Geschlechtsspezifische Sozialisation ausländischer Mädchen in Deutschland und deren Bedeutung für Partnerschaft und Sexualverhalten


Diplomarbeit, 1999

65 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

0 Vorwort

1 Einleitung

2 Erläuterung von Begriffen der Sozialisation
2.1 Sozialisation
2.1.1 Geschlechtsspezifische Sozialisation
2.2 Sozialisation und Kultur
2.2.1 Bezug auf die Situation ausländischer Mädchen in Deutschland

3 Die Situation von türkischen Migranten in Deutschland
3.1 Die erste Generation
3.2 Die zweite und dritte Generation – Leben zwischen zwei Kulturen

4 Sozialisation in der ethnischen Gruppe
4.1 Sozialisation in der traditionellen türkischen Familie
4.1.1 Das Freizeitverhalten ausländischer Mädchen
4.1.2 Sexuelle Aufklärung in der Familie
4.1.3 Jungfräulichkeit
4.1.4 Auswirkung der Erziehung auf das Verhältnis der Mädchen zu ihren Eltern
4.2 Einfluß der deutschen peer group im Gegenspiel zur türkischen community in der Pubertät
4.2.1 Beziehungsverhalten in Anlehnung an die vorangegangene Einteilung

5 Sozialisation in der deutschen Gesellschaft
5.1 Die deutsche Schule
5.2 Die deutsche peer group – Partnerschafts- und Sexualverhalten
5.3 Sexualität in den Medien

6 Partnerschafts- und Sexualverhalten türkischer Mädchen - Hypothesen

7 Untersuchung
7.1 Untersuchungsmethode
7.2 Untersuchungspersonen
7.3 Erstellung der Fragebögen
7.3.1 Der Fragebogen
7.3.2 Zusammenhang Hypothesen – Fragen
7.4 Auswertung der Fragebögen

8 Interpretation der Untersuchungsergebnisse
8.1 Interpretation zur ersten Hypothese
8.2 Interpretation zur zweiten Hypothese
8.3 Interpretation zur dritten Hypothese
8.4 Interpretation zur vierten Hypothese
8.5 Interpretation zur fünften Hypothese
8.6 Interpretation zur sechsten Hypothese
8.7 Interpretation zur siebten Hypothese
8.8 Interpretation zur achten Hypothese
8.9 Interpretation zur neunten Hypothese
8.10 Interpretation zur zehnten Hypothese
8.11 Interpretation zur elften Hypothese
8.12 Interpretation zur zwölften Hypothese

9 Fazit

10 Folgerungen für die Arbeit mit ausländischen Mädchen in der offenen Jugendarbeit
10.1 Fortbildung
10.2 Situationsbedingtes Handeln/ Arbeiten
10.2.1 Gesprächsrunden
10.2.2 Rollenspiel
10.2.3 Veranstaltungen mit verschiedenen Hilfsorganisationen
10.3 Ausländische MitarbeiterInnen
10.4 Bildung von Selbsthilfegruppen
10.5 Regelmäßige Beratung
10.6 Mädchenräume
10.7 Maßnahmen im Mädchentag - Identitätstraining

11 Schlußwort

12 Anhang

13 Literaturverzeichnis

0 Vorwort

Da ich als Griechin selbst eine in Deutschland lebende und aufgewachsene Ausländerin bin, kenne ich teilweise die Probleme, die auftauchen, wenn man beide Kulturen, die ursprüngliche und die deutsche, koordinieren will. Insofern fand ich es sehr interessant, mich auch mit anderen Ausländerinnen zu befassen und mich mit der vorhandenen Literatur zu beschäftigen.

In meiner Arbeit im Neckarsulmer Jugendhaus, aber auch im Privatleben habe ich oft intensiven Kontakt zu Mädchen und Frauen unterschiedlicher Herkunft und kann immer wieder erkennen, wie sehr sie sich auch in ihren Moralvorstellungen unterscheiden, aber auch welche Konflikte sie im Einzelfall bewältigen müssen.

