Wittgenstein über das Bewusstsein (PU 412 – 427)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

16 Seiten


Leseprobe

I. Einleitung

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit sollen Ludwig Wittgensteins Bemerkungen zum Thema „Bewusstsein“ innerhalb seiner „Philosophischen Untersuchungen“ erörtert werden. Das Hauptaugenmerk wird hierbei zunächst auf die Paragraphen PU 412 – 420 gerichtet werden, in denen das in der Philosophiegeschichte vieldiskutierte Leib-Seele-Problem aufgegriffen, und unter den Vorzeichen der sprachphilosophischen Erwägungen des späten Wittgenstein – z.T. ironisch – betrachtet wird. Begriffe wie „Geist“ oder eben „Bewusstein“, die im philosophischen Kontext vielschichtige und abstrakte Bezugsebenen haben können, werden auf ihre Rolle in unserem alltäglichen Sprachgebrauch hin untersucht, was zu einer Relativierung ihrer nahezu mystischen Bedeutsamkeit führt: Eine „unüberbrückbare Kluft“ (PU 412) tut sich in erster Linie dann auf, wenn Vorgänge, die im Alltag als völlig unproblematisch erscheinen, unter philosophischen Gesichtspunkten analysiert werden. Wittgensteins in PU 38 geäußerte Feststellung, dass „(...) die philosophischen Probleme entstehen, wenn die Sprache feiert[1], wird im genannten Abschnitt anhand von verschiedenen Beispielen – u.a. mit einem William James-Zitat – illustriert. Ab Paragraph PU 421, der erneut exemplarisch auf den Leib-Seele-Dualismus Bezug nimmt, beschäftigt sich Wittgenstein mit der Anwendung von Bildern. Dieses Stichwort soll im Hauptteil der Arbeit besonders ausführlich besprochen, und in bezug auf Wittgensteins Sprachauffassung im „Tractatus logico-philosophicus“ beleuchtet werden – vor allem die in PU 426 enthaltenen Äußerungen über Sinn, Bilder und wirkliche (Sprach-)Verwendung können als Anspielungen auf das Frühwerk gedeutet werden.[2] Als Orientierungspunkt für die folgende Darstellung kann das Plädoyer aus PU 116 gelten:

„Wenn die Philosophen ein Wort gebrauchen – `Wissen´, `Sein´, `Gegenstand´, `Ich´, `Satz´, `Name´ – und das Wesen des Dings zu erfassen trachten, muss man sich immer fragen: Wird denn dieses Wort in der Sprache, in der es seine Heimat hat, je tatsächlich so gebraucht? – Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück.“

II. Hauptteil

Einleitend sollen hier die an PU 412 anschließenden Bemerkungen zum „Gefühl der Unüberbrückbarkeit der Kluft zwischen Bewusstsein und Gehirnvorgang“ knapp dargestellt, und auf das von Wittgenstein kritisch beäugte philosophische Treiben bezogen werden. Daraufhin werden hauptsächlich die Paragraphen 420 – 427 im Zentrum des Interesses stehen, insofern diese einen ergiebigen Vergleich mit früheren Überzeugungen Wittgensteins erlauben. Auf diese Weise kann das logische Sprachmodell des „Tractatus“ im Rekurs auf die „Philosophischen Untersuchungen“ diskutiert werden.

II. 1) PU 412 – 420

In den Jahren 1934 bis 1936 fertigte Wittgenstein „Aufzeichnungen für Vorlesungen über `privates Erlebnis´ und `Sinnesdaten´“ an, aus denen hier zwei Zitate zur Erklärung von PU 412 herangezogen werden sollen. Das erste legt Wittgenstein in den Mund seines Antipoden, der das metaphysische Sprachmodell aus dem „Tractatus“ verficht:

„Aber vernachlässigst du hier nicht etwas – das Erlebnis oder wie du es nennen möchtest – ? Beinahe die Welt hinter den bloßen Worten?“. An dieser Stelle disputieren Wittgenstein und sein imaginärer Gegner das (philosophische) Problem des Bewusstseins, wobei im Hintergrund der von William James diagnostizierte „deep gulf“ zwischen Geist und Materie steht.[3] In PU 412 wird zu Beginn die Frage gestellt, weshalb das Gefühl einer solchen tiefen Kluft „in die Betrachtungen des gewöhnlichen Lebens nicht hineinspielt?“ – die Antwort wird vermittels eines Beispiels eher angedeutet als gegeben. Wittgenstein unterstellt bereits innerhalb der zitierten Aufzeichnungen, dass wir beim Philosophieren „den Commonsense-Gebrauch und den metaphysischen Gebrauch (ständig) miteinander verwechseln und (um-)modeln“.[4] Hieraus resultiere die „Idee einer Artverschiedenheit“ und folglich ein Gefühl von Schwindel oder Paradoxie. Unter alltäglichen Umständen, die Wittgenstein hier mithilfe eines ganz und gar nicht alltäglichen Experiments simuliert, könnten wir unsere Aufmerksamkeit auf unser Bewusstsein richten und dabei erstaunt ausrufen: „DIES soll() durch einen Gehirnvorgang erzeugt werden!“, ohne dabei von einem Gefühl von Paradoxie beschlichen zu werden.[5] Besser nachvollziehbar und treffender veranschaulicht wird der Sachverhalt durch den Beispielsatz in PU 421: „Er litt große Qualen und warf sich unruhig umher“. Diesbezüglich sind verschiedene Situationen vorstellbar, die der Äußerung einen alles andere als paradox erscheinenden Rahmen geben würden: So könnte etwa eine Nachtschwester dem am Morgen auf die Station kommenden Arzt einen Bericht über den Schlaf eines Kranken erstatten. Unter den Gegebenheiten eines philosophischen Diskurses könnte der Satz hingegen auf zwei unterschiedlichen Ebenen analysiert werden: auf einer greifbaren („Er warf sich unruhig umher...“) und einer ungreifbaren („Er bzw. seine Seele litt große Qualen).[6] Ein kartesisch denkender Philosoph würde vielleicht in dem von Wittgenstein anvisierten Sinn argumentieren, „dass wir in einem Bericht Körper- und Bewusstseinszustände kunterbunt durcheinander mischen“ (PU 421), und den Satzinhalt zwei verschiedenen Seinsordnungen (res extensa und res cogitans) zuschreiben. Hacker präsentiert eine derartige Argumentation und konstatiert:

