Stadtplanung in Hamburg. Kontinuitäten und Wandel vom Generalbebauungsplan 1940/41 bis zum Aufbauplan 1950


Magisterarbeit, 2005
127 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Gegenstand der Arbeit
1.2 Erkenntnisziel
1.3 Aufbau
1.4 Quellen
1.5 Forschungsstand

2. Ausgangslage: Hamburger Stadtplanung in der Zwischenkriegszeit
2.1 Die Stadt Fritz Schumachers
2.1.1 Erneuerung der Stadt
2.1.2 Erweiterung der Stadt
2.2 Die Stadt im Dritten Reich
2.2.1 Stillstand in der Stadtentwicklung
2.2.2 Groß-Hamburg als „Wahrzeichen des Reiches“
2.2.3 „Führerstadtplanung“
2.2.3 Konstanty Gutschow, „Architekt des Elbufers“

3. Planung für die Zeit nach dem „Endsieg“
3.1 Im Zeichen der Expansion
3.1.1 Auftrag zur Gesamtplanung
3.1.2 Ausbau der Dienststelle
3.2 Stadtgestalt und Strukturordnung nach dem Generalbebauungsplan
3.2.1 Wachsende Stadt
3.2.2 Stadtlandschaft
3.2.3 „Ortsgruppe als Siedlungszelle“

4. Architekten im Bombenkrieg
4.1 Das „Amt für kriegswichtigen Einsatz“
4.2 Die „Katastrophe“
4.3 Behelfsbau oder planmäßiger Aufbau?
4.4 Wiederaufbauplanung im „Arbeitsstab Speer“

5. Planung in der zerstörten Stadt
5.1 „Unerhörte Möglichkeiten“
5.2 Fortsetzung und Weiterentwicklung der Generalplanung
5.2.1 Auseinandersetzung um die zukünftige Gestalt der Stadt
5.2.2 Ablösung der Siedlungszelle durch Gliederung in Kreise
5.2.3 Festhalten an der Elbufergestaltung
5.3 Unbeirrbarkeit und Trotz in der Stunde des „Zusammenbruchs“

6. Erste Aufbaumaßnahmen und Reorganisation nach Kriegsende
6.1 Drängende Aufgaben
6.2 Gutschows Einsatz für die Militärregierung
6.3 Machtprobe um die Führung in der Hamburger Stadtplanung
6.3.1 Gutschows Erben
6.3.2 Opposition der „unbelasteten“ Architekten
6.4 Bau der Grindelhochhäuser

7. Kontinuität der planerischen Grundsätze
7.1 Konstanz in Person von Fritz Schumacher
7.2 Der „Arbeitsausschuss Stadtplanung“
7.2.1 Bildung eines Wiederaufbauausschusses
7.2.2 „In tastender Vorausschau“
7.3 Stadtgestalt und Strukturordnung nach dem Generalbebauungsplan 1947
7.3.1 „Elastische“ Planung
7.3.2 Aufgelockerte Stadt
7.3.3 Gegliederte Stadt
7.3.4 Autogerechte Stadt
7.4. Bau der Ost-West-Straße

8. Konsolidierung und Demokratisierung in der Stadtplanung?
8.1 „Zukunftsplanung aus demokratischem Geist“
8.2 Gustav Oelsner wird reaktiviert
8.3 Ein neues Städtebaurecht
8.3.1 Forderungen der Planer
8.3.2 Das Hamburger Aufbaugesetz
8.4 Aufbauplan 1950 und der Abschluss der Wiederaufbauplanung

9. Ausblick: Bauboom der fünfziger Jahre

10. Fazit

11. Anhang
11.1 Unveröffentlichte Quellen
11.2 Veröffentlichte Quellen und Literatur
11.3 Abbildungen

1. Einleitung

1.1 Gegenstand der Arbeit

„Die großen Konturen in unserem Geschichtsbild sind geprägt durch jene gleichsam magischen Daten, die mit dem Ende der großen Kriege auch den Wandel der Staats- formen markieren und damit auf gesellschaftliche Umbrüche verweisen, in denen sich Epochenwechsel vollziehen.“1Unvergleichlich erscheint vor diesem Hintergrund der Umbruch, den das Kriegsende im Jahr 1945 darstellte. Die Befreiung von der national- sozialistischen Herrschaft und deren unvorstellbaren Gräueln stand am Beginn eines mühsamen, aber beständigen politischen, sozialen und kulturellen Wandels in Deutsch- land. Diese großen Entwicklungslinien bleiben unbestritten. Und dennoch lassen sich weder das Jahr 1945 noch die beiden deutschen Staatgründungen 1949 allein als radika- le und voraussetzungslose Neuanfänge fassen. Das Kriegsende etwa zur „Stunde Null“ erklären hieße, sämtliche Kontinuitäten, die aus der Zeit des Nationalsozialismus nach 1945 weiter wirkten, wie auch solche Brüche, die sich bereits vor 1945 ergaben, aus dem Blick zu verlieren.

Gerade für den in der vorliegenden Arbeit thematisierten Bereich der Hamburger Stadt- und Wiederaufbauplanung, ein Betätigungsfeld für vermeintlich unpolitische Architek- ten und Ingenieure, stellte nicht das Jahr 1945 die größte Zäsur im Jahrzehnt zwischen 1940 und 1950 dar. Nicht etwa der Einmarsch britischer Truppen am 3. Mai 1945, son- dern ein anderes Datum war für die Stadtplanung in Hamburg besonders einschneidend: die Rede ist von der Bombardierung Hamburgs im Sommer 1943. Die Bombenangriffe der alliierten Operation „Gomorrha“ lösten eine bis dahin in Hamburg für unvorstellbar gehaltene Katastrophe aus. Mehr als 35.000 Menschen kamen im „Feuersturm“ ums Leben, etwa 900.000 Menschen verloren ihre Wohnung. In weiten Teilen war die Stadt vollkommen verwüstet. Womöglich markierten die Angriffe der alliierten Bomber zwi- schen dem 28. Juli und dem 3. August 1943 „den größten Einschnitt in der neuzeitli- chen Stadtgeschichte Hamburgs“2überhaupt; für die Stadtplanung änderten sich jeden- falls mit der Bombardierung Hamburgs praktisch über Nacht jegliche Voraussetzungen. Während die Zerstörung bei den allermeisten Überlebenden Schrecken und Trauer hin- terlassen haben musste, kam in den Äußerungen einiger Architekten und Stadtplaner auch eine andere Empfindung zum Ausdruck. Bei dem Hamburger Architekten Kon- stanty Gutschow hielt sich offenbar das Mitgefühl mit den Opfern gegenüber der klammheimlichen Freude über neue Möglichkeiten für die Stadtentwicklung in Gren- zen:

„Die großen Städte der Jahrhundertwende erleben in diesem Kriege ihr tragisches Ende. Wir Städtebauer verbinden mit ihrem Fiasko unter dem Dröhnen der Bomben viele Hoffnung[en] auf eine Zukunft. Möglichkeiten tun sich vor uns auf, die noch gestern verschlossen waren, ungeahnte Gestaltungsmöglichkeiten. Der Führer hatte uns vor dem Kriege zur ‚Neugestaltung deutscher Städte’ gerufen. Jetzt ruft er uns auf zum ‚Wiederaufbau der zerstörten Städte’. Das Schicksal möge uns beistehen, dass jetzt der Wiederaufbau zur wahren, umfassenden Neugestaltung der deutschen Städte führen möge.“3

Dass Hamburg in Bombenkrieg und Feuersturm schwer zerstört worden war, ließ die Stadt in der Logik des Planers als „tabula rasa“ erscheinen - Altes war beseitigt, Platz für Neues geschaffen. Inmitten des Krieges arbeitete der Architekt und Stadtplaner Konstanty Gutschow intensiv an der Wiederaufbauplanung und verwirklichte seine Vorstellungen für das neue Hamburg in einem Generalbebauungsplan (1944).4Die poli- tische Zäsur im Mai 1945 und die Zeit der britischen Militärregierung in Hamburg führ- ten nicht zu einem völligen Bruch in der Wiederaufbauplanung. Selbst nachdem Gut- schow nach 1945 keine aktive Rolle mehr in der Hamburger Stadtplanung spielte - er war aufgrund seiner NSDAP-Mitgliedschaft politisch belastet und wurde abgesetzt -, griff man auf seine Pläne für den Wiederaufbau der Hansestadt zurück. Die Frage nach der Kontinuität der städtebaulichen Leitbilder zwischen den Plänen aus der Zeit des Dritten Reiches und den Nachkriegsplänen (Generalbebauungsplan 1947/Aufbauplan 1950) drängt sich auf.

1.2 Erkenntnisziel

Mehr noch als eine Untersuchung von Stadtplanung in ihrer äußeren, gebauten Form, ist der Zusammenhang zwischen Stadtplanung und Politik bzw. Gesellschaft für diese Ar- beit von Interesse. Schließlich verläuft die Erarbeitung von Konzepten zur Steuerung von Bodennutzung und Bebauung durch den Stadtplaner nicht losgelöst von politischen und gesellschaftlichen Bedingungen, sondern geschieht vor dem Hintergrund sozial- politischer Vorstellungen. Ließen sich für den Untersuchungszeitraum bestimmte städ- tebauliche Leitbilder ausfindig machen und untersuchen, dann können daraus - dies wird als Arbeitshypothese zugrunde gelegt - Rückschlüsse auf zeittypische sozial- politische Vorgaben gewonnen werden. Ziel der Arbeit ist daher, städtebauliche Leitbil- der anhand der konkreten Pläne und Akteure der Stadtplanung in Hamburg über einen Zeitraum von zehn Jahren und über die Zäsur 1945 hinweg herauszuarbeiten und in Beziehung mit den allgemeinen politischen Rahmenbedingungen zu setzen. Vor diesem Hintergrund ergeben sich für die vorliegende Arbeit mehrere konkrete Fragen:

1. Welche Leitbilder lagen den Hamburger Planungen im Dritten Reich zugrunde? Gefragt wird nach dem Entstehungszusammenhang der Generalbebauungspläne und der darin enthaltenen Ordnungs- und Gestaltungscharakteristika. Die Pläne entstanden sicherlich nicht voraussetzungslos, sondern in Weiterführung von Konzepten aus der Zeit vor 1933. Ob die Generalbebauungspläne von 1940/41 und 1944 darüber hinaus auch spezifisch „nationalsozialistisches Gedankengut“ enthielten bzw. ein im Nationalsozialismus entwickeltes Konzept hinzufügten, ist zu untersuchen.
2. Gab es Ansätze einer städtebaulichen Modernisierung, die in den Generalbebauungs- plänen planerisch Gestalt annahm? Sollte dies der Fall sein, dann wäre zu fragen, ob Modernisierungstrends von Planern während der NS-Herrschaft in Hamburg beschleu- nigt oder sogar erst bewusst angestoßen worden sind. Im Kontext einer seit langem an- haltenden, immer wieder neu aufflammenden Debatte um „Modernisierung, Moderne und Modernität im Nationalsozialismus“ kann die Erforschung von Konzepten in Stadt- planung und Städtebau unter Umständen einen aufschlussreichen Beitrag leisten.5Eine Reduktion auf rein technische Aspekte stadtplanerischer Konzepte birgt allerdings die Gefahr, Realitäten des Dritten Reiches verzerrt darzustellen. Das Gesamtbild sollte da- her bei der Diskussion von stadtplanerischen Modernisierungskonzepten in keinem Fall aus dem Blickfeld geraten: „Selbst die nachträgliche Anerkennung technischer Leistun- gen bleibt eingefangen vom Kontext einer mörderischen Politik, in der gerade die ihrem Selbstverständnis nach unpolitischen Architekten und Ingenieure zu Komplizen des Terrors wurden [...].“6Losgelöst von ihrem Kontext einer auf Angriffskrieg und Vernichtung ausgerichteten Politik, führt die Betrachtung von Modernisierungskonzepten im Nationalsozialismus in die Irre.7
3. Was wurde aus Planungen und Planern nachdem sich 1945 die politischen Rahmenbedingungen veränderten? Wie in anderen Bereichen des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens, gab es auch in der Stadtplanung keinen radikalen Neubeginn, keine „Stunde Null“. Daher ist nach den Kontinuitäten und Überlagerungen, aber auch nach den Brüchen und Versuchen der Neuausrichtung stadtplanerischer Konzeptionen im Wiederaufbau der ersten Nachkriegsjahre zu fragen.

