Zur medienbedingten Deformation von Beratungsgesprächen am Beispiel der Phone-In-Sendung 'Domian'


Seminararbeit, 2004

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorüberlegungen
2.1 Selektion als erste Deformation
2.2 Zur Struktur der Phone-In Beratungen

3. Zur Kommunikation in Phone-In Kurzberatungen

4. Strukturelle Aspekte der Analyse
4.1 Die Eröffnungsphase
4.2 Der Gesprächsschluss

5. Punktuelle Aspekte der Analyse
5.1 Zeit
5.2 Intimität in der Öffentlichkeit
5.3 Die Doppelrolle des Moderators
5.4 Formen der Publikumsadressierung / Mehrfachadressierung

6. Abschließende Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den letzten Jahren haben Phone-In Sendungen wie ‚Domian’ eine besondere Präsenz im Radio erreicht; Schätzungen gehen von 40.000 bis 60.000 Anrufen pro Abend bei ‚Domian’ aus.[1] Obwohl Jürgen Domian kein ausgebildeter Sozialarbeiter oder Psychologe ist, finden im Rahmen der Sendung regelmäßig entsprechende Gespräche statt; dabei bleiben den Anrufern[2] von der Begrüßung, über Problemschilderung bis hin zur Raterteilung Domians nur wenige Minuten Zeit.

Die vorliegende Arbeit möchte sich im Hinblick darauf mit den Konsequenzen der medialen Öffentlichkeit beschäftigen; ausgehend von grundlegenden Überlegungen zu medialbedingten Deformationen der Gespräche sowohl in struktureller als auch in aspektbezogener Hinsicht sollen diese Probleme anhand von Transkripten erläutert werden. Den Abschluss bildet eine Zusammenfassung der Problematik unter Berücksichtigung der erarbeiteten Aspekte.

2. Vorüberlegungen

2.1 Selektion als erste Deformation

Da Radio-Phone-Ins von der Öffentlichkeit im großen Umfang aufgenommen werden, spielt als ein erster Faktor zur Deformation eine gewisse Sensationsgier des Publikums hinein.[3] Die Redakteure, die im Vorfeld die Anrufer auf ihre Eignung für die Sendung hin untersuchen, treffen so bereits eine erste Auswahl. So werden Personen, die von Mobiltelefonen aus anrufen, die zu aufgelöst sind oder unter Drogeneinfluss stehen, sofort aussortiert.[4] Ebenso werden bewusst medienwirksame Themen wie Sex, Homosexualität und Beziehungskonflikte ausgewählt. Da die Rezipienten der Sendung als aufgeklärt in dem Sinne gelten, dass sie einer eingespielten Inszenierung als bald müde werden, benötigt die Sendung ständig wechselnde, neue Sensationen in den Gesprächen.[5] Somit bilden auch Rezipientenerwartungen (z.B. in Bezug auf Spontaneität, Natürlichkeit und Unterhaltungswert) in hohem Maße eine einschränkende Bedingung der Phone-Ins.[6]

2.2 Zur Struktur der Phone-In Beratungen

Gerd Schank unterscheidet bei Kurzberatungen drei verschiedene Problemtypen: das Informationsdefizit, die situationsbedingte Krise sowie schwerwiegendere Persönlichkeitsprobleme; dabei können nach Schank letztere in Kurzberatungen nicht entsprechend behandelt werden. Unter ‚Beraten’ versteht er dabei das Erstellen eines Handlungsplans, um die Situation des Ratsuchenden von einem negativen zu einem positiven Zustand zu verändern. Dabei unterscheidet er folgende Teilziele:

- Explizierung des Ratsucherproblems
- Erfassung der Lage und Person des Ratsuchenden
- Die Ratsuche selbst, d.i. das gemeinsame Entwerfen eines
- Handlungsplans
- Die Akzeptationshandlungen, mit denen die Praktikabilität des erstellten
- Handlungsplans für den Ratsuchenden überprüft wird

Schank betont, dass für eine erfolgreiche Kurzberatung diese Teilziele in der gegebenen Reihenfolge abgearbeitet werden müssen.[7] Elementar insbesondere für die zu behandelnde Thematik ist ebenso die Differenzierung von Harald Burger, der bezüglich der Struktur innere (d.h. Moderator – Ratsuchender) und äußere Gesprächskreise (d.h. Beziehung von Moderator bzw. Ratsuchenden zum Publikum) unterscheidet.[8]

3. Zur Kommunikation in Phone-In Kurzberatungen

Bedingt durch ihren öffentlichen Charakter können kommunikative Strukturen in

Kurzberatungen der Phone-Ins als unnatürlich gekennzeichnet werden, sie sind formal geprägt durch ein „Gefühl des Beobachtetwerdens“[9]. Die Kommunikationsrichtung kann mit dem Begriff der Mehrfachadressiertheit beschrieben werden; Burger unterscheidet hier den inneren Kommunikationskreis (Moderator – Anrufer) vom äußeren Kommunikationskreis (Beziehung zum Publikum).[10] Die Kurzberatungen sind geprägt durch unvorhergesehene oder spontane Ereignisse bzw. Aussagen, die wesentlich zur Spannung der Sendung beitragen.[11] Angesichts des Bewusstseins von Öffentlichkeit bei den Anrufern unterscheidet Burger drei Strategien bzw. Vorgehensweisen der Ratsuchenden: Die Protektionsstrategie, die positive Selbstdarstellung sowie die Provokationsstrategie.[12]

4. Strukturelle Aspekte der Analyse

Im Gegensatz zur Kernphase der Gespräche laufen Eröffnungs- und Endphase nach festen Kommunikationsmustern ab[13] ; im Folgenden werden diese darum auf eventuelle Besonderheiten in Folge ihres medienspezifischen Charakters untersucht.

4.1 Die Eröffnungsphase

Ausgehend von den vorliegenden sechs Transkripten bildet bereits die optisch auffällige Kürze der Eröffnungsphasen die erste Auffälligkeit. Dabei begrüßt Domian jeweils kurz den Anrufer, allerdings enthält diese Begrüßung auch eine Mehrfachadressierung in dem Sinne, dass Domian implizit auch das mithörende Publikum über die anrufende Person informiert; dabei beschränkt sich diese Information jedoch meistens auf Name und Alter des Anrufers.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der o.g. Fall bildet jedoch insofern eine Besonderheit, als dass die Anruferin diese Mehrfachadressierung Domians aufnimmt und entsprechend antwortet; das Lachen und die Aussage, sie sei froh, durchgekommen zu sein, deuten darauf hin, dass sie sich ebenfalls des Radio-Publikums bzw. des öffentlichen Charakters der Sendung bewusst ist und sich in gewissem Maße auch als Teil des Publikums versteht.

[...]


[1] vgl. Zbikowski, Wolfgang: Domian, Köln 2001, S. 47.

[2] Aus Gründen der Lesbarkeit wird auch im Folgenden lediglich das maskuline grammatische Genus zur Personenbezeichnung benutzt.

[3] vgl. Internetquelle 1: Cerovina, Emina: Radio-Phone-Ins: Zwischen Beratung und Medieninszenierung, http://noam.uni-muenster.de/SASI/Cerovina_SASI.pdf

[4] Huth, Iris: Domian- das Eins-Live Talk-Radio. Eine qualitative Untersuchung zu Motiven und Rezeptionsverhalten von Studierenden. Hausarbeit zu Erlangung des Magistergrades, Universität Münster, 1998, S.27.

[5] vgl. Burger Harald: Gespräche in den Massenmedien, in: Brinker u.a. (Hg.): Text- und Gesprächslinguistik (HSK 16) Bd. 2, S. 1500.

[6] vgl. Burger, Harald: Das Gespräch in den Massenmedien, Berlin 1991, S. 72.

[7] vgl. Schank, Gerd: Untersuchungen zur Abfolge natürlicher Dialoge, München 1981, S. 180-

272.

[8] vgl. Burger, Harald: Gespräche in den Massenmedien, in: Brinker u.a. (Hg.): Text- und

Gesprächslinguistik (HSK 16) Bd. 2, S. 1493.

[9] Burger, Harald: Das Gespräch in den Massenmedien, Berlin 1991, S. 412.

[10] ebd., S. 4f.

[11] ebd., S. 414.

[12] ebd., S. 170; 192; 197f.

[13] vgl. Willmann, Thomas: Beratungsgespräche zu privaten Themen in Radio-Phone-In Sendungen, Magisterarbeit 1998, S. 36.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Zur medienbedingten Deformation von Beratungsgesprächen am Beispiel der Phone-In-Sendung 'Domian'
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Linguistik „Beratungsgespräche“
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
14
Katalognummer
V79514
ISBN (eBook)
9783638868051
ISBN (Buch)
9783638868136
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deformation, Beratungsgesprächen, Beispiel, Phone-In-Sendung, Domian, Linguistik
Arbeit zitieren
Simone Horstmann (Autor), 2004, Zur medienbedingten Deformation von Beratungsgesprächen am Beispiel der Phone-In-Sendung 'Domian', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79514

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