Zweite Moderne oder Postmoderne?

Ein Architektur–Diskurs


Fachbuch, 2008

76 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1 Probleme der Moderne / Postmoderne–Debatte
1.1 Kontroverse Standpunkte
1.1.1 Altmodernisten
1.1.2 Befürworter einer 2. Moderne
1.1.3 Postmodernisten
1.1.4 Die Hegemoniefrage
1.2 Sprachliche und methodische Mängel
1.2.1 Mangelnde Begriffsklarheit
1.2.2 Ausblenden des „Ismus“
1.2.3 Missbrauch des Kausalnexus
1.2.4 Vernachlässigung gesellschaftspolitischer Ziele
1.2.5 Fehlen der kritischen Komponente
1.2.6 Dürftige Architekturtheorie, verklärende Historie

2 Moderne als Epoche
2.1 Abgrenzung historischer Epochen
2.1.1 „Erneuerte“ Endlosmoderne?
2.1.2 Zweite und dritte Moderne
2.1.3 Moderne-Bezeichnungen
2.1.4 Unterscheidung von „spät“ und „nach“
2.1.5 Bestimmung der Früh-, Hoch- und Spätmoderne

3 Bauhaus und Marxismus
3.1 Marxismus, Bolschewismus, Sozialismus
3.1.1 Wie weit links war das Bauhaus?
3.1.2 Ein verheimlichtes Kapitel
3.2 Proletkult
3.2.1 Bauhaus und Proletkult
3.2.2 Definition
3.2.3 Proletkultphasen
3.3 Kollektive Architektur
3.3.1 Beseitigung bürgerlicher Gebäudeformen
3.3.2 Funktionalistische Bauschäden
3.3.3 Kollektiver Städtebau
3.3.4 Stadtbrachen entstehen aus Gehirnbrachen
3.4 Selbstkritik der Pioniere
3.4.1 Ein weiteres verdrängtes Kapitel
3.4.2 Gropius` „Widerruf“ des Bauhauses
3.4.3 Mies` Zweifel
3.4.4 Umkehr von Hilberseimer
3.4.5 Werkbund - „Verrat“ an der Moderne

4 Postmoderne als Opposition
4.1 Fehlinterpretationen
4.1.1 Wiederbelebung und Fortsetzung der Moderne?
4.1.2 Verabschiedung der Postmoderne?
4.1.3 Reaktionäre Modernisten
4.1.4 Reaktionäre Postmodernisten
4.2 Missverständnisse des Postmodernismus
4.2.1 Beispiele
4.3 Der Faschismus-Vorwurf
4.4 Beispiele gegensätzlicher Meinungen
4.4.1 Pro
4.4.2 Contra
4.5 Vollständige Sicht bisheriger Postmoderne
4.5.1 Allgemeines
4.5.2 Architektonische Zweige der Postmoderne
4.6 Postmoderne Architektur in China

5 Folgerungen
5.1 Mittelfristige Korrekturen
5.1.1 Verzicht auf die Nullpunkt - Illusion
5.1.2 Begriffsklärungen
5.1.3 Reduktion des Funktionalismus / Rationalismus
5.1.4 Architektur entmarxen und entleninisieren
5.1.5 Rehabilitierung eliminierter Bereiche
5.1.6 Übereinstimmung von Architektur und Gesellschaft
5.2 Langfristige Ziele
5.2.1 Modifikation und Opposition
5.2.2 Holistisches Bewusstsein

Nachwort

Anmerkungen

Abbildungen

Literatur

Vorwort

Seit Bestehen der Postmoderne gibt es in der Architekturdebatte eine zähe Auseinandersetzung um die Etikettierungsfrage: „Zweite Moderne“oder „Postmoderne“?

a) Modernisten wollen durch eine ständig erneuerte, „modifizierte“, „revi-dierte“, „erweiterte“, „geläuterte“ Moderne das Etikett „ Moderne“ / „Spät-moderne“ erhalten, Postmodernisten keine eigenständige Epoche zuge-stehen.
b) Postmodernisten meinen, dass über die ökologischen Defizite hinaus fundamentale ideologische, gesellschaftspolitische und gestalterische Positionen ihrer Vorgänger nicht mehr haltbar sind und sie deshalb eine eigene Epoche beanspruchen können. Sie vermochten jedoch ihren „Wi-derspruch“ über Einzelkritik hinaus (noch?) nicht zu konkretisieren, weisen deshalb ein „theoretical lag“ auf.

Vereinfacht gesagt, handelt es sich um den altbekannten Streit linker und rechter Auffassungen. Vorerst wird er als Hegemonie-Gerangel ausgetra-gen . Darüber vernachlässigt(e) man das kritische Hinterfragen von Ursa-chen und Inhalten und nicht selten ein gewisses Maß an Intelligenz. Da-rüber versäumte man das Erarbeiten „erweiterter“ Konzepte.