Im Rahmen der Mädchenarbeit haben wir immer wieder die Themen Sexualität und Partnerschaft behandelt. Dabei wurde uns bewußt, daß die Mädchen ganz unterschiedliche Vorstellungen davon haben, aber auch unterschiedlichen Problemen gegenüberstehen.

Mit diesen Problemen, aber vor allem auch mit deren Ursachen möchte ich mich in dieser Arbeit beschäftigen.

Zunächst hatte ich vor, ausländische Mädchen allgemein zu betrachten. Mit Voranschreiten meiner Arbeit stellte sich dies jedoch als schwierig heraus, da die Mädchen je nach Herkunft unterschiedliche Lebens- und Sozialisationsbedingungen erfahren. Würde ich jedes Thema auf Mädchen unterschiedlicher Nationalitäten beziehen, wäre die Arbeit zu umfangreich ausgefallen.

Da nun in meiner Einrichtung und in meinem Bekanntenkreis türkische Mädchen und Frauen in der Mehrzahl sind und es darüberhinaus auch in der Literatur mehr Informationen über sie gibt als über Mädchen anderer Nationalität, beschloß ich, mich nur auf diese Mädchen zu beziehen.

1 Einleitung

Das Ziel dieser Arbeit soll einerseits sein, einen kleinen Einblick zu geben in das Leben türkischer Familien in Deutschland, andererseits ein Versuch, das breite Umfeld der Probleme und Hindernisse zu zeigen, mit denen junge Türkinnen, die in Deutschland leben und hier aufgewachsen sind, jeden Tag konfrontiert werden.

Das Thema ist die geschlechtsspezifische Sozialisation türkischer Mädchen in Deutschland und wie sich diese auf ihr Partnerschafts- und Sexualverhalten auswirkt.

Die Arbeit kann man in vier Hauptteile unterteilen.

Im ersten Teil werden zunächst im zweiten Kapitel die wichtigsten verwendeten Begriffe erläutert, danach folgt im dritten Kapitel eine kurze Beschreibung der Lebenssituation der Arbeitsmigranten in Deutschland, wobei zwischen den verschiedenen Generationen unterschieden wird. Im vierten und fünften Kapitel gehe ich auf die (geschlechtsspezifische) Sozialisation der Mädchen in der türkischen und in der deutschen Gesellschaft ein. Im Zusammenhang mit dem Partnerschafts- und Sexualverhalten türkischer Mädchen habe ich Hypothesen aufgestellt.

Im zweiten Teil der Arbeit beschreibe ich die Durchführung der Untersuchung. Dort findet man den Fragebogen und die Auswertung desselben.

Im dritten Teil werden die Ergebnisse der Untersuchung interpretiert und ein Fazit gezogen.

Im vierten Teil schließlich beschäftige ich mich mit den Folgerungen, die man hieraus ziehen kann für die Arbeit mit ausländischen Mädchen im Rahmen der Jugendarbeit.

2 Erläuterung von Begriffen der Sozialisation

2.1 Sozialisation

Sozialisation ist ein lebenslanger Prozeß, in dem ein Mensch seine Persönlichkeit bildet. Sie beinhaltet innere und äußere Faktoren, die auf den Menschen einwirken.

Äußere Faktoren sind Einflüsse von und soziale Erfahrungen mit verschiedenen Instanzen, wie z.B. der Primärinstanz Familie, die durch Erziehung eines Kindes sehr prägend wirkt.[1] In der Familie lernt ein Kind grundlegende Verhaltensmuster, die zunächst ein Zusammenleben mit den Familienangehörigen, später auch in der Gesellschaft an sich ermöglichen.

Sozialisierend wirken auch andere Bezugspersonen, wie der Freundeskreis aber auch Instanzen wie Schule, Vereine, der Arbeitsplatz oder verschiedene Massenmedien. Jede für sich beinhaltet neue Regeln und Wertvorstellungen, die man einzuhalten lernt.

Die äußeren Faktoren entsprechen also der Gesellschaft, in der ein Mensch lebt und deren Regeln er verinnerlichen muß, um ein akzeptiertes Mitglied dieser Gesellschaft zu werden. Verstößt er gegen die Regeln oder Wertvorstellungen einer Gesellschaft, ist mit Sanktionen unterschiedlicher Art, wie z.B. Ausschluß aus dem Freundeskreis bei Verstoß gegen die Gruppenregeln, zu rechnen.