Da sich die Arbeit in erster Linie mit den Akteuren und den Leitbildern der Hamburger Stadtplanung befasst, werden konkrete städtebauliche Projekte in diesem Zu- sammenhang dann vorgestellt, wenn sie von übergeordneter Geltung für die Gesamt- planung sind (Bsp. Ost-West-Straße).8Das Interesse richtet sich immer auf die Ge- staltung von Stadträumen; die architektonische Gestaltung von einzelnen Bauwerken ist - soweit Architektur und Städtebau trennbar sind - für die vorliegende Arbeit nicht von Bedeutung. Aus forschungspragmatischen Gründen muss zudem auf einen systematischen Vergleich der Planung in Hamburg und anderen deutschen Großstädten verzichtet werden. Beispiele aus anderen Städten werden an geeigneter Stelle allenfalls ergänzend eingebracht, um einen allgemeinen Vergleichsrahmen herzustellen.

1.3 Aufbau

Der darstellende Teil der Arbeit gliedert sich in sieben Abschnitte. Zunächst wird auf die Ausganglage in der Hamburger Stadtplanung der Zwischenkriegszeit einzugehen sein (Kapitel 2). In diesem Punkt werden zwei Voraussetzungen dargestellt, die für die spätere Entwicklung des eines ersten Generalbebauungsplans 1940/41 von entscheiden- der Bedeutung waren: auf der einen Seite die Arbeiten von Fritz Schumacher als Ham- burger Oberbaudirektor von 1909 bis 1933, die den konzeptionellen Kern der General- planung prägen sollten und auf der anderen Seite die Planungen zur Umgestaltung Hamburgs als „Führerstadt“ in der Zeit des Nationalsozialismus. Im Zuge dieser Pla- nungen wurde der Architekt Konstanty Gutschow als „Architekt des Elbufers“ mit au- ßerordentlichen Befugnissen ausgestattet.

Der Abschnitt „Planung für die Zeit nach dem Endsieg“ (Kapitel 3) handelt von der Erarbeitung des Generalbebauungsplans im Jahr 1940 und seiner Fertigstellung im darauf folgenden Jahr. Euphorisiert durch die Besetzung Frankreichs im Sommer 1940 und die Aussicht auf ein siegreiches Ende des Krieges, gingen die Planer vom Aufstieg Hamburgs zu einem führenden Welthafen aus. Entsprechend war der Generalbebauungsplan, den Gutschow in Zusammenarbeit mit seinen engen Vertrauten (u.a. Hans Bernhard Reichow, Wilhelm Wortmann und Rudolf Hillebrecht) erstellen ließ, auf Erweiterung des Hafens und Wachstum der Stadt ausgerichtet.

Während sich die alliierten Bombenangriffe auf Hamburg im Laufe des Krieges mehrten, konzentrierte sich die Tätigkeit von Architekten und Planern immer mehr auf den Bau von Bunkern und Behelfsheimen sowie auf die Instandsetzung beschädigter Gebäude (Kapitel 4). Als in den Bombenangriffen des Unternehmens „Gomorrha“ große Teile der Stadt verwüstet wurden, standen jedoch nicht Instandsetzungsarbeiten, sondern der Aufbau in bis dahin nicht geahnter Dimension bevor. Die Vorbereitung der Wiederaufbauplanungen für Hamburg wurde von einem Arbeitsstab unter der Leitung Gutschows begonnen. In seiner Funktion als Generalbevollmächtigter für die Bauwirtschaft hatte Albert Speer diesen Arbeitsstab berufen.

Die Entstehung eines neuen Generalplans im Jahr 1944 in Fortsetzung und Weiterentwicklung des Vorgängers von 1940/41 wird im nächsten Schritt thematisiert (Kapitel 5). Bis zum Frühjahr 1945 war die Planung so weit gediehen, dass sie eine konkrete Grundlage für den Wiederaufbau darstellte.

Kriegsende und Kapitulation Hamburgs im Mai 1945 (Kapitel 6) hatten eine politische Zäsur zur Folge. Wie bereits angedeutet, bestanden allerdings manche konzeptionelle Gedanken der Planungen auch unter der britischen Militärregierung unverändert fort.

Zunächst blieb sogar Konstanty Gutschow bis zum Oktober 1945 zuständig für planerische Belange des Wiederaufbaus, erst dann wurde er abgesetzt. Auf Gutschows Entlassung folgten Auseinandersetzungen unter Architekten und Planern um die Leitung im Hamburger Städtebau.

Maßgeblichen Anteil an Erstellung des ersten Hamburger Generalbebauungsplans der Nachkriegszeit (1947) hatte der Arbeitsausschuss Stadtplanung, dessen Arbeitsweise in Kapitel 7 beschrieben wird. Mit einem weiteren Plan, der im Unterschied zu den Vorgängern als „Aufbauplan“ bezeichnet wurde - schon durch die Umbenennung sollte Distanz zu den Plänen aus der Zeit des Dritten Reiches ausgedrückt werden -, fand die Wiederaufbauplanung 1950 ihren Abschluss (Kapitel 8).

1.4 Quellen

Eine erste Sondierung der überlieferten Quellen zur Hamburger Stadtplanung innerhalb des Zeitraums von 1940 bis 1950 fördert zunächst eine Fülle unterschiedlicher Materialien zu Tage. Eine gewisse Beschränkung bei der Auswahl der ausgewerteten Quellen ist daher unumgänglich.

Im Zentrum der Arbeit stehen die Generalbebauungspläne 1940/41, 1944 und 1947 so- wie der Aufbauplan 1950, schließlich markieren die Pläne gewissermaßen die heraus- ragenden Orientierungspunkte der jeweiligen Planungsphasen. Kartenmaterial und da- zugehörige Erläuterungen aller Bebauungspläne sind im Staatsarchiv Hamburg (SH) einsehbar. Ebenfalls im Staatsarchiv Hamburg ist das umfangreich überlieferte Material der Arbeit von Stadtplaner und Architekt Konstanty Gutschow zu finden. Der Bestand „Architekt Gutschow“9, der Akten aus Gutschows Dienststellen Der Architekt des Elb- ufers und Durchführungsstelle für die Neugestaltung Hamburgs enthält, wie auch der private Nachlass mit der Bezeichnung „Bauarchiv Konstanty Gutschow“10, lagert im Staatsarchiv. Beide Bestände stellen wertvolle und unverzichtbare Informationsquellen für die Auseinandersetzung mit der Hamburger Stadtplanung im Zeitraum zwischen 1939 und 1945 dar.

Die im Hamburger Staatsarchiv geführten Bestände der städtischen Bauverwaltung, in deren Aufgabenbereich man stadtplanerische Arbeiten erwarten würde, erschienen da- gegen aufgrund ihrer Lückenhaftigkeit und Unübersichtlichkeit für die Arbeit weniger verwertbar - zumal für die Zeit, in der die Bauverwaltung durch den Architekten der Neugestaltung (K. Gutschow) praktisch „entmachtet“ war.

Bedeutsame Quellen für die Stadtplanung nach 1945 stellen die Sitzungsprotokolle des „Arbeitsausschuss Stadtplanung“ dar, die im Hamburgischen Architekturarchiv (HAA) vorliegen. Anhand der Protokolle erschloss sich nicht nur nahezu der gesamte planeri- sche Horizont bei der Erarbeitung des Generalbebauungsplans 1947. Zugleich gaben die internen Diskussionen ein Bild von den Hintergründen des Planungsprozesses wieder.11 Hinzugezogen wurden schließlich öffentliche Reden und Denkschriften der an der Stadtplanung beteiligten Protagonisten. Einige der wesentlichen Hamburger Planer ha- ben außerdem Aufsätze in der Veröffentlichung „Hamburg und seine Bauten 1929- 1953“, herausgegeben vom Architekten- und Ingenieur-Verein Hamburg (1953), beige- steuert.12

Ferner geben Bauzeitschriften und Fachpublikationen Aufschluss über Entwicklungen und Debatten in der Hamburger Stadtplanung. Einige Beiträge von besonderem exem- plarischem Wert werden dabei an geeigneter Stelle angeführt. Auf eine ganzheitliche Auswertung der auf Hamburg bezogenen Beiträge in Fachzeitschriften und - publikationen soll aus arbeitsökonomischen Gründen verzichtet werden - nicht zuletzt da zumindest für die Nachkriegszeit eine entsprechende Analyse durch Peter Krieger vorliegt.13

1.5 Forschungsstand

Über Selbstreflexionen von Architekten und Stadtplanern hinaus, begann in der Bundes- republik die wissenschaftliche Untersuchung von Städtebau im Dritten Reich und in der unmittelbaren Nachkriegszeit schon in den sechziger Jahren. Da die Thematik unter- schiedliche Fachbereiche von der Soziologie über die Geographie bis hin zu stärker technisch orientierten Forschungen der Disziplinen Architektur oder Stadtplanung be- schäftigte, existiert heute nicht nur ein dichter Bestand an Forschungen, die Forschungs- lage weist insgesamt auch eine große Variationsbreite auf. Darunter sind nicht wenige Veröffentlichungen vor allem von dem Interesse an der Geschichte der eigenen Profes- sion - etwa bei Architekten, Ingenieuren oder Denkmalpflegern - geleitet, während etwa eine historisch-politische oder gesellschaftsgeschichtliche Kontextualisierung eine geringere Rolle spielt. Die Geschichtswissenschaft hat sich lange Zeit kaum mit Städtebau und Stadtplanung zwischen 1940 und 1950 auseinandergesetzt. Bis heute existieren von Historikern nur wenige Veröffentlichungen zum Thema. Die Diskussion über Städtebau hat kaum Eingang in die historischen Fachzeitschriften gefunden.

In unmittelbarer zeitlicher Nähe zu den ersten lebensweltlichen Erfahrungen in den (wieder)aufgebauten Städten und dem Gefühl, die Verluste an Wohnraum durch den Krieg seien zumindest quantitativ ausgeglichen, waren es in den sechziger Jahren zuerst Sozialwissenschaftler, die sich mit städtebaulichen Leitbildern auseinandersetzten. Im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses standen die stadtplanerischen Erzeugnisse der Wiederaufbaujahre und das Leitbild der gegliederten und aufgelockerten sowie au- togerechten Stadt, das sich unter Stadtplanern als konsensfähiger gemeinsamer Nenner herausgebildet hatte. Anhand der Beispiele von Großwohnsiedlungen wie Bremen Neue Vahr oder dem Märkischen Viertel in Berlin wurde von den Soziologen Eindimensiona- lität und Inhumanität der funktionalistischen Wiederaufbauplanungen beklagt. Das Schlagwort jener Kritik kreierte Alexander Mitscherlich mit „Die Unwirtlichkeit unse- rer Städte“ (1965).14Auch die Arbeiten von Hans Paul Bahrdt und Heide Berndt sind in diesem Zusammenhang zu nennen.15

Erkenntnisse über Stadtplanung und Städtebau aus der Zeit des Nationalsozialismus waren dagegen zunächst meist nur Nebenprodukte von architekturhistorischen Studien, deren Betrachtungen sich stark auf Stilmerkmale richteten. Hitlers Architekturphanta- sien und Pläne, verschiedene deutsche Städte als Führerstädte neu zu gestalten, fanden Beachtung. Dem bei Planungen zu Partei- und Staatsbauten verbreiteten Monumental- stil galt das Hauptaugenmerk z.B. bei „Architektur im Dritten Reich“ (1967) von Anna Teut.16Ebenso orientierten sich Joachim Petsch sowie die Autoren Jost Dülffer, Jochen Thies und Josef Henke.17

In der Debatte um Architektur und Städtebau im Nationalsozialismus sorgte 1985 der Sammelband „Faschistische Architekturen“, herausgegeben von Hartmut Frank, für Aufsehen.18Obschon der Titel anderes vermuten lässt, bezeichnete Frank die Existenz von „faschistischer Architektur“ als Legende.19Frank und andere Autoren des Sam- melwerkes zeigten auf, dass der Nationalsozialismus in Architektur und auch Städtebau keinen eigenen Stil bildete, sondern sich vielmehr in einem eklektischen Zusammen- spiel vorhandener Stilrichtungen und Planungen bediente. Selbst der „vergröberte Neo- klassizismus“ bei Staats- und Parteibauten sei keine nationalsozialistische Erfindung, sondern in ähnlicher Form seit Jahrzehnten für Repräsentationsbauten international ver- breitet gewesen. Zur Hamburger Stadtplanung enthält der Sammelband Beiträge von Dirk Schubert über die Führerstadtplanung und Elke Pahl-Weber über die „Ortsgruppe als Siedlungszelle“.20Zu einem ähnlichen Ergebnis wie Frank kam die aktuelle Studie „Bauen unterm Hakenkreuz. Architektur des Untergangs“ (1998) von Helmut Weihs- mann, die neben der Architektur im Dritten Reich auch unterschiedliche Aspekte der Stadtplanung berücksichtigte.21Über die Zäsur 1945 ging Weihsmann allerdings nicht hinaus.

