Die scheinbare Wandlung der islamischen Gemeinschaft Milli Görüs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

21 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Die Türken vor Wien?

2. Überblick Milli Görüş
2.1 Größe und Struktur
2.2. Geschichte
2.3 Verbindungen in die Türkei
2.4 Selbstdarstellung und Einschätzung von Außen
2.5 Bildung und Indoktrination

3. Wolf frisst Kreide
3.1 Stichwort: Antisemitismus

4. Schlußbetrachtungen

1. Einleitung: Die Türken vor Wien?

Die Diskussion über einen eventuellen christlichen Wertebezug in der EU Verfassung, sowie über die mögliche Aufnahme der Türkei, haben eine seit den 70ger Jahren stattfindende Debatte wieder entflammt: Die Rolle des Islam in Europa.

Der Islam ist nicht nur durch seine Verbreitung unter Migranten zur zweitgrößten Religionsgemeinschaft Europas geworden, wie oft außer Acht gelassen wird. Seit der Schlacht auf dem Amselfeld 1389[1], bei der das serbische Heer dem Osmanischen Sultan Murad I. unterlag, und somit die Expansion des Osmanischen Reiches gen Mitteleuropa ermöglichte, sind große Teile des Balkans muslimisch.

Mit der Spanischen Reconquista hat sich das muslimische Leben in Europa nicht erst bis zu den Migrationsströmen der 60ger und 70ger Jahren dieses Jahrhunderts aufgelöst. In Europa leben derzeit schätzungsweise 30 bis 40 Millionen Muslime[2]. Elf Millionen davon leben im Europäischen Teils Russlands, in den Ländern der EU etwa 15 Millionen.[3] Die Gesamtzahl würde sich bei einem EU-Beitritt der Türkei mit seinen rund 65 Millionen Einwohnern also vervierfachen – ein Ausblick, über den sich nicht nur viele Konservative echauffieren, die eine „Verwässerung“ der Abendländischen Kultur fürchten. Die unsägliche Forderung des Bayrischen Innenministers Günter Becksteins, daß „[d]ie deutsche Leitkultur [...] bei unseren ausländischen Mitbürgern entsprechende Akzeptanz“ finden müsse, sowie der populistische Tiefschlag, „[w]ir brauchen weniger Ausländer, die uns ausnützen, und mehr, die uns nützen“[4] bieten ein besonders dankenswertes Beispiel von Ausblendung des Status quo der deutschen Gesellschaft. „Der Islam ist fester Bestandteil Europas“ mahnte der Politologe Claus Leggewie, „nicht sein angeborener Antipode oder ewiger Antagonist.

Die Muslime sind unter uns, schon seit Jahrhunderten. Und sie sollen es auch bleiben.“[5]

CSU-Politiker Alois Glück folgte seinem Innenminister und forderte von Muslimen gar die Quadratur des Kreises. Sie sollen „die christliche Kultur als Leitkultur für die Gestaltung der Gesellschaft sowie die Trennung von Religion und Staat anerkennen.“[6] Folglich bedeutet dies: Das Christentum soll als politische Leitkonstante anerkannt werden, dem Islam aber scheine laut Herrn Glück eine Unvereinbarkeit von Sekulärismus und Religionsausübung immanent zu sein. Die häufige Gleichstellung der Religion Islam mit der Ideologie des Politischen Islamismus, sei es aus purer Ignoranz oder aus medienwirksamen Populismus, soll in dieser Arbeit noch genauer beleuchtet werden.

Doch auch liberalere Gruppen und Organisationen, die um einen friedlichen und konstruktiven Dialog bemüht sind, teilen in Zeiten von stagnierenden Kirchenmitgliederzahlen und demographischen Veränderungen die Sorge vor einem Ungleichgewicht. So schrieb die evangelische Kirchenzeitschrift idea Spektrum in ihrer Ausgabe 13/2000, also weit vor den Anschlägen des 11.Septembers und der damit losgetretenen Welle von Angst und Misstrauen: „Setzt sich der Trend fort, wird das Mutterland der Reformation am Ende des Jahrhunderts in erster Linie nicht mehr vom Christentum, sondern vom Islam geprägt sein.“[7]

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der größten in Deutschland ansässigen Vereinigung von Muslimen, der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş“ (IGMG). Die Wichtigkeit dieses Themas erklärt sich nicht nur durch die Omnipräsenz der Organisation im Leben hier ansässiger Türken und durch die zahlenmäßige Überlegenheit über andere hier aktive Gruppen, sondern auch durch die immer weiter gehende öffentliche Akzeptanz von Milli Görüş im öffentlichen Leben. Milli Görüş-Funktionäre werden immer häufiger als Gesprächspartner für christlich-islamischen Dialog geladen, so zum Beispiel bei Veranstaltungen der Heinrich-Böll-Stiftung oder der Friedrich-Ebert-Stiftung.

[...]


[1] Eine zweite Schlacht am 19. Oktober 1448, bei der Murad II. die Osmanen befehligte, brachte die gänzliche Niederlage der Serben. Die Schlacht auf dem Amselfeld (serb. Kosovo Polje, kurz Kosovo) spielt bis heute eine große Rolle im Selbstverständnis der Völker der Region, besonders der Serben, und wurde immer wieder mythologisiert und zur Bekräftigung der eigenen Opferrolle instrumentalisiert. Die Rede Milošević' zur 600-Jahr-Feier der Schlacht wird allgemein als Kündbote der Kriege am Balkan 1991-1999 angesehen. Siehe u.a.: Hötsch, Edgar. Geschichte der Balkanländer. Von der Frühzeit bis zur Gegenwart. C.H. Beck Verlag, 2002.

[2] Zahlen entnommen aus: Seidel/Dantschke/Yildirim. Politik im Namen Allahs: Der Islamismus - eine Herausforderung für Europa. Hrsg: Ozan Ceyhun und Daniel Cohn-Bendit MdEP, Brüssel, 2002, S.14.

[3] Diese Zahl dürfte sich durch die Aufnahme der 10 Staaten am 01.05.04 – wenn auch geringfügig - erhöht haben.

[4] Focus, 10.06.2000.

[5] Leggewie, Claus. Alhambra – Der Islam im Westen. Hamburg, 1993, S.8.

[6] Münchner Merkur, 16.Januar 1999, Seite 1.

[7] zitiert in Seidel/Dantschke/Yildirim, S.8.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die scheinbare Wandlung der islamischen Gemeinschaft Milli Görüs
Hochschule
Universität Hamburg  (Insitut für Geschichtswissenschaft)
Veranstaltung
Historische Wurzeln des Islamismus in Nordafrika/Nahost
Note
1,5
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V71003
ISBN (eBook)
9783638627047
ISBN (Buch)
9783638903455
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wandlung, Gemeinschaft, Milli, Görüs, Historische, Wurzeln, Islamismus, Nordafrika/Nahost
Arbeit zitieren
Ayla Kiran (Autor), 2004, Die scheinbare Wandlung der islamischen Gemeinschaft Milli Görüs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71003

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