Die Bauhausenkel verspielten in der Nachkriegszeit das bei allen Mängeln einzigartige Erbe. Sie glaubten, das bloße „Kupfern“ der Bauhausformen, ihr Vermarkten und Abwehr von Laien- wie Fachkritik reiche aus. Nun rächt sich das lange blinde, unkritische Bejubeln und Verklären ebenso wie die „Duldungsstarre“ der Gegenseite. Das Erbe selbst wurde zu einer gigan-tischen asozialen, finanziellen und funktionellen Belastung. Längst wird quadratkilometerweise davon weggesprengt oder stürzt von selbst ein, dies nach manchmal nur 30 Jahren Standzeit. Prestigeträchtige Bauaufträge gehen an ausländische Büros, selbst im Ausland müssen bundesdeutsche Architekten anderes abliefern als die gewohnte „neue sachlichkeit“, Bauträger planen und bauen das Verkaufbare.

Mittlerweile reagiert die Architektenschaft und ihre Verbandsfunktionäre verstört und orientierungslos. Nicht Fragen der Baukultur bewirkten Nach-denklichkeit und sporadische Selbstkritik, sondern das dramatisch einge-brochene Geschäft, steigende Energiepreise und die Nachhaltigkeit post-moderner Architektur. Aufgrund der Versäumnisse entsteht Frustration auf beiden Seiten. Wie verdurstende Karawanen ziehen sie nun durch ihre selbst geschaffene Wüste auf der Suche nach dem rettenden Wasserloch.

Unzureichende Theorien und verklärende Geschichtsschreibung, das Träumen vom Bauhaus und der „ewigen, zeitlosen Moderne“ trugen erheb-lich zu „form follows fiasco“ (P. Blake) bei. Man hat es nicht verstanden, modern und für die Mehrheit der Bevölkerung akzeptabel zu bauen. Nicht einmal den Ursachen dieser „Miesęre“ ging man ernsthaft nach.

Ein weiterer Umstand, der die Revision der Moderne vor allem in der BRD behindert(e), ist die „Faschismuskeule“. Mit ihr wurden Moderne-Kritiker und Postmodernisten nieder gehalten. Auch sie ersparte die Auseinan-dersetzung mit der Sache. Im Ausland bringt diese Methode nichts, weshalb die einschlägige Literatur dort längst präziser und angemessener argumentiert und formuliert. Da die Hegemoniefrage weiterhin als die wichtigste erscheint, wird man auch die folgenden Ausführungen mit diesem Primitivargument abtun, deshalb sei bemerkt, dass sich der Verfasser für antifaschistisch, aber auch anti-kommunistisch / -sozialistisch hält.

Seit Jahrzehnten zeigt sich der Zustand einheimischer akademischer Ar-chitekturabteilungen so, wie ihn Gropius in den 20er Jahren vorfand und durch das Bauhaus radikal löste. Verkrustet, systemresistent kleb(t)en sie am Vergangenen, unfähig und unwillig, die neuen Veränderungen zu er-kennen oder gar avantgardistisch zu leiten. Das, was sich als „Forschung“ ausgibt, etwa in der Architekturtheorie oder Bautechnik, bestätigt diese Skepsis.

Die kritische Auseinandersetzung mit der seit mehr als einem dreiviertel Jahrhundert real existierenden Moderne, die unvoreingenommene und ra-dikale Analyse von „was ist schief gelaufen“ (Mies) wurde gemieden, wenn nicht unterdrückt. Das verbale Verfälschen, Beschönigen, Ausklammern oder Ignorieren bestimmter Themen und Aspekte, die rigide Weigerung, Schlüsse aus dem modernistischen Debakel zu ziehen, führte vor allem hierzulande zum Stagnieren der Architekturentwicklung und zu einem Vorsprung des Auslandes, der nur schwer aufzuholen ist. Eine wenig ruhmreiche Rolle bei diesen Zuständen spiel(t)en die mit Alt- und Postfunktionalisten besetzten Entwurfslehrstühle der BRD und die aus ihnen gebildeten Wettbewerbs-Preisgerichte. Ihr Klammern am Bauhaus und Werkbund hat triftige Gründe, ahnen sie doch, dass für sie mit dem Bruch dieses Astes ein Fall ins Bodenlose droht, solange keine neuen „Weißen Götter“ landen.

Bauhaus und Werkbund sind Geschichte; niemand bestreitet mehr, dass es eine bedeutende war. Dennoch nähern wir uns auch in der BRD einer Zeit, in der das Abnabeln von den Übervätern notwendig wird. Teils unwissend, teils missionarisch eifernd, teils opportunistisch stellten sich viele Architek-ten allzu lange in den Dienst falscher Utopien und einer überholten Gesell-schaftsform. Die geschickte und exzessive Propaganda der Modernisten sorgte dafür, dass den Wenigsten die (überholte) sozialistische Botschaft dieser Architektur bekannt wurde.

