Eine Buchrezension zu Emmanuel Todd: Après l’Empire


Rezension / Literaturbericht, 2004
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kontext

3. Inhalt
3.1. Zielsetzung
3.2. zentrale Thesen
3.3. Methodik und Stil
3.4. Einordnung in die Theorien der Internationalen Beziehungen

4. Kritik
4.1. Theoretische Grundannahmen
4.2. Schlüssigkeit und Überzeugungskraft der Argumentation
4.3. Die Entwicklung Russlands

5. Zusammenfassung: Anspruch und Wirklichkeit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg 2003 wurde in der deutschen Öffentlichkeit verstärkt über die deutsch-amerikanischen Beziehungen und die Rolle der Vereinigten Staaten in der Welt diskutiert. Zahlreiche Bücher zum Thema prägten die Bestseller-Listen. Doch diese Diskussion beschränkt sich nicht auf Deutschland. Auch in anderen Ländern, etwa in den USA selbst oder in Frankreich, wird kontrovers über die – möglicherweise neue – Rolle der USA in einer Welt diskutiert, die sich nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und den Anschlägen vom 11.September 2001 verändert hat.

Im Proseminar, zu dem diese Arbeit geschrieben wurde, wurde untersucht, worin sich die deutschen und französischen Analysen ähneln und wie sie sich unterscheiden. Dabei trat eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Ansätze zutage. Bei allen Unterschieden ging dennoch die große Mehrheit davon aus, dass wir es bei den USA mit der einzig verbliebenen Supermacht, ja vielleicht gar mit einer „hyperpuissance“ (H. Védrine) zu tun haben.

Diese Ansicht teilt Emmanuel Todd nicht, wie er in seinem Buch „Après l’Empire“ beschreibt. Mit seinen provokanten Thesen hat er die französische Debatte um die Zukunft der transatlantischen Beziehungen beeinflusst und auch weltweit Aufsehen erregt. In der vorliegenden Arbeit soll dieses Buch besprochen werden. Ziel ist dabei, die Tragfähigkeit von Todds Thesen zu überprüfen und zu klären, ob das Buch seinen selbst gesetzten Ansprüchen gerecht wird. Dazu werde ich das Buch und den Autor kurz in ihren Kontext einordnen und herausarbeiten, welchen Anspruch das Werk verfolgt. Danach folgt eine Darstellung der wichtigsten Thesen und der verwendeten Methoden. Darauf aufbauend werde ich versuchen, den Autor innerhalb der großen Theorieansätze der Internationalen Beziehungen zu verorten, um schließlich seine Thesen einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Neben einigen grundsätzlichen Anmerkungen beschränke ich mich dabei exemplarisch auf seine Thesen zur zukünftigen Rolle Russlands. Am Schluss der Arbeit werde ich beurteilen, ob das Buch seinen Ansprüchen gerecht wird und wie es die Debatte um die transatlantischen Beziehungen beeinflussen könnte.

Zitate aus Todds Buch sind direkt im Text mit Seitenzahlen in Klammern angegeben, weitere verwendete Literatur durch Fußnoten kenntlich gemacht.

2. Kontext

Emmanuel Todd wurde 1951 in Paris geboren und hat u. a. am Institut d'Études Politiques in Paris sowie in Cambridge Geschichte und Anthropologie studiert. Er lebt und arbeitet in Paris als Demograph und Anthropologe. Politisch ist Todd schwer zu verorten, er hat als Wahlkampfhelfer sowohl den gaullistischen Staatsprädidenten Jaques Chirac als auch die Kommunisten unterstützt[1]. Todd ist in Frankreich recht bekannt, im Proseminar wurde er als typisch „schillernder französischer Intelektueller“ beschrieben. Besondere Bekanntheit auch über Frankreich hinaus erlangte er durch sein Werk „La chute finale“, in dem er 1976 den Untergang der Sowjetunion prognostizierte. Diese frühzeitige zutreffende Prognose erklärt auch den Erfolg seines hier besprochen Buches, das wiederum den Untergang einer Supermacht voraussagt.

„Après l’Empire“ ist 2002 erschienen, also noch vor Beginn des Irak-Krieges 2003. Allerdings zeichnete sich zum Zeitpunkt des Erscheinens bereits der Konflikt darüber zwischen (einigen) Europäern und Amerikanern ab. Die Frage einer künftigen Weltordnung und der Rolle der USA wurde und wird weltweit diskutiert. Todds Buch ist als Beitrag zu dieser Debatte zu sehen, die hier nur anhand einiger ausgewählter Autoren kurz angerissen werden kann[2]:

Autoren, die der realistischen Schule zuzuordnen sind, beurteilen die Stellung der USA im internationalen System unterschiedlich: Waltz und Mearsheimer gehen etwa davon aus, dass langfristig eine Gegenmachtbildung zu den USA zu erwarten sei, während etwa Link darauf hinweist, dass es den USA gelingen kann, ein solches „Balancing“ zu vermeiden, wenn sie ihre Verbündeten einbinden und Staaten, die zur Kooperation nicht bereit sind, konsequent bekämpfen. Herfried Münkler wiederum hält die Kategorie „imperialer Macht“ für den geeigneten Analyseansatz für die Stellung der USA im internationalen System. Nye, ein liberaler Institutionalist, hält den Begriff „imperialistisch“ hingegen für irreführend und betont die Bedeutung von „soft power“, wollen die USA ihre relativ große Macht erhalten. Ikenberry wiederum unterscheidet zwischen Hegemonie, die den Konsens der „Beherrschten“ erfordere, und imperialistischer Macht, die auf diesen Konsens verzichtet. Die derzeitige Position der USA sei eine hegemoniale, die jedoch verstärkt imperialistische Züge trage. Die Marxisten Panitch und Gindin wiederum sind der Meinung, die USA übten informelle imperialistische Herrschaft aus, die der formellen imperialistischen Herrschaft des 19. Jahrhunderts zwar nicht gleichzusetzen sei, jedoch gewisse Ähnlichkeiten aufweise.