Innere Faktoren bezeichnen die individuellen Charaktereigenschaften eines Menschen und sein psychisches Innenleben. Sie bestimmen, „ wie soziale Erfahrungen intrapsychisch verarbeitet werden[2], wie ein Mensch mit den äußeren Faktoren umgeht und wie er auf diese reagiert.

2.1.1 Geschlechtsspezifische Sozialisation

Jeder Mensch wird in einer Gesellschaft geschlechtsspezifisch sozialisiert, also seinem Geschlecht entsprechend behandelt und einem dazugehörigen Bild zugeordnet. Mädchen und Jungen (Frauen und Männern) werden jeweils spezifische Merkmale zugeschrieben und dies aus unterschiedlichen Instanzen.

Die primäre geschlechtsspezifische Sozialisation erfolgt in der Familie. Die Kinder werden in der Regel, bezogen auf ihr Geschlecht, unterschiedlich, mit bestimmten Zielen erzogen. Mögliche Ziele könnten sein, daß ein Junge mutig und durchsetzungsfähig, ein Mädchen fleißig und gehorsam werden soll. Wie die Eltern ihre Kinder erziehen, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Die Kultur, in der sie aufgewachsen sind und ihre eigenen Sozialisationserfahrungen beeinflussen sie in der Erziehung der eigenen Kinder.

Die Gesellschaft erwartet von jedem Menschen ein geschlechtskonformes Verhalten und geht mit dieser Vorstellung auf ihn ein. Sie trennt in vielen Situationen das Umfeld und die sozialen Rollen eines Mädchens von denen eines Jungen. Sie werden in geschlechtsspezifische Rollenbilder hineingezwängt, mit denen sie sich zum Teil nicht identifizieren können. Nicht jedes Mädchen gibt sich z.B. mit der Vorstellung eine gute Hausfrau und Mutter zu werden zufrieden, sondern strebt vielleicht eher eine Karriere an. Um dies zu erreichen, muß sie aber meist zahlreiche Hindernisse überwinden, die auf bestimmte Erwartungen aus verschiedenen Sozialisationsagenten, wie Lehrer, Freunde oder Medien basieren.[3]

„Das Ergebnis der geschlechtsspezifischen Sozialisation ist, daß Jungen und Mädchen in unterschiedlichen psychologischen Umwelten aufwachsen. Das formt ihre Weltbilder und ihre Umgangsweisen mit Problemen.“[4]

Die geschlechtsspezifische Sozialisation hat also zur Folge, daß Mädchen/Frauen und Jungen/ Männer in vielen Bereichen unterschiedliche Ansichten und Vorstellungen haben und auch mit Problemen unterschiedlich umgehen.

2.2 Sozialisation und Kultur

Jede Kultur beinhaltet eigene Normen und Werte, die in ihr lebende Menschen verinnerlichen und welche ihre Sozialisation beeinflussen.

Margaret Mead hat in ihren Studien gezeigt, daß das geschlechtsspezifische Verhalten eines Menschen sehr „von seiner Kultur geprägt“[5] ist. Auch das Verständnis der Begriffe „männlich“ und „weiblich“ hängt von der Gesellschaft ab, in der man lebt. Mead hat bei verschiedenen Naturvölkern beobachtet, daß bei manchen Stämmen Frauen ihre Familien ernähren, die Rollen der Geschlechter also vertauscht waren. Daraus geht hervor, daß das Rollenverständnis von Mann und Frau von den von der jeweiligen Kultur übermittelten Normen und Wertvorstellungen abhängt[6].

2.2.1 Bezug auf die Situation ausländischer Mädchen in Deutschland

Will man sich mit ausländischen Mädchen befassen, die in Deutschland leben und aufwachsen, muß man die allgemeinen Aussagen über die Sozialisation eines Menschen durch weitere vervollständigen, welche die besondere Lage dieser Mädchen berücksichtigen. Ausländische Mädchen werden durch zwei unterschiedliche und in vielen Punkten konträre Kulturen und Gesellschaften sozialisiert.

