische Krankheit eine „Familienkrankheit“. Sie belastet immer das ganze System der Familie und nicht nur den Betroffenen. Finzen (1996) spricht im Zusammenhang mit der Schizophrenie sogar von einer „Familienkatastrophe“.

Die folgenden Ausführungen erfolgen in Anlehnung an Finzen. Die Darstellung an Hand der Schizophrenie ist als Beispiel zu verstehen und kann auch auf andere psychische Erkrankungen angewandt werden. Finzen führt die Auswirkungen der Erkrankung eines Familienmitgliedes auf die ganze Familie in sechs Teilaspekte aus.

1. Die große Kränkung

Die Familie reagiert auf das unerwartete Eintreten einer psychischen Krankheit pha-

senweise mit Verleugnung, Zorn, Schuldzuweisung, Resignation, Angst und Hilflo-

sigkeit. Diese Phasen lösen einander ab. Häufig wird das Einbrechen der Krankheit

über das eigene Leben als Beschädigung der Identität empfunden. Wenn dann

auch noch Schuldzuweisungen und Stigmatisierungen durch Dritte hinzukommen,

führt dies in den meisten Fällen zur Isolation der Familie. Sie versucht die Krankheit

zu verheimlichen, welches dann oftmals zu Vereinsamung und zur Hilflosigkeit der

Familien führt. Erst wenn alle Phasen durchlaufen wurden, ist im günstigsten Fall

eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Krankheit möglich.

2. Die Bedrohung des Familienzusammenhalts

Lange vor der Diagnosestellung sind psychische und psychosoziale Veränderungen

aufgetreten. Diese sind weder von dem Kranken selbst, noch von den Familienmit-

gliedern als Krankheit eingeordnet worden. Schon während der Veränderung sucht

jedes Familienmitglied für sich nach Problemlösungen und bildet seinen eigenen

Standpunkt. Wenn die Krankheit in der Familie akzeptiert ist, treten aufgrund der

unterschiedlichen Handlungsansätze im Umgang mit dem Kranken Differenzen und

Belastungen auf. Viele Familien brechen an diesen auftretenden Belastungen aus

einander.

3. Der Verlust der Selbstverständlichkeit

Das Zusammenleben mit einem psychisch kranken Menschen verändert alle Betei-

ligten, ganz besonders in akuten Krankheitsphasen werden die Familienregeln au-

ßer Kraft gesetzt. Familienmythen oder– geschichten zählen plötzlich nicht mehr.

Nichts was vor der Krankheit selbstverständlich, unproblematisch oder verlässlich

war, zählt noch. Einzige Sicherheit ist die Unsicherheit.

4. Die Ungewissheit des Verlaufs und des Ausgangs

Der Verlauf und der Ausgang einer psychischen Krankheit sind schwankend und für

alle ungewiss. Unterschiedliche Krankheitsphasen bringen unterschiedliche An-

forderungen an die Angehörigen mit sich (Zurückhaltung oder Eingreifen). Vor dem

Hintergrund von Fortschritt und Rückschlag erleben die Angehörigen ein Wechsel-

bad aus Hoffnung und Verzweiflung.

5. Die Veränderung der eigenen Biografie

Eine psychische Erkrankung des Kindes hat oftmals eine einschneidende Verände-

rung des Lebenslaufs der Eltern zur Folge. An gesunde Kinder wird im Laufe der

Jahre die Verantwortung für ihr eigenes Leben abgegeben. Dies verzögert sich bei

psychisch kranken Kindern stark, da sie auf Grund ihrer Unterstützungsbedürftigkeit

an ihre Eltern gebunden sind. Finzens Erkenntnisse lassen sich auch auf eine ver

änderte Lebensbiografie der Kinder bei elterlicher psychischer Krankheit anwenden.

Die Kinder haben Schwierigkeiten bei der Abnabelung, da sie von klein auf viel zu

viel Verantwortung für ihre Eltern übernehmen mussten.