Wenn schon Politiker auf den in internationalen Rankings offenbar gewor-denen mittelmäßigen Zustand bundesdeutscher Hochschulen reagieren, dann ist es zu spät. Deren 2007 auf den Weg gebrachte „Exzellenzinitiative“ mit milliardenschweren Subventionen dürfte, was die Architekturabteilungen anbetrifft, ebenso verpuffen, wie die meisten der beträchtlichen Forschungsgelder in den Jahrzehnten zuvor. Die BRD wird in der Architektur in absehbarer Zeit keine avantgardistische Rolle mehr spielen, ablesbar allein am Zustand von Architekturtheorie und -geschichtsschreibung. Dennoch − die pauschale Verdammung des Bauhauses ist ebenso falsch wie seine euphorische Verklärung.

„Die Postmoderne hat vorerst nur die dogmatisch ausgeübte Macht der weltweit operierenden Bauhaus - Epigonen gebrochen“ sagte der Historiker Joachim Fest 2007 richtig. Deren Gegenwehr verlängert und erschwert den Ablösungsprozess. Das durch notorisches „Kupfern“ der Einheitsarchitektur nahezu auf Null herab funktionalisierte Potenzial an Kreativität, Bewertungs- und Gestaltungsvermögen kann nicht in kurzer Zeit wiedergewonnen werden.

Postmodernisten wollen nicht mit einer Überrumpelungstaktik, sondern de-mokratisch überzeugend vorgehen. Ihre Legitimierung und ihr Rückhalt ist die „auf intellektuellen Müll reduzierte Moderne“ (A. Rifkin). Die Postmo-derne entstand weltweit nicht aus Jux und Tollerei, sie ist keine Mode, son-dern beruht auf kultureller, politischer, neuronaler und ökonomischer Notwendigkeit. Eines der interpretativen Probleme besteht in dem Para-digmenwechsel von der monistischen Moderne zur Doppelcodierung der Postmoderne. Sie behält Züge der Moderne bei, verschiebt diese jedoch auf unter- und nachgeordnete Ebenen. Andererseits sind fundamentale Änderungen erforderlich, denn lediglich reformerische Oberflächenkos-metik reicht zur Beseitigung der gravierenden Mängel und Probleme nicht aus. Etwas anderes als ein Paradigmen- und Epochenwechsel verharmlost die Zustände.

Künftige Generationen können und müssen eigene Wege finden, … “wenn sie nicht zu dauernden Zinssklaven werden wollen“ (Bazon Brock, 2002). Baukultur ist nicht nur eine schöngeistige Angelegenheit, sondern auch ein erheblicher Kostenfaktor, insbesondere, wenn sie zur Unkultur wird.

Wir stehen nicht vor der seit drei Jahrzehnten angekündigten „zweiten Moderne“, sondern einer „zweiten Postmoderne“.

1 Probleme der Moderne / Postmoderne–Debatte

1.1 Kontroverse Standpunkte

Der Moderne / Postmoderne–Diskurs begann in den 60er Jahren in den USA und Frankreich, zunächst auf literarischem Gebiet. Anfangs der 1970er Jahre folgten Kunst und Architektur in mehreren Ländern, Italien, Österreich, Großbritannien, USA. Charles Jencks setzte mit seinem Best-seller > Die Sprache der postmodernen Architektur < 1978 ein Signal in Europa. Seither breitete sie sich ungeachtet modernistischer Ignoranz und propagandistischen Widerstands weltweit aus. Jencks: „Post − Modernism is now a worldwide movement in all the arts and disciplines”. (2007). [1]>Wie bei allen Paradigmenwechseln stehen die Fragen Ablösung oder / und Weiterführung mit oder ohne Modifikation im Raum, sie lösen widerstrei-tende Diskussionen aus. Bei deren Beurteilung sind drei Lager oder Ein-stellungen zu berücksichtigen:

1.1.1 Altmodernisten

Die Vertreter der „1. Moderne“ sind strikt gegen die Postmoderne, wollen den „status quo ante“ erhalten. Vor allem bekämpfen sie die Bezeichnung „Postmoderne“. Jan Lenssen nennt den Grund: „Der Begriff Postmoderne ist umstritten, da mit ihm die Epoche der Moderne abgelöst würde". (www. whv.shuttle.de, 2005). Zu ihnen gehören der Werkbund, die Mehrzahl bun-desdeutscher Lehrstühle, Alt- und Postfunktionalisten.

Einige hatten die Postmoderne voreilig schon in den 80er Jahren verab-schiedet (Prof. G. Kähler, K.–D. Weiß ). Sie sahen diese nur als Mode, „eine unbedeutende Fußnote in der Architekturgeschichte“ (Prof. J. Posener, 1979). In Polen kam noch im Jahr 2000 eine internationale Kon-ferenz zu dem Schluss, „die Moderne ist eine Architektur jenseits von Moden und die Postmoderne nur eine Mode“, sie sei Disneyland–Archi-tektur und keine Bewegung, weise keine wesentlichen Qualitäten für ir-gendwelche Dauerhaftigkeit auf, „ihre Tage sind gezählt und sie geht vorüber wie Charleston und Krinoline.“[2]>Nun, diese „gezählten Tage“ halten mittlerweile seit fast 40 Jahren an und nichts deutet auf ihr Ende.

