Der Kunstbegriff Christoph Heins und das poetologische Selbstverständnis des Autors anhand seiner Novelle „Ein fremder Freund“ oder „Drachenblut“


Seminararbeit, 2007
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

Prolog

1. Christoph Hein und die Kunst
1.1 Kunst, Gesellschaft und Kultur
1.2 Der Kunstbegriff in „Der fremde Freund“

2. Formale Kriterien als künstlerische Aspekte
2.1 „Der fremde Freund“ – Eine Novelle?
2.2 Narrative Methodik als künstlerischer Akt

3. Poetik und Poetologie

Epilog

Literaturverzeichnis

Literaten sind Exhibitionisten:

es ist nicht möglich zu schreiben

und sich bedeckt zu halten. Christoph Hein

Prolog

Der 1944 geborene Schriftsteller Christoph Hein ist einer der bedeutendsten deutschen Künstler, der schon in der DDR ein erfolgreiches Wirken zu verzeichnen hatte. In vielen seiner Texte und Reden zeigte er immer wieder Kritik an Gesellschaft und Politik. Mit der 1982 in der DDR erschienenen Novelle „Der fremde Freund“ wurde er ein Jahr später international berühmt. 1983 erschien seine Novelle in der Bundesrepublik. Aus Gründen des Titelschutzes musste dieses Werk in der BRD allerdings umbenannt werden und wurde so im Westen Deutschlands sowie in anderen europäischen Staaten unter dem Titel „Drachenblut“ veröffentlicht. (Hein 1987: 154)

Thema dieser Arbeit soll es sein, mit Hilfe von Essais, Aufsätzen, Gesprächen und Interviews von und mit Christoph Hein seine Poetik sowie das künstlerische Selbstbild des Autors in der Novelle „Der fremde Freund“ herauszuarbeiten.

In seiner am 31. Oktober 1989 an der Karl-Marx-Universität in Leipzig gehaltenen Vorlesung über Poetik und seine Betrachtungen zu diesem Thema, kritisiert Hein das Interesse der Öffentlichkeit an der Poetik eines Autors. (Hein 1990: 89ff.) Ein Autor könne niemandem die Theoreme seiner Arbeit verkünden und erläutern, schon gar nicht dann, wenn diese Arbeit noch nicht abgeschlossen ist. Häufig erschließen sich selbst dem Autor die tieferen, hinter seinem Werk stehenden Gedanken erst nach Abschluss dieses Projekts.

Die Poetik eines Schriftstellers ist keine Absichtserklärung, kein programmatischer Entwurf einer neuen, noch zu leistenden Arbeit. Eine Poetik ist das Resultat einer Arbeit, ein Arbeitsprodukt. Die nächste Arbeit, wenn sie anders ist als die vorhergehende, zerstört folglich die eben gebildete und möglicherweise in einer Poetik-Vorlesung verkündete Poetik.

(Hein 1990: 91)

Ebenso schwierig sei das Herausarbeiten einer solchen Interpretation, da „Botschaft und Moral, die wir in jedem Kunstwerk entdecken können“ uns zwar die Geisteshaltung des Künstlers, seine Zeit und seine politische Neigung verdeutlichen, „häufiger aber nur unsere eigene Ideologie, Tendenz, unsere eigene Befangenheit in der Zeit.“ (Hein 1992: 41 f.) Daher möchte ich in dieser Seminararbeit auf verschiedene Ideen bezüglich einer poetologischen Aussage sowie eines künstlerischen Selbstverständnisses seiner Person als Autor eingehen, die Christoph Hein in einigen seiner Veröffentlichungen und Reden entwickelt hat. Obwohl diese Ideen, wie er selbst sagt, teilweise durch ihn selbst und seine Werke ständig weiterentwickelt oder auch negiert werden, möchte ich einige Vorstellungen aufgreifen soweit sie sich auf die Novelle „Der fremde Freund“ anwenden lassen.

Im ersten Teil dieser Arbeit soll es um ein allgemeines Bild von Kunst in Heins Veröffentlichungen und später um das Kunstverständnis in seiner Novelle „Der fremde Freund“ gehen. Auch die Zusammenhänge von Gesellschaft und Kultur und deren Einflüsse auf die Kunst und den Künstler sollen hierbei eine Rolle spielen.

Im zweiten Teil möchte ich eine Analyse formaler Aspekte vornehmen, die ihrerseits Einfluss auf die Bildung eines Kunstbegriffs und einer poetologischen Aussage haben. Bestandteil dieser Untersuchung werden die Wahl der Gattungsbezeichnung und die narrative Methodik.

Thema des dritten und letzten Abschnitts dieser Arbeit ist die Poetologie, oder vielmehr die poetologischen Konzepte, die dem Roman zugrunde liegen.

1. Christoph Hein und die Kunst

1.1 Kunst, Gesellschaft und Kultur

Um Christoph Heins Verständnis von Kunst auf seine Novelle „Der fremde Freund“ anwenden zu können, möchte ich zunächst einen allgemeinen Überblick über ein eventuelles Kunstverständnis Heins schaffen. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, dass diese Analyse eines von Hein geprägten Kunstbegriffs eine Art Fazit ist, die sich für mich aus vielen seiner Veröffentlichungen und Reden ergibt. Er betont, dass die Poetik eines Autors sich ständig verändert oder verschiedene Thematiken einander ebenso durchgängig revidieren. Er selbst formuliert dabei keine eigene umfassende Poetik für sein Werk „Der fremde Freund“. Dennoch habe ich die in Aufsätzen und Essays enthaltenen Ideen und Theoreme vereint um Hein eine Beschäftigung mit Kunst nachzuweisen.

In einem Brief von 1986 befasst sich Hein mit der Kunst und ihrer Stellung in der heutigen Gesellschaft.[1]

Die Kunst, wie auch weiterführend unser Verständnis von Kunst, hat, so Hein, dessen Basis in unserer Vergangenheit. Durch die ständige Weiterentwicklung der Technik, neuer aufkommender politischer Bewegungen und gesellschaftlicher Umbrüche befinde sich der Mensch in der Position, sich konstant anpassen zu müssen. Diese fortdauernde Umstellung mache den Menschen unsicher. In einer solchen Situation suche er nach Sicherheit, nach Werten und Normen, die ihm vertraut sind und eine gewisse Beständigkeit garantieren. Wir retteten uns „in eine Identität überkommener Werte“, in die Verlässlichkeit „angenommener, respektierter, also fraglos gewordener Werte.“ (Hein 1987: 166 f.) Diese Maßstäbe wurden geprägt von den Generationen vor uns. Ihr Blick auf die Religion, die Philosophie und die Kunst bestimmen unser Verständnis auf diese „Vernunft des Herzens“, wie Christoph Hein schreibt. Die Herangehensweisen an Probleme dieser Art sei vorherbestimmt durch die Lösungen, die unsere Vorfahren fanden. Der Weg, sowie die Methoden, die die Generationen vor uns anwandten um zu diesen Problemlösungen zu kommen, spiele dabei heute keine Rolle mehr; es komme nur auf das Ergebnis an, welches sich über Menschenalter hinweg im Umgang mit der Kunst als Bestandteil dieser „Vernunft des Herzens“ durch- und festgesetzt hat. Doch obwohl Hein diese Annäherung an den Umgang mit Kunst offensichtlich nachvollziehen kann, macht er darauf aufmerksam, dass eine ähnliche Handhabung in anderen Bereichen unserer Kultur ganz und gar nicht Gang und Gebe sei. So seien in naturwissenschaftlichen Bereichen, wie zum Beispiel Mathematik oder Maschinenbau, die neuesten Erkenntnisse und Einsichten bedeutender als die althergebrachten, traditionellen Resultate. Und das mit den besten Ergebnissen: fast täglich entstehen technische Neuerungen, die uns das alltägliche Leben erleichtern und es revolutionieren. Es stellt sich also die Frage, ob der Mensch etwas verpasst, wenn er sich vornehmlich an die überlieferten Maßstäbe hält und gleichzeitig neue aber unbekannte, vielleicht beängstigende Prinzipien vollständig ignoriert. Unsere „Identität“, wie Hein sie nennt, unser Leitbild wurde geprägt von einer „Erziehung und Bildung, die selbst in fernen Zeiten gebildet wurde“. (Hein 1987: 169) Durch die andauernde Weitergabe der Grundsätze unserer Kultur von Generation zu Generation reicht unsere Zivilisation weit zurück. Sie ist immer wieder beeinflusst und marginal verändert worden, doch immer verankert in der Tradition. „Und daher akzeptieren wir die Produkte, die unseren traditionellen Wertvorstellungen entsprechen.“ (Hein 1987: 170) Folglich ist die uns verinnerlichte Sicherheit von ererbten Wertmaßstäben ein wichtiges Kriterium, welches uns den Umgang mit Kunst wie auch ihr Verständnis ermöglicht. Folglich wurde die Reproduzierbarkeit von Kunst für die heutige Gesellschaft, die sich häufig und regelmäßig mit neuen technischen Errungenschaften konfrontiert sieht, zu einem wichtigen Marketingmittel. Nur durch die Reproduktion, durch die ständige Wiederholung und Wiederherstellung längst bekannter Prinzipien, kann der Gesellschaft Schutz und Geborgenheit suggeriert werden. Die Unsicherheit vor der sich verändernden Welt wird überspielt.

[...]


[1] Die folgenden Darlegungen zum Verhältnis von Kunst und Kultur stützen sich auf Heins Brief „Maelzel’s Chess Player Goes To Hollywood. Das Verschwinden des künstlerischen Produzenten im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ (1987: 165-194), seine Vorlesung „Lorbeerwald und Kartoffelacker“ (1987: 5-28) und den Diskussionsbeitrag zu einer Tagung des Schriftstellerverbandes „Öffentlich arbeiten“ von 1982 (1987: 34-38).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Kunstbegriff Christoph Heins und das poetologische Selbstverständnis des Autors anhand seiner Novelle „Ein fremder Freund“ oder „Drachenblut“
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Literaturgeschichte Neuzeit - Romane nach 1945
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V81080
ISBN (eBook)
9783638857840
ISBN (Buch)
9783638855563
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunstbegriff, Christoph, Heins, Selbstverständnis, Autors, Novelle, Freund“, Literaturgeschichte, Neuzeit, Romane
Arbeit zitieren
Jessica Schweke (Autor), 2007, Der Kunstbegriff Christoph Heins und das poetologische Selbstverständnis des Autors anhand seiner Novelle „Ein fremder Freund“ oder „Drachenblut“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/81080

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