6. Was wird nach dem eigenen Tod?

Wenn die Kinder größtenteils von ihren Eltern unterstützt werden, finanziell oder

emotional, ist dies eine sehr zentrale Frage. Wenn sich die Eltern nicht mehr um ihre

kranken Kindern kümmern können, ändert sich nicht nur ihre psychosoziale, sondern

auch ihre wirtschaftliche Situation. Da die gesellschaftliche Fürsorge chronisch Kran-

ker bis heute Mängel aufweist, sind viele psychisch kranke Menschen nach dem Tod

ihrer Eltern auf staatliche Unterstützung angewiesen.[11]

2.3 Belastungen und Auswirkungen auf das Zusammenleben

Nach Koenning (2002) hat es tiefgreifende Auswirkungen auf den Alltag, wenn ein psychisch Kranker mit in der Familie lebt. Sie geht dabei aber nicht von den für den Psychiater wichtigen Symptomen wie Stimmen hören, Wahnideen, Verwirrtheit oder Halluzinationen aus, sondern von folgenden Verhaltensweisen:

- Inaktivität und Apathie oder übermäßige Aktivität
- Vernachlässigung des Erscheinungsbildes und der Wohnung
- Missachtung von Hygieneregeln
- Störung der Alltagsroutine
- Gestörte Tages- und Nachtrhythmen
- Ungenügende oder ungewöhnliche Ernährung
- Unverständliches Kontaktverhalten

Diese Verhaltensweisen führen zu übertriebener Rücksichtnahme der Angehörigen und der Zurücksetzung von eigenen Bedürfnissen, so dass es häufig zu Konflikten in der Familie kommt.[12] Trotz aller Probleme zeigt eine Studie von Creer / Wing (1973), die mit 80 Angehörigen von Schizophreniekranken durchgeführt wurden, dass zwei Drittel der Befragten ihren Angehörigen wohlwollend und tolerant gegenüberstehen, obwohl die Hälfte einräumte, dass das Zusammenleben mit den Erkrankten beträchtliche Auswirkungen auf ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden haben.[13]

Auswirkungen auf den Partner

Ähnlich wie bei den Kindern psychisch kranker Eltern (vgl. Kapitel 4) gibt es über die Lebenssituation der Ehepartner psychisch Kranker kaum Studien. Untersucht wurde in der Fachliteratur bislang hauptsächlich die Situation von Angehörigen psychisch kranker erwachsener Kinder.

Daher beziehe ich mich auf eine Studie von Jungbauer (2002), in der er mit 49 Partnern schizophrener Patienten ein 30minütiges narratives Interview durchführte.

Jungbauer wollte mit der Studie herausfinden, was sich für die Angehörigen seit Erkrankung des Partners verändert hat und wie sie die Erkrankung des Partners und den gemeinsamen Alltag erleben.

Der Beginn einer Psychose ist für den Angehörigen häufig mit starken psychischen Belastungen wie Angst, Verzweifelung und Hilflosigkeit verbunden. In der Zusammenarbeit mit Ärzten oder der Psychiatrie erleben sie Schuld-, Scham- und Versagensgefühle und fühlen sich von dem behandelnden Arzt nicht ernst genommen, da in den meisten Fällen Informationsdefizite über Symptome und Behandlungsmöglichkeiten bestehen.

Oft stehen die Angehörigen psychisch Kranker vor einer Vielzahl von Aufgaben, die sie nun alleine bewältigen müssen. So muss sich der Partner nicht nur um den psychisch erkrankten Partner kümmern, sondern zusätzlich noch die alltäglichen Verpflichtungen wie Erziehung und Versorgung der Kinder, Haushalt und gegebenenfalls die Erwerbstätigkeit alleine organisieren und bewältigen. Eine zusätzlich schwierige Situation entsteht bei der Entscheidung, den Partner zu Hause zu versorgen oder ihn in eine Klinik einzuweisen (z. B. nach Suizidäußerungen).

Da Ehepartner mit zunehmender Krankheitserfahrung besser informiert sind, sind sie eher in der Lage, die auftauchenden Probleme in der Krise zu bewältigen. Je stärker die krankheitsbedingten Veränderungen und Beeinträchtigungen vom Partner erlebt werden, umso größer sind die auftauchenden Belastungen in der Paarbeziehung und im familiären Alltag. Die Angst vor möglichen Rückfällen ist häufig so groß, dass der erkrankte Partner im Alltag stets beobachtet wird. Diese ständige Beobachtung bringt eine chronische Anspannung mit sich. Auch in Situationen, wie z.B. Urlaub, Familienfeiern etc. erhöht sich die Aufmerksamkeit des gesunden Partners, da gerade diese Stresssituationen das Risiko eines psychotischen Schubs erhöhen.