Alles, was vom Bauen der Pioniere abweicht, ist für sie ein Rückfall in Eklektizismus, Irrationalität, Unsachlichkeit, Anti–Aufklärung, Faschismus, unsoziale Reaktion, „Gartenzwergkultur“. Sie fordern ein Zurück zur klas-sischen Moderne (A. Sokal, W. Durth, I. Flagge, Chr. Thalgott, B. Schmidt, K. Schmitz, R. Behrens, Werkbund u.a.). Diese Gruppe wird hier als „reaktionäre Modernisten“ bezeichnet.

Es ist kein Zufall, dass zu ihren Vertretern Alt–Marxisten gehören. (R. Kurz , D. Walsh, E. Bloch, u.a.). Sie „giften“ mit allem, was der >Diamat< und >Histomat< hergibt, gegen die Postmoderne. Stellvertretend für marxis-tische Positionen und Denkfehler soll diejenige von Frederic Jameson I stehen: In der Moderne und Postmoderne habe alles den gleichen Grad der Rationalisierung, deshalb seien Moderne und Postmoderne nicht un- terschiedlich und die Postmoderne lediglich eine „Vollendung der Moderne, ihre bloße Weiterführung, eine Hochmoderne“ und „die Postmoderne ist von Vorurteilen gegenüber der Moderne geprägt.“ (1984). Die Sprachregelung „Ressentiments“ besteht seit Gropius und Giedion und geht am Kern des Widerstands vorbei, mehr noch, sie unterstellt der Gegenseite nur niedere Instinkte, verschweigt den eigenen radikal anti-bourgeoisen Übergriff.

Solche Aussagen gehen immer noch davon aus, dass die Postmoderne aus Jux und Tollerei oder Langeweile entstand; mit bemerkenswerter Ignoranz oder Blindheit wollen sie einfach nicht die eklatanten Fehler und Missbräuche, das Nicht- Funktionieren, die intellektuellen Fehlkonstruktionen der ihr zugrunde liegenden „großen Erzählungen“ der totalitären Moderne wahrhaben. Des Weiteren operiert diese Argumentation mit dem materialistisch–marxistischen Irrtum, wonach Gesellschaften und Menschen von industriellen Produktionsweisen und bloßen Nützlichkeits-überlegungen bestimmt werden. Noch Marcuse hat …„das technische a Prior als Bedin-gung eines totalitär organisierten Staates“ genannt.

Zu den „weißen Flecken“ dieser Gruppe gehört das Jahr 1989, das in ihren sonst wortreichen Elaboraten auffallend fehlt. Klar, hier wurde peinlich au-genfällig, dass die Ideologie der Altmodenisten − Marxismus / Sozialismus − auf einer Reihe schwerwiegender Denkfehler und Begriffsmanipulationen beruht und gesellschaftlich so wenig funktioniert, wie die ihr zugehörige modernistische Architektur. Eine weitere Parallele zur Architektur gibt es: im deutschsprachigen Raum lassen sich gerade mal eine Handvoll funda-mentale Marxismus-Kritiker finden.

1.1.2 Befürworter einer 2. Moderne

Diese Gruppe ist eine Variante der ersten. Sie geht dialektisch flexibler vor, leugnet nicht mehr plump die unübersehbaren Mängel oder Exzesse der architektonischen wie sozialistischen Moderne. Sie meint aber, dass diese am besten von Modernisten selbst bereinigt werden können und sie weitere Chancen verdient hätten. In scholastischer Manier werfen sie unverbind-liche Allgemeinplätze en masse in die Debatte, um die Moderne als „geläu-terte“, „gereinigte“, „modifizierte“, „vollendete“, „erweiterte“ „Transavantgar-de“ wieder auferstehen zu lassen. (J. Habermas, G. de Bruyn, F. Jameson, der spätere H. Klotz u.a.). Die Postmoderne wird gesehen als „unvollen-detes Projekt der Moderne“, als „radikalisierte Moderne“ (J. Habermas), „eine über sich selbst aufgeklärte Aufklärung“ (R. Behrens) oder „redigierte Moderne“ (J.L. Lyotard). Die Postmoderne ist danach keine neue Epoche, sondern eine „Fortsetzung der Moderne“ (W. Welsch) „unter den Bedin-gungen ihrer Nichtfortsetzbarkeit“ (R. Behrens). Welcher Art diese „Fort-setzung“ sein soll, drückt sich in pseudologischen Sätzen aus wie: „Alle Merkmale der Moderne finden sich in der Postmoderne wieder“. (Meyers online–Lexikon, 2007). Abgesehen davon, dass das die Frage aufwirft, wa-rum Modernisten sie dann mit allen Mitteln bekämpfen, sie abreißen wollen, zeigen solche Sätze die allseitige Konfusion und allgemeinplätzige Un-wissenschaftlichkeit.