Von großer Bedeutung als Ausgangspunkt für die vorliegende Arbeit ist ein Ansatz der Forschung, der nicht strikt zwischen Städtebau im Dritten Reich und Städtebau der Wie- deraufbaujahre unterscheidet, sondern nach Verbindungen und Kontinuitäten über 1945 hinweg sucht. Diese Kontinuitäten seien von der stadtgeschichtlichen Forschung lange kaum beachtet worden, erklärte Lutz Niethammer immerhin schon 1978 in seinem Bei- trag „Die deutsche Stadt im Umbruch 1945 als Forschungsproblem“.22Eine „Stunde Null“, so Niethammer habe es nie gegeben, „es war eine Stunde des improvisierten Wiederaufbaus, der verschämten Reparatur diskreditierter Kontinuität“.23Niethammer forderte ein generelles Umdenken bei der Erforschung jener Stadtgeschichte.

Dass die Geschichte des Städtebaus nicht in der gängigen politischen Periodisierung zu fassen war, sondern längerfristige Entwicklungslinien über die Zäsur 1945 (und auch über 1933) hinweg aufweist, wurde bald durch weitere Forschungen bestätigt. Insbe- sondere seit Mitte der achtziger Jahre häufen sich Forschungen, die sich auf die Voraus- setzungen des Wiederaufbaus sowie Rückverbindungen im Städtebau seit den zwanzi- ger Jahren richteten.24Mit gleichsam zunehmendem Interesse der Geschichtswissen- schaft für den Städtebau zwischen den dreißiger und fünfziger Jahren rückten konzepti- onelle, personelle und organisatorische Kontinuitäten in den Mittelpunkt. Zum zentralen Werk der Kontinuitätsforschung bei Architekten und Stadtplanern wurde die von Werner Durth erstellte Kollektivbiographie „Deutsche Architekten. Biographi- sche Verflechtungen 1900-1970“, die erstmalig 1986 erschien.25Diese Arbeit sowie weitere Beiträge von Werner Durth, etwa auch für die Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz zusammen mit Niels Gutschow26und Winfried Nerdinger, haben eine Reihe von Studien zum Städtebau zwischen 1930 und 1950 ange- regt.27Zusammen mit Niels Gutschow untersuchte Durth in den beiden Bänden „Träu- me in Trümmern“ (1988) zudem die politischen und architekturtheoretischen Voraus- setzungen des Städtebaus zwischen 1940 und 1950 am Beispiel der Entwicklung west- deutscher Großstädte, u.a. auch Hamburg.28VWerner Durth, Niels Gutschow und Klaus von Beyme gaben 1991 der Sammelband „Neue Städte aus Ruinen“ heraus, der wieder- um den Wiederaufbau anhand von exemplarischen Städtekapiteln beleuchtete.29In die- sem Sammelwerk gab der Beitrag von Axel Schildt einen strukturierten Überblick über den Hamburger Städtebau seit den dreißiger bis in die sechziger Jahre. Schildt zeichnet einen Prozess nach, der sowohl durch planerische Kontinuität wie auch durch Wandel stadtplanerischer Leitbilder aufgrund divergierender politischer Konstellationen und wirtschaftlicher Interessen gekennzeichnet war.30

Tilman Harlander und Gerhard Fehl wiesen für den Bereich der Wohn- und Siedlungs- baupolitik nach, dass der „soziale Wohnungsbau“ nicht allein eine Errungenschaft der Nachkriegszeit darstellte, sondern in Ansätzen durch die Deutsche Arbeitsfront (DAF) bereits im Dritten Reich vorbereitet wurde. Den Autoren erschien die Planung während der NS-Zeit als „entscheidendes Bindeglied für das Verständnis des öffentlich geförder- ten Wohnungsbaus der 50er Jahre“.31Eine ähnliche Perspektive nahm Jeffry M. Die- fendorf mit der Monographie „In the Wake of War. The Reconstruction of German Cit- ies after World War II“ (1993) und dem auf Hamburg bezogenen Beitrag „Konstanty Gutschow and the Reconstruction of Hamburg“ (1985) ein.32Diefendorf betont, dass insbesondere die positiven stadtplanerischen Ansätze eines durch Gutschow angestoße- nen Modernisierungschubs, Grund für die Fortführungen der Planungen nach 1945 ge- wesen sein könnten.

Mit größerer Vehemenz wurde die These einer durch den Nationalsozialismus herbeigeführten „revolutionären“ Modernisierung der Gesellschaft von „einer mit der Geste der Provokation und des Tabubruchs auftretenden Gruppe“33um den Historiker Rainer Zitelmann vertreten. Im Sammelband „Nationalsozialismus und Moderne“ (1991)34der Herausgeber Rainer Zitelmann und Michael Prinz war es immerhin der Autor Werner Durth, der dem Nationalsozialismus eine Modernisierungsleistung für die Bereiche Architektur und Stadtplanung unterstellte. Explizit verwies Durth dabei auf das Beispiel der Hamburger Planungen durch Gutschow.35

Für die Erforschung der Hamburger Spezifik erwies sich die Arbeit einer Forscher- gruppe der Technischen Universität Harburg (u.a. Michael Bose, Dirk Schubert und Elke Pahl-Weber) als wertvoll. Im selben Jahr wie Durths „Deutsche Architekten“ leg- ten die Harburger Autoren mit dem Titel „...ein neues Hamburg entsteht...“ (1986) eine Hamburger Stadtbaugeschichte mit Schwerpunkt 1933 bis 1945 vor - bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt die erste gründliche Aufarbeitung des Planungs- und Baugesche- hen dieser Zeit in Hamburg.36„Das Bild des Planungsgeschehens“, hieß es in der Ein- führung, sei bis dahin „in der weiteren (Fach-) Öffentlichkeit eigentlich nur von ‚Ham- burg und seine Bauten aus dem Jahr 1953’“ bestimmt worden.37Anhand von Hambur- ger Architektenbiographien berührte „...ein neues Hamburg entsteht...“ auch Kontinuitäten bis in die Nachkriegszeit. Weitere explizit auf die Hamburger Planung bezogene Arbeiten haben Ralf Lange mit „Wiederaufbau und Neuplanung 1943-1963“ und Ulrich Höhns „Das ungebaute Hamburg“ sowie die Kay Weniger und Peter Krieger in Dissertationen beigetragen.38

2. Ausgangslage: Hamburger Stadtplanung in der Zwischenkriegszeit

2.1 Die Stadt Fritz Schumachers

2.1.1 Erneuerung der Stadt

Mehr als zwei Jahrzehnte prägte Fritz Schumacher als Baudirektor und Leiter des Hoch- bauwesens (1909-1933) Architektur und Stadtplanung in Hamburg. Schon am Beginn seiner Tätigkeit war Schumacher überzeugt, Hamburg verlange einen ganz eigenen Baucharakter: „Etwas Herbes, Strenges musste in diesem Klima reifen, zugleich etwas von dem man das Gefühl haben musste, dass Nebel und Seewind ihm nichts anhaben können.“39Das geeignete hamburgische Baumaterial, das war für Schumacher der dunkle Backstein. Die Wiederbelebung der „norddeutschen Backsteinsprache“40, wie er sagte, war eines der wesentlichen Ziele in seiner Arbeit und stellt - bis heute - wohl das augenfälligste Zeugnis von Schumachers Wirken in Hamburg dar. Vor allem in der Bauphase Mitte der zwanziger Jahre wurden Neubauten in Backstein errichtet.41

Über die Gestaltung von Architektur hinaus widmete sich Schumacher als Stadtplaner auch den Entwicklungsproblemen der Großstadt. Aufgabe des Städtebauers sei gewe- sen, so Schumacher, „den Kräften der Mechanisierung und der Technisierung, die das Leben in ihren Bann zu schlagen drohten, die Richtung zu organischer Ordnung“42zu weisen. „Hier lag für uns die erste und größte Aufgabe der Zeit, von deren Erfüllung alles weitere, was wir ‚Kultur’ nennen: das Dirigieren aller der Dinge, die aus wirt- schaftlichen, sozialen und hygienischen Quellen entfließend technischen Niederschlag haben.“43Dabei konnte sich Schumacher auf stadtplanerische Forderungen nach Beson- nung, Belüftung und genereller Absenkung der Besiedungsdichte in großstädtischen Wohnquartieren berufen, wie sie seit der Jahrhundertwende als Reaktion auf die Entste- hung von beengten zum Teil elendigen Wohnverhältnissen aus der Zeit rascher Indust- rialisierung und Hochurbanisierung virulent geworden waren. Die Großstadt der Grün- derzeit mit ihren Mietskasernen, soweit war man sich unter Stadtplanern einig, musste saniert, Wohnverhältnisse verbessert werden (in Hamburg waren Mietskasernen beson- ders berüchtigt aufgrund der hier typischen fünfgeschossigen „Schlitzbauweise“).44

Radikale Forderungen gingen bis hin zur Auflösung der Großstadt und jeglicher groß- städtischer Erscheinungsformen. Bei weitem verbreiteter und realistischer, weil sie die Irreversibilität der Urbanisierung (ferner auch deren Errungenschaften) anerkannten, waren demgegenüber solche städtebaulichen Reformkonzepte, die auf eine Verbesse- rung bzw. eine Erneuerung der bestehenden Großstädte abzielten. Dies sollte z.B. ent- weder durch die Einbeziehung landschaftlicher Elemente in die Stadt (Durchgrünung) oder durch die Verlagerung von (Neubau-)Siedlungen ins Grüne außerhalb der Stadt (Gartenstadt) geschehen.45Bis etwa 1930 bildete sich in der Disziplin der Stadtplanung ein weitgehend konsensuales Leitbild heraus, das auf die Erneuerung der Stadt durch Auflockerung, Gliederung und Durchgrünung ausgerichtet war. Fritz Schumacher galt einer der wichtigsten und prominentesten Fürsprecher dieses Leitbildes.46

In einer Vielzahl an Publikationen und Vorträgen trat Schumacher für die Modernisie- rung des Städtebaus ein, maßgeblich prägte er Reformdebatten während des Kaiser- reichs - er gehörte 1907 zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Werkbundes - und in der Weimarer Zeit. Als innovativ galt vor allem Schumachers stadtplanerische Methodik, nach der z.B. Sozialstatistiken oder Studien über Topographie sowie über Fragen der Verteilung von Industrie, Gewerbe und Verkehr Eingang in den Planungs- prozess fanden. Werner Durth übertreibt wohl nicht, wenn er Schumacher eine „Gestalt von zentraler Bedeutung“47für die Entwicklung des modernen Städtebaus nennt.

Doch nicht nur als einer der richtungsweisenden Theoretiker, sondern auch in der prak- tischen Umsetzung beabsichtigte Schumacher, städtebauliche Grundforderungen nach einer Erneuerung der Stadt weiter zu entwickeln. In einer großen Bauphase ab 1924/25 entstanden unter der Ägide Schumachers in den Stadtteilen Barmbek, Hamm, Horn, Veddel, Dulsberg und Winterhude (Jarrestadt) die ersten Wohnsiedlungen modernen Zuschnitts, die den seit Jahren in der Hansestadt akuten Mangel an Wohnraum beheben sollten und gesündere Lebensbedingungen aufgrund höherer Wohnstandards (Dusche oder Bad, WC in der Wohnung, fließend Warmwasser, etc.) versprachen.48„Es ist der Baubestand dieser bis 1929 geschaffenen Siedlungen, dessen städtebauliche Qualitäten bis heute unangefochten sind“, betonen Werner Durth und Niels Gutschow.49Auch Axel Schildt hebt hervor, dass diese „meist drei- und viergeschossigen Häuser, mit gut belüftbaren und besonnten, günstig geschnittenen Wohnungen [...] noch heute als eine der größten baugeschichtlichen Leistungen Hamburgs“ gelten.50Als weitere große Er- rungenschaft der Stadtentwicklung in Schumachers Amtszeit gilt bis heute die Anlage des Stadtparks in Winterhude.