Im Fall einer dauerhaften Einschränkung des Partners und der damit verbundenen Doppelbelastung des gesunden Partners (Haushalt und Erwerbstätigkeit), kommt es zu einer Beeinträchtigung der eigenen Lebensqualität, da beispielsweise Abstriche bei den eigenen Bedürfnissen gemacht werden müssen. Diese Tatsache kann dazu führen, dass der gesunde Partner selbst schwere gesundheitliche Probleme bekommt. Es ist jedoch belegt, dass bei einer leichten bis mittelschweren Beeinträchtigung des erkrankten Partners im Alltag eine Fortführung der Partnerschaft möglich ist.[14]

Ob und unter welchen Voraussetzungen ein Leben mit dem erkrankten Partner möglich ist, hängt stark davon ab, inwieweit die Erkrankung kognitiv - emotional verarbeitet werden kann. Außerdem muss die Bereitschaft vorhanden sein, sich mit den Symptomen der Krankheit und den entsprechenden Behandlungsmöglichkeiten auseinander zu setzen. Voraussetzungen für ein weiteres gemeinsames Leben sind Absprachefähigkeit, die beidseitige Akzeptanz der psychotischen Erkrankung und einer damit verbundenen neuen Definition des gemeinsamen Lebensentwurfes.[15]

Es ist jedoch auch nicht außer Acht zu lassen, dass viele Partnerschaften die Psychose nicht überstehen. Wenn lang anhaltende psychotische Krisen gehäuft auftreten und es dadurch immer wieder zu akuten Belastungen kommt, ist oftmals die Trennung vom erkrankten Partner die Folge.[16]

3 Die Lebenssituation alleinerziehender Väter

Wie in Kapitel 2 deutlich gemacht, führt die Erkrankung eines Elternteils zu einer gravierenden Veränderung in der Familie. In den meisten Fällen wachsen die Kinder nach der Trennung bei dem gesunden Elternteil oder bei der Mutter auf. Es kommt aber immer häufiger vor, dass die Kinder bei ihren dann alleinerziehenden Vätern aufwachsen.

In diesem Kapitel werde ich deshalb die Lebenssituation und Schwierigkeiten von alleinerziehenden Vätern darstellen.

3.1 Definition, Zahlen und Fakten

Alleinerziehende sind ledige, verheiratet, aber getrennt lebende, geschiedene und verwitwete Väter oder Mütter, die mit ihren minder- oder volljährigen ledigen Kindern zusammenleben. Dabei ist es unerheblich, ob neben dem alleinerziehenden Elternteil und den Kindern noch weitere Personen im Haushalt leben.

Laut Statistischem Bundesamt (1994) werden Personen mit ausschließlich erwachsenen Kindern ebenfalls zu Alleinerziehenden gezählt.[17]

Es gibt verschiedene Gründe für die Alleinerziehung. Hauptgründe dafür sind Scheidung und Trennung der Eltern, aber auch der Tod eines Elternteils oder die nichteheliche Geburt des Kindes können ausschlaggebend für diese Lebensform sein.[18]

Die Sozialwissenschaft bildete für diese Lebensform den Begriff der Ein – Eltern -Familie. Sie stellt in Europa wegen ihrer klaren Zunahme eine Familienform dar, die an Bedeutung zunimmt und als gesellschaftspolitische Herausforderung gesehen werden muss.

In Deutschland leben 2005 ca. 12,6 Millionen Familien. Allerdings hat sich die Familienstruktur verändert. 21 % der in Deutschland lebenden Familien sind Alleinerziehende, das sind ca. 2,6 Millionen. Somit gehören auch alleinerziehende Väter mittlerweile zum „Alltag“. Bundesweit gibt es 2005 15 % mehr alleinerziehende Mütter und Väter als noch vor neun Jahren. Im Vergleich zu 1996 stieg die Zahl der Alleinerziehenden in Westdeutschland um 18 %, in Ostdeutschland um 8 %. 2005 sind 13 % der Alleinerziehenden in Deutschland Männer. Das Durchschnittsalter alleinerziehender Väter liegt 2005 mit 52,5 Jahren um 6,4 Jahre höher als das der entsprechenden Mütter. Seit 1996 erhöhte sich das Durchschnittsalter der alleinerziehenden Väter um rund zwei Jahre, während alleinerziehende Mütter durchschnittlich fast genauso alt waren wie schon 1996.[19]