Diese Haltung vertreten in der Soziologie vor allem Neo–Marxisten, die ein „Re-thinking of Marxism“ fordern. (F. Jameson II, M. Gmür, R. Kurz).

Ein Vorwurf dieser Seite allerdings ist berechtigt, nämlich, dass die Postmo-

derne keine kritische Theorie, ja ein „theoretical lag“ habe. Zugleich wird ignoriert, dass die eigene kritische Theorie (die der Frankfurter Schule) mit ihrer eindimensionalen, anti-bourgeoisen Grundlage eine erhebliche „Mo-difikation“ nötig hätte, um noch brauchbar zu sein. Die Forderung weiterer Chancen für Modernisten verspricht angesichts der jahrzehntelang fehlge-schlagenen „Reform“–Versuche keine zukunftsweisenden Lösungen. In Wirklichkeit geht es auch ihnen vor allem um Besitzstandwahrung und Er-haltung der Modernisten–Vorherrschaft.

1.1.3 Postmodernisten

Postmodernisten fassen ihre Architektur und Weltanschauung entweder als Neo- oder Alt–Con–Bewegung auf, teils in radikaler Opposition, teils mit Einschränkungen oder rückwärts gewandt historisierend. In jedem Fall legen sie Hand an die Wunden, das Irrationale und Chaotische der ord-nungsfanatischen Technokraten. J.-F. Lyotard bleibt widersprüchlich, wenn er einmal die „Meta–Erzählungen“ (Aufklärung, Idealismus, Historismus, Marxismus) für gescheitert hält und gleichzeitig für einen „promodernisti-schen Postmodernismus“ plädiert. An anderen Stellen spricht er vom Ende der Moderne.

Ihre Protagonisten üben mehr oder weniger nachhaltige Kritik an den Wer-ten der „wertfreien“ Moderne, sie sehen diese in wesentlichen Punkten als überholt und gescheitert. (A. Rifkin, G. Wersig, W. Welsch, St. Toulmin, Ch. Jencks u.a.). Da Postmodernekritiker in der Regel nur mit dem historisie-renden Zweig argumentieren (um sie als faschistoid und reaktionär abtun zu können) wird im folgenden die postmoderne Epoche übergeordnet und vollständig beschrieben. Dazu später mehr.

Diejenigen Autoren, die bereits eine „Nach–Postmoderne“ ausmachen (oh-ne zu sagen worin deren Unterschied zur eigentlichen Postmoderne be-steht) werden trotz vieler richtiger Aussagen nicht weiter diskutiert. (J. Hermand, A. Rifkin u.a.). Der Sprung von der (vorgeblich) epochenlosen Moderne zu jährlichen Epochenwechseln ist denn doch eine zu hektische und unrealistische Reaktion. Damit werden Postmodernisten unglaubwür-dig.

Die vorliegenden Ausführungen gehen davon aus, dass die Epoche der Postmoderne erst am Anfang steht, alles, was bisher geschah, eher eine frühe Übergangsphase oder „Notoperation“ war, erforderlich geworden durch die katastrophalen Fehlentwicklungen der Moderne und die nachhal-tige Ignoranz ihrer Verfechter.

1.1.4 Die Hegemoniefrage

Von obigen Standpunkten aus wird die Debatte klassenkämpferisch um politische, ästhetische, pädagogische und psychologische Fragen der Mo-derne und Postmoderne geführt. Insbesondere in der Architektur scheint es weniger um Ästhetik, Planungsfehler und Nichtfunktionieren zu gehen, als um die Behauptung politischer Machtpositionen und Besitzstandwahrung. An solchen Stellen zeigt sich zwar, wie sehr Kunst und Architektur mit Poli-tik und gesellschaftlich–ideologischen Fragen verbunden sind, aber auch, wie verhängnisvoll das modernistische Verbrämen und Verschweigen die-ses „Überbaus“ war. Die auch für Formgestaltung wichtige Prioritätenfrage drückt sich bisher allein beim Kampf um politische Vorherrschaften aus. Nicht erkannt wurde ferner, dass diese zunächst auf sprachlichem und be-grifflichem Gebiet entschieden werden muss.

1.2 Sprachliche und methodische Mängel

1.2.1 Mangelnde Begriffsklarheit

Den intellektuellen Eliten entging bisher, dass Modernisten nicht nur Land-schaften und Städte entstellten, sondern auch Begriffe. Mit den in jahre-langen Propagandafeldzügen endlos verbogenen und dialektisch verfälsch-ten Begriffen und Beschönigungs-„Blurbs“ redet man fruchtlos aneinander vorbei. Da das leidige Thema schon wiederholt angemahnt wurde, liegt ei-ne besonders hartnäckige wissenschaftliche Ignoranz vor.