Die Primärsozialisation in der ausländischen Familie (siehe Kap. 4.1.) läßt sich mit der Sozialisation in der deutschen Gesellschaft oft nicht vereinbaren. Ein sehr großer Unterschied liegt z.B. in der geschlechtsspezifischen Erziehung der Kinder vor. Mädchen werden z.B. in einer türkischen Familie oft den Jungen gegenüber in vielen Punkten benachteiligt (siehe Kap. 4.1.).

Um sowohl in der Herkunfts-, als auch in der deutschen Gesellschaft leben zu können, ist es notwendig, daß sich die Mädchen an beide Kulturen und Gesellschaften anpassen, aber diese auch soweit verändern, daß mögliche Konfliktsituationen behoben werden können. Man kann sich dies so vorstellen, daß sie eine Mischkultur entwickeln, die von beiden erlebten Kulturen gefärbt ist. Insofern können sie sich in manchen Aspekten von der Einstellung der Eltern entfernen und neue Sichtweisen bilden, z.B. im Hinblick auf Sexualität und Partnerschaft.

3 Die Situation von türkischen Migranten in Deutschland

3.1 Die erste Generation

Heute leben türkische Migranten schon seit mindestens zwei Generationen in Deutschland. Zwischen den Generationen bestehen jedoch Unterschiede, die auch aufgrund des Gesellschaftswandels in den vergangenen Jahrzehnten entstanden sind.

Die erste Generation kam aus der Türkei mit der Aussicht auf eine sichere Arbeit, die genug Geld einbringen würde, um sich in der Heimat eine Existenz aufbauen zu können. Das Ziel, schon nach nur wenigen Jahren wieder in die Türkei zurückzukehren, haben jedoch nur wenige verwirklicht. Vielmehr leben die meisten schon länger in Deutschland als in ihrer Heimat, und ihre Kinder wachsen in einer für sie immer noch fremden Kultur auf.

Die Eltern der zweiten Generation empfanden es nicht als notwendig, gute Kenntnisse in der deutschen Sprache zu erlangen, es genügte, soviel zu lernen, um sich in der Arbeit verständlich zu machen. Auch was ihre sozialen Kontakte betraf, plazierten sie diese bei Landsleuten und kamen so kaum in Kontakt mit der deutschen Kultur.[7]

3.2 Die zweite und dritte Generation – Leben zwischen zwei Kulturen

Bei den Kindern und Enkeln der ersten Generation von türkischen Migranten hat sich einiges geändert. Da diese deutsche Schulen besuchen oder besucht haben, lernen sie nicht nur die deutsche Sprache kennen, sondern erleben zugleich auch die hiesige Kultur und Lebensweise. Ihre ursprüngliche Kultur erfahren sie lediglich aus dem Beispiel ihrer Eltern. Im Kontakt und Vergleich mit deutschen Gleichaltrigen entwickeln sie eine unterschiedliche Lebensauffassung zu derjenigen der ersten Generation, was zu Konflikten zwischen den Generationen führen kann.

An die Kinder, v.a. an die Mädchen, werden von ihrer Familie einerseits und anderen Sozialisationsinstanzen, wie Schule und Freunde andererseits, widersprüchliche Erwartungen gestellt. Die Eltern halten sich meist noch an die Normen und Werte ihrer Heimat, die zum Großteil strenger sind als in Deutschland und versuchen diese auch ihren Kindern nahezulegen.[8]

Die deutsche Gesellschaft wiederum fordert eine Anpassung v.a. der jüngeren Generation an das liberale deutsche Gesellschaftssystem.

Diese muß also ihr Leben zwischen den beiden Kulturen und Gesellschaftsformen irgendwie koordinieren. Das wird besonders schwierig, wenn bestimmte Normen und Werte absolut gegensätzlich sind. Beiden Kulturen kann man sowohl Vorteile, als auch Nachteile abgewinnen.

Am Beispiel der türkischen Kultur findet man zwar ein großes Ausmaß an familiärer Geborgenheit, Frauen und Mädchen werden jedoch einer starken sozialen Kontrolle unterzogen.