3.2 Formen der Alleinerziehung

Es gibt die verschiedensten Gründe, warum ein Mensch alleinerziehend ist. Grundsätzlich lassen sich vier Gruppen von Alleinerziehenden unterscheiden, die im Folgenden aufgezeigt werden.

Verwitwet

Bei der Gruppe der Witwer werden zwei Gruppen unterschieden. Es stellt sich die Frage, ob sich der Ehepartner langsam mit dem Verlust des Partners, z.B. durch Krankheit, vertraut machen konnte oder ob der Tod überraschend eintrat.

In der Gruppe der alleinerziehenden Männer bilden die Witwer nicht die größte Gruppe.[20] Nur 30 % der alleinerziehenden Väter sind verwitwet. Bei den alleinerziehenden Witwern leben rund 10 % aller Kinder, die bei Alleinerziehenden leben.[21]

Verheiratet, aber getrennt lebend

Die Entscheidung, als Ehepartner getrennt zu leben, wird wohl ebenso in den wenigsten Fällen aus der Motivation heraus getroffen, dass einer der Ehepartner ab sofort aktiv alleinerziehend sein möchte, sondern ist notwendige Konsequenz dieser Entscheidung, sofern Kinder in der Ehe existieren.

In vielen Fällen kann der Zeitpunkt, in dem der Übergang zur Ein – Eltern - Familie stattfindet nur schwer bestimmt werden. Die Gruppe der verheiratet, aber getrennt lebenden Väter umfasst 19 %.[22]. Sie betreuen rund 18 % der Kinder, die bei alleinerziehenden Vätern leben.[23]

Geschieden

43 % aller alleinerziehenden Männer werden durch eine Scheidung vom ehemaligen Ehepartner in diese Situation gebracht.[24] Sie betreuen mit etwa 36 % die größte Gruppe der Kinder, die bei alleinerziehenden Vätern leben.[25]

Die Option liegt hierbei in erster Linie darin, sich für das weitere Leben ohne den Ehepartner zu entscheiden, „gekündigt“ wird nur dem Ehepartner, mit dem das Zusammenleben nicht länger erträglich ist, gekündigt wird nicht den Kindern.

Auch wenn die Entscheidung gemeinsam und in beidseitigem Einverständnis getroffen wurde, kommt es oft zu Sorgerechtsstreitigkeiten, gerade wenn ein Ehepartner betrogen wurde. Der Streit dient somit häufig zur Bewältigung der persönlichen Enttäuschung.[26]

Ledig

Bei den ledigen alleinerziehenden Vätern lebt mit 34 % die zweitgrößte Gruppe der zu betreuenden Kinder[27], aber nur 8 % der alleinerziehenden Väter sind ledig.[28] Ledige Väter sind sehr stark auf die Kooperation der Mütter angewiesen, da ihre rechtliche Situation bezüglich Umgang und Sorge sonst aussichtslos ist.[29]

3.3 Rollenfindung

In seiner neuen und ungewohnten Situation muss sich der alleinerziehende Vater vielen schwierigen Aufgaben stellen. Im Übergang zur alleinigen Elternschaft muss er mit zwei neuen Situationen fertig werden. Zum einen mit der Tatsache, dass er nun erst einmal ohne eine Partnerin lebt, zum anderen mit der Situation, dass er alleinerziehender Vater ist.[30] Der alleinerziehende Vater muss die Trennung vom Partner verarbeiten.

Geht man nicht vom Tod des Partners aus, so steht man nach einer Trennung häufig Wut, Hass und Hilflosigkeit gegenüber.[31] Trotzdem ist es wichtig, die Beziehungstrennung zu akzeptieren und sein Leben und das des Kindes so zu gestalteten, dass die Kinder in ihrer Verbindung zum anderen Elternteil nicht negativ beeinflusst werden.

