Judith Butlers Untersuchung der sex/gender-Unterscheidung und die Konsequenzen für eine feministische Repräsentationspolitik


Hausarbeit, 2007
18 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Funktionalität der sex/gender- Unterscheidung
2.1 Die Grenze zwischen Natur und Kultur
2.2 Die Voraussetzung von Zweigeschlechtlichkeit

3. Butlers kritische Untersuchung der sex/gender-Debatte
3.1 Butlers Interpretation der sex/gender-Unterscheidung
3.2 Sex und gender?
3.3 Materialität

4. Die kritische Genealogie der Geschlechterontologie
4.1 Die Signifikation des Geschlechts als Natürliches
4.2 Performativität
4.3 Intelligibilität
4.4 Perspektiven der Veränderung

5. Politische Repräsentation

6. Fazit

1. Einleitung

Ein hartnäckiges theoretisches Hindernis, welchem die emanzipatorische Frauenbewegung begegnet, ist das Insistieren auf der Argumentation, es gebe eine „Natur der Frau“, die dieser unumstößliche Grenzen setzt in Bezug darauf, was sie zu sein vermöge und infolgedessen im Alltag und in der Politik sich erlauben dürfe. Diese populäre Legitimation der geschlechtsspezifischen Diskriminierung und Ausbeutung wird durch die Einführung der Unterscheidung zwischen sex und gender in die Frauen- und Geschlechterforschung gefährdet, jedoch nicht vollständig entkräftet.

Einführend möchte ich das sex/gender -Konzept ausgehend von einem Text von Regine Gildemeister und Angelika Wetterer[1] auf seine Funktionalität für eine emanzipatorische Politik untersuchen. Anschließend werde ich als eine Perspektive, die über dieses Konzept hinausgeht und die darin fortbestehenden theoretischen Probleme auflöst, die Position Judith Butlers grundlegend darstellen. Schließlich möchte ich auf das Thema der politischen Repräsentation eingehen, welches durch Butlers Dekonstruktion eines festen Kollektivsubjekts „Frau“ neue Perspektiven bietet.

2. Zur Funktionalität der sex/gender-Unterscheidung

Die Unterscheidung zwischen sex, dem „biologisch zugeschriebenen Status“[2] basierend auf körperlichen Merkmalen wie etwa Anatomie und Hormonen, und gender, der sozial und kulturell erworbenen Geschlechtsidentität, wurde ursprünglich eingeführt, um von den gesellschaftlich als fest antizipierten Kategorien „Mann“/“Frau“ abweichende Geschlechts­konfigurationen wie etwa Transsexualität oder ungewöhnliche körpergeschlechtliche Merkmale wissenschaftlich einordnen zu können.[3] Der neuen Frauenbewegung und der Frauenforschung ergab sich durch diese Trennung von biologischen Fakten und kulturellen Bedeutungszuschreibungen die Möglichkeit, die geltenden Geschlechterrollen und die asymmetrische geschlechtsspezifische Arbeitsteilung als „Ergebnis von Geschichte statt als Effekt natürlicher Unterschiede“[4] darzustellen. Die theoretische Beseitigung der biologischen Determination soll somit Raum für eine prinzipielle Möglichkeit der Veränderung der gegebenen Zustände machen.

Allerdings ist auch im Rahmen dieses Konzepts ein Rückschritt in Richtung einer Naturalisierung von Zweigeschlechtlichkeit und der damit verbundenen Geschlechterrollen möglich.

2.1 Die Grenze zwischen Natur und Kultur

Obwohl die Trennung zwischen einem biologisch-natürlichen und einem kulturell gebildeten Bereich des Geschlechts auf den ersten Blick vielversprechend ist, ermöglicht sie dennoch die Annahme, dass ein beliebiger Teil der Geschlechtsunterschiede nach wie vor auf natürliche Anlagen des biologischen Geschlechts zurückzuführen sei. Deutlich wird dies bei der Frage, wie viel der Differenzen zwischen Mann und Frau in ihrer Biologie begründet ist und wie viel durch Sozialisationsprozesse angeeignet wird; wo also die Grenze zwischen Natur und Kultur zu ziehen ist. Es lässt sich demnach feststellen, dass der strategische Nutzen der sex/gender -Unterscheidung zur Entkräftigung biologistischer Positionen relativiert wird; durch das Festhalten an der Bedeutungsrelevanz des sex bleibt die sex/gender -Trennung inkonsequent.[5] Es ergibt sich ein lediglich „verlagerter Biologismus“[6].

2.2 Die Voraussetzung von Zweigeschlechtlichkeit

Ein Beispiel für die Suche nach biologisch bestimmten Geschlechterunterschieden ist der Vergleich von Ausprägungen der Geschlechtsmerkmale in verschiedenen, unabhängigen Kulturen. Die Postulierung von universellen, kulturell nicht beeinflussten Unterschieden zwischen Mann und Frau hat jedoch nicht nur erwähnten verlagerten Biologismus zur Folge, sondern weist zudem auf einen „latenten Biologismus der Gesamtkonstruktion «sex-gender»“[7] hin.

Gildemeister und Wetterer stellen in diesem Zusammenhang das Vorhandensein einer „stillschweigenden Parallelisierung von biologischem und sozialem Geschlecht“[8] in der wissenschaftlichen Forschung fest. Demnach wird üblicherweise angenommen, dass sex und gender binär verfasst sind und außerdem ein „mimetisches Verhältnis“[9] zueinander haben, es also genau zwei biologische und soziale Geschlechter gibt und gender quasi kausal aus dem sex folgt. Die Frage nach geschlechtsspezifischen Unterschieden in verschiedenen Kulturen wird infolgedessen voreingenommen gestellt „als Frage nach binär strukturierten Differenzierungs- und Segregationsprozessen“[10] und bestätigt wie selbstverständlich die These, dass Zweigeschlechtlichkeit ein nicht weiter zu hinterfragendes natürliches Faktum sei.

Einer Prüfung durch ethnologische und kulturanthropologische Erkenntnisse kann diese Position jedoch nicht standhalten. Das Vorkommen eines dritten Geschlechts in manchen Kulturen sowie die Möglichkeiten, im Laufe des Lebens das Geschlecht zu wechseln oder eine von den körperlichen Merkmalen unabhängige Geschlechtsidentität zu „haben“ wurden festgehalten.[11] Dadurch wird die natürliche Zweigeschlechtlichkeit ebenso wie das mimetische Verhältnis von sex und gender in Frage gestellt.

Weitere Unsicherheit ergibt sich bei einer kritischen Prüfung der biologischen Grundlagen des sex. Mann und Frau erscheinen nicht mehr als klar definierte, gegensätzliche Kategorien, sondern „vielmehr als Kontinuum, bestehend aus dem genetischen Geschlecht, dem Keimdrüsengeschlecht und dem Hormongeschlecht“[12], dessen Bestandteile nicht kongruent sein müssen.[13] Die postulierte Zweigeschlechtlichkeit erweist sich letzthin als „undurchschaute soziale Konstruktion, deren universalistische Implikationen nicht zuletzt ethnozentrische Vorurteile festschreiben.“[14]

3. Butlers kritische Untersuchung der sex/gender-Debatte

Judith Butlers geschlechtertheoretische Überlegungen beginnen mit der Absicht, die in der sex/gender -Debatte nicht überzeugend durchgesetzte Entnaturalisierung von Zweigeschlechtlichkeit und Geschlechterrollen analytisch konsequent mittels eines diskurstheoretischen Vorgehens darzustellen.[15] Dabei geht sie noch einen Schritt weiter und klassifiziert die Geschlechterordnung insgesamt als soziales und kulturelles Konstrukt ohne biologisch-ontologische Basis.

3.1 Butlers Interpretation der sex/gender-Unterscheidung

Butler betont als den Zweck, zu dem die sex/gender -Unterscheidung vorgenommen wurde, die Strategie, Geschlechtsidentität (gender) als kulturelle Konstruktion auszuweisen, um die Formel „Biologie ist Schicksal“ entkräften zu können.[16] Dies gelte „unabhängig davon, welche biologische Bestimmtheit dem Geschlecht weiterhin hartnäckig anhaften mag“[17] (vgl. 2.1, 2.2). Daraus folgt, dass gender, wenn eine tatsächliche Trennung vorgenommen werden soll, nicht kausal aus dem sex hervorgehen kann.[18] Schon der Begriff „gender“ an sich legt nahe, dass an der Geschlechtsidentität nichts Natürliches sein kann.[19] Im Falle einer kausalen Verbindung und eines mimetischen Verhältnisses zwischen sex und gender wäre gender nichts weiter als die Kopie eines universalen und determinierenden sex.

Wird eine Trennung zwischen sex und gender konsequent vorgenommen, so „deutet sie vielmehr auf eine grundlegende Diskontinuität zwischen den sexuell bestimmten Körpern und den kulturell bedingten Geschlechtsidentitäten hin“[20], denkbar wäre sogar „eine Kontingenz dieser Beziehung.“[21] Als Potential des Konzepts sieht Butler, dass die Geschlechtsidentität als mögliche „vielfältige Interpretationen des Geschlechts“[22] gedacht werden kann.