Eine andere verbale Taktik besteht darin, eine in Misskredit geratene Sache begrifflich aus dem Verkehr zu ziehen, sie ggfls. mit einem neuen Etikett zu versehen, ohne den Inhalt der Flasche zu verändern, also Etiketten-schwindel zu betreiben. Hier wären erste „Bereinigungen“, „Läuterungen“ und „Modifikationen“ durchzuführen. So wurde der Begriff „Bolschewismus“ in den 1950er Jahren aus dem Verkehr gezogen als die Morde in seinem Namen auf Ablehnung stießen. Dasselbe versuchte man mit dem „Funk-tionalismus“, als er durch die Funktionalismuskritik seinen Glanz verlor. Wahrheitswidrig - manchmal in ulkiger Weise - behaupteten sogar Bau-häusler, dass ihre Schule nie etwas damit zu tun hatte; andere schoben den „schlechten Funktionalismus“ an die Bauwirtschaft weiter und beließen den „guten Funktionalismus“ beim Bauhaus. Nicht selten verheddern sich Intellektuelle im Gestrüpp ihrer inflationären Sprach–Manipulationen.

Eine der Folgen dieser Unklarheiten und mangelnden Analysen war die ver-puffte Begriffsorgie, mit der man jahrzehntelang versuchte, die Moderne umzudeuten: „erweiterte“, „bereinigte“, „vollendete“,„geläuterte“, „konzeptu-elle“, „kontextuelle“, „dialogische“, „revidierte“, „fiktive“, „semantische“, „in-formelle“, „metabolische“, „epigenetische“, „multifunktionale“, „hybride“, „re-flektive“, „frische“, „neue“, „Retro- usw. Moderne stehen zur Auswahl.

Der mit enormen Steuergeldern subventionierte Aufbau Ost nach der Wen-de hätte eine gute Gelegenheit geboten, diese verbalen „Wundertüten“ in reale Architektur umzusetzen. Stattdessen lief dieser vorwiegend auf die Restauration historischer Schlösser und Ensembles oder „Heimat deine Häuser“ hinaus – und die Wiederholung altbekannter Fehler modernisti-scher Architektur. Will Architekturtheorie etwas erreichen, muss sie zuerst wieder bei Begriffen „klarheit und wahrheit“ erlangen. Eine textkritische Untersuchung der Bauhaus–Terminologie steht ebenfalls noch aus.

1.2.2 Ausblenden des „Ismus“

Das Suffix „ismus“ bezeichnet ein Glaubenssystem, eine Lehre, Ideologie oder eine geistige Strömung in Geschichte, Politik, Wissenschaft oder Kunst. Es kennzeichnet, ebenso wie das „istisch“ bei Adjektiven eine Tendenz, Richtung, Geisteshaltung und damit eine Lebenseinstellung. (Feudalismus, Kapitalismus, Marxismus, Sozialismus). „Ismen“ können zu Dogmen, Starrsinnigkeit und Unbeweglichkeit tendieren bis hin zu totalitä-rer Gewaltherrschaft, wenn sie auf einem einmal eingenommenen Kennt-nistand verharren. (Kommunismus, Faschismus). (Wikipedia). Die Fachwelt unterscheidet nicht zwischen dem „Ismus“ und dem niederen instrumen-tellen Bereich, der nicht dogmatisch oder gewalttätig sein kann. Gewöhn-lich setzt man beide auf der niederen Ebene gleich, gibt Sozialismus als sozial aus, Funktionalismus als funktional usw. Damit reduziert man im marxistischen Sinne das Höhere auf das Niedere. Der Sozialismus scheiterte nicht am Sozialen, sondern am Sozialistischen, die „moderne Architektur“ nicht am Funktionellen, sondern am Funktionalistischen. Es empfiehlt sich, beide zu unterscheiden und deshalb wird hier als Überbegriff „Modernismus“ vorgezogen. Die Moderne war weniger:

- funktionell als vielmehr funktional istisch,
- sozial als vielmehr sozial istisch,
- rational als vielmehr rational istisch usw.

1.2.3 Missbrauch des Kausalnexus

Der Historiker Ernst Nolte wies als einer der Ersten auf den falschen Ge-brauch des Kausalnexus insbesondere in der Geschichtsschreibung hin. Er besteht aus Manipulationen von Ursache und Wirkung oder Reihenfolgen („Wir benötigen Kommunismus, um Faschismus zu verhindern“). Sie zie-hen sich wie ein roter Faden auch durch die Architekturgeschichte und -theorie und verfälschen die als objektiv und sachlich ausgegebenen „Be-schreibungen“.

Solche „Sprachspiele“ (Nach L.-J. Wittgenstein. Hier wird die Bezeichnung „Sprachmanipulation“ vorgezogen), die sich vor allem bei Historikern, Po-litikern, Soziologen und Werbefachleuten großer Beliebtheit erfreuen, arbeiten mit den Versionen:

- verkürzter
- gewendeter
- lückenhafter
- gekappter
- grundsätzlich falscher Kausalnexus.