Im Gegensatz zu den meisten Frauen, fällt der alleinerziehende Vater nach einer Trennung aus seinem klassischen Rollenmuster. Er muss sich nicht nur um seinen Beruf kümmern, sondern er steht erstmals alleinverantwortlich vor der Aufgabe, diese mit der Haushaltsführung und der Kinderbetreuung zu vereinbaren. Alleinerziehende Väter sind bemüht, die Lücke, die das fehlende Elternteil hinterlassen hat zu schließen.[32] Den alleinerziehenden Vätern wird die Situation des Alleinerziehens von der Öffentlichkeit erschwert, da sie die Mutter grundsätzlich als geeignetere Person zur Erziehung des Kindes ansieht.[33] Doch Väter sind ebenso in der Lage ihre Kinder zu erziehen, denn nicht ausschließlich zeitliche Ressourcen bestimmen die Beziehung zum Kind, die Qualität der väterlichen Interaktion ist besonders wichtig.[34]

Wie aktiv ein Vater seine Rolle einnimmt, hängt von mehreren Faktoren ab, wie z. B. von der Beziehung zu sich selbst, wie er die Schwangerschaft und die Geburt erlebt hat, wie er anschließend die Mutter - Kind - Beziehung wahrnimmt und zuletzt spielt auch seine eigene frühkindliche Biografie eine Rolle.[35]

Die gesellschaftliche Rolle eines alleinerziehenden Vaters stellt sich für jeden Betroffenen als diffus dar, da es für ihn keine eindeutigen Handlungsmuster oder Verhaltensvorgaben gibt. Diese Rolle gilt noch immer als unüblich, so dass es keine Rollenvorbilder gibt.[36] Forschungsergebnisse zeigen, dass es zwischen der mütterlichen und der väterlichen Interaktion kaum Unterschiede gibt. Es gilt vielmehr festzustellen, dass das väterliche Verhalten beeinflusst wird von der mütterlichen Akzeptanz des väterlichen Bindungsverhaltens.[37]

Für den Vater bedeutet die Trennung von der Partnerin, dass er eine Identität als alleinerziehender Vater finden muss. Er muss seine Situation akzeptieren und sich mit Erwartungen der Umwelt arrangieren. Auch für Vater und Kind gilt es, ein neues familiales Selbstverständnis aufzubauen. Oft haben alleinerziehende Väter Angst, die Situation nicht meistern zu können.

Zu den Hauptängsten der Väter zählen, dass sie die emotionalen Bedürfnisse der Kinder nicht befriedigen können, dass sie besonders ihre Töchter nicht richtig erziehen können, sowie die Annahme, dass das Aufwachsen in einer Ein - Eltern - Familie Stress für das Kind bedeutet.[38]

Allerdings fällt alleinerziehenden Vätern die Übernahme der neuen Rolle leichter, wenn sie auch schon während der Ehe oder Beziehung aktiv an der Erziehung der Kinder mitgewirkt haben. Es darf nämlich nicht vergessen werden, dass die elterliche Trennung für das Kind eine enorme Anpassungsleistung verlangt, da sich neben der inneren Struktur nicht selten auch die Rahmenbedingungen (Wohnung etc) ändern. Außerdem müssen die Kinder ihr Vaterbild erneuern, da dieser ja nun auch die mütterlichen Aufgaben abdeckt und übernimmt.[39]

Abschließend bleibt festzustellen, dass der Übergang zur Ein - Eltern - Familie eine schmerzliche und schwierige Zeit ist, in der das Leben neu organisiert werden muss und mit Gefühlsschwankungen, Schuldgefühlen, Selbstwertproblemen und Frustrationen gekoppelt ist.[40]

3.4 Anforderungen im Alltag

Durch das Ausscheiden der Mutter aus der Familie ergibt sich für die entstandene Vater - Kind - Familie eine völlig neue Situation, die an viele Veränderungen im Alltag gekoppelt ist. Die vor der Trennung von der Mutter / Partnerin abgedeckten Aufgaben, müssen jetzt zusätzlich übernommen werden - teilweise auch von den Kindern. Dies verlangt einen hohen Bedarf an Planung und Koordination, dessen Optimierung häufig Schwierigkeiten hervorruft.

