Aspekte der Hitler-Figur in George Taboris 'Mein Kampf'


Seminararbeit, 2004

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Besonderheiten und Schwierigkeiten der Darstellung Hitlers in Literatur und Film

2. Aspekte der Hitler-Figur in George Taboris „Mein Kampf“
2.1. Struktur und Inhalt
2.2. Taboris Hitler-Figur vor dem Hintergrund der historischen Person; Analyse der Montage

3. Zwischen Einheit und Vielheit: Versuch über Intentionen von Taboris verzerrter Komik der Montage von Zitaten, Bezügen und Verweisen

Literatur

1. Die Besonderheiten und Schwierigkeiten der Darstellung Hitlers in Literatur und Film

Im Jahr 1987 entsteht Taboris Theaterstück Mein Kampf, das noch im gleichen Jahr am Wiener Akademietheater uraufgeführt wird. In wissenschaftlichen Betrachtungen zum Werk George Taboris steht das als Farce untertitelte Stück im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Die gestaltete Bühnenfigur Adolf Hitler trifft auf den Juden Schlomo Herzl; die Kunstwelt des Theaterstücks tritt in eine Art Dialog mit der historischen Wirklichkeit, wobei die Kunstfiguren gerade nicht den historischen Figuren entsprechen, sondern die realen Charaktere, selbstinszenierte Politikerimages und ethnische Klischees auflösen.[1] „In einem wirklichkeitsfernen und zugleich hochsymbolischen Ambiente realisiert Tabori ein Stück, das paradoxerweise eine Erinnerung an die ‚Zukunft’ des Holocaust darstellt“[2], insofern aus unserer heutigen Sicht mit der Kenntnis der Geschehnisse der NS-Diktatur, deren Ursachen und Realisationen, hier hauptsächlich mit Hilfe der Figur des Hitler, aufgezeigt werden. In bestimmter Weise an Brechts Bühnenstück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui und Charlie Chaplins Film The Great Dictator anknüpfend bringt Tabori Hitler als komische Figur auf die Bühne, jedoch nicht als monsterhaften Dämon, „sondern im Gegenteil als zwar unsympathische[n], aber nicht durchweg abstoßende[n] Wirrkopf“.[3] Sowohl bei Brecht als auch bei Chaplin finden sich groteske Züge der Figur Hitler, die in der Hauptsache das Rollenschema ‚Hitler’ mit Hilfe überzeichnender Nachahmung von Mimik, Gestik und Sprache entstehen lassen; die bereits vorhandene Theatralik der historischen Person bietet sich nahezu perfekt als Folie und Projektionsfläche etwa für die agressiv-gurgelnde Nonsens-Sprache Hynkels, der Manifestation Hitlers in The Great Dictator, was sich ebenfalls viele deutsche Polit-Kabarettisten im Exil zu Nutze machten.

Im Arturo Ui verlegt Brecht die Machenschaften des NS-Regimes ins mafiose Chicago, verkörpert durch amerikanische Gemüse-Syndikalisten. Beiden Werken ist gemeinsam, dass sie noch während des Krieges entstanden sind[4] und das Ende des Dritten Reiches nicht absehbar schien, so dass der größte Massenmörder aller Zeiten zum ‚Helden’ der Handlung werden konnte. Nach dem Ende des Hitler-Regimes war dies zunächst undenkbar und es herrschte lange Zeit ein allgemein respektiertes Darstellungstabu im Nachkriegsdeutschland bis in die siebziger Jahre hinein vor. „Die Frage nach der Gestaltung Adolf Hitlers als Bühnenfigur im deutschsprachigen Theater, die Problematik einer mit Witztechniken operierenden Holocaust-Dramatik und die Frage nach den Spezifika eines ‚jüdischen Humors’, wie er sich in Mein Kampf[5] manifestiert“[6] sind nur einige der Diskurse, die ein solches Projekt zunächst unmöglich machten. Das Verdikt Adornos, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, schien hier maßgeblich; nicht jedoch in den USA, wo Hitler-Darstellungen insbesondere in Filmen Hollywoods Teil der Kulturindustrie wurden.

Brechts Stück wurde erst 1958 am Württembergischen Staatstheater Stuttgart unter der Regie von Peter Palitzsch uraufgeführt, allerdings nicht ohne kontroverse Debatten:

„Brecht hatte sich lange geweigert, das Stück für die Aufführung freizugeben: ‚ Hauptsächlich fürchtete er die mangelnde historische Reife des deutschen Publikums ’ (M. Werkwerth). Tatsächlich zog das Werk den Vorwurf der Vereinfachung des Phänomens des deutschen Faschismus auf sich, da man Hitlers Aufstieg auf das Klischee einer Gangstergeschichte reduziert sah. Erst die neuere Forschung lenkte das Augenmerk auf Brechts Intention, die Normalität des Faschismus dadurch zu unterstreichen, dass ein nach historischen Fakten gezeichneter und ökonomisch motivierter Gangsterkrieg als Vorlage für die Analyse einer politischen Karriere tauglich ist.“[7]

Zahlreiche weitere Beispiele zeigen die Präsenz der Figur Hitler in Kunst und Kultur, jedoch nicht in der Weise, wie Brecht und Chaplin sie darstellen. Dieter Forte stellt in seinem Stück Das Labyrinth der Träume oder Wie man den Kopf vom Körper trennt Peter Kürten, einen berüchtigten Massenmörder der zwanziger Jahre als Theaterfigur neben die des Hitler: Forte äußert sich zu seinem vom Titel her nach einem halluzinogenen Imaginationstheater klingenden Stück in Bezug auf die Darstellung der Figuren im Verhältnis zu ihren realen Vorlagen, insofern er sagt, „die Schauspieler sollen die historischen Figuren nicht nachahmen, sie sollen sie spielen.“[8] Er wird seiner Vorgabe aber schon deswegen nicht gerecht, weil der dargestellte Lebenslauf Hitlers klischeehaft verkürzt auf die bevorstehende Katastrophe zuläuft und die Sprache der Figuren plakativ verkündet und scheinbar nur die Thesen des Autors wiedergibt.

