Angewandte Analyse französischer Gedichte aus dem 19. Jahrhundert

Baudelaire, Rimbaud - Lyrik der Symbolisten


Seminararbeit, 2007
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Prinzipien der Gedichtanalyse
1.1 Äußere Form
1.2 Assoziationen
1.3 Inhalt des Gedichtes
1.4 Einbettung in den Gesamtkontext

2 A une Passante, Charles Baudelaire 1861

3 Le Dormeur du Val, Arthur Rimbaud 1891

4 Bibliographie

5 Anhang
5.1 A une Passante in der Originalfassung von 1861
5.2 Die deutsche Übersetzung von Walter Benjamin
5.3 Le Dormeur du Val in der Originalfassung von 1891
5.4 Die deutsche Übersetzung von Stephane George

1 Prinzipien der Gedichtanalyse

1.1 Äußere Form

Zu Beginn sollte die äußere Form des Gedichtes analysiert werden. Hierzu gehören die Anzahl der Strophen und Verse, das vorliegende Reimschema und die Anzahl der Silben pro Zeile. Die Silbenzählung ist eine Besonderheit der französischen Metrik. Im Deutschen werden lediglich die Betonungen beachtet (vgl. Klinkert 2004: 192). Anhand der Strophengliederung und der Versanzahlen können oft spezifische Formen eines Gedichtes erkannt werden, beispielsweise die eines Sonetts, welche aus zwei vierzeiligen und zwei dreizeiligen Strophen besteht. Des Weiteren werden Auffälligkeiten der Interpunktion untersucht.

1.2 Assoziationen

Im Anschluss an die Betrachtung der äußeren Form eines Gedichtes, sollten Assoziationen in Bezug auf den Titel beleuchtet werden. Welche Erwartungen evoziert der Titel bei dem Leser? Ergibt sich insgesamt eine positive, oder eine negative Grundhaltung gegenüber dem Gedicht? Diese Überlegungen dienen dazu, im Nachhinein zu überprüfen, inwiefern die spontanen Assoziationen nach der analysierenden Lektüre des Gedichtes bestätigt werden.

1.3 Inhalt des Gedichtes

Im Hauptteil der Analyse wird nun der Inhalt des Gedichtes untersucht, sowie auf die Verbindung zwischen diesem und den formalen Grundlagen eingegangen. Vers für Vers werden die verwendeten Stilmittel, lautliche Auffälligkeiten und semantische Wortfelder erschlossen, um schließlich deren Funktion zu bestimmen.

1.4 Einbettung in den Gesamtkontext

Zum Schluss muss überprüft werden, ob die zu Anfang definierten Erwartungen durch die Interpretation des Gedichtes bestätigt werden, oder ob gegenteilige Erkenntnisse zu einer Umdeutung führen. Der Sinn des Gedichtes, bzw. die Aussageabsicht des Autors wird abschließend, unter Bezugnahme der Biographie des Autors, sowie der historischen Gegebenheiten der Entstehungsepoche, im Gesamtkontext gedeutet.

2 A une Passante, Charles Baudelaire 1861

Das Gedicht A une Passante von Charles Baudelaire erschien 1861 im zweiten Band der Fleurs du Mal, den Tableaux Parisiens. Mit der lyrischen Verarbeitung seiner Impressionen des sich zunehmend urbanisierenden Umfeldes in Frankreich und den damit verbundenen Auswirkungen auf das Individuum behandelte Baudelaire Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals die Thematik der Stadt in Gedichten, ein Bruch zu den Werken der Romantiker, die sich lyrisch wie thematisch vor allem mit der Natur auseinandergesetzt hatten (vgl. http://poetes.com/baud/Tableaux0.htm).

Bestehend aus zwei vierzeiligen Quartetten und zwei dreizeiligen Terzetten zeigt sich, dass das Gedicht in der für die Epoche klassischen Sonett-Form verfasst wurde. Um das Versmaß zu bestimmen, werden in der Französischen Lyrik die Silben pro Vers gezählt. Bei der Silbenzählung ist zu beachten, dass ein e muet - also ein eigentlich unbetontes e am Ende eines Wortes - mitgezählt wird, wenn es zwischen zwei Konsonanten steht. Enthält jedoch die „letzte Silbe ein e muet (auch genannt: e instable), so fällt die Betonung auf die vorletzte Silbe“ (Klinkert 2004: 193, Hervorhebungen durch den Verfasser). Die Verse des vorliegenden Gedichtes bestehen aus je 12 Silben, es handelt sich also um den sog. Alexandriner, das typische Versmaß für Sonette. Die Reimform des Gedichtes ist nicht die eines ‚sonnet régulier’[1]. Es findet sich in den beiden Vierzeilern zwar ein umarmender Reim, allerdings folgt der Reimordnung abba-abba nicht direkt ein Reimpaar und anschließend ein Kreuzreim, sondern zuerst ein Kreuzreim und am Ende des Gedichtes schließlich das Reimpaar. Insgesamt ergibt sich die Struktur abba-abba-cdc-dee.