3.4.1 Erziehungs- und Betreuungsmöglichkeiten

Da die Mutter mit der Trennung aus diesem Aufgabenbereich herausfällt, liegt die Hauptverantwortung für die Erziehung beim Vater.

Je nachdem wie involviert der Vater zuvor schon in die Erziehung der Kinder gewesen ist und wie alt die Kinder sind, wirkt sich diese Veränderung in geringerem oder größerem Maße auf die Strukturierung des Alltages und auf das Erziehungsverhalten aus. Tendenziell lässt sich sogar feststellen, dass alleinerziehende Väter weniger Probleme mit der Kindererziehung haben als Frauen. Allerdings ergeben Studien, dass das oftmals nur der Fall ist, wenn die Väter schon vor der alleinigen Elternschaft Erfahrungen mit der Erziehung und Pflege des Kindes gesammelt haben.[41]

Gelangt der alleinerziehende Vater unfreiwillig und unvorbereitet in diese Situation, versucht er häufig, seine Unsicherheit durch besonders strenges, autoritäres Auftreten oder gegenteilig durch starkes Verwöhnen zu verdecken. Der Vater wird zudem für die Kinder zu einer zentralen Bezugsperson und damit zum Ansprechpartner bei auftretenden Fragen und Problemen. Die Kinder genießen ebenfalls einen größeren Anteil der väterlichen Aufmerksamkeit. Dies kann problematisch sein, wenn sich beide Parteien zu stark aufeinander fixieren und sich von anderen Personen isolieren. Dann entsteht unter Umständen die Gefahr, das Kind zum einzigen Lebensinhalt werden zu lassen oder als Partnerersatz zu funktionalisieren, was eine altersgerechte Entwicklung des Kindes verhindert. Die enge Vater - Kind - Bindung hat auch positive Seiten. Viele alleinerziehende Väter berichten, dass sich ihr Verhältnis zum Kind vertieft hat und dass das Vertrauen gewachsen ist. Jedoch fällt es vielen alleinerziehenden Väter kurz nach der „Übernahme der Alleinerziehung“ schwer, ihren Kindern die notwendige Zuwendung und Sicherheit zu geben. Sie fühlen sich überfordert, da sie einerseits ihre Kinder emotional stärken müssen, z. B. bei Verlustängsten, andererseits aber selbst noch die Trennung vom Partner verarbeiten müssen.

Am wenigsten Schwierigkeiten bereitet den alleinerziehenden Vätern die Freizeitgestaltung, denn dieser Bereich gehörte auch schon vor der Trennung oftmals traditionell in väterliche Hand. Allerdings hat der alleinerziehende Vater durch die parallel laufende Berufstätigkeit weniger Freizeit.

Generell lässt sich jedoch sagen, dass sich die Schwierigkeiten und Unsicherheiten in der Erziehung meist nur auf die Anfangszeit der neuen und ungewohnten Situation beziehen. Es ist für alle Beteiligten wichtig zu begreifen, dass der Vater die Mutter nicht ersetzen kann, dass er vielmehr Vater bleibt, wenn auch mit einem erweiterten Aufgabenbereich.

3.4.2 Haushaltsführung

Die Haushaltsführung wird auch heute noch, trotz tendenziellem Gegentrend noch immer als typisch weibliche Tätigkeit angesehen, um die sich die Väter in Zwei - Eltern - Familien eher selten oder nur in Teilbereichen kümmern müssen.

Durch die mangelnde Vorbereitung auf die Haushaltsführung auf Grund der eigenen Sozialisation, ist es verständlich, dass sich viele alleinerziehende Väter zu Beginn der neuen Situation durch häusliche Pflichten überfordert fühlen. Er ist unsicher beim Kochen, Einkaufen, Putzen, Waschen oder der Organisation all der neuen Verpflichtungen.[42] Anfangs beanspruchen diese neuen Tätigkeiten übermäßig viel Zeit. Hat sich der Alltag aber bewährt, beträgt die durchschnittliche tägliche Arbeitszeit im Haushalt ca. zwei Stunden.[43] Die Belastung durch den Haushalt ist aber abhängig vom Alter der Kinder. Je älter sie sind, desto mehr Aufgaben können sie im Haushalt übernehmen. Allerdings sind die Väter häufig unsicher, wie viel Arbeit sie ihren Kindern zumuten können.[44] Überdies beklagen sich die Kinder darüber, dass ihre Mithilfe von den Vätern nicht ausreichend anerkannt wird.[45]