Für die verkürzte Kausalkette lässt sich das Begrenzen der Bauhausgegner auf Nationalsozialisten anführen: Hier erwähnt man immer nur die Ver-folgungen des Bauhauses durch die Nationalsozialisten, verschweigt damit den voraufgehenden radikalen anti–bourgeoisen Reduktions- und Aus-merzungsfeldzug linker Avantgardisten. Ein gewendeter Kausalnexus liegt vor, wenn der Nationalsozialismus als Ursache modernistischer Architektur gezeichnet wird. Häufig findet sich die Kombination von lückenhaftem und verdrehtem Kausalnexus. Diese wandten schon W. Gropius und S. Giedion an, wenn sie die „braune Flut“ als einzige Bauhausgegner und deren „Res-sentiments“ als einziges Motiv der Gegnerschaft herausstrichen. Eine der seltenen richtigen Kausalfolgen brachte der Fernseh-Kunstkanal >arte<: „Aus der Oktoberrevolution und dem 1. Weltkrieg wurde der Faschismus und Nationalsozialismus geboren.“ (Nov. 2007).

1.2.4 Vernachlässigung gesellschaftspolitischer Ziele

Die gesellschaftspolitische Seite der „neuen sachlichkeit“ wurde von den drei Bauhausdirektoren, aber auch Le Corbusier – nach anfänglich ein-deutigen Worten – systematisch verschwiegen und verbrämt. Dabei ent-stand gerade ihre Architektur aus hochpolitischen Motiven. So verständlich dieses Verhalten in den Wirren der Weimarer Republik war, so sehr muss man das Verschweigen in der Nachkriegszeit durch die Bauhausenkel rügen. Geradezu gezielt wird in der gesamten Fachliteratur aus durch-sichtigen Gründen verdrängt, dass schon konservativ–bürgerliche Parteien den Bolschewismusvorwurf gegen die „Arbeiteruniversität“ erhoben, zu Zeiten, als es noch keine nationalsozialistische Partei gab.

Elektrisierende Modeworte wie „modern“, „neue welt“, „licht, luft und sonne“, „gute form“, „Funktion“, „Technik“, „Wohnmaschine“, das „Helle, Knappe und Klare“ usw. verschleierten den politischen Gehalt. Alles sollte nur noch

ein wertneutrales, ideologiefreies, wissenschaftliches Experiment (Gropius, Meyer, Mies) sein. Bei Moderne-Kritikern dagegen gingen die Claqueure nie auf die Sache ein, sondern konterten sogleich politisch mit der später erläuterten „Faschismuskeule“. Insbesondere für diesen Sektor gilt das Wort von Paul Feyerabend immer noch:

„Die lautesten Verteidiger des Rationalismus haben keine Ahnung vom Gehalt ihrer Doktrin. Das Prinzip von heute kann aber die Idiotie von morgen sein.“ (>Wider den Methodenzwang< 1986).

Nur ein Beispiel für irrige und verklärende Historie, das in jedem Satz auf-wertet, historische Fakten ignoriert und mit euphemistischen Begriffsver-schiebungen fälscht. Prof. Dr. Winfried Nerdinger (TUM):

„Der Weg zu einem neuen Baustil wurde in Mitteleuropa doch weitgehend ohne gesellschaftliche Veränderung gesucht und die Bemühungen einiger sozial engagierter moderner Architekten fanden wenig Beachtung. Der Grund lag sicher auch darin, dass die renommierten Avantgarde - Architek-ten wie Le Corbusier, Mies van der Rohe, Mendelsohn oder Gropius entweder unpolitisch oder halbherzige Sozialdemokraten waren. Wenn überhaupt, wollten sie mit ihrer Architektur im Sinne eines `Weißen Sozia-lismus` zu einer allmählichen evolutionären Verbesserung der Lebensbe-dingungen beitragen.“ (>Prager Architektur< 2006, S. 126).

Nicht nur ehemalige Bauhäusler sahen das völlig anders. Es sei bloß der hier angesprochene Erich Mendelsohn zitiert. Das Novembergruppe- und Arbeitsratmitglied sagt 1919 in einem Vortrag zur neuen Baukunst:

„Freilich, Gesellschaftsklassen im Banne der Tradition werden diese Zeit nicht heraufführen.“ (Bauweltfundamente 1, S. 54).

Auch an Frank Lloyd Wright sei erinnert. Gewiss kein Nazi, ordnete er die „grimmige“ und „unfruchtbare“ (barren) Architektur schon in den 1950er Jahren politisch eindeutig dem Kommunismus zu. Für ihn waren die Vertreter des „International Style“ Totalitaristen, keine ganzheitlichen Men-schen:

„Diese Bauhausarchitekten flüchteten vor dem politischen Totalitarismus in Deutschland, um jetzt hier in Amerika, unterstützt von trügerischer Be-günstigung, ihre eigene Kunstdiktatur zu errichten. (…) Weshalb misstraue und widersetze ich mich diesem `Internationalismus` ebenso wie dem Kommunismus? Weil beide ihrer Natur nach im Namen der Zivilisation dieselbe Gleichmacherei betreiben.“ (P. Blake >The Master–Builders< S. 248).