2.1.2 Erweiterung der Stadt

Die Aufsehen erregenden Wohnsiedlungen Fritz Schumachers waren aus städtebauli- cher Hinsicht unbestreitbar ein Gewinn für die Hansestadt Hamburg. Dennoch blieben sie Einzelprojekte der Stadtentwicklung. Von einer umfassenden Stadterneuerung konn- te schon deshalb nicht die Rede sein, da jede umfangreiche, übergreifende Stadtplanung an den engen Landesgrenzen Hamburgs, umgeben von den zu diesem Zeitpunkt noch preußischen Nachbarstädten Altona, Wandsbek und Harburg-Wilhelmsburg, scheitern musste. Schumachers Plan, die Stadt nicht wie bis dahin konzentrisch um den Stadtkern von Hamburg, sondern entlang radialer Arme von Ausfallstraßen und Bahnlinien nach außen wachsen zu lassen sowie eine weitere Ausdehnung des Hafens, war jedoch nur durch die großräumige Einbeziehung der Nachbarstädte in den Planungsraum mög- lich.51Unentwegt wies Fritz Schumacher darauf hin, dass eine Zusammenarbeit der preußischen Städte mit Hamburg bei einer gemeinsamen Landesplanung unabdingbar für die zukünftige Entwicklung wirtschaftlicher und sozialer Fragen sei52- wobei sich Schumacher unter Zusammenarbeit in erster Linie die Eingemeindung der Nachbarstäd- te durch Hamburg vorstellte:

„Für das Problem gibt es zwei radikale Lösungen. Die eine ist ein Aufgehen einer entsprechenden Entwicklungszone preußischen Gebiets in Hamburg, die andere das Aufgehen Hamburgs in Preußen. Dass man vom Standpunkte Hamburgs aus theore- tisch betrachtet nur die erste dieser radikalen Lösungen, die politisch-territoriale, wirklich als voll befriedigendes Ergebnis betrachten kann, braucht hier nicht gesagt zu werden.“53

Nachdem Verhandlungen zwischen Preußen und Hamburg über eine territoriale Neu- ordnung des Ballungsraums Anfang der zwanziger Jahre ergebnislos verlaufen waren, konnte 1928 immerhin die Gründung eines Hamburgisch-Preußischen Landespla- nungsausschusses veranlasst werden.54Zumindest dem Auftrag nach sollte der Landes- planungsausschuss so planen, „als ob Landesgrenzen nicht vorhanden wären“.55 Aufgrund fehlender eigener Finanzmittel und fehlender Exekutivbefugnisse war die Wirkung des Landesplanungsausschusses jedoch von Beginn an beeinträchtigt. Hinzu kam, dass Planungsgrundlagen infolge der Weltwirtschaftkrise nicht nur in Hamburg mittelfristig kaum Aussicht auf Verwirklichung hatten; viele Planwerke jener Zeit blie- ben in den Schubladen. „Manche der durch Wirtschaftskrise und politische Wirren ver- fangenen Modernisierungstendenzen der Weimarer Zeit“56wurden erst in der Zeit des Nationalsozialismus wieder aufgegriffen. Eine einheitliche Planung für Hamburg ein- schließlich der Nachbarstädte gelang Fritz Schumacher nicht mehr. Nach der Macht- übernahme durch die Nationalsozialisten endete Schumachers Tätigkeit als Oberbaudi- rektor und Mitglied des Hamburgisch-Preußischen Landesplanungsausschusses. Am 5. Mai 1933 wurde Schumacher mitgeteilt, er werde nicht mehr gebraucht. Ein Jahr vor Erreichen seines Pensionsalters versetzte ihn der Senat damit in den Ruhestand.57Die Grundlagen von Schumachers Planungen blieben allerdings auch nach seinem Aus- scheiden unumstritten. Tiefgreifende Paradigmen, die später bei der Entwicklung der Generalbebauungspläne wirksam sein sollten, waren bereits von Fritz Schumacher erdacht worden.

2.2 Die Stadt im Dritten Reich

2.1.1 Stillstand in der Stadtentwicklung

Weltwirtschaftskrise und das Ausscheiden von Fritz Schumacher hemmten den Städtebau in den folgenden Jahren. Unter Schumachers Nachfolger Karl Köster, der mit Schumacher zuvor im Landesplanungsausschuss zusammengearbeitet hatte, kam die gemeinsame preußisch-hamburgische Landesplanung fast zum erliegen. In der ersten Hälfte der dreißiger Jahre konnten weder in der praktischen Umsetzung noch in der Theorie der Stadtplanung Akzente gesetzt werden.58

Auch die großstadtfeindlichen und agrarromantischen Komponenten der NS- Propaganda bei Alfred Rosenberg, Gottfried Feder oder Friedrich Burgdörfer59spielten, anders als „bis heute immer wieder angenommen wird“60, in der stadtplanerischen Pra- xis keine Rolle. „Völkische“ Architekten, die sich in Rosenbergs „Kampfbund für deut- sche Kultur“ (KfdK) gesammelt hatten, konnten nach 1933 nie ausschlaggebend an Ein- fluss gewinnen.61Verächtlich bezeichnete Hitler Kampfbund-Leute wie Paul Schultze- Naumburg als „Rückwärtse“.62

Sollte es jemals während des Dritten Reiches ernsthafte Absichten zur „Entstädterung“ gegeben haben - und das ist zweifelhaft -, dann waren diese seit der zunehmenden Ausrichtung der Wirtschaft auf die Rüstungsproduktion endgültig erledigt. Dämonisierung der Moderne und Feindschaft zur Großstadt trat in den Hintergrund und wurde „durch die Apotheose der Technik überstrahlt“.63Spätestens mit der Aufstellung des Vierjahresplans, verkündet durch Hitler im September 1936 auf dem Reichsparteitag in Nürnberg, hatte die Aufrüstung Priorität erlangt.64

Von Anstrengungen im Bereich der Kriegsvorbereitung in Hamburg zeugten die Bauten von militärischen Anlagen. Nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht und dem schnellen Aufbau der Wehrmacht entstanden in Hamburg mehrere Kasernen- und Dienstgebäude, etwa die Bauten für das Luftgaukommando in Blankenese.65 Demgegenüber gingen für den Wohnungsbau keine neuen Impulse aus. Der Umfang des Wohnungsbaus in Hamburg reichte nicht einmal an die Zahlen der Weimarer Zeit heran. Bis 1939 entstanden nur etwas mehr als 40.000 Wohnungen.66Und das, obwohl Karl Köster die Sanierung innenstädtischer Bereiche und den Neubau von Wohnungen zum herausragenden Programmpunkt erhoben hatte:

Der schöne Schein des Dritten Reiches. Faszination und Gewalt des Faschismus, München/ Wien 1992, 296; Durth, Deutsche Architekten, 16f.

„Die Bedeutung der Landesplanungsarbeit wächst in dem Maße, wie erkannt wird, dass der notwendige große Heilungsprozess, der unsere kranken Großstädte zu ge- sunden Organen des Volkskörpers machen muss, nicht ohne systematische Auflo- ckerung, nicht ohne Umsiedlung großen Stils im Sinne einer Sanierung über den Rahmen der Beseitigung schlechten Wohnraums hinaus möglich ist.“67

Die Sanierung des Gängeviertels in der nördlichen Neustadt schien Karl Köster bestens geeignet, Tatkraft und Handlungsfähigkeit des NS-Regimes unter Beweis zu stellen. Bereits seit der Choleraepidemie in Hamburg (1892) war das Gängeviertel zwischen Kaiser-Wilhelm-Straße und Wexstraße in der Neustadt als Sanierungsgebiet vorgese- hen. Vorarbeiten zur umfangreichen Sanierung des dicht bebauten, überbelegten und aufgrund hygienischer Defizite berüchtigten Gängeviertels waren bereits abgeschlossen. Angesichts des ohnehin akuten Wohnungsmangels in Hamburg hatte man allerdings lange auf die „Niederlegung“ des Quartiers verzichtet. Unmittelbar nach 1933 wurden die Sanierungspläne aufgegriffen, wobei sich hauptsächlich die Terminologie der Planer änderte (neutralere Begriffe wie Stadtsanierung und Stadterneuerung wurden durch die Schlagworte „Elendsviertelsanierung’, „Schandfleckenbeseitigung“ oder „Stadtgesun- dung“ ersetzt). Der Abbruch der bestehenden Bausubstanz erfolgte 1933 bis 1935, nur zögerlich ging allerdings der Neubau voran. Dass durch die Umsiedlung der Einwohner Nachbarschafts- und Lebenszusammenhänge zerstört wurden, war durchaus erwünscht; schließlich bestand ein Ziel der „Sanierung“ darin, Strukturen der in diesem Quartier besonders starken kommunistischen Wählerschaft aufzubrechen. Die verdrängten Be- wohner, vorher lebten etwa 2500 Menschen im Gängeviertel/ Neustadt, mussten sich inzwischen auf eigene Initiative Unterkünfte in anderen Quartieren suchen - was dort wiederum den Mangel an Wohnraum verschärfte. Als das Projekt 1937 schließlich ein- gestellt wurde, waren lediglich Wohnungen für 2.000 Bewohner gebaut worden.68Wei- tere Sanierungsvorhaben blieben unverwirklicht, da die Stadtverwaltung bemerkt hatte, welcher große finanzielle Aufwand damit verbunden war. Die Sanierung innerstädti- scher Arbeiterquartiere erfolgte somit nur in kleinem Maßstab und blieb im Ergebnis aus städtebaulicher Perspektive unvollständig. Eine Verbesserung der Lebensverhältnis- se in jenen Quartieren gelang in der Zeit des Nationalsozialismus nicht annähernd; al- lein Überwachung und soziale Kontrolle der Mietskasernen wurde durch ein System von Block- und später Luftschutzwarten verstärkt.

Unter den Nationalsozialisten gab es im Hamburg der dreißiger Jahre keine wirkungsvolle Politik der Stadterneuerung, stattdessen stellten Hitlers Phantasien zur repräsentativen Neugestaltung Hamburgs ganz andere Anforderungen an den Städtebau.

2.2.2 Groß-Hamburg als „Wahrzeichen des Reiches“

Hamburg erfuhr besondere Wertschätzung durch Adolf Hitler. Davon zeugten nicht nur zahlreiche Besuche des „Führers“ in der Hansestadt69, sondern ebenso seine „stadtpla- nerischen“ Ideen zur umfassenden Umgestaltung des Hamburger Elbufers. Eigens fer- tigte Hitler, der „Künstler-Politiker“ (Reichel)70, Skizzen einzelner Bauprojekte für Hamburg an.71Wie ein steingewordenes „Aushängeschild des Reiches“72, so die Vor- stellung Hitlers, sollte ein neues Hamburg Schiffsreisende aus Übersee schon bei ihrer Ankunft im Hafen beeindrucken und von der vermeintlichen Größe des nationalsozialis- tischen Deutschland künden.