In Deutschland ist der Stellenwert der Familie nicht so hoch anzusetzen, dafür aber die große Liberalität in fast allen Bereichen, die für Männer und Frauen überwiegend gleichberechtigt ist[9].

Verschiedene Sozialisationsinstanzen überbringen also unterschiedliche Wertvorstellungen, die sich teilweise enorm widersprechen[10]. Für die türkischen Jugendlichen bewirkt dies zahlreiche Konflikte, die sie nur mit Hilfe eines „doppelten Balanceaktes“[11] überwinden können, d.h. sie müssen die gegensätzlichen Werte und Normen gegeneinander abwägen und für sich die geeigneten finden, um ein zufriedenstellendes Leben führen zu können.

Welches sind aber nun die Normen und Werte der türkischen Ausländer einerseits und die der deutschen andererseits, in diesem Fall speziell Mädchen und Frauen betreffend?

Es ist sinnvoll, sich die beiden Haupt- Sozialisationsinstanzen anzuschauen, in die ausländische Mädchen hineinwachsen. Zum einen also die ethnische Gruppe der Mädchen, zum anderen die deutsche Gesellschaft und die jeweiligen Einflüsse auf sie.

4 Sozialisation in der ethnischen Gruppe

Bevor man sich mit der Erziehung der türkischen Mädchen auseinandersetzt, muß man die Individualität jeden Mädchens und seiner Eltern berücksichtigen. Zahlreiche äußere Faktoren, wie der Herkunftsort der Eltern, ihr Bildungsstand und ihre Volksgruppe (Kurden, Aleviten, ...), sowie die Aufenthaltsdauer in Deutschland beeinflussen die Art, wie die Mädchen im Einzelfall erzogen werden.

Eine weitere wichtige Rolle spielt, ob Rückkehrabsichten bestehen oder nicht.[12] Ist eine Rückkehr in die Heimat nicht geplant, ist zu erwarten, daß eine zumindest teilweise Integration in das deutsche Gesellschaftssystem versucht wird.

Die türkischen Mädchen unterscheiden sich also voneinander und Aussagen über ihre Erziehung und über Verhaltensweisen lassen sich eigentlich nicht verallgemeinern.

Tatsache ist aber, daß Mädchen, die in ihrer Familie relativ liberal erzogen werden, d.h. genügend große Freiheiten genießen können, sowie eine gewisse Selbstbestimmung, in der westlich orientierten Gesellschaft auch nicht auffallen. Probleme ergeben sich dann, wenn ein Mädchen durch die Erziehungsart der Eltern erheblich in ihrer Freiheit eingeschränkt wird und kaum über ihr Leben bestimmen kann.

Sich mit diesen Mädchen und ihren Lebens- und Sozialisationsbedingungen zu befassen ist v.a. für diejenigen wichtig, die mit den Mädchen in engen Kontakt kommen, also Pädagogen und anderen Ansprechspersonen, wie z.B. Sozialpädagogen in der offenen Jugendarbeit, v.a. im Rahmen der Mädchenarbeit.

4.1. Sozialisation in der traditionellen türkischen Familie

In westlich orientierten Ländern, wie Deutschland eines ist, herrscht eine unterschiedliche Auffassung viele Themen betreffend, als in islamisch geprägten Ländern. Türkisch/islamische Arbeitsmigranten nahmen die Werte, die in ihrem Heimatland vorherrschten mit nach Deutschland. Im Vergleich mit ihren Moralvorstellungen bildeten sie zahlreiche Klischeebilder, die sie den Deutschen zuordneten und die sie oft auch heute noch verinnerlicht haben.

