Das Rezeptionssignal "hm"


Seminararbeit, 2002

18 Seiten, Note: 1-


Leseprobe

Inhalt

Kapitel

Einleitung

I. Wozu dient „hm“?
1. Sprecher/Hörer Interaktion mit Rezeptionssignalen
2. „hm“ als sprachliche Habitualisierung
3. „hm“ als Responsiv
4. Die phonologischen Merkmale von „hm“
5. Vier Grundformen von „hm“

II. Funktionale Unterschiede
1. Vorbemerkung
2. Bestätigung der fremden Sprecherrolle
3. Anmeldung des eigenen Anspruchs der Sprecherrolle
4. Klärungsbedarf
5. Zweifel
6. Quantitative Analyse

Schlussbemerkung

Quellenverzeichnis

Einleitung

Eine häufig benutzte, jedoch kaum wahrgenommene Eigenheit der deutschen Sprache ist der Einsatz von „hm“ als Rezeptionssignal in Gesprächen. Da „hm“ meist nur im mündlichen Sprachgebrauch verwendet wird, findet man es in fast keinem Wörterbuch, in der Linguistik ist es lange nahezu unbeachtet geblieben, wurde kaum als Interjektion anerkannt.

In dieser Hausarbeit möchte ich mich daher speziell diesem Rezeptionssignal widmen und zunächst unter der Fragestellung „wozu dient ‚hm’?“ erklären, welche Rolle es in der mündlichen Umgangssprache des Deutschen spielt. Nachdem ich die Theorie zum Thema dargelegt habe, werde ich mich dann einigen funktionalen Unterschieden zuwenden und diese an Hand von Beispielen verdeutlichen.

I. Wozu dient „hm“?

1 . Sprecher/Hörer Interaktion mit Rezeptionssignalen

Um ein ganz normales Alltagsgespräch zu gliedern und zu gestalten, benutzt man Partikel wie z.B. „hm“. Besonders wichtig sind dabei die sogenannten Rezeptionssignale. Dies können beispielsweise kurze Rückfragen zur eben gemachten Aussage des Sprechers sein, ein Kopfschütteln oder ein Nicken oder Kurzäußerungen wie „hm“ oder „stimmt“. Rezeptionssignale, im folgenden RS genannt, zeigen nach der Ansicht von Johannes Schwitalla (2002:271) dem Sprechenden, ob der Zuhörer ihn noch als Sprechenden akzeptiert, bewerten das Gesagte und können dem Gesprächsverlauf eine andere Richtung geben, falls das RS nicht gemäß den Erwartungen des Sprechers ausfiel und er deshalb mündlich noch mehr Einfluss auf den Hörer ausüben will. Die Forschung zeigt, dass RS in gesprochener Sprache sehr häufig vorkommen, obwohl sie in einer normalen Alltagsunterhaltung überhaupt nicht auffallen. Laut Schwitalla (2002:271) leisten Sprecher und Hörer damit fast schon unbewusst ein hohes Maß an Zusammenarbeit, damit die Unterhaltung am Laufen gehalten wird und harmonisch bleibt: Der Sprecher ist sich der Aufmerksamkeit des Hörers bewusst, indem dieser sein Interesse an dem Gesprächsstoff zeigt.

Schwitalla (2002:271-272) stellt noch folgende Merkmale von RS fest: Sollte ein RS wider Erwarten nicht artikuliert werden, kann der Sprecher es mit Hilfe eines sogenannten Rückversicherungssignals sogar einfordern. Dies geschieht im Deutschen z.B. durch das Anhängen von „oder?“ an einen Aussagesatz. Wohlbekannt ist dieses Phänomen auch aus dem Englischen, wo jeweils die Negation eines Verbs ans Satzende gestellt wird.

Die Art des RS, welches einem Sprechakt folgt oder mit ihm überlappen kann, hängt jedoch immer von der Illokution, d.h. der Handlung, die praktisch durch den Sprechakt vollzogen wird, ab. So kommt einem RS z.B. nach Behauptungen, Wertungen, Vermutungen oder Vorschlägen erheblich mehr Bedeutung zu, als bei z.B. dem Bericht über die Ferienerlebnisse, weil es direkt die Meinung des Hörers zur eben gemachten Aussage ausdrückt, während es im zweiten Fall nur zum Weitersprechen ermutigt (vgl. Schwitalla, 2002:271).

RS können zudem verschoben werden, wenn ein weiterer Sprechakt zwischen Rückversicherungssignal und RS erfolgt, sie können expandiert werden, wenn es den Anschein hat, dass der Konsens zwischen Sprecher und Hörer noch nicht hergestellt ist oder sie können einfach so bei einer Störung des Gesprächs, wenn z.B. gerade ein Thema erschöpft ist, zur Überbrückung dienen (vgl. Schwitalla, 2002:272).

Im folgenden möchte ich mich ausschließlich mit zwei Untergruppen des RS beschäftigen: Hauptsächlich dem „hm“ in seiner Verwendung als Minimalfeedback, während Kapitel Drei jedoch seine Sonderstellung als Responsiv beleuchten soll.

2. „hm“ als sprachliche Habitualisierung

Komplex wird es, wenn ein Gespräch, in dem „hm“ vorkommt, transkribiert werden soll. Ehlich (1986:32) stellt diesbezüglich die wesentliche Frage: „Wie kann man die verschiedenen ‚Varianten’, deren kommunikationspraktische Differenz für den Transkribenten als Sprecher des Deutschen unmittelbar einsichtig ist, sinnvoll wiedergeben?“ Dieses Problem ist jedenfalls der Grund, warum man aus Transkripten nie so richtig herauslesen kann, welche Version von „hm“ nun eigentlich ausgesprochen wurde, sondern ihre Bedeutung höchstens an Hand des Kontext und der möglicherweise verschrifteten Intonation erahnen kann.

Deutlich wird daran allerdings vor allem, dass bei Menschen, die Deutsch als Muttersprache beherrschen, eine Art Rezeptwissen über dessen Verwendung zu bestehen scheint. Jeder weiß über die Bedeutung der vielfältigsten Arten von „hm“ Bescheid und kann sie auch so einsetzten, dass der kommunikative Vorgang innerhalb des Gesprächs gewährleistet wird. Man könnte dieses Phänomen mit einer Theorie von Berger/Luckmann (1993:56-72) erklären, die sich mit Habitualisierungen befasst: Sobald eine Verhaltensform ihren Ursprung überdauert hat, wird sie nicht mehr hinterfragt und von allen als normativ und verbindlich empfunden. Dadurch wird im Wesentlichen Denkarbeit eingespart, da durch das in der Gesellschaft vorhandene Rezeptwissen jeder in der Lage ist habitualisierte Handlungen (wie den Gebrauch von „hm“) durchzuführen, ohne jedes Mal über deren Bedeutung nachzudenken. Insofern verhält sich der Mensch immer den gesellschaftlichen Konventionen gemäß, wodurch er auch weiß, wie er eine bestimmte Variante von „hm“ zu verstehen hat. Die These, dass es eine Art sprachliches Allgemeinwissen über die Verwendung von „hm“ bei Sprechern/innen gibt, deren Muttersprache Deutsch ist, vertritt auch Ehlich (1986:31). Dieser behauptet, dass „hm“ von Ausländern nicht genutzt wird, da es erstens in den Wörterbüchern nicht vorkommt und sie zweitens nicht in der Lage sind, es richtig zu gebrauchen.

Während wir also bei einer Tonaufnahme über die realisierte Variante von „hm“ Bescheid wissen, können wir bei der Transkription nur versuchen feiner zu verschriften.

3. „Hm“ als Responsiv

Schwitalla (2002:275) weist darauf hin, dass „hm“ abgesehen von seiner Verwendung als Minimalfeedback als Responsiv verwendet werden kann. Responsive sind Antwortpartikel, die z.B. nach Fragen, Vermutungen oder Vorschlägen stehen können. Da Gesprächsbeiträge dieser Art immer eine Form von Zustimmung oder Ablehnung erfordern, funktioniert das Responsiv in dieser Hinsicht als kompletter Gesprächsbeitrag. „hm“ kann dabei unterschiedliche Illokutionen enthalten, d.h. in diesem Fall, dass sich der Sinn im Kontext des kommunikativen Zusammenhangs ändert, jedoch der Wortlaut nicht. So ist es möglich mit der Verwendung von „hm“ als Responsiv affirmative oder negierende Behauptungen auszudrücken, z.B. Bestätigung, Meinungsverschiedenheit oder Ablehnung. Dies könnte nach Zifonun et al. (1997:370) z.B. so aussehen: Soll „hm“ als Ersatz von „ja“ dienen, bedient man sich einer fallend-steigenden Intonationskurve: mhm\/. Wird es dagegen verwendet, um „nein“ auszudrücken, steigt die Intonation zunächst und fällt danach. Das „h“ kann dabei wegfallen oder durch einen Glottal Stop ersetzt werden, z.B.: / m/ / m\.

Die Funktion von „hm“ als Responsiv besteht also ausschließlich darin, explizit eine Antwort auf eine Frage oder dergleichen zu geben, eine weitere Form des RS neben dem Minimalfeedback also. Im nächsten Abschnitt möchte ich mich jedoch wieder dem Minimalfeedback „hm“ zuwenden und dabei besonders auf die lautlichen Unterschiede eingehen, die ich oben schon erwähnt habe.

4. Die phonologischen Merkmale von „hm“

Eine Eigenheit der chinesischen Sprache ist die spezielle Art der Verwendung von Intonation. Anders als im Deutschen, das zur lexikalischen Unterscheidung von Wörtern verschiedene Phoneme benutzt, läuft im Chinesischen die lexikalische Unterscheidung eines Wortes oftmals nur über die Betonung desselben ab. So kann „mai“ aus dem Mandarin-Chinesischen gleichzeitig kaufen und verkaufen heißen. Welche Variante realisiert wurde, merkt man nur an der Betonung, die im ersten Fall fallend-steigend und im zweiten fallend verläuft. Ähnlich sieht es mit „hm“ aus, welches somit im Deutschen eine Ausnahme darstellt (vgl. Ehlich, 1986:39-43). Je nachdem welche Funktion es im kommunikativen Prozess haben soll, ändert sich die Intonation des Wortes selbst, wobei die phonetische Struktur kaum abgewandelt wird.

Eine anderer interessanter Punkt ist die Frage, welche Laute bei den Realisierungen von „hm“ verwendet werden. Grundsätzlich sind dies nach Konrad Ehlich (1986:45) die Phoneme /h/ und /m/. In bestimmten Realisierungen können zusätzlich noch /n/, /N/ oder /«/ zum Einsatz kommen. Wenn man die Laute genauer betrachtet, merkt man, dass außer dem /h/ nur Phoneme verwendet wurden, die im deutschen Lautsystem eine Sonderstellung einnehmen. Auf der Seite der Konsonanten werden für die Realisierung von „hm“ die drei im Deutschen einzig möglichen Nasale benutzt, während auf der Seite der Vokale nur das /«/ gebraucht wird, welchem als Zentralvokal ohnehin eine besondere Bedeutung zukommt. Ehlich formuliert deshalb die These, dass bei „hm“ bewusst solche Phoneme verwendet werden, die im systematischen Gegensatz zu den anderen Vokalen bzw. Konsonanten stehen. Hierin liegt die Verwandtschaft der „hm“’s begründet und die Möglichkeit verschiedenen Varianten zu artikulieren wird überhaupt erst gegeben. Da die verschiedenen Realisierungen also bloß Varianten von einander sind, die unterschiedliche Funktionen haben, berechtigt dies eine allgemeingültige Verschriftung, nämlich „hm“ zu benutzen.

Eine konventionelle Verschriftung wirft jedoch wiederum die Frage auf, ob es nicht verschiedene Formtypen von „hm“ gibt. Tatsächlich lässt sich eine einfache, eine reduplizierte und eine kurze Form feststellen, welche ich im nächsten Abschnitt betrachten werde.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Rezeptionssignal "hm"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar I)
Veranstaltung
Proseminar Sprachliche Interaktion
Note
1-
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V8078
ISBN (eBook)
9783638151580
ISBN (Buch)
9783638774598
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachliche Interaktion, Linguistik
Arbeit zitieren
M.A. Holger Hoppe (Autor:in), 2002, Das Rezeptionssignal "hm", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8078

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