Das Inzestmotiv als Gesellschaftskritik in 'Der Zementgarten' von Ian McEwan


Hausarbeit, 2006

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Das Inzesttabu als kulturbildendes Element
1.1 Psychoanalyse: Ödipus und das Tabu des Totemismus
1.2 Lévy-Strauss: Zwischen Natur und Kultur

2. Zum Roman Der Zementgarten von Ian McEwan
2.1 Plot
2.2 Patriarchalische Gesellschaftsstrukturen innerhalb der Familienkonstellation

3. Die ödipalen Konstellationen
3.1 Der Kampf zwischen Vater und Sohn
3.2 Die Schwestermutter

4. Die Regression nach dem Tod der Eltern
4.1 Der Zusammenbruch der alten Strukturen
4.1.1 Das Bruderschwesterbaby
4.2 Der paradiesische Sündenfall
4.2.1 Die matriarchalische Traumzeit

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit ist im Rahmen des Seminars Kriminelle Paare der Weltliteratur entstanden und beschäftigt sich explizit mit dem Werk Der Zementgarten von Ian McEwan. In diesem 1978 veröffentlichten Roman wird mit zur Hilfenahme des Inzestmotivs eine Gegenwartskritik gesellschaftlicher Verhältnisse übermittelt.

Dieses Motiv wird in der Dichtung häufig dafür benutzt „eine künstlerische Gestaltung des Möglichen jenseits der bestehenden Normen“ zu inszenieren, da gerade seine Ambivalenz von Verbot und Begehren das Interesse seiner Beschäftigung begründet.[1] Durch Missachtung des Inzesttabus ist in der Literatur die Möglichkeit gegeben, eine Diskussion über die Gesetzlichkeit zentraler gesellschaftlicher Institutionen wie Staat, Familie und Kultur zu führen.

Trotz oder gerade wegen der stattfindenden Auflösungserscheinung tradierter Familienkonstellationen (Mutter, Vater, Kind) als kontinuierliche Lebensgemeinschaft, wird die Thematik des Inzests in der Gegenwartsliteratur weiterhin bearbeitet. Anhand dieses Sujets kann so beispielsweise das Innenleben von Familie und Gesellschaft seziert werden.

Neben zahlreichen literarischen Schriften haben auch zwei große Metatheorien die Thematik ins Zentrum ihrer Abhandlung über gesellschaftsbildende Bedingungen gerückt. Diese beiden, von Freud und Lévy-Strauss stammenden, theoretischen Positionen finden im Roman zwar nicht ihre eindeutige Verarbeitung, doch lässt sich eine gewisse Intertextualität nicht leugnen. Daher werden sie auch als Einstieg in die Inzestthematik des Werkes verwendet. Anschließend folgt eine kurze Darstellung der Handlung sowie der patriarchalischen Familienkonstellation, da die Fluchtbewegung der Protagonisten aus den gesellschaftlichen Bedingungen nur über die Einbeziehung dieses auf sie bedrückend und beängstigend wirkende Familienverhältnis nachzuvollziehen ist.

Der weitere Verlauf widmet sich der Schwerpunktsetzung der Arbeit: der Auseinandersetzung mit dem Inzestmotiv. Abschließend werden meine Beobachtungen noch einmal zusammenfassend dargestellt.

1. Der Inzesttabu als kulturbildendes Element

1.1 Psychoanalyse: Ödipus und das Tabu des Totemismus

Als einer der ersten Wissenschaften stellt die freudsche Psychoanalyse den Inzest an den Anfang der Menschheitsentwicklung. In seiner 1913 erschienenen kulturphilosophischen Abhandlung Totem und Tabu versucht Freud „die verdrängte und vergessene Geschichte des Subjekts zu rekonstruieren und zugleich eine Aussage über den Eintritt des Subjekts in die Ordnung von Lust und Begehren“ zu treffen.[2] Zur Veranschaulichung konstruiert er hierfür einen Mythos über den Konflikt zwischen rivalisierenden Söhnen und ihrem Vater. Er beschreibt den menschlichen Urzustand der Urhorde, in der die Familie in einem promiskuitiven Verband zusammenlebt und angeführt wird von einem tyrannischen Vater, der das alleinige Anspruchsrecht auf die weiblichen Familienmitglieder besitzt. Die Söhne verbünden sich in ihrer Unzufriedenheit, töten und verspeisen anschließend den Vater. Dem Vatermord folgt statt Anarchie, aus Notwendigkeit und ihrem Schuldbewusstsein geboren die Kultur des Totemismus. Das totemistische Gesetz verbietet eine sexuelle Verbindung zwischen Familienmitgliedern und kann als erste menschliche Religion gewertet werden, aufgrund derer eine gegenseitige Ausrottung durch Machtkämpfe verhindert wird. „Mit der Stiftung der Exogamie akzeptieren die Brüder [zudem] nachträglich das Verbot des toten Vaters.“[3]

Das Tabu des Totemismus ist nicht das natürliche Ergebnis von Einsicht, sondern sekundär zur psychischen Verarbeitung des Vatermordes entstanden. Freud, der die Ansicht vertrat, „daß ein natürlicher Instinkt [im Menschen] zum Inzest treibt“[4], findet somit eine kulturelle Begründung für die gesellschaftliche und sittliche Ordnung. Denn durch Sublimierung der Triebe wird die Entstehung einer Kultur erst ermöglicht. Ebenso stellt sich Freud mit Totem und Tabu der Aufgabe die verbindende Leerstelle zwischen den individuellen Ödipuskomplex und der Entstehung der menschlichen Kultur zu besetzen, denn für ihn hat sich „das totemistische System […] aus den Bedingungen des Ödipus-Komplexes ergeben“.[5]

Die Tötung initiiert somit nicht nur den Beginn des Inzesttabus, sondern verbindet sich gleichzeitig mit dem Ödipuskomplex, da das Begehren des Sohnes nach den weiblichen Familienmitgliedern trotz oder gerade durch das Tabu des Totemismus weiterhin existiert. Überdies führt der in der Urszene beschriebene erste Vatermord zur Individuation des Sohnes.

In der Entwicklung der menschlichen Seele löst sich das Kind in der ödipalen Phase allmählich von der Mutter und bildet seine eigene Identität aus.[6] Eine Störung dieses Prozesses der Subjektwerdung vom Menschen führt zum Ödipuskomplex. Auf eine präzise Darstellung des Komplexes muss an dieser Stelle aus Platzmangel jedoch verzichtet werden.

[...]


[1] Vielhauer, Inge: Bruder und Schwester. Untersuchungen und Betrachtungen zu einem Urmotiv zwischenmenschlicher Beziehung. Bonn 1979, S. 156.

[2] Hof, Dagmar von: Familiengeheimnisse. Inzest in Literatur und Film der Gegenwart. Köln u. a. 2003, S. 63.

[3] Grabbe, Katharina: Geschwisterliebe. Verbotenes Begehren in literarischen Texten der Gegenwart. Bielefeld 2005, S. 29.

[4] Freud, Sigmund: Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker. Frankfurt a. M. 1991, S. 177.

[5] Ebd. S.186.

[6] Freud bezieht sich in seiner Forschung allein auf den Mann.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Inzestmotiv als Gesellschaftskritik in 'Der Zementgarten' von Ian McEwan
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Künste und Medien)
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V86374
ISBN (eBook)
9783638018760
ISBN (Buch)
9783640945856
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit ist eigentlich im Rahmen des auslaufenden und hier nicht angeführten Magisterfaches Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft entstanden. Alle verarbeiteten Zitate lassen sich jedoch auch problemlos in englischer Sprache finden.
Schlagworte
Inzestmotiv, Gesellschaftskritik, Zementgarten, McEwan
Arbeit zitieren
Anika Resing (Autor), 2006, Das Inzestmotiv als Gesellschaftskritik in 'Der Zementgarten' von Ian McEwan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86374

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