Vor allem was das Partnerschafts- und Sexualverhalten der Deutschen angeht, empfinden sie dies oft als „zügellos“, „unmoralisch“ und „verderbt“.[13] Die überall gegenwärtige Darstellung von Sexualität in der deutschen Gesellschaft, der offene Umgang mit Partnerschaft, sowie sexuelle Abnormitäten wie Homosexualität, irritieren sie. Dies führt dazu, daß sie sich noch stärker an ihre heimatliche Kultur binden und dies auch bei der Erziehung ihrer Kinder zeigen, deren Ehre sie vor der deutschen „Unmoral“ schützen wollen.[14]

Türkische Kinder werden in ihrer Familie geschlechtsspezifisch erzogen. Im Vergleich kann man erkennen, daß Mädchen Jungen gegenüber in vielerlei Hinsicht benachteiligt sind. Während in der Erziehung der Söhne das Erbringen von Leistung und das Erlernen von Verantwortung wichtig sind, damit sie später ein kompetentes Familienoberhaupt werden, soll ein Mädchen auf ein Leben als Ehefrau und Mutter vorbereitet werden.[15]

Ein Junge verfügt über ein recht großes Maß an Freiheit. Die Freiheit eines Mädchens wird, auch in Bezug auf Kontakte zu Gleichaltrigen, eingeschränkt durch eine starke Kontrolle[16] durch den Verwandten- und Bekanntenkreis.

Im Bereich der Sexualität hat sie keine Möglichkeit, Erfahrungen vor einer Ehe zu sammeln, wenn sie ihre Ehre und die ihrer gesamten Familie nicht beschmutzen will. Sie muß bis zu ihrer Ehe eine Jungfrau sein und darüber wacht fast ihr gesamter Verwandten- und Bekanntenkreis.[17]

Diese Aussagen bedeuten eine große Diskriminierung der Mädchen und Frauen. Türken sind die in Deutschland am häufigsten anzutreffenden Ausländer, die unter sich auch starke Bindungen pflegen. Ihre Religion unterscheidet sich von anderen in Deutschland lebenden ethnischen Gruppen, was eine Identifizierung und Anpassung an westliche Ansichten erschweren kann.

Für die Mädchen der jüngeren Generation könnte dies eine Belastung sein, da sie die liberalere Einstellung der Deutschen Frauen gegenüber jeden Tag sehen und erleben können, z.B. im Kontakt mit einer deutschen peer group. Sie kommen also zwangsläufig in die Situation, in der sie sich entscheiden müssen, inwieweit sie deutsche Normen und Werte verinnerlichen wollen unter Berücksichtigung des Stellenwertes der eigenen ethnischen Gruppe.

Die Schwierigkeit hierbei liegt darin: identifizieren sie sich zu sehr mit der deutschen liberaleren Lebensweise, kann es sein, daß sie gegen die türkischen Normen und Werte verstoßen. „Der Verstoß gegen diese Moralvorstellungen...“ führt normalerweise zur „... Stigmatisierung seitens der türkischen community“[18] und zwar für die gesamte Familie.

4.1.1 Das Freizeitverhalten ausländischer Mädchen

Verglichen mit deutschen Jugendlichen verfügen viele türkische Mädchen, über weniger Freizeit und Kontakte zu anderen. Ein Grund dafür ist ihre starke Bindung an häuslichen Pflichten.

Zwischen den Geschlechtern wird dabei insofern auch unterschieden, als Mädchen aus diesem Grund einen größeren Teil ihrer Freizeit zu Hause oder im Kreise der Familie verbringen, als Jungen.[19]

Dennoch haben sie einen hohen Bedarf an Freizeitangeboten. Besonders erwünscht sind Orte, an denen sie sich mit Freundinnen treffen können, wie z.B. Mädchentreffs. Beliebt sind unter den jungen Türkinnen Angebote wie „Sportveranstaltungen, Tanzkurse und Mädchengesprächskurse“.[20]

Obwohl sie zahlreiche häusliche Pflichten erfüllen müssen, verfügen die Mädchen doch über ein bestimmtes Maß an Freiraum.[21] Um diesen zugestanden zu bekommen, müssen sie sich aber oft erst einmal mit ihren Eltern auseinandersetzen, wobei sie größere Hindernisse vorfinden als vergleichsweise ihre Brüder.