Selbst also wenn von sexueller Binarität ausgegangen wird, gäbe es keinen Anlass zu der Annahme, dass z.B. das kulturelle Konstrukt „Mann“ ausschließlich einem biologisch als männlich klassifizierten Körper zugeschrieben werden kann. Somit muss die sex/gender -Unterscheidung nicht zwangsläufig zu einer Parallelisierung von sozialem und biologischem Geschlecht und einem mimetischen Verhältnis dieser Komponenten führen.

Ebenso wenig muss von lediglich zwei Geschlechtsidentitäten ausgegangen werden, „selbst wenn die anatomischen Geschlechter (sexes) in ihrer Morphologie und biologischen Konstitution unproblematisch als binär erscheinen (was noch die Frage sein wird).“[23]

[...]


[1] Gildemeister/ Wetterer 1992

[2] Gildemeister/ Wetterer 1992, S. 205.

[3] Ein populäres Beispiel hierfür ist Robert J. Stoller (1968): Sex and Gender: The Development of Masculinity and Femininity, New York.

[4] Gildemeister/ Wetterer 1992, S. 205.

[5] „Der Einwand, daß es eben doch Frauen und Männer gibt und beide von Natur aus verschieden sind, ist gänzlich nicht zu entkräften.“ Ebd., S. 206.

[6] Ebd., S. 206.

[7] Vgl. ebd. S. 207.

[8] Ebd., S. 207.

[9] Ebd., S. 208.

[10] Vgl. ebd., S. 208.

[11] Vgl. ebd., S. 208.

[12] Lorber / Farell 1991a, S.7. Deutsche Übersetzung zit. n.: Gildemeister/ Wetterer 1992, S. 209.

[13] Gildemeister und Wetterer bemerken hierzu in Anlehnung an Margaret Mead, auch „die körperliche Ausstattung des Menschen lege eher ein Kontinuum nahe als eine rigide Zweiteilung“ in dem Sinne, dass es z.B. Frauen mit deutlich weniger femininen Attributen als andere gibt. Vgl. Gildemeister/ Wetterer 1992, S. 209.

[14] Gildemeister/ Wetterer 1992, S. 210.

[15] „Ziel ist es […], diejenigen Dimensionen des Ichs oder des Politischen, die den Schein des Natürlichen, Ontologischen oder zumindest selbstverständlich Evidenten tragen, für neue Lesarten zu öffnen; Lesarten, die auf den konstruierten, veränderbaren und fragilen Charakter vermeintlicher »Substanzen« wie etwa das biologische Geschlecht abheben.“ Villa 2003, S. 62.

[16] Vgl. Butler 1991, S. 22.

[17] Ebd., S. 22.

[18] „Die Geschlechtsidentität ist also weder das kausale Resultat des Geschlechts, noch so starr wie scheinbar dieses.“ Ebd., S. 22.

[19] „Wenn der Begriff »Geschlechtsidentität« die kulturellen Bedeutungen bezeichnet, die der sexuell bestimmte Körper (sexed body) annimmt, dann kann man von keiner Geschlechtsidentität behaupten, daß sie aus dem biologischen Geschlecht folgt.“ Ebd., S. 22; vgl. auch Geller 2005, S. 69.

[20] Butler 1991, S. 23.

[21] Gildemeister/Wetter 1992, S. 207.

[22] Butler 1991, S. 22.

[23] Ebd., S. 23., zur biologischen Grundlage der Zweigeschlechtlichkeit vgl. 2.2.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Judith Butlers Untersuchung der sex/gender-Unterscheidung und die Konsequenzen für eine feministische Repräsentationspolitik
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse (I))
Veranstaltung
Themenfelder und Theorien sozialwissenschaftlicher Geschlechterforschung
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V85660
ISBN (eBook)
9783638014380
ISBN (Buch)
9783638917506
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Nachvollziehung der diskurstheoretischen Herleitung von Judith Butlers geschlechtertheoretischem Standpunkt, insb. in "Das Unbehagen der Geschlechter".
Schlagworte
Judith, Butler, sex, gender, Repräsentation, Feminismus, gender trouble, Unbehagen der Geschlechter, Diskurstheorie, Geschlecht, Geschlechterforschung
Arbeit zitieren
Janne Krumbügel (Autor), 2007, Judith Butlers Untersuchung der sex/gender-Unterscheidung und die Konsequenzen für eine feministische Repräsentationspolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85660

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