Berufstätigen alleinerziehenden Väter ist die verbleibende Zeit zu kostbar, um sie mit lästiger Hausarbeit zu vergeuden. Die eh schon knapp bemessene Zeit wird von den Vätern lieber mit den Kindern gemeinsam verbracht bzw. für sich selbst genutzt.[46] Dies ist der Hauptgrund dafür, dass rund 26 % aller alleinerziehenden Väter eine Haushaltshilfe angestellt haben, die sich um den Haushalt kümmert.[47]

[...]


[1] vgl. Remschmidt / Mattejat 1994, S. 14

[2] vgl. Schone / Wagenblass 2002, S. 11

[3] vgl. Remschmidt / Mattejat 1994, S. 5

[4] vgl. Textor 1998, S. 89

[5] vgl. Schone / Wagenblass 2002, S. 69

[6] vgl. Bullinger 1998, S. 53 ff

[7] vgl. Wolfersdorf 2001, S. 17

[8] vgl. Wienberg 2003, S. 35

[9] vgl. Beitler / Beitler 2000, S.37 ff

[10] vgl. ebd., S. 67 ff

[11] vgl. Finzen 2000, S. 105 ff

[12] vgl. Koenning 1995, S. 25 f

[13] vgl. Katschnig / Creer 1984, S. 103 f

[14] vgl. Jungbauer 2002, S. 56 f

[15] vgl. Beitler / Beitler 2000, S. 56

[16] vgl. Jungbauer 2002, S. 56 f

[17] vgl. Nestmann / Stiehler 1998, S. 32

[18] vgl. www.sign-lang.de

[19] vgl. www.destatis.de

[20] vgl. Nestmann / Stiehler 1998, S. 170

[21] vgl. Braches - Chyrek 2002, S. 87

[22] vgl. www.destatis.de

[23] vgl. Braches - Chyrek 2002, S. 87

[24] vgl. www.destatis.de

[25] vgl. www. Braches - Chyrek 2002, S. 87

[26] vgl. Nestmann / Stiehler 1998, S. 171

[27] vgl. Braches - Chyrek 2002, S. 87

[28] vgl. www.destatis.de

[29] vgl. Nestmann / Stiehler 1998, S. 171

[30] vgl. Hipgrave 1981 in Fthenakis 1985, S. 90

[31] vgl. Fthenakis 1985, S. 91

[32] vgl. Stiehler 2000, S. 67 f

[33] vgl. Fthenakis 1985, S. 91

[34] vgl. Fthenakis et al. 1982 in Braches - Chyrek 2002, S. 35

[35] vgl. Böhnisch 1997 in ebd., S. 35

[36] vgl. Fthenakis 1999 in Braches - Chyrek 2002, S. 36

[37] vgl. Braches - Chyrek 2002, S. 36

[38] vgl. Hipgrave 1982 in Fthenakis 1985, S. 94

[39] vgl. Fthenakis 1985, S. 99

[40] vgl. Napp - Peters 1985, S. 102

[41] vgl. Fthenakis 1985, S. 94 f

[42] vgl. Fthenakis 1985, S. 93

[43] vgl. Nestmann / Stiehler 1998, S. 187

[44] vgl. Hipgrave 1981 in Fthenakis 1985, S. 94

[45] vgl. Stiehler 2000, S. 66

[46] vgl. Fthenakis 1985, S. 94

[47] vgl. Stiehler 2000, S. 66

Ende der Leseprobe aus 93 Seiten

Details

Titel
Sozialpädagogische Unterstützungsmöglichkeit für Kinder psychisch kranker Väter
Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
93
Katalognummer
V70455
ISBN (eBook)
9783638616119
ISBN (Buch)
9783638674294
Dateigröße
733 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialpädagogische, Unterstützungsmöglichkeit, Kinder, Väter
Arbeit zitieren
Ilka Bergmann (Autor), 2007, Sozialpädagogische Unterstützungsmöglichkeit für Kinder psychisch kranker Väter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70455

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