Auch in zwei Stücken von Heiner Müller taucht Hitler als Figur auf[9], jedoch in beiden Fällen auf die Ikonographie von Gewalt beschränkt; in surrealen Szenen werden historische Anspielungen zu Klischees verzerrt. „Durch die Dämonisierung wurde Hitler zu einer außerzeitlichen Figur, was alle anderen entlastete. Denn an allem war nur der ‚Führer’ schuld, und der war tot.“[10]

In der Literatur gibt es weitere Beispiele, die mit Ausnahme von Dokumentationen (auch Filme) doch wieder nur eines belegen: bis zum Erscheinen von Mein Kampf diente die Dramatik in Bezug auf die Person Hitler nur der Darstellung von nationalsozialistischer Gewaltikonographie und klischeehafter Groteske. Taboris Lebensthema, „der Fluch, seinen Feind zu verstehen“[11], lässt ihn seinen ganz eigenen Ansatz entdecken.

2. Aspekte der Hitler-Figur in George Taboris „Mein Kampf“

2.1. Struktur und Inhalt

Erster Akt

Tabori siedelt den Beginn des Geschehens im winterlichen Wien an einem Donnerstagmorgen an, die Zeitangabe lässt er offen (19..). Das Asyl in der Blutgasse, Frau Merschmeyers Männerheim für Heimatlose unter der Metzgerei, ist der Ort der Handlung. Der jüdische Bibel- und Kamasutra-Verkäufer Schlomo Herzl kehrt von seiner nächtlichen Verkaufsrunde heim und trifft auf den einzigen Zurückbleibenden, den Juden Lobkowitz; dieser hält sich für Gott und spielt nach Schlomos Heimkehr mit ihm das schon drei Jahre währende ritualisierte Spiel dieser beiden, wobei Lobkowitz als strenger alttestamentarischer Gott Schlomo unterdrückt und zurechtweist, doch dieser hat keine Zeit und Lust mehr, denn er schreibt ein Buch und will nun nach drei Jahren über den Anfang hinaus kommen. Währenddessen tritt Hitler ein, doch zunächst nimmt keiner der beiden Notiz von ihm. Schlomos Überlegungen für den Titel seines Buches enden mit der Namensidee ‚Mein Kampf’. Auch Hitler ist von diesem Namen angetan und mischt sich in das Gespräch ein. Herzl und Lobkowitz sind verärgert über sein Benehmen, doch Hitler monologisiert über seine Mutter, die Anreise und seine rassistischen politischen Ansichten. Herzl hilft Hitler, indem er ihm ein Bett zeigt und sogar seinen Mantel anbietet, den er wegen seiner Nachtarbeit tagsüber nicht braucht. Nachdem Schlomo den Namen seines neuen Gegenüber erfahren hat, stellt er eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen sich und Hitler her, doch dieser bestreitet vehement, Schlomo reagiert nicht darauf und nennt Namen, die Hitler kennt, er ist in die Falle gegangen.

Schlomo entpuppt sich als wendiger Redner und intelligenter Metaphoriker, der Karl-May-Liebhaber Hitler stellt sich als tollpatschig und infantil heraus; er erzählt, der Grund seiner Reise sei eine Aufnahme an der Kunstakademie. Seine Bilder zeigen graue Gestalten im Zwielicht.

[...]


[1] Vgl. Haas, Birgit: Das Theater des George Tabori, S. 129

[2] Ebd. S. 130

[3] Strümpel, Jan: Vorstellungen vom Holocaust, S. 132

[4] Brechts Arturo Ui enstand 1941, Chaplins Great Dictator 1940

[5] gemeint ist hier das Stück sowie die Erzählung Taboris, im Weiteren die typographische Unterscheidung

Strümpels: Hitlers Buch: „Mein Kampf“; Taboris Stück und Erzählung: Mein Kampf; Schlomo Herzls Buch:

‚Mein Kampf’

[6] Strümpel, Jan: Vorstellungen vom Holocaust, S. 131

[7] Kindler Literaturlexikon, S. 77

[8] Forte, Dieter: Das Labyrinth der Träume oder Wie man den Kopf vom Körper trennt, S. 9

[9] Germania Tod in Berlin und Germania 3 Gespenster am toten Mann

[10] Haas, Birgit: Das Theater des George Tabori, S. 132

[11] Tabori, George: Unterammergau oder Die guten Deutschen, S. 30

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Aspekte der Hitler-Figur in George Taboris 'Mein Kampf'
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
George Taboris Dramen
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V83529
ISBN (eBook)
9783638909587
ISBN (Buch)
9783638909655
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aspekte, Hitler-Figur, George, Taboris, Mein, Kampf, George, Taboris, Dramen
Arbeit zitieren
Magister Artium Jan Roloff (Autor:in), 2004, Aspekte der Hitler-Figur in George Taboris 'Mein Kampf', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/83529

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