Multiperspektivität und historisches Urteil, Feindbilder-Stereotypen-Vorurteile


Studienarbeit, 2007
36 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

Vorbemerkungen

I. Multiperspektivität und historisches Urteil

II. Feindbilder-Stereotypen-Vorurteile

III. Lehrbuchvergleich

IV. Lehrplananalyse

V. Literatur
I. Multiperspektivität und historisches Urteil
II. Feindbilder-Stereotypen-Vorurteile
III. Lehrbuchvergleich
IV. Lehrplananalyse

„Geschichte ist Vielfalt und zugleich auch die Erzählung von der Geschichte der Vielfalt.“[1]

Vorbemerkungen

Die Arbeit beschäftigt sich mit zwei grundlegenden Elementen, die der Geschichtsunterricht stets berücksichtigen sollte. Einerseits ist der Zugang zu historischen Sachverhalten nur über das Prinzip der Multiperspektivität denkbar, um überhaupt ein historisches, ja notwendigerweise wertendes Urteil fällen zu können. Andererseits spielen Vorurteile in der Geschichte, die sich durch Stereotypisierungen oft zu Feindbildern steigerten, eine herausragende Rolle und müssen deshalb auch im problemorientierten Unterricht Thema sein. Die an Feindbildern durchexerzierte Multiperspektivität eröffnet mit Hilfe eines pluralen und kontroversen Unterrichtes das Verständnis für die maßgeblichen Sinnzusammenhänge in Bezug auf geschichtliche Ereignisse, die im Versuch gipfelt, die Standortgebundenheit der jeweiligen Epoche verstehen zu lernen.

I. Multiperspektivität und historisches Urteil

Die folgende Abbildung verortet das Prinzip der Multiperspektivität in der Art, dass sie als historische Arbeitsweise verstanden werden muss, die zur Berücksichtigung vieler Sichtweisen von Menschen führt. Diese grundlegende Erfahrung steht neben der Deutung und Orientierung historischer Sachverhalte an erster Stelle, um die Erweiterung der eigenen Perspektivität im Hinblick auf die Komplexität historischer Prozesse angemessen verstehen zu können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Perspektivität ist eine Grundtatsache menschlicher Wahrnehmung. Ein jeder beispielsweise, der am Zweiten Weltkrieg als Soldat teilnahm, wird in der Nachbetrachtung die Wahrnehmung von den Schrecken des Krieges mit anderen Menschen teilen.

Allerdings in Bezug auf historische Fragen werden notwendigerweise unterschiedliche Eindrücke zusammenkommen, was die Zeitzeugenbefragung natürlich ungemein erweitert und auch spannend macht. Die Perspektivität eines jeden Subjektes in seinen Erzählungen ist spannend. In der Untersuchung nun, in der man zu einem historischen Urteil gelangen möchte, ist es notwendig, dass derjenige (ein Historiker), der sich mit verschiedenen Perspektiven einschließlich seiner eigenen konfrontiert sieht, diese seine eigene Perspektivität erweitert. Das geschieht mit fünf historischen Operationen, die die historische Methode kennzeichnen.

(I) Das Verstehen bzw. die Emphatiefähigkeit (sich in jemanden hineinversetzen, nachzufühlen) bildet den wichtigen Grundstock. (II) Dann ist es wichtig, die Wertvorstellungen in den jeweiligen Herrschaftszusammenhang einzuordnen, sowohl in Vergangenheit als auch Gegenwart. (III) Vergangenes menschliches Handeln ist stets ein Akt der Deutung, der uns aufzeigt, dass es „die Geschichte“ nicht gibt. (IV) Die eigene Perspektivität in der Beschäftigung mit historischen Prozessen zu verstehen, heißt, eine Schrittfolge von Urteilen vorzunehmen. (V) Das abschließende wertende Urteil erfolgt dann notwendigerweise in Bezug auf unsere Normen in unserer Zeit. Werten heißt in diesem Falle nicht aburteilen. Ein Historiker, der z. Bsp. die Lebensläufe von Menschen in der DDR grundsätzlich durch Negatives beeinflusst herausstreicht, urteilt ab und schwingt sich in eine Richterposition auf, die niemand einnehmen sollte. Die absolute Selbstüberschätzung wäre dann, die Normen der eigenen Zeit als Nonplusultra hinzustellen. Mancher Gesellschaftskundeunterricht neigt zu dieser Tendenz.

Die Geschichtswissenschaft ist als deutende Wissenschaft geradezu auf Kontroversität angelegt. Der Streit der Historiker zu einem historischen Sachverhalt bereichert die Multiperspektivität um eine weitere Dimension. Da fragt man sich nun, wo die Objektivität einer solchen Wissenschaft bleibt. Objektivität heißt hier das Finden einer Konsensobjektivität mehrerer Personen, die einen Sachverhalt auf der Grundlage empirischer, normativer und narrativer Triftigkeit feststellen. Diese Konsensobjektivität lässt sich auch als intersubjektive Geltung umschreiben, also als ein Ergebnis in der Untersuchung, das zwischen oder unter den verschiedenen Personen als richtig angesehen wird. Das heißt nicht, dass eine neue kontroverse Meinung diese Intersubjektivität nicht anzweifeln könnte.

Erfahrung

Multiperspektivität bezieht sich zunächst auf Quellen. Es entstehen offene Fragen, die die Neugier der Schüler wecken können. Der Sicht-Wechsel, und darüber hinaus das Erkennen der eigenen Perspektivität, wird beim Lesen zweier Quellen zu einem Sachverhalt deutlich. Das zunächst als Paradoxon und später begriffene Typische, zwei Quellen – ein historisches Ereignis, bildet den wichtigsten Grundstock in der Beschäftigung mit Geschichte überhaupt. Ziel bleibt hier das Fremdverstehen der unterschiedlichen Ansichten in den Quellen. Ein Balanceakt zwischen Fiktionalität und Realität bei der Multiperspektivität besteht, wenn es darum geht, „historisch stumme Gruppen“, über die keine Quellenzeugnisse vorliegen, zum sprechen zu bringen. Bertold Brechts Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“ zielte auf diese stummen Gruppen, die stets im Schatten der großen Männer standen. Schüler können beim Schreiben fiktiver Texte diese Gruppen „zum sprechen“ bringen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Bertolt Brecht (1898-1956)

FRAGEN EINES LESENDEN ARBEITERS

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon,
Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war,
Die Maurer? Das große Rom
Ist voll von Triumphbögen. Über wen
Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis
Brüllten doch in der Nacht, wo das Meer es verschlang,
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.
Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?
Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?

So viele Berichte,
So viele Fragen.

Deutung

Kontroversität finden wir in den schriftlichen Darstellungen von Forschern. Quellen zu zitieren bedeutet nicht, dass die historische Wahrheit wiedergegeben wird. Historiker deuten einen Sachverhalt unterschiedlich und das meist in der Form, dass sie durch ihre eigene Zeitgeschichte geprägt sind. Dass die Wissenschaft Geschichte nur eine deutende Wissenschaft sein kann, muss für Schüler kein Problem sein.

Wenn sie erst einmal die Doppelperspektive erfahren haben (zwei Quellen zu einem Sachverhalt), werden sie die Komplexität begreifen und keine einfachen Antworten erwarten oder ohne zu hinterfragen abspeichern. Die Kontroverse um die Kriegsschuldfrage zum Ersten Weltkrieg ist eine der Schlüsselkontroversen zur Erfahrung von Geschichte als deutender Wissenschaft. Im Schulbuchvergleich können und müssen Schüler die Ungleichheiten der Autoren unterscheiden lernen, um deren Standortgebundenheit zu erkennen. Damit ist der Nährboden für Geschichte gelegt, einer Geschichte, die hinterfragt und kritisch beurteilt werden muss.

Orientierung

In der Pluralität des Unterrichtes treffen sich nun aufgrund der erfahrenen Multiperspektivität und der deutenden Kontroversität mündliche und schriftliche Äußerungen, die nun eine abschließende Beurteilung durch die Schüler erfahren. Damit ist der wichtige Schritt zur Selbstreflexion und Perspektivenerweiterung getan. Das Suchen nach der eigenen Sichtweise in Konfrontation mit anderen Sichtweisen hat begonnen. Hier zu einem wertenden Urteil zu kommen, ist die Herausforderung des Unterrichtes schlechthin. Im Diskurs, im lebendigen Gespräch, erfolgen die Erweiterungen der eigenen Perspektivität mittels Fremdverstehen und der zur Kenntnisnahme anderer Meinungen. Wenn am Ende der Stunde der Schüler in der Dilemmasituation ist, keine Antwort aufgrund der Komplexität der Meinungen abzugeben, ist trotzdem viel erreicht.

[...]


[1] Bergmann, Klaus: Multiperspektivität. Geschichte selber denken, herausgeg. von Klaus Bergmann, Ulrich Mayer, Hans-Jürgen Pandel, Gerhard Schneider, Wochenschau-Verlag, Schwalbach/Ts., 2000, S. 34.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Multiperspektivität und historisches Urteil, Feindbilder-Stereotypen-Vorurteile
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Verschriftlichung der mündlichen Staatsexamensprüfung
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
36
Katalognummer
V74922
ISBN (eBook)
9783638741675
ISBN (Buch)
9783638742382
Dateigröße
1807 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beschäftigt sich mit zwei grundlegenden Elementen, die der Geschichtsunterricht stets berücksichtigen sollte. Ei-nerseits ist der Zugang zu historischen Sachverhalten nur über das Prinzip der Multiperspektivität denkbar, um überhaupt ein historisches, ja notwendigerweise wertendes Urteil fällen zu können. Andererseits spielen Vorurteile in der Geschichte, die sich durch Stereotypisierungen oft zu Feindbildern steigerten, eine herausragende Rolle und müssen deshalb auch im problem-orientierten Unterricht Thema sein. Die an Feindbildern durch-exerzierte Multiperspektivität eröffnet mit Hilfe eines plura-len und kontroversen Unterrichtes das Verständnis für die maß-geblichen Sinnzusammenhänge in Bezug auf geschichtliche Ereig-nisse, die im Versuch gipfelt, die Standortgebundenheit der jeweiligen Epoche verstehen zu lernen.
Schlagworte
Multiperspektivität, Urteil, Feindbilder-Stereotypen-Vorurteile, Verschriftlichung, Staatsexamensprüfung
Arbeit zitieren
Daniel Fischer (Autor), 2007, Multiperspektivität und historisches Urteil, Feindbilder-Stereotypen-Vorurteile, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74922

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