Dies liegt u.a. daran, daß die Befürchtung seitens der Eltern besteht, die Tochter könnte in der Freizeit gegen die „traditionellen sittlichen Normen“ verstoßen.[22]

4.1.2 Sexuelle Aufklärung in der Familie

Türkische Mädchen werden in der Regel nicht in ihrer Familie aufgeklärt. Erst bei Eintritt der Periode erfolgt eine kurze Erklärung.[23] Sexualität und Partnerschaft sind in der heutigen Zeit jedoch sehr wichtige Themen, die immer wieder von verschiedenen Instanzen zu verschiedenen Gelegenheiten angesprochen werden.

Hat nun ein türkisches Mädchen Fragen zu diesem Thema, die sie nicht in ihrer Familie ansprechen kann, wird sie anderweitig Informationen suchen, z.B. in Massenmedien (siehe Kapitel 5.3.2.).

4.1.3 Jungfräulichkeit

In den meisten türkischen Familien muß ein Mädchen als Jungfrau in die Ehe gehen. Jungfräulichkeit ist eng mit der „Mädchen- Ehre“ verbunden. Ein Mädchen hat ihre Ehre (namus) verloren, sobald sie unverheiratet mit einem Jungen geschlafen hat.

In Gesprächen mit türkischen Jugendlichen ist mir wiederholt gesagt worden, daß die Ehre eines Mannes aus vielerlei Gründen verletzt werden kann, z.B. durch so banale Dinge wie ein verlorenes Fußballspiel. Von einer Verletzung der Ehre eines Mädchens wird aber nur gesprochen, wenn sie ihre Jungfräulichkeit verloren hat.

Eine Aussage, welche die Unterscheidung der Geschlechter nur zu deutlich zeigt. Sie minimiert das Wesen einer Frau auf einen zentralen Punkt. Solange sie eine Jungfrau ist, muß nicht um die Ehre gefürchtet werden, solange ist alles weitere nicht so wichtig.

Als Beweis für das Unberührt- Sein eines Mädchens gilt ihr Blut, das beim Reißen des Hymens fließt. Ist dies nicht der Fall, bringt der Ehemann sie im Extremfall entehrt zu ihrer Familie zurück, damit er seine Ehre nicht auch verliert. Die so entehrte Frau wird von der Gesellschaft ausgestoßen.[24] Es besteht aber natürlich auch die Möglichkeit, es zu verheimlichen.

Ist den Eltern bekannt, daß ihre Tochter Geschlechtsverkehr hatte, versuchen sie dies oft mit Hilfe verschiedener Tricks zu vertuschen. In sehr traditionellen Familien wird das mit Blut befleckte Bettuch als Beweisstück den Verwandten oder auch den Gästen gezeigt.[25]

[...]


[1] vgl. Fachlexikon der sozialen Arbeit, S. 878

[2] Fachlexikon der sozialen Arbeit, S. 878

[3] vgl. Zimbardo, S. 79

[4] Zimbardo, S. 79

[5] Henecka, S. 68

[6] vgl. Henecka, S. 68

[7] vgl. Stüwe, S. 65

[8] vgl. Stüwe, S. 65 – 68, 1988

[9] Stienen, Vorwort

[10] Weber, S. 38

[11] Weber S. 54

[12] Zehnter Kinder- und Jugendbericht, S. 29

[13] Schüler 96, S. 123

[14] Schüler `96, S. 123

[15] Weber, S. 38

[16] s. ob.

[17] Weber, S. 43

[18] Schaumann, S. 55

[19] Zehnter Kinder- und Jugendbericht, S. 68

[20] s. ob

[21] s. ob

[22] Stüwe, S. 68

[23] Preiß, S. 123

[24] Omar, S. 113

[25] Omar, S. 114

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Geschlechtsspezifische Sozialisation ausländischer Mädchen in Deutschland und deren Bedeutung für Partnerschaft und Sexualverhalten
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart  (Sozialwesen)
Note
2,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
65
Katalognummer
V8440
ISBN (eBook)
9783638154130
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jungfräulichkeit, türkische Mädchen
Arbeit zitieren
Angelika Stoikopoulou (Autor), 1999, Geschlechtsspezifische Sozialisation ausländischer Mädchen in Deutschland und deren Bedeutung für Partnerschaft und Sexualverhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8440

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