Welche Bedeutung die Hamburger Baumaßnahmen für Hitler hatten, wird anhand eines Auszuges aus der Rede vom 10. Februar 1939 an die Truppenkommandeure des Heeres deutlich. Hitler sprach über sein Lieblingsprojekt für Hamburg - eine riesige Elbbrü>

„Ich lasse [...] in Hamburg diese große Brücke bauen. Man wird vielleicht sagen: Warum bauen sie nicht einen Tunnel? - Ich halte ihn nicht für so zweckmäßig. Aber selbst wenn ich ihn sachlich für so zweckmäßig halten würde, dann würde ich doch die größte Brücke der Welt nach Hamburg hinstellen, um dem Deutschen, der vom Ausland kommt oder in das Ausland geht [...] das Bewusstsein zu geben: Was heißt Amerika mit seinen Brücken? Wir können genau das Gleiche.“73

Mehrfach hatte Hitler bei Besuchen in Hamburg in den vorangegangenen Jahren bereits geäußert, er stelle sich vor, eine Hängebrücke solle als neues Wahrzeichen der Stadt die Elbe überspannen.74Rasch wurden Hitler erste Brückenentwürfe vorgelegt. Nach Auf- zeichnungen des damaligen Hamburger Bürgermeisters Carl Vincent Krogmann, soll Hitler bemerkt haben, „man solle nicht zu pietätvoll sein in der Erhaltung alter Bäume, die Elbe sei 100 km auf beiden Ufern grün“. „Wenn man in eine Welt- und Hafenstadt komme“, wird Hitler von Krogmann zitiert, „wolle man auch Anlagen sehen, die der Größe dieser Hafenstadt entsprächen“.75Während weiterer Besprechungen wurde Hitler erläutert, dass die Planungen das Gebiet der bislang eigenständigen Stadt Altona berühr- ten und weiträumige Planungen immer an den engen Hamburger Grenzen scheitern müssten. Hitler soll darauf geantwortet haben: „Altona, das ist ja Unsinn, das dürfen wir heute nicht mehr denken, da genügt ja ein Federstrich.“76

Tatsächlich schien im diktatorischen Führerstaat ein „Federstrich“ zu genügen: Am 26. Januar 1937 wurden mit dem Groß-Hamburg-Gesetz die Grenzen zwischen Hamburg, Altona, Wilhelmsburg/Harburg und Wandsbek aufgehoben und die Hansestadt Ham- burg mit nunmehr 1,7 Millionen Einwohnern geschaffen.77Damit wurde der einheitli- che Planungsraum hergestellt, der schon von Fritz Schumacher gefordert worden war. Dass ausgerechnet im Führerstaat möglich wurde, was lange erfolglos gefordert worden war, musste bei den meisten Hamburger Architekten und Planern großen Eindruck hin- terlassen haben. Die propagandistische Wirkung des Groß-Hamburg-Gesetzes ist nicht zu unterschätzen. In der Städtebau-Literatur wurde und wird das Groß-Hamburg-Gesetz „durchgehend als positiver Schritt für die Lösung der Probleme in der Stadt Hamburg bewertet“.78

Dabei war die Ermöglichung stadtplanerischer Bauvorhaben nicht der alleinige Beweg- grund für die Bildung eines Groß-Hamburg. Bei aller Begeisterung Hitlers für die Ham- burger Baupläne, das Groß-Hamburg-Gesetz stellte in erster Linie eine wirtschafts- politische Entscheidung im Zusammenhang mit der beginnenden Kriegsvorbereitung dar. Groß-Hamburg sollte nämlich in Zukunft nicht nur zum Aushängeschild des Rei- ches werden, sondern mit seinen Werften, der Flugzeugproduktion sowie der Ölverar- beitenden-Industrie eine für Norddeutschland wichtige Rolle im Konzept der Aufrüs- tung erfüllen. Um die wirtschaftlichen Kapazitäten Hamburgs und der umliegenden

preußischen Städte zu konzentrieren und effektiver nutzbar zu machen, schien die Schaffung eines industriellen Ballungsraumes an der Unterelbe unabdingbar.79Wenn also die Stadtplanung von der Ausweitung ihres Planungsraums profitierte, dann ge- schah dies eher als Nebenwirkung nationalsozialistischer Aufrüstungs- und Kriegszie- le.80

2.2.3 „Führerstadtplanung“

Mit dem Groß-Hamburg-Gesetz und dem Gesetz zur Neugestaltung deutscher Städte vom 4. Oktober 1937 wurde die Planung zur Elbufergestaltung ausgeweitet.81Als „Stadt des Außenhandels“ durfte sich die Hansestadt, neben Berlin (das zukünftige „Germania“), München (die „Stadt der Bewegung“), Nürnberg (die „Stadt der Reichs- parteitage“) und Linz, nun zu den fünf „Städten des Führers“ zählen. Bald hieß es, die Umgestaltung Hamburg werde so gewaltig sein, dass „kaum ein Stein auf dem anderen belassen werden könne“.82Groß-Hamburg sollte sein „Gesicht“ von der Alster weg, hin zur Elbe wenden.

Als markanten Bezugspunkt im neuen Stadtbild stellte sich Hitler vor, anstelle des Al- tonaer Rathauses solle ein 250 Meter hohes Gauhochhaus errichtet werden - der einzige Wolkenkratzer im Dritten Reich, weil Hamburg nach Ansicht des Führers „so etwas Amerikanisches habe“.83Hinzu kamen noch Volkshalle und Aufmarschplatz, die in Verbindung mit dem Hochhaus das Hamburger Gauforum vervollständigen sollten.84

„Besonderes Gewicht ist auf die räumliche Einheit von Aufmarschplatz und Volkshalle gelegt [...] Während in der Volkshalle 50.000 Menschen Platz finden, bietet der Auf- marschplatz etwa 85.000 Menschen Raum, der durch Hinzuziehen des Straßenteils bis zum Gauhaus auf ein Fassungsvermögen von 100.000 erhöht werden kann“, hieß es später im „Erläuterungsbericht“ zur Elbufergestaltung.85Einerseits als kulissenhafte Repräsentationsbauten, andererseits als politische Architektur faschistischer Massen- veranstaltungen (Paradestraßen, Aufmarschplätze und Volkshalle), war diese Architek- tur allein auf die Inszenierung nationalsozialistischer Herrschaft gerichtet.86Daneben gab es Vorstellungen, entlang der Elbe eine 50 Meter breite und 1400 Meter lange Hochstraße, gesäumt von Verwaltungsgebäuden von Industrie, Handel und Schifffahrt „als Zeugen hamburgischer Weltgeltung“87, anzulegen. Ebenso sollten doppelstöckige Fahrgastanlagen ( „wie in New York und Cherbourg“)88und ein KdF-Hotel den Schiffs- reisenden zur Verfügung stehen. Öffentlich kündigten Reichsstatthalter Karl Kauf- mann89und Senator Georg Ahrens am 9. Juni 1937 großspurig den Umbau der Stadt an und lösten damit ein „enthusiastisches Echo“90aus.

Die gestalterische Ausarbeitung der Elbufergestaltung sollte der Sieger eines Wettbe- werbs übernehmen. Nur vier Architekten wurden am 31. August 1937 eingeladen, ne- ben dem Entwurf der Hochbaudirektion am Wettbewerb teilzunehmen: Paul Bonatz, Erich zu Putlitz, Werner March und Konstanty Gutschow. Am Nachmittag des 21. Ja- nuar 1939 ließ sich Hitler, der sich vorbehielt, den Sieger selbst zu küren, im Beisein von Albert Speer und Fritz Todt in der Reichskanzlei die Wettbewerbsentwürfe vorfüh- ren. Nach längerem Betrachten aller Modelle kehrte Hitler zu Gutschows Entwurf91 zurück: „Das ist doch das straffste und bietet daher die größten Möglichkeiten zur Wei- terverfolgung.“92Vollkommen zufrieden schien Hitler allerdings auch mit Gutschows Entwurf nicht zu sein. Obschon Hitler guthieß, dass Gutschow als einziger der Wettbe- werbsteilnehmer eine Reise in die USA unternommen hatte93, um die Bauweise von Wolkenkratzern zu studieren, gefiel ihm das Modell für ein Gauhochhaus nicht auf An- hieb: „Das Hochhaus kann man noch besser gestalten. Das Dach sieht aus, als wenn mit dem Hammer auf einen Pfahl geschlagen worden wäre. Das sind aber Dinge, die sich leicht ändern lassen.“94Über den weiteren Fortgang der Planungen in Hamburg soll Hitler dann auch nicht begeistert gewesen sein. Hitler bezeichnete Konstanty Gutschow später einmal wenig wertschätzend als „Hamburger Zwerg“.95Da sich Hitler während des Krieges anscheinend weniger intensiv als zuvor um die Hamburger Neugestaltungs- plänen kümmerte, blieb allerdings eine weitere Einflussnahme auf die Arbeiten Gut- schows - soweit bekannt - aus.

2.2.4 Konstanty Gutschow, „Architekt des Elbufers“

Konstanty Gutschow, der Gewinner des Wettbewerbs, erhielt mit gerade einmal 37 Jah- re den Auftrag seines Lebens.96Der gebürtige Hamburger hatte in Danzig und Stuttgart Architektur studiert. Wie seine Lehrer der Stuttgarter Schule Heinz Wetzel und Paul Schmitthenner bevorzugte er - soweit diese Kategorisierung aussagekräftig ist - eine traditionalistische Architektur und handwerkliche Bauweisen. Nach seinem Studium arbeitete Gutschow zwei Jahre in der Hamburger Bauverwaltung, er lernte Fritz Schu- macher und dessen stadtplanerische Methodik kennen. Zwischen dem Lehrmeister Schumacher und Schüler Gutschow entwickelte sich ein enges Verhältnis, das auch in späteren Jahren bestehen blieb und anhand von Korrespondenz überliefert ist.97

Bis zu dem Zeitpunkt des Führerstadtwettbewerbs war der junge Architekt lediglich durch Planungen von Einfamilienhäusern, kleineren Siedlungsprojekten und als Ver- trauensarchitekt bzw. Gebietsarchitekt Nord-West bei der Bauleitung der Reichsauto- bahn in Erscheinung getreten. Bei der Einladung zum Wettbewerb wird neben fachli- cher Reputation sicherlich eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben, dass Gutschow politisch engagiert und seit 1933 der SA beigetreten war. Schnell hatte sich der Archi- tekt mit den neuen Machthabern arrangiert und in ihre Dienste gestellt. Anlässlich eines Vortrags über die „bevölkerungspolitischen Pflichten des Architekten“ sprach Gut- schow im September 1934 zu Hamburger Kollegen: „Jeder Stein, den wir heute auf den anderen setzen, muss einen Sinn haben im neuen Deutschland, damit das Bauen [...] zum wirksamen Instrument des Willen des Führers [wird].“98Seit 1. Mai 1937 war Gut- schow außerdem Mitglied der NSDAP.99

Mit dem Erlass über die Neugestaltung der Hansestadt Hamburg vom 26. April 1939 erhielt Konstanty Gutschow offiziell den Auftrag von Reichstatthalter Kaufmann, die neu geschaffene Durchführungsstelle für die Neugestaltung der Hansestadt Hamburg zu leiten. Gutschow führte nun die Bezeichnung Architekt des Elbufers, weigerte sich aber vehement, als Beamter eingestellt zu werden.100Gutschow blieb weiterhin freier Architekt mit eigenem Büro, das außerhalb der städtischen Verwaltung stand und ledig- lich dem Reichstatthalter bzw. Hitler direkt verantwortlich war. Diese Konstruktion sollte gravierende Auswirkungen auf die Hamburger Stadtplanung haben. Eine sorgfäl- tige Haushaltsführung war z.B. von vornherein dadurch ausgeschlossen, dass Gutschow im Grunde unabhängig von Vorgaben der Hamburger Finanzbehörde planen konnte.101 Die Kosten für den Neu- und Umbau, der bis 1965 abgeschlossen sein sollte, wurden mit 1,6 Milliarden Reichsmark veranschlagt.102Die Zahl war allerdings nicht mehr als ungefähre Schätzung. Für eine detaillierte Kostenrechnung interessierte sich Hitler gar nicht erst, er verbot sogar ausdrücklich die Gesamtkosten des Programms anhand von Kostenvoranschlägen aufzuschlüsseln.103

Hinzu kam, dass weder genügend Baumaterial noch eine ausreichende Anzahl an Ar- beitskräften in Hamburg zur Verfügung stand.104Mehr als fraglich bleibt, wie die Mittel zur „Neugestaltung“ überhaupt hätten aufgebracht werden sollen. Nach Meinung von Thies waren jedenfalls „Finanzierungs-, Material und Arbeitskräftelücken [...] auch nicht annähernd durch ein Wirtschaftssystem zu schließen, das nach herkömmlichen Grundsätzen und Erfahrungen arbeitete.“105Der Mangel an Arbeitskräften wurde nach Kriegsbeginn auch durch den Einsatz von Zwangsarbeitern ausgeglichen.106Ein Teil des Baumaterials sollte, wie Verhandlungen zwischen der Stadt Hamburg und der SS belegen, durch das Klinkerwerk im Konzentrationslager Neuengamme geliefert wer- den.107Reichstatthalter Kaufmann betonte, dass Hamburg im Hinblick auf die spätere Durchführung der Führerbauten großes Interesse an dem „leistungsfähigen“108Klinker- werk haben müsse. Spätestens an dieser Stelle wird der Zusammenhang zwischen Bau- plänen und nationalsozialistischer Kriegs- und Vernichtungspolitik, „zwischen Gauburg und Vernichtungslager, zwischen Jugendheimen der HJ und Zwangsarbeiterlagern, zwi- schen Rüstungsindustrie und scheinbar idyllischem Gartenhaus“109deutlich.