Die Reimfülle der einzelnen Reime ist nahezu einheitlich gehalten. Es überwiegen die rimes riches, das heißt die Reime, in denen sowohl die Tonvokale, als auch die vorausgehenden Konsonanten gleich klingen. Beispiele hierfür sind: hurlait – ourlet, majestueuse – fastueuse, beauté – éternité, vais – savais. Lediglich der sich über die letzten zwei Strophen erstreckende Reim von „renaître“ (V.10) und „peut-être“ (V.12) stellt einen rime suffisant dar, da hier der gleich klingende Tonvokal dem sich reimendem Konsonanten vorausgeht (vgl. Text, französische Metrik: 4). Diese Formcharakteristika des Gedichtes werden im Folgenden veranschaulicht:

La rue assourdissante autour de moi hur lait . (12) a

Longue, mince, en grand deuil, douleur maje s tueuse , (12) b

Une femme passa d’une main fa s tueuse (12) b

Soulevant, balançant le feston et l’our let ; (12) a

Agile et noble, avec sa jambe de sta tue . (12) a

Moi, je buvais, crispé comme un extrava gant , (12) b

Dans son œil, ciel livide où germe l’oura gan , (12) b

La douceur qui fascine et le plaisir qui tue . (12) a

Un éclair…puis la nuit! – Fugitive beau té (12) c

Dont le regard m’a fait soudainement ren aître , (12) d

Ne te verrai – je plus que dans l’éterni té ? (12) c

Ailleurs, bien loin d’ici! trop tard! jamais peut- être ! (12) d

Car j’ignore où tu fuis, tu ne sais où je vais , (12) e

O toi que j’eusse aimée, ô toi qui le sa vais ! (12) e

Bei der Interpunktion fällt auf, dass in den ersten beiden Strophen viele Enjambements zu finden sind, ein Indiz hierfür stellen die Kommas am Ende der Verszeilen dar. Ein Fragezeichen in der letzten Verszeile des ersten Terzettes, sowie die zahlreichen Ausrufezeichen im letzten Terzett weisen optisch darauf hin, dass sich die beiden letzten Strophen von den ersten formal abheben.

Nach der ausführlichen Analyse der formalen Gegebenheiten wird der Titel des Gedichtes näher beleuchtet. Die Formel A une Passante wirkt wie eine Widmung. Widmungen implizieren automatisch, dass der Widmende den Empfänger kennt, oder zumindest für gewisse Qualitäten schätzt. Baudelaire adressiert sich im Titel aber ausdrücklich an eine Vorübergehende, das heißt an eine Person, deren Name ihm offensichtlich nicht bekannt ist und die er nur flüchtig getroffen haben kann. Die Ambivalenz des Titels wirft beim Leser Fragen auf und weckt zugleich Neugier. Die Funktion besteht also darin, die Aufmerksamkeit des Rezipienten durch eine widersprüchliche Formulierung von dem Zeichenkörper auf den Zeicheninhalt zurückzuführen. Dieser Prozess der Deautomatisierung spielt im gesamten Gedicht eine wichtige Rolle.

In der ersten Strophe beschreibt das lyrische Ich, gekennzeichnet durch das Personalpronomen „moi“ (V.1), die Beobachtung einer auf der Straße vorübergehenden Frau. Die erste Verszeile situiert den Leser in den Kontext, das heißt den Ort des Geschehens: Die Straße. Die Personifikation der Straße („la rue […] hurlait“ (V.1)) und das pejorative Adjektiv „assourdissante“ (V.1) (,betäubend’), welches sich ebenfalls auf die Straße bezieht, tragen dazu bei, dass die Umgebung als unangenehm empfunden wird. Anschließend wird in der Strophe ausschließlich auf die bereits erwähnte Frau eingegangen. Das Umfeld spielt fortan keine Rolle mehr. Die Sprache wird blumiger, fast träumerisch. Unterstützt wird diese Feststellung durch diverse Stilmittel, welche zur Beschreibung der Frau dienen. Sowohl Hyperbeln („douleur majestueuse“ (V.2) (,hoheitsvoller Schmerz’) , „main fastueuse“ (V.3) (,prunkvolle Hand’)), als auch die Klimax in der zweiten Verszeile („Longue, mince, en grand deuil“ (V.2)) erzeugen beim Rezipienten Aufmerksamkeit und verdeutlichen die positive Darstellungsweise der Vorübergehenden. Die Assonanz des nasalen Lautes [ ã ] in der letzten Verszeile ist in der phonetisch transkribierten Schreibweise der Wörter klar identifizierbar, betrachtet man die Hervorhebungen der Phoneme: [suləv ã, bαl ã s ã, lə fεstõ et l’urlε]. Diese lautliche Auffälligkeit unterstreicht ebenfalls den Aspekt der evozierten Melancholie, da die Frau zwar würdevoll, aber dennoch trauernd („en grand deuil“ (V.2) (,in tiefer Trauer’)) erscheint.

[...]


[1] Bei ihm [dem ,sonnet régulier’] haben die beiden Vierzeiler einen umarmenden Reim, die beiden Dreizeiler zuerst ein Reimpaar, dem dann ein Kreuzreim in den letzten vier Zeilen folgt. Insgesamt ergibt sich also folgende Reimanordnung: abba/abba – ccd/ede (Grimm et al. 1984: S. 102).

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Angewandte Analyse französischer Gedichte aus dem 19. Jahrhundert
Untertitel
Baudelaire, Rimbaud - Lyrik der Symbolisten
Hochschule
Universität Mannheim  (Lehrstuhl Romanistik III)
Veranstaltung
Einführung in die Literatur- und Medienwissenschaften
Note
1,0
Autoren
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V74891
ISBN (eBook)
9783638731171
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Angewandte, Analyse, Gedichte, Jahrhundert, Einführung, Literatur-, Medienwissenschaften
Arbeit zitieren
Katharina Kaiser (Autor)Anna Katharina Braune (Autor), 2007, Angewandte Analyse französischer Gedichte aus dem 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74891

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Angewandte Analyse französischer Gedichte aus dem 19. Jahrhundert


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden