Oswald von Wolkensteins "es fuegt sich" und das Problem seiner biografischen Deutung


Seminararbeit, 2005
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Oswalds Leben nach den überlieferten Quellen

3. Überblick über den Forschungsstand

4. Analyse von Kl. 18 ‚es fúgt sich’ vor dem Spektrum der verschiedenen Forschungsansätze
4.1 Zur Einordnung von Kl. 18
4.2 Analyse

5. Literaturwissenschaftliche bzw. –soziologische Überlegungen zu (auto-)biografischer Dichtung

6. abschließende Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Lyrik des Spätmittelalters kommt der Figur des Oswalds von Wolkenstein im Vergleich zu den klassischen Minnesängern aufgrund mehrerer Tatsachen eine besondere Bedeutung zu: Bezüglich seiner Person existieren Dokumente und Urkunden, die Rückschlüsse auf seine Biografie zulassen, deren Umfang ist unverhältnismäßig größer als der für andere bekannte mittelalterliche Autoren. Ebenso erweist sich sein künstlerisches Werk als besonders ausdifferenziert, es deckt annähernd das gesamte Gattungsspektrum, so wendete er sich beispielsweise der im mittelhochdeutschen Sprachraum selteneren Gattung der Pastourelle zu.

Neben den literarischen Texten sind auch entsprechende Melodien überliefert; auch in diesem Punkt unterscheidet sich Oswald von den klassischen Minnesänger.

Ausgangspunkt für diese Arbeit bildet die Feststellung, dass sich in Oswalds Werken scheinbar oftmals eine Verarbeitung seines eigenen Lebens erkennen lässt; anhand des Liedes ‚es fúgt sich’ (Kl. 18) soll hier die Frage nach seiner möglichen biografischen Deutung erörtert werden.

Ausgehend von einer kurzen Darstellung von Oswalds Leben basierend auf den gegebenen Quellen soll in einem zweiten Teil der Arbeit ein Überblick über den Forschungsstand geleistet werden, um dann in einer zentralen Analyse das Lied Kl. 18 im Spektrum der divergierenden Forschungsansätze darzustellen.

Auf der Basis dieser Ergebnisse sollen im Anschluss einige literaturwissenschaftliche bzw. -soziologische Überlegungen zur autobiografischen Dichtung angestellt werden, um die Arbeit dann in einer rückblickenden Zusammenfassung abzuschließen.

2. Oswalds Leben nach den überlieferten Quellen

Um im Folgenden eventuelle biografische Tendenzen in Oswalds Lied ‚es fúgt sich’ beurteilen zu können, soll zuvor ein kurzer Abriss seines Lebens gegeben werden, ausgehend von den überlieferten Quellen.

Oswald von Wolkenstein wird 1377 in Tirol geboren, die Namen seiner Eltern Friedrich von Wolkenstein und Katharina von Villander, sowie die von sechs Geschwistern sind überliefert. Über die Jugend Oswalds finden sich kaum Quellen, erst nach seiner Volljährigkeit wird sein Name regelmäßig in administrativen und gerichtlichen Dokumenten erwähnt.

1407 stiftet Oswald seinem heiligen Namenspatron eine Kapelle in Brixen, sowie 1408 darin ein Relief, das ihn selbst zeigte, später jedoch eingemauert wurde und in Vergessenheit geriet, wie auch seine Lieder; hier findet sich auch ein Fresko mit einer Darstellung von Oswalds Schiffbruch auf dem Schwarzen Meer[1].

Erst 1843 wird dieses Relief freigelegt, drei Jahre später werden auch seine Lieder durch Beda Weber wiederentdeckt, der sie daraufhin publiziert[2].

Aus einigen Abbildungen ist ersichtlich, dass Oswald früh sein rechtes Auge verlor; zudem ist es wahrscheinlich, dass er bei König Ruprechts Niederlage in der Lombardei mit dabei war und an den Kriegszügen gegen die Hussiten teilnahm; zudem sind Berichte über Reisen in seiner Jugend, sowie eine Pilgerfahrt nach Palästina höchstwahrscheinlich.

Nach 14jährigem Reiseleben kehrt er 1399 in seine Heimat zurück, als sein Vater stirbt, acht Jahre später wird dessen Erbe unter den Brüdern Michael, Oswald und Leonard aufgeteilt, an Oswald geht u.a. ein Drittel der Burg Hauenstein.

Ebenso sind Berichte über Gefangenschaften Oswalds tradiert, deren künstlerische Bearbeitung sich in seinen Gefangenschaftsliedern wiederfindet.

1445 ist Oswalds Teilnahme am Landtag in Meran bezeugt, hierauf stirbt er am 2. August, und wird im Kloster Neustift in Brixen bestattet[3].

3. Überblick über den Forschungsstand

Das Lied Kl. 18 wirkt bedingt durch die Fülle von Zahlenangaben, Orten und Personen in besonderer Weise biografisch, nicht zuletzt deswegen wurde es als Oswalds „Lebensballade“[4] bekannt.

Erste Zweifel an einer durchwegs biografischen Deutung werden 1938 durch Fritz Martini geäußert[5], 1961 stellt Norbert Mayr als Erster die wörtliche Glaubwürdigkeit des Liedes in Frage[6].

Den bislang wohl bedeutendsten Schritt hin zu einer literaturwissenschaftlichen Interpretation liefert Ulrich Müller in seiner 1968 veröffentlichten Dissertation: Er geht davon aus, dass Oswalds Dichtung einiges an biografischer Realität zugrunde liege, diese jedoch durch einen doppelten Filter gehte d.h. zum einen den persönlichen Stil Oswalds, sowie die dichterische Tradition, in der er steht, und die die vorgeprägten Muster und Topoi liefert. Das Ergebnis dieser Filterung bewirke eine neue, dichterische Wahrheit; sie sei in Bezug auf die historische Realität nicht mehr in Kategorien wie richtig und falsch fassbar, sondern autonom; zwischen beiden bestehe kein Gleichheits-, sondern ein Ähnlichkeitsverhältnis; zudem bestimmt Müller die Gattung von Kl. 18 als Alterslied[7].

Diese Linie wird auch von Walter Röll fortgesetzt, wenn er auf die literarische Vorprägung des Liedes hinweist; zur Darstellung seiner ambivalenten Erfahrungen bediene sich Oswald, so Röll, zweier literarischer Schemata, der Frau-Minne-Klage sowie der Frau-Welt-Klage, letztere gebe das Muster für die Zweigesichtigkeit der Welt bei Oswald ab. Röll betont ebenfalls die Not als Leitmotiv, sieht aber Oswalds Fähigkeit, mit dieser umzugehen, im Vordergrund[8].

Dem widerspricht Hildegard Emmel in ihrem Aufsatz, sie sieht nicht die Not als Thema, sondern die Kraft des Willens[9].

Dem gegenüber kann die Arbeit von Stephen Wailes als Rückschritt verstanden werden, da er das Lied wieder biografisch versteht; er lehnt im Übrigen die Einordnung als Alterslied ab: Dieser Terminus sei in der Literatur nicht definiert, auch lasse sich dieser Typus nicht aus den sog. Altersliedern Walthers oder anderen Altersliedern der Minnetradition ableiten[10].

Neue Forschungsansätze konzentrieren sich z.B. darauf, das Lied ausgehend von der unmittelbaren Situation des Gedichtes / des Gedichtvortrags her zu verstehen, hier ist hauptsächlich die Arbeit von Alan Robertshaw zu nennen; er weist dem Lied eine Funktion der Eigenwerbung Oswalds zu, gegenüber dem realpräsenten Publikum[11].

Als weiteren wichtigen Ansatz ist die Arbeit von Martin Wierschin zu vermerken, der kritisiert, dass die neueren Interpretationen Kl. 18 unter verschiedenen Aspekten gedeutet haben, allerdings ohne das Gedicht als Ganzes zu sehen, unter dem Aspekt „der im Gedicht verwirklichten Gesetzlichkeit des ästhetischen Scheins“[12]. Wierschin fragt in seinem Aufsatz nach der übergreifenden Thematik des Liedes, dabei lehnt er z.B. Rölls Annahme der Not als Leitthema ab, vielmehr sei das Thema die „Grundeinsicht von der sich in schicksalhafter Verstrickung, in irdischem Erkenntnisdrang und in weltlicher Unvernunft manifestierenden endlichen Zeitlichkeit des Menschen“[13].Auch er lehnt die Bezeichnung Alterslied für Kl. 18 ab, und sieht darin vielmehr ein auf Vergangenheit und Zukunft gerichtetes Lied mit christlich-religiösem Charakter. Seine Interpretation nimmt einen rein dichtungsästhetischen Standpunkt ein; er sieht die biografischen Fakten als ein der Interpretation ergänzend zuzuordnendes Bezugssystem.

Einen wiederum anderen Ansatz wählt Frank Fürbeth, wenn er Kl. 18 im Zusammenhang mittelalterlicher Zahlenallegorese und Sündenlehre versteht, diese Annahmen sollen im Zusammenhang mit der Analyse von Kl. 18 genauer erläutert werden[14].

4. Analyse von Kl. 18 ‚es fúgt sich’ vor dem Spektrum der verschiedenen Forschungsansätze

4.1 Zur Einordnung von Kl. 18

Kl. 18 ist in den drei großen Wolkenstein-Handschriften überliefert, in einem bis auf den Verfasser zurückgehenden, d.h. authentischen Wortlaut; datiert wird es übereinstimmend auf Mitte bzw. Ende 1416. Zudem überliefern zwei der Handschriften, der Wiener Codex 2777 und die signaturlose Handschrift der UB Innsbruck, auch die Melodie des Liedes[15].

4.2 Analyse

Kl. 18 besteht aus sieben Strophen, die jeweils in entweder zusammenfassender oder genauer ausleuchtender Form Episoden aus dem Leben des lyrischen Ichs beschreiben.

Es fügt sich, do ich was von zehen jaren alt
ich wolt besehen, wie die werlt wer gestalt.
mit ellend, armüt mangen winkel, haiss und kalt
hab ich gebawt bei cristen, Kriechen, haiden.
Drei pfenning in dem peutel und ain stücklin brot,
das was von haim mein zerung, do ich loff in not.
von fremden freunden so hab ich manchen tropfen rot
gelassen seider, das ich wand verschaiden.
Ich loff ze füss mit swerer büss, bis das mir starb
mein vatter, zwar wol vierzen jar nie ross erwarb,
wann aines roupt, stal ich halbs zu mal mit valber varb
und des geleich schied ich da von mit laide.
Zwar renner, koch so was ich doch und marstaller,
auch an dem rüder zoch ich zu mir, das was swër,
in Kandia und anderswo, ouch widerhar,
vil mancher kittel was mein bestes klaide.[16]

[...]


[1] vgl. Jones, George F.: „Dichtung und Wahrheit“ in den Liedern Oswalds von Wolkenstein, in: Oswald von Wolkenstein, hrsg. v. Ulrich Müller, Darmstadt 1980, S. 284f.

[2] vgl. Weber, Beda (Hg.): Die Gedichte Oswalds von Wolkenstein. Mit Einleitung, Wortbuch und Varianten. Innsbruck 1847.

[3] Wie Anm. 1, S. 301ff.

[4] vgl. Hartmann, Sieglinde: Oswald von Wolkenstein - Empirie und Symbolik in seiner Lebensballade (Klein 18). In: Thomas-Morus-Jahrbuch 1984, Düsseldorf 1985, S.82-95.

[5] vgl. Martini, Fritz: Dichtung und Wirklichkeit bei Oswald von Wolkenstein, in: Euphorion 39 (1938), S. 390-410

[6] vgl. Mayr, Norbert: Die Reiselieder und reisen Oswalds von Wolkenstein, Innsbruck 1961 (Schlern-Schriften Bd 215)

[7] vgl. Müller, Ulrich: Dichtung und Wahrheit in den Liedern Oswalds von Wolkenstein. Die autobiographischen Lieder von den Reisen. Göppingen 1968 (GAG 1).

[8] vgl. Röll, Walter: Der vierzigjährige Dichter. Anlässlich des Liedes 'Es fugt sich' Oswalds von Wolkenstein. In: ZfdPh 94 (1975), S. 377-394.

[9] vgl. Emmel, Hildegard: Die Selbstdarstellung Oswalds von Wolkenstein, in: Gestaltung, Umgestaltung. Festschrift zum 75. Geburtstag von Hermann August Korff, hrsg. v. Joachim Müller, Leipzig 1957, S. 39-45.

[10] vgl. Stephen L. Wailes, Oswald von Wolkenstein and the 'Alterslied', in: The Germanic Review 50 (1975), S. 5-18.

[11] Robertshaw, Alan: Chivalry, love and self-advertisement in Oswald von Wolkenstein’s [sic] ‘es fügt sich’, in: MLR 82 (1987), S. 887-896.

[12] Wierschin, Martin W.: Oswalds von Wolkenstein ‚es fügt sich’, in: Monatshefte für deutsche Sprache 74 (1982), S. 433-450.

[13] Ebd., S. 437.

[14] vgl. Fürbeth, Frank: „wol vierzig jar leicht minner zwai“ im Zeichen der verkehrten Welt: Oswalds »Es fügt sich« (Kl. 18) im Kontext mittelalterlicher Sündenlehre, in: JbOvW 9, (1996/1997), S. 197-220.

[15] vgl. Müller, Ulrich: „Dichtung“ und „Wirklichkeit“ bei Oswald von Wolkenstein. Aufgezeigt im Vergleich mit Altersliedern von Walther von der Vogelweide und Hans Sachs, in: Litwiss. Jahrbuch NF 19 (1978), S. 136

[16] Das Lied Kl. 18 wird auch im Folgenden zitiert nach: Klein, Karl Kurt (Hg.): Die Lieder Oswalds von Wolkenstein. Unter Mitwirkung von Walter Weiß und Notburga Wolf. 3. neu bearbeitete und erweiterte Aufl. von Hans Moser / Norbert Richard Wolf/Notburga Wolf, Tübingen 1987 (ATB 55)

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Oswald von Wolkensteins "es fuegt sich" und das Problem seiner biografischen Deutung
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Lyrik des späten Mittelalters
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V79515
ISBN (eBook)
9783638868068
ISBN (Buch)
9783638868143
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Oswald, Wolkensteins, Problem, Deutung, Lyrik, Mittelalters
Arbeit zitieren
Simone Horstmann (Autor), 2005, Oswald von Wolkensteins "es fuegt sich" und das Problem seiner biografischen Deutung , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79515

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