Keines der geplanten Führerstadtprojekte sollte in den kommenden Jahren verwirklicht werden. Über das Stadium der Planung und einzelne Vorbereitungsmaßnahmen kam die Elbufergestaltung nicht hinaus. Allerdings brachte die Stadt Hamburg einen großen Teil des Baulandes der für die Elbufergestaltung vorgesehenen Gebiete in ihren Besitz. Da- von profitierte die Stadtplanung nach dem Krieg, als die Aufbaupläne für Altona ent- standen.110

[...]


1Werner Durth, Zwischenzeiten im Epochenwechsel, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte 2 (1994), 3-7, hier: 3.

2Frank Bajohr, Hamburgs langes Kriegsende, in: Landeszentrale für politische Bildung (Hg.), Hamburg und Dresden im Dritten Reich: Bombenkrieg und Kriegsende (Sieben Beiträge), Hamburg 2000, 115-144, hier: 117. Zur Zitierweise: Literaturangaben werden beim ersten Auftreten vollständig, bei jedem weiteren mit Autorennamen und Kurztitel wiedergegeben.

3Vortrag von Konstanty Gutschow über den „Wiederaufbau zerstörter Städte“ vor Hamburger Studenten am 4. Juli 1944. Staatsarchiv Hamburg (SH), 621-2 Bauarchiv Konstanty Gutschow, C 67, Wiederaufbau zerstörter Städte.

4Schon 1940/41 hatten Konstanty Gutschow und seine Mitarbeiter einen Generalbebauungsplan für

Hamburg erstellt. Dieser war zwar nach der Bombardierung 1943 hinfällig geworden, stellte aber in seinen Leitlinien Grundlagen für die Wiederaufbauplanung dar.

5Zu „Modernität im Nationalsozialismus“: Die Inhalte einer langen Debatte um Modernisierung und Modernität im Nationalsozialismus können an dieser Stelle nicht dargestellt werden, stattdessen kann nur auf die einschlägige Literatur verwiesen werden. Einen aktuellen Überblick über den Stand der Diskussi- on liefert: Riccardo Bavaj, Die Ambivalenz der Moderne im Nationalsozialismus. Eine Bilanz der For- schung, München 2003. Darin besonders das Kapitel zu Städte- und Wohnungsbau: 166-173.

6Werner Durth, Deutsche Architekten. Biographische Verflechtungen 1900-1970, München 1992, 10.

7Vgl. Hans Mommsen, Nationalsozialismus als vorgetäuschte Modernisierung, in: Lutz Niethammer/ Bernd Weisbrod (Hg.), Der Nationalsozialismus und die deutsche Gesellschaft, Hamburg 1991, 405-427, hier: 423; Axel Schildt, NS-Regime, Modernisierung und Moderne. Anmerkungen zur Hochkonjunktur einer andauernden Diskussion, in: Dan Diner/ Fritz Stern (Hg.), Nationalsozialismus aus heutiger Perspektive, Gerlingen 1994 (Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 23), 3-22, hier: 10f.; Bernd Weisbrod, Der Schein der Modernität. Zur Historisierung der „Volksgemeinschaft“, in: Karsten Rudolph/ Christl Wickert (Hg.), Geschichte als Möglichkeit, Essen 1995, 224-242.

8Die Begriffe Stadtplanung und Städtebau werden in der vorliegenden Arbeit weitgehend synonym verwendet. Dabei bezeichnet „Städtebau“ eher den gestalterischen Teil der Stadtplanung und kann demnach als Teildisziplin der Stadtplanung verstanden werden. Die Definition der Begrifflichkeiten ist in der Literatur jedoch keineswegs einheitlich. Keine Definition, aber eine Abgrenzung von Aufgaben und Anforderungen der Stadtplanung bzw. im Städtebau findet sich in den Standardwerken von Gerd Albers und Alexander Papageorgiou-Venetas. Gerd Albers, Entwicklungslinien im Städtebau. Ideen, Thesen, Aussagen 1875-1945: Texte und Interpretationen, Düsseldorf 1975; Gerd Albers/ Alexander Papageorgiou-Venetas, Stadtplanung. Entwicklungslinien 1945-1980, Tübingen 1984.

9SH, 322-3 Architekt Gutschow.

10SH, 621-2 Bauarchiv Konstanty Gutschow.

11HAA, 6361 Arbeitsausschuss Stadtplanung.

12Architekten und Ingenieur-Verein Hamburg (Hg.), Hamburg und seine Bauten 1929-1953, Hamburg 1953.

13Eine quellenkritische Auswertung von Bauzeitschriften nach Themen und Inhalten in der Nachkriegs- zeit ist von Peter Krieger geleistet worden. Krieger hat die nach eigenen Angaben „wichtigsten westdeut- schen Bauzeitschriften der 50er Jahre (‚Bauwelt’, ‚Baumeister’, ‚Baukunst und Werkform’, ‚Deutsche Bauzeitung’ und ‚Neue Heimat Monatshefte’)“ ausgewählt, um „alle auf Hamburg bezogenen Beiträge“ zu untersuchen (2100 Artikel). Siehe: Peter Krieger, „Wirtschaftswunderlicher Wiederaufbau- Wettbewerb“. Architektur und Städtebau der 1950er Jahre in Hamburg, (Diss.) Hamburg 1995.

14Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden, Frankfurt am Main 1965.

15Beispielhaft ausgewählte Arbeiten der Autoren Bahrdt und Berndt: Hans Paul Bahrdt, Die moderne Großstadt. Soziologische Überlegungen zum Städtebau, Hamburg 1961; Heide Berndt, Das Gesellschaftsbild bei Stadtplanern, Stuttgart 1968.

16Anna Teut, Architektur im Dritten Reich 1933-1945, Frankfurt am Main/ Berlin/ Wien 1967.

17Joachim Petsch, Baukunst und Stadtplanung im Dritten Reich: Herleitung, Bestandsaufnahme, Entwicklung, Nachfolge, München 1976; Jost Dülffer/ Jochen Thies/ Josef Henke (Hg.), Hitlers Städte. Baupolitik im Dritten Reich, Köln 1978.

18Hartmut Frank (Hg.), Faschistische Architekturen. Planen und Bauen in Europa 1930 bis 1945, Ham- burg 1985.

19Hartmut Frank, Welche Sprache sprechen Steine? Zur Einführung in den Sammelband „Faschistische Architekturen“, in: ders., Faschistische Architekturen, 7-21.

20Dirk Schubert, ...Ein neues Hamburg entsteht Planungen in der „Führerstadt“ Hamburg zwischen 1933-1945, in: Frank, Faschistische Architekturen, 299-318; Elke Pahl-Weber, „Die Ortsgruppe als Siedlungszelle“. Ein Vorschlag zur Methodik der großstädtischen Stadterweiterung von 1940, in: Schubert, ...Ein neues Hamburg entsteht..., 282-298.

21Helmut Weihsmann, Bauen unterm Hakenkreuz. Architektur des Untergangs, Wien 1998.

22Lutz Niethammer, Die deutsche Stadt im Umbruch 1945 als Forschungsproblem, in: Die alte Stadt 5 (1978), 138-154.

23Niethammer, Die deutsche Stadt im Umbruch 1945, 154.

24Vgl. Werner Durth/ Niels Gutschow, Architektur und Städtebau der fünfziger Jahre, Bonn 1990 (Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz 41), 9.

25Für die vorliegende Arbeit ist die 1992 neu aufgelegte und überarbeitete Ausgabe benutzt worden. Durth, Deutsche Architekten.

26Niels Gutschow ist der Sohn des Architekten und Stadtplaners Konstanty Gutschow. Mit der nötigen kritischen Distanz hat sich Niels Gutschow in zahlreichen Publikationen mit der Geschichte seines Vaters auseinandergesetzt. Vgl. dazu auch: Niels Gutschow, Väter und Söhne, in: Bauwelt 75 (1984), 656-657.

27Durth/ Gutschow, Architektur und Städtebau der fünfziger Jahre; Werner Durth/ Winfried Nerdinger, Architektur und Städtebau der 30er/40er Jahre, München 1993 (Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz 48).

28Werner Durth/ Niels Gutschow, Träume in Trümmern. Planungen zum Wiederaufbau zerstörter Städte im Westen Deutschlands 1940-1950, 2 Bde., Braunschweig/ Wiesbaden 1988. Auch die kulturhistorische Monographie „Der Wiederaufbau“ von Klaus von Beyme gibt eine gute Einsicht in die Entwicklungslinien verschiedener städtebaulicher Leitbilder: Klaus von Beyme, Der Wiederaufbau. Architektur und Städtebaupolitik in beiden deutschen Staaten, München/ Zürich 1987.

29Klaus von Beyme/ Werner Durth/ Winfried Nerdinger (Hg.), Neue Städte aus Ruinen. Deutscher Städtebau der Nachkriegszeit, München 1991.

30Axel Schildt, Hamburg: Versuch einer zweiten Moderne, in: Beyme/ Durth/ Nerdinger, Neue Städte aus Ruinen, 78-97.

31Tilman Harlander/ Gerhard Fehl, Hitlers sozialer Wohnungsbau 1940-1945. Aufsätze und Rechtsgrundlagen zur Wohnungspolitik, Baugestaltung und Siedlungspolitik aus der Zeitschrift „Der soziale Wohnungsbau in Deutschland“, Hamburg 1986 (Stadt, Planung, Geschichte 6), 11.

32Jeffry M. Diefendorf, In the Wake of War. The Reconstruction of German Cities after World War II, New York/ Oxford 1993; ders., Konstanty Gutschow and the Reconstruction of Hamburg, in: Central European History 18 (1985), H. 2, 143-169.

33Schildt, NS-Regime, Modernisierung und Moderne, 11.

34Michael Prinz/ Rainer Zitelmann (Hg.), Nationalsozialismus und Modernisierung, Darmstadt 1991.

35Werner Durth, Architektur und Stadtplanung im Dritten Reich, in: Prinz/ Zitelmann, Nationalsozialismus und Modernisierung, 139-171.

36Michael Bose u.a., „... ein neues Hamburg entsteht...“. Planen und Bauen von 1933-1945, Hamburg 1986 (Beiträge zur städtebaulichen Forschung, Bd. 2, Herausgegeben von der Technischen Universität Hamburg-Harburg).

37Bose, „... ein neues Hamburg entsteht...“, 5.

38Ralf Lange, Hamburg - Wiederaufbau und Neuplanung 1943-1963, Königstein 1994; Ulrich Höhns (Hg.), Das ungebaute Hamburg. Visionen einer anderen Stadt in architektonischen Entwürfen der letzten hundertfünfzig Jahre, Hamburg 1991 (Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs); Kay Weni- ger, Wiederaufbau- und Neubauplanung in Hamburg 1945 bis 1950. Städtebauliche Kontinuität oder Wandel?, (Diss.) Hamburg 1987; Krieger, „Wirtschaftswunderlicher Wiederaufbau-Wettbewerb“.

39Fritz Schumacher, Stufen des Lebens. Erinnerungen eines Baumeisters, Stuttgart 1949, 360.

40Ebd., 382.

41Ebd., 384: „Zum Glück schlug eine lebendige Bewegung in der Privatarchitektur den gleichen Weg ein wie die staatlichen Bauten, eine Bewegung, in der Fritz Höger die erste Rolle spielte, der aber auch Männer wie Bensel, Schöß, Bomhoff, Grell Elingius und Distel ihre Kräfte liehen.“

42Ebd., 386.

43Ebd., 386.