Im Proseminar wurden die großen Linien der europäischen Debatte um die Zukunft der transatlantischen Beziehungen herausgearbeitet, die immer auch eine Debatte um die Stellung der USA ist: Hier finden sich einerseits realistische Ansätze, die entweder Gegenmachtbildung im Sinne einer Europe-Puissance (so etwa Link oder eingeschränkt auch Védrine) oder aber stärkere Anbindung an die USA, um von ihrer Macht zu profitieren (Baring u.a.) fordern. Andererseits gibt es liberal-institutionalistische Ansätze, die auf die Stärkung des Multilateralismus setzen, bei einigen Autoren, etwa bei Risse, auch mit starken konstruktivistischen Einflüssen.

Todds Buch ist in diesem Kontext zu lesen. Inwieweit es sich auch in dem soeben kurz dargestellten Schema einordnen lässt, soll in Kapitel 3.4 geklärt werden.

3. Inhalt

3.1. Zielsetzung

Todd erläutert auf den Seiten 31-33 die Zielsetzung seines Werkes. Er möchte ein Modell entwickeln, dass den derzeitigen Zustand der Welt und einige empirische Befunde – steigende ökonomische Abhängigkeit der USA, Demokratisierung in vielen Teilen der Welt usw. – erklären kann. Dieses Modell soll auch ermöglichen, vorherzusagen, wie sich die Welt weiterentwickeln wird. Dieser Anspruch ist sehr weit reichend und wird auch an anderen Stellen immer wieder vertreten, etwa wenn Todd ausführt, wie sich Revolutionen und Krisen der vergangenen Jahrhunderte und der Gegenwart, aber etwa auch Chinas Entwicklung (S. 68), allesamt aus demographischen Faktoren erklären lassen.

Als weiteres Ziel gibt Todd an, aus diesem erklärenden Modell strategische Schlussfolgerungen ziehen zu wollen sowie Empfehlungen zu geben, um „gérer au mieux pour tous le déclin de l’Amérique“ (S.33)

3.2. zentrale Thesen

Todd führt aus, wie sich seit Ende des Ost-West-Konflikts und insbesondere seit 1995 sich das Verhältnis der USA zur Welt gewandelt habe. Die USA seien von guten zum bösen Hegemon geworden und verfolgten ein imperiales Konzept, dass jedoch zum Scheitern verurteilt sei.

Der Hauptgrund für diesen Wandel sei ökonomischer Natur: Durch sinkende Leitungen ihrer Industrie und internationalen Freihandel, der zu verstärktem Konkurrenzdruck führe, hätten die USA ein großes Handelsbilanzdefizit. In den Vereinigten Staaten werde also das konsumiert, was anderswo auf der Welt produziert wurde. Zur Finanzierung dieses Konsums seien die USA auf permanenten Geldzustrom aus anderen Ländern angewiesen. Daraus folgt eine amerikanische Abhängigkeit von Rest der Welt, während die Welt wiederum immer weniger auf die USA angewiesen sei, da sie sich demographisch und somit politisch stabilisiere.

Todd ist davon überzeugt, dass sich Demokratisierung aus der demographischen Entwicklung und der Alphabetisierung erklären lasse, ökonomistische Erklärungsansätze lehnt er hier ab. (S. 27). Im Gegenteil sei es so, dass Bildung auch wirtschaftliche Entwicklung erkläre.

Viele Gesellschaften befänden sich in einer Transitionsphase, in der die Alphabetisierungsrate steige und die Geburtenrate sinke. Dabei komme es, u.a. durch Entwurzelung und Auflösung althergebrachter Bindungen, zu politischen Unruhen, Revolutionen und Krisen. Durch demographische Transitionskrisen lasse sich Europas blutige Geschichte im 17. Jahrhundert genau so erklären, wie die Konflikte auf dem Balkan und eine Vielzahl der Konflikte in muslimisch geprägten Ländern. Diese Krisen seien jedoch temporär und würden letztlich auf eine Stabilisierung hinauslaufen.

[...]


[1] Biographische Daten nach ARGIRAKOS, DIMITROS: DIAS Review – Die Buchrezension. Emmanuel Todd: Weltmacht USA – ein Nachruf, hrsg. vom Düsseldorfer Institut für Außen- und Sicherheitspolitik, Düsseldorf 2003, in: http://www.dias-online.org/review_weltmachtusa.shtml, Download 10.02.05Argirakos 2003

[2] Der folgende Absatz nach Krell, Gert: Weltbilder und Weltordnung, 3. erw. Aufl., Wiesbaden 2004, S. 292-299

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Eine Buchrezension zu Emmanuel Todd: Après l’Empire
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar "Transatlantische Beziehungen in deutscher und französischer Perspektive"
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V75932
ISBN (eBook)
9783638770590
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eine, Buchrezension, Emmanuel, Todd, Après, Proseminar, Transatlantische, Beziehungen, Perspektive
Arbeit zitieren
Lutz Weischer (Autor), 2004, Eine Buchrezension zu Emmanuel Todd: Après l’Empire, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75932

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