„If one is captivated by the picture of two `worlds´, the world of physical things (…) and the world of consciousness (…), then the nature of consciousness (…) is bound to seem mysterious. For these worlds seem to be constituted of different materials, made of different kinds of substance. The physical world, as Descartes argued, is made of material substance, and the mental world `is liable to be imagined as gaseous, or rather, aethereal´ (Blue Book 47)”.[7]

[...]


[1] Wittgenstein, Ludwig – Philosophische Untersuchungen (Werkausgabe Bd. 1), Frankfurt am Main 1999. Im Folgenden abgekürzt: PU.

[2] Wittgenstein, Ludwig – Tractatus logico-philosophicus (Werkausgabe Bd. 1), Frankfurt am Main 1999. Im Folgenden abgekürzt: TLP.

[3] Wittgenstein, Ludwig – Aufzeichnungen für Vorlesungen über „privates Erlebnis“ und „Sinnesdaten“, in: Schulte, Joachim (Hg.) – Wittgenstein. Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften, Frankfurt am Main 1999, S. 72. Vgl. auch James, William – The Principles of Psychology (I), New York 1950, S. 134 – 136.

[4] Ebd., S. 100.

[5] Wittgenstein ist der Meinung, dass der Beispielsatz nur im philosophischen Kontext schwindelerregende Gefühle hervorruft. Im Rahmen eines Experiments, „dessen Zweck es war zu zeigen, der Beleuchtungseffekt, den ich sehe, werde durch die Erregung einer bestimmten Gehirnpartie erzeugt“ (PU 412), würde der erstaunte Ausruf einen konkreten Bezug haben, und deshalb nicht als paradox erscheinen. Indem Wittgenstein den Vorgang, „Ich richte jetzt meine Aufmerksamkeit auf mein Bewusstsein“, in die Nähe klassischer Paradoxa rückt (wie z.B. die Aussage des Kreters „Alle Kreter lügen“ oder auch Äußerungen von der Art „Ich lüge jetzt“), unterstreicht er nochmals dessen Irrelevanz für die Alltagssprache. Da sowohl wir als auch der in PU 419 scherzhaft eingeführte Häuptling zweifelsohne Bewusstsein haben, muss dies nicht noch hinterfragt werden. Vgl. Wittgenstein, Ludwig – Zettel (Werkausgabe Band 8), Frankfurt am Main 2002, S. 366 (Z 402): „`Nichts ist so gewiss, wie, dass mir Bewusstsein eignet.´ Warum soll ich es dann nicht auf sich beruhen lassen? Diese Gewissheit ist wie eine große Kraft, deren Angriffspunkt sich nicht bewegt; die also keine Arbeit leistet.“

[6] Bei der von Hacker vorgenommenen Aufspaltung des Satzes in zwei unterschiedliche ontologische Ebenen ist es wichtig, zu ergänzen: „... seine Seele litt große Qualen“, weil andernfalls erneut der Körper gemeint sein könnte. Von Savigny betrachtet auch Wittgensteins zweiten Beispielsatz, „Diese 3 Stützen geben dem Bau Festigkeit“ (PU 421), als an der Ursache des paradoxen Eindrucks vorbeigehend, weil der Satz eben nicht auf zwei verschiedene Beschreibungsebenen rekurriere, denn: „die Ursache der Paradoxie, nämlich die Vermischung zweier (...) in geheimnisvoller Wechselwirkung stehender Welten, lieg(t) ja hier nicht vor“. (Savigny, Eike von – Wittgensteins „Philosophische Untersuchungen“. Ein Kommentar für Leser (Bd. 2), Frankfurt am Main 2004, S. 118.)

[7] Hacker, P.M.S. – Wittgenstein. Meaning and Mind. Volume 3 of an Analytical Commentary on the Philosophical Investigations, Oxford und Cambridge 1990, S. 520.

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Details

Titel
Wittgenstein über das Bewusstsein (PU 412 – 427)
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V73586
ISBN (eBook)
9783638636124
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wittgenstein, Bewusstsein
Arbeit zitieren
M.A. Jens-Philipp Gründler (Autor), 2007, Wittgenstein über das Bewusstsein (PU 412 – 427), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73586

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