44Kritik an der Großstadt bis hin zur Großstadtfeindschaft gab es nicht allein unter Stadtplanern, sondern war weit verbreitet - unabhängig von politischen Lagern. Eine ganze Literaturgattung setzte sich im ers- ten Drittel des Jahrhunderts mit der Großstadt als „Ort der Dekadenz“ und des „kulturellen Niedergangs“ auseinander. Probleme der Großstadt seien sowohl Ursache als auch Folge von „Entseelung“, Vereinsa- mung, Anonymität und der Auflösung „natürlicher Bindungen“. Parallel dazu wurde das ländliche Leben häufig als „gesunde Lebensform“ mit intaktem Sozial- und Gemeinschaftsleben verklärt. Da die Thematik Hochurbanisierung und Großstadtfeindschaft im Kontext dieser Arbeit nur angerissen werden kann, ist auf die einschlägige Literatur zu verweisen. Zu Hochurbanisierung und eruptivem Städtewachstum: Jür- gen Reulecke, Geschichte der Urbanisierung in Deutschland, Frankfurt am Main 1985, besonders: 68-85. Zur Geschichte der Großstadtfeindschaft: Klaus Bergmann, Agrarromantik und Großstadtfeindschaft, Meisenheim am Glan 1970. Vgl. Dirk Schubert, Stadtplanung als Ideologie. Eine theoriegeschichtliche, ideologiekritische Untersuchung der Stadt, des Städtebaus und Wohnungsbaus in Deutschland von ca. 1850 bis heute, (Diss.) Berlin 1981.

45Die Idee, Stadterweiterungen als selbständige Einheiten in Anlehnung an dörfliche oder kleinstädtische Siedlungsformen zu planen, fand sich etwa bei der Gartenstadtbewegung seit Anfang des 20. Jahrhun- derts. Als Erfinder der „Gartenstadt“ gilt der Engländer Ebenezer Howard. Howard nahm an, dass ein Leben im Grünen einen heilsame Auswirkung auf die Bewohner, deren Arbeitsleistung, Moralvorstellun- gen und Sozialverhalten haben müsse. Eine Vielzahl kleinstädtischer Gartenstadt-Gemeinden könne, so die Annahme, langfristig zur gewünschten Entlastung der großen, chaotischen und ungesunden Metropo- len führen. Konzepte ähnlich der Gartenstadt waren in Deutschland zuerst durch Theodor Fritsch popula- risiert worden - im Gegensatz zum englischen Vorbild war die deutsche Adaption von Anfang an deut- lich stärker völkisch-rassistisch akzentuiert. Dirk Schubert, Großstadtfeindschaft und Stadtplanung. Neue Anmerkungen zu einer alten Diskussion, in: Die alte Stadt 13 (1986), 22-41, hier: 27f. Vgl. zur Ausprä- gung des Gartenstadtgedankens in Deutschland: Franziska Bollerey u.a (Hg.), Im Grünen wohnen - im Blauen planen. Ein Lesebuch zur Gartenstadt, Hamburg 1990; Bergmann, Agrarromantik und Großstadt- feindschaft, 135ff.

46Diese „modernen“ Erkenntnisse wurden nicht in Frage gestellt, auch wenn sich teilweise heftige Rich- tungskämpfe zwischen Architekten an Äußerlichkeiten wie der architektonischen Gestaltung offenbarten. Richtungskämpfe fanden innerhalb eines modernen Leitbildes statt; gewissermaßen könnte man von einer Auseinandersetzung zwischen „traditionalistischer Moderne“ (bspw. Stuttgarter Schule) und „modernisti- scher Moderne“ (bspw. Neues Bauen) sprechen. Seit der Weltwirtschaftskrise lässt sich in Kultur- und Städtebaudebatten eine Hegemonie der „traditionalistischen Moderne“ feststellen. Fritz Schumacher kann wohl zu den „modernen Traditionalisten“ gerechnet werden; die Tradition drückte sich bei Schumacher etwa in der Bevorzugung „alt-hamburgischer“ Backsteinfassaden aus. Vgl. zu diesem umfangreichen Themenkomplex: Durth, Deutsche Architekten. Im ersten Kapitel („Lehrjahre“) seines Standardwerkes zeichnet Durth ein präzises Bild von Entwicklungslinien städtebaulicher Reformkonzepte in Deutschland seit der Jahrhundertwende sowie von Verbindungen der beteiligten Personen. Außerdem: Frank, Welche Sprache sprechen Steine?, 19.

47Durth, Deutsche Architekten, 77.

48In der Zeit zwischen Währungsreform 1923 und Weltwirtschaftskrise 1929 entstanden in Hamburg

66.000 neue Wohnungen. Insgesamt zählte Hamburg bis 1933 knapp 350.000 Wohnungen. Bose, „... ein neues Hamburg entsteht...“, 86.

49Durth/ Gutschow, Träume in Trümmern, 594.

50Schildt, Versuch einer zweiten Moderne, 79. Schildt fügt allerdings hinzu, dass aufgrund hoher Mieten kaum diejenigen in den neuen Siedlungen untergebracht wurden, die am dringendsten eine Wohnung benötigten. Da vor allem die Familien gut verdienender Facharbeiter, Angestellter und Beamter einzogen, wurden die Wohnsiedlungen Schumachers „in der kommunistischen Presse [...] als ‚sozialdemokratische Bonzenburgen’ stigmatisiert“.

51In ähnlicher wie in anderen Ballungsgebieten des Reiches (Siedlungsverband Ruhrkohlebezirk/ Zweckverband Groß-Berlin) sollte auch an der Unterelbe übergreifend geplant werden. Vgl. Bose, „... ein neues Hamburg entsteht...“, 9.

52Vgl. dazu das Kapitel „Schumachers Kampf um Groß-Hamburg [...]“ in: Werner Kallmorgen, Schuma- cher und Hamburg. Eine fachliche Dokumentation zu seinem 100. Geburtstag, Hamburg 1969, 159-169.

53Fritz Schumacher, Zukunftsfragen an der Unterelbe. Gedanken zum „Groß-Hamburg“-Thema, Jena 1927, 40.

54Zur Arbeit des Landesplanungsausschusses: Erwin H. Ockert, Der Hamburg-Preußische Landespla- nungsausschuss, in: Hamburg und seine Bauten 1929-1953, 15-23. Bose, „...ein neues Hamburg ent- steht...“, 9-15.

55Ockert, Landesplanungsausschuss, 16.

56Werner Durth, Architektur und Stadtplanung im Dritten Reich, in: Michael Prinz/ Rainer Zitelmann (Hg.), Nationalsozialismus und Modernisierung, Darmstadt 1991, 139-171, hier: 164.

57Vgl. Durth/ Gutschow, Träume in Trümmern, 597; Bose, „...ein neues Hamburg entsteht...“, 84. Über die genauen Gründe für die vorzeitige Pensionierung Schumachers konnte nur spekuliert werden. Schumacher wurde nicht aus politischen Gründen entlassen, wenn auch, wie Bose heraus stellt, seine Entlassung in den Ruhestand „zu diesem Zeitpunkt ein Politikum“ darstellte. Schumacher selbst protestierte nicht gegen seine Pensionierung. Auch in der Folgezeit äußerte sich Schumacher nie kritisch gegenüber den NS-Machthabern. Schumacher trat nach 1933 als Buchautor oder als Redner anlässlich von Preisverleihungen in Erscheinung. Über die Planungen seiner Nachfolger blieb Schumacher informiert, direkten Einfluss hatte Schumacher nach 1933 allerdings nicht mehr.

58Zu keiner Zeit existierte so etwas wie eine konsistente nationalsozialistische Programmatik in Stadtpla- nung und Städtebau, erst recht keine, die in der Zeit des Nationalsozialismus generiert worden oder spezi- fisch nationalsozialistischen Ursprungs gewesen wäre. Eher charakteristisch im Nationalsozialismus war das Nebeneinander konkurrierender Strömungen, deren stadtplanerische Konzepte sich bereits vor 1933 heraus gebildet hatten. Auch für den Bereich Architektur ist eine „Rivalität im Stilwollen“ (Weihsmann) zu konstatieren. Während der Heimatschutzstil bzw. das handwerks- und landschaftsgebundene Bauen zumindest im Wohn- und Siedlungsbau bevorzugt wurde, gab es - wie die Forschung mittlerweile nach- gewiesen hat -, vor allem im Industrie- oder Rüstungsbau, durchaus Raum für formale Elemente des scheinbar verpönten Funktionalismus. Vgl. Weihsmann, Bauen unterm Hakenkreuz, 13; Peter Reichel,

59Propagandisten wie Alfred Rosenberg oder Gottfried Feder versuchten großstadtfeindliche Vorstellungen von Riehl bis Spengler zu vereinnahmen und in den Kontext einer „Blut-und-Boden-Ideologie“ zu stellen. Aus der latent bestehenden Großstadtfeindschaft sollte ein propagandistisches Programm werden. Die Stadt galt danach als Sitz des Judentums und Ort des Marxismus, das Land und das Bauerntum dagegen als „Blutsquell des deutschen Volkes“ (und damit auch Grundlage der Wehrkraft). Schubert, Großstadtfeindschaft und Stadtplanung, 35f.

60Durth, Architektur und Stadtplanung im Dritten Reich, 152.

61Vgl. Reichel, Der schöne Schein des Dritten Reiches, 292, 294; Durth, Deutsche Architekten, 102ff., 136.

62Reichel, Der schöne Schein des Dritten Reiches, 294.

63Durth, Architektur und Stadtplanung im Dritten Reich, 152.

64Vgl. Reichel, Der schöne Schein des Dritten Reiches, 310; Elke Pahl-Weber/ Dirk Schubert, Die Volksgemeinschaft unter dem steilen Dach? Ein ideologiekritischer Beitrag zum Wohnungs- und Städtebau der Zeit zwischen 1933 und 1945 in Hamburg, in: Axel Schildt/ Arnold Sywottek (Hg.), Massenwohnung und Eigenheim. Wohnungsbau und Wohnen in der Großstadt seit dem Ersten Weltkrieg, Frankfurt am Main 1988, 306-325, hier: 310; Schubert, Großstadtfeindschaft und Stadtplanung, 37.

65Werner Johe, Im Dritten Reich 1993-1945, in: Werner Jochmann/ Hans-Dieter Loose (Hg.), Hamburg. Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner, Bd. 2, Hamburg 1986, 265-376, hier: 307f.

66Bose, „...ein neues Hamburg entsteht...“, 87; Johe, Im Dritten Reich, 307.

67Zit. nach: Pahl-Weber/ Schubert, Die Volksgemeinschaft unter dem steilen Dach?, 311. Einen Beitrag zu den Sanierungsvorhaben sollten auch die sozialräumlichen Kartographierungsarbeiten des Hamburger Soziologen Andreas Walther leisten. Anhand verschiedener Kriterien, wie z.B. den Wahlergebnissen der Zeit vor 1933, erstellte Walther eine Art Sozialkataster „gemeinschädlicher“ Stadtteile in Hamburg. Gebiete mit einem hohen Anteil an SPD- und vor allem KPD-Wählern erschienen danach höchst sanierungsbedürftig. Den geplanten „Sozialatlas der Gemeinschädlichkeit“ wollte Walther den Stadtplanern zur Lokalisierung von Sanierungsgebieten an die Hand geben. Ebd., 311f.

68Vgl. Bose, „...ein neues Hamburg entsteht...“, 62-83; Johe, Im Dritten Reich, 306f.

69„Keine deutsche Stadt hat Hitler so oft besucht wie Hamburg - lässt man einmal Berlin, München und Nürnberg außer acht, die sich durch ihre besondere Stellung als Reichshauptstadt bzw. ‚Parteivororte’ dem Vergleich entziehen.“ Werner Johe, Im Glanz der Macht: Hitler in Groß-Hamburg, in: Landeszentrale für politische Bildung (Hg,), Hamburg und Dresden im Dritten Reich: Bombenkrieg und Kriegsende (Sieben Beiträge), Hamburg 2000, 11-24, hier: 13.

70Reichel, Der schöne Schein des Dritten Reiches, 287.

71Hartmut Frank, „Das Tor zur Welt“, in: Ulrich Höhns (Hg.), Das ungebaute Hamburg. Visionen einer anderen Stadt in architektonischen Entwürfen der letzten hundertfünfzig Jahre, Hamburg 1991 (Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs), 78-99, hier: 78.

72Vgl. Hermann Hipp, Freie und Hansestadt Hamburg: Geschichte, Kultur und Stadtbaukunst an der Elbe, Köln 1989, 103. Die Idee dazu kam Hitler wohl entweder bei einem Bootsausflug auf der Elbe 1934 (Bose) oder bei einem Besuch anlässlich des Stapellaufs des Schulschiffs „Horst Wessel“ im Jahr 1935 (Durth). Bose, „...ein neues Hamburg entsteht...“, 16; Durth, Deutsche Architekten, 206.

73Zit. nach: Dülffer, Hitlers Städte, 297f.

74Vgl. Dülffer, Hitlers Städte, 191; Durth/ Gutschow, Träume in Trümmern, 597; Bose, „...ein neues Hamburg entsteht...“, 17.

75 Carl Vincent Krogmann war nach eigenen Angaben bei den Besprechungen mit Hitler anwesend. Carl Vincent Krogmann, Es ging um Deutschlands Zukunft. 1932-1939. Erlebtes täglich diktiert von dem früheren Regierenden Bürgermeister von Hamburg, Landsberg 1976, 320.

76Krogmann, Es ging um Deutschlands Zukunft, 301.

77Durth/ Gutschow, Träume in Trümmern, 598.

78Bose, „...ein neues Hamburg entsteht...“, 12.

79Vgl. Bose, „...ein neues Hamburg entsteht...“, 13ff.; Johe, Im Dritten Reich, 339ff.; Pahl-Weber/ Schubert, Die Volksgemeinschaft unter dem steilen Dach?, 318.

80Die Entstehung von Groß-Hamburg bestätigt im Übrigen auch die These, dass von einer Feindschaft des Nationalsozialismus gegenüber der Großstadt oder gegenüber Industrie und Technik keine Rede sein kann. Werner Johe urteilt, erst der Vollzug des Groß-Hamburg-Gesetzes habe Hamburg zur Industriestadt gemacht. Johe, Im Dritten Reich, 345.

81Der Neugestaltungserlass vom 4. Oktober 1937 sollte der Auftakt zur „repräsentativen Neugestaltung“ von Städten im gesamten Reich sein. Das Muster war dabei allerorten ähnlich. In jeder Gauhauptstadt sollte ein Gauforum errichtet werden, das den Machtanspruch von Führer und Partei weithin sichtbar repräsentieren und in Verbindung mit Aufmarschplatz und Versammlungshalle zum neuen geistigen, sozialen und politischen Mittelpunkt des Gaus werden sollte. Um die einschüchternde Wirkung der NSDAP-Selbstdarstellung noch zu steigern, sollten etwa hundert Meter breite Straßen, geeignet für Para- den und Massenveranstaltungen, in Achsen auf das Forum zulaufen. Über die Neugestaltungspläne exis- tiert umfangreiche Literatur. Vgl. Teut, Architektur im Dritten Reich; Petsch, Baukunst und Stadtplanung im Dritten Reich; Dülffer, Hitlers Städte. Für Hamburg: Frank, „Das Tor zur Welt“, 78-99; Bose, „...ein neues Hamburg entsteht...“, 16-45.

82SH, 322-3 Architekt Gutschow, A 31, Vorträge und Aufsätze von Baurat Gutschow.

83Krogmann, Es ging um Deutschlands Zukunft, 322. Vgl. Hipp, Hamburg, 103.

84Einzelheiten zu den für Hamburg geplanten Großprojekten (u.a. Quellen zu Führerstadt- und Neugestaltungserlassen), in: Dülffer, Hitlers Städte, 191ff.; Bose, „...ein neues Hamburg entsteht...“, 16ff.; Durth/ Gutschow, Träume in Trümmern, 601; Hipp, Hamburg, 103f.; Hartmut Frank , „Das Tor zur Welt“, in: Höhns, Das ungebaute Hamburg, 78-99.

85SH, 322-3 Architekt Gutschow, C 1a, Elbufergestaltung Hamburg, Erläuterungsbericht.

86Die Annahme, Architektur im Nationalsozialismus sei vornehmlich durch solche „neoklassizistischen“ Monumentalbauten bestimmt worden, trifft nicht zu. Dennoch ist die Legende vom eigenen „Führer-Stil“, beruhend auf dem großen Bekanntheitsgrad der Bauten von Hitlers Lieblingsarchitekten Paul Ludwig Troost und Albert Speer, nach wie vor weit verbreitet. Vgl. Reichel, Der schöne Schein des Dritten Rei- ches, 297ff.

87SH, 322-3 Architekt Gutschow, C 1a, Elbufergestaltung.

88Ebd.

89Vgl. zum „Reichsstatthalter“ Johe, Im Dritten Reich, 283, 286f.: Der „Reichsstatthalter“ war ein Organ der Reichsgewalt, das nicht der Landesregierung, sondern direkt dem Reichskanzler unterstand. „Wenn auch der Regierende Bürgermeister [...] immer noch die höchste Landesgewalt verkörperte, so kann doch kein Zweifel daran bestehen, dass die politische Führung des Landes Hamburg in der Hand des Reichsstatthalters lag.“ Zum 1. April 1938 trat in Hamburg eine neue Verfassung in Kraft, nach der Reichsstatthalter Karl Kaufmann sowohl der Staats- wie der Gemeindeverwaltung vorstand.

90Johe, Im Glanz der Macht, 15.

91Konstanty Gutschows Modell der Elbufergestaltung siehe: Anhang, Abbildung 1.

92SH, 621-2 Bauarchiv Konstanty Gutschow, B 1/1, Akte Elbufergestaltung, Vorgänge 1937-1940.

93Vgl. Frank, „Das Tor zur Welt“, 94f.; Durth, Deutsche Architekten, 20; Diefendorf, Konstanty Gutschow and Reconstruction, 147. Im Herbst 1937, unmittelbar nach Einladung zum Wettbewerb, war Gutschow mit Mitarbeitern zu einer USA-Reise angetreten. Auf der Rückreise mit dem Schiff entstanden die Grundlagen für die kommenden Planungen. Inwieweit Gutschow bei der Gestaltung des Gauhochhau- ses von Vorbildern aus den USA beeinflusst war, ist Gegenstand einer Untersuchung, die im Frühjahr 2005 im Rahmen einer Magisterarbeit an der Universität Hamburg fertig gestellt werden wird: Sylvia Necker, „einige Anklänge an amerikanischer Verhältnisse zulassen...“. Konstanty Gutschow und seine Planungen für ein neues Hamburg 1936-1944. Entwürfe zu einem Gauhochhaus und zur Gestaltung des Elbufers.

94SH, 621-2 Bauarchiv Konstanty Gutschow, B 1/1, Akte Elbufergestaltung, Vorgänge 1937-1940.

95Dies geht aus einem Brief von Rudolf Hillebrecht an Konstanty Gutschow vom 16. Oktober 1941 hervor. Diefendorf deutet an, dass auch die Entwürfe zur Elbbrücke Hitlers Geschmack nicht entsprachen, da sie nicht monumental genug geraten waren - „proposals for it were not in the scale the Führer envisaged“. Diefendorf, Konstanty Gutschow and Reconstruction, 147.

96Biographische Angaben zu Konstanty Gutschow: Durth, Deutsche Architekten, 508-509; Bose, „...ein neues Hamburg entsteht...“, 186-201.

97Vgl. Diefendorf, In the Wake of War, 162. Auch nach seiner vorzeitigen Pensionierung blieb Schuma- cher mit Kollegen und „Nachfolgern“ verbunden. SH, 322-3 Architekt Gutschow, A 30, Private Korres- pondenz von Baurat Gutschow, Brief von Fritz Schumacher an Konstanty Gutschow, 18. Juni 1938.

98SH, 621-2 Bauarchiv Konstanty Gutschow, C16, Bevölkerungspolitische Pflichten des Architekten, Vortrag vor BDA, Ortsgruppe Gross-Hamburg, 6. 9. 1934.

99Möglicherweise wurde Gutschow von Fritz Schumacher zum Parteieintritt angeregt, „damit Gutschow die formalen Voraussetzungen dafür erfülle, an den großen Bauaufgaben der 30er und 40er Jahre mitwirken zu können“. Bose, „...ein neues Hamburg entsteht...“, 189. Dagegen schreibt Diefendorf: „Gutschow had joined the SA in July 1933, and this had led to automatic membership of the party in May 1937. It was his reputation as a planner, however, that was responsible for the invitation to enter the competition, and it was his design, not his party membership, that made him the winner in January 1939.“ Diefendorf, Konstanty Gutschow and Reconstruction, 146.

100Gutschow schrieb später, „durch hartnäckigen Widerstand“ habe er „die Klippe der persönlichen Ver- beamtung umschifft“. SH, 621-2 Bauarchiv Konstanty Gutschow, AX 4, 10 Jahre Architekt, 1935-1945, Bericht über die Arbeit als Architekt und Stadtplaner vom 18. April 1946 als „Erinnerung an die Mitar- beiter“.

101Eine Hamburger Besonderheit war dies indes nicht. Auch andere „Neugestaltungsstädte“ beauftragten neu geschaffene Dienststellen oder Architektenbüros, die außerhalb der bestehenden Baubehörden arbei- teten und mit diesen in ständigem Konflikt standen, mit der Ausarbeitung der Planungen. Thies: „Mit der Aufstellung dieser Sonderbaubehörden [...] gelang es Hitler, [...] sein Programm zu beschleunigen, da irgendwelche Rücksichtnahmen fortan entfielen. Die Planungsstäbe waren ihm direkt unterstellt, arbeite- ten aufgrund von Führerbefehlen und konnten ihrerseits Anforderungen an die Etats ihrer Städte stellen. Eine ordentliche Haushaltsführung öffentlicher Körperschaften war damit ausgeschlossen, ein Planungs- und Kompetenzchaos die Folge.“ Jochen Thies, Nationalsozialistische Städteplanung. Die Führerstädte, in: Die alte Stadt 5 (1978), 23-38, hier 29. Vgl. Diefendorf, In the Wake of War, 162.

102SH, 322-3 Architekt Gutschow, A 118, Aufstellung eines Arbeits- und Zeitplans für die Neugestaltungsmaßnahmen; A 119, Aufstellung eines Finanzierungsplans für die Neugestaltungsmaßnahmen. Vgl. Bose, „...ein neues Hamburg entsteht...“, 43.

103Vgl. Thies, Die Führerstädte, 37; Durth, Deutsche Architekten, 191.

104Für die Hamburger Planungen, die Brückenbauten nicht eingeschlossen, hätte man nach Berechnungen über einen Zeitraum von zwanzig Jahren permanent 65.000 Bauarbeiter beschäftigen können - nur 40.000 Arbeiter waren verfügbar. SH, 322-3 Architekt Gutschow, A 99, Planungen von Barackenlagern für Bau- arbeiter.

105Thies, Die Führerstädte, 37.

106SH, Architekt Gutschow, A 98, Untersuchungen über den Einsatz von Kriegsgefangenen bei der Durchführung der Neugestaltungsmaßnahmen. Zum Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen bei Bauarbeiten in Hamburg: Bose, „...ein neues Hamburg entsteht...“, 43f.; Lange, Wiederaufbau und Neu- planung, 30-32.

107Johe, Im Dritten Reich, 360; Thies, Die Führerstädte, 35. 108Zit. nach: Schubert, ...Ein neues Hamburg entsteht..., 309. 109Vgl. Weihsmann, Bauen unterm Hakenkreuz, 11.

110SH, 322-3 Architekt Gutschow, A 93, Planungen für die Räumung der zur Durchführung der Neuges- taltung benötigten Gebiete; A 94, Maßnahmen zur Räumung einzelner zur Durchführung der Neugestal- tung benötigter Gebiete; A 96, Ankäufe von Grundstücken für Neugestaltungsmaßnahmen. Vgl. Diefen- dorf, In the Wake of War, 165. Vgl. zum Aufbau von Altona: Kapitel 9 der vorliegenden Arbeit.

Ende der Leseprobe aus 127 Seiten

Details

Titel
Stadtplanung in Hamburg. Kontinuitäten und Wandel vom Generalbebauungsplan 1940/41 bis zum Aufbauplan 1950
Hochschule
Universität Hamburg
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
127
Katalognummer
V71962
ISBN (eBook)
9783638624343
ISBN (Buch)
9783638700702
Dateigröße
8329 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stadtplanung, Hamburg, Kontinuitäten, Wandel, Generalbebauungsplan, Aufbauplan
Arbeit zitieren
Jörg Hackhausen (Autor), 2005, Stadtplanung in Hamburg. Kontinuitäten und Wandel vom Generalbebauungsplan 1940/41 bis zum Aufbauplan 1950, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71962

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