Ausländische Autoren formulieren längst präziser und in der Reihenfolge richtiger: Die britische Kunsthistorikerin Amy Dempsey:

„Das Bauhaus, das eine sozialistische Politik vertrat, bekam den Rechtsruck zu spüren, die nationalistische Mehrheit der Weimar Regierung beschloss 1925 die Streichung der Mittel für das Bauhaus.“ (S. 132 / 2002).

1.2.5 Fehlen der kritischen Komponente

Kritische Theorien gibt es heute in fast allen Bereichen – etwa in Bildung und Erziehungswissenschaften, ja sogar in Kirche und Religion – eine „kri-tische Architekturtheorie“ fehlt dagegen weiterhin. Aus oben genannten Gründen wurde das Hinterfragen modernistischer Architektur von Anfang an versäumt oder gemieden – weniger von Laien als von Architekten, Theoretikern und Historikern. So konnte nicht klar werden, dass das „sozia-le Engagement“ in Wirklichkeit ein sozialistisches war. Wiederum ein Ver-sagen der „Intelligenzija“ (russ.), das auch noch künftige Generationen kul-turell und finanziell bis zur Existenzbedrohung belasten wird. Erst seit kur-zem bemerken einige Wenige das seit Jahrzehnten Überfällige: … „eine kritische Architektur–Geschichtsschreibung, die Planung und Gesellschaft sowie die sozialistisch orientierte Avantgarde und den linken Funktionalis-mus“ einbezieht“ (Dr. Simone Hain, Berlin / 2004).

Allerdings scheint zumeist die kritische Theorie der Frankfurter Schule zur Anwendung zu kommen und sie reicht bei weitem nicht aus, führt eher auf Irrwege. Kritisches Bewusstsein ging mit der Dogmatik des Nutzens und Materiellen, mit der Unterordnung unter die Maschine, wie es Mart Stam und Mies forderten und der Mainstream übernahm, verloren. Überdies hat das dazu nötige Unterscheidungsvermögen durch die Tendenzen zu Ein -heitlichkeit, Gleichheit und Einebnung auf niedrigem Niveau dramatisch gelitten.

Es wurde eine einseitige, positivistische Teilsicht von Menschen, Gesellschaft und Welt gepflegt, die oft nicht einmal auf ihrem begrenzten Feld (etwa der Planwirtschaft) funktionierte. Das Verstehen der Formen-sprache degenerierte zu einer Art Legasthenie. Außerhalb der Technik (und manchmal bei ihr selbst) verursachte das funktionelle und funktio-nalistische Denken eine Fülle schwerwiegender Probleme. Neben anderem sind weniger die hohen Bau-, Folge- und Schadenskosten der „kostspie-ligen Einfachheit“ nicht mehr finanzierbar als vielmehr die permanente Formung eines reduzierten sozialistischen (Arbeiter−) Bewusstseins durch modernistische Architektur und andere Einflüsse.

Stattdessen wäre eine radikale Analyse oder Anamnese der Moderne zu fordern, ein Sondieren von Spreu und Weizen. Dies wurde allzu lange er-setzt durch blindes kollektives Jubeln, Euphemismus und Abwehr von Kriti-kern.

1.2.6 Dürftige Architekturtheorie, verklärende Historie

Bisherige Architekturtheorie und -geschichtsschreibung trugen erheblich zum modernistischen Debakel bei, an ihnen ist Methoden und Ergebniskri- tik zu üben. Das Ausklammern oder Beschönigen des politischen Inhalts während der gesamten Nachkriegszeit war ein unverzeihliches Versäumnis. Es begünstigte die Vermarktung der Moderne und verlängerte das kost-spielige Fiasko. Die als Ersatz angebotenen, scheinbar wertfreien, infor-mationstheoretischen und formalisierten Planungsverfahren blieben un-fruchtbar, weil auf Ebenen–Denkfehlern beruhend. Hinzu kommt eine gehörige Portion intellektuellen Opportunismus. All dies mag auch erklären, warum die Postmoderne zunächst auf historische Gebäudetypen als Archi-tekturvorlagen zurückgreifen musste. Auf modernistischer Seite präsentiert sich der derzeitige Zustand jedenfalls mit einer Reihe gescheiterter Theo-rien; auf postmodernistischer mit einem „theoretical lag“.

2 Moderne als Epoche

2.1 Abgrenzung historischer Epochen

2.1.1 „Erneuerte“ Endlosmoderne?

Modernistische Planer erhoben für ihre Architektur Allgemein- und Ewig-keitsgültigkeit. Sie erklärten ihre Bewegung zur zeit-, stil-, und epochen-losen Moderne und waren davon überzeugt, dass die Realität diesem (unrealistischen) Gedankenkonstrukt folgt. Begründet wurde es mit den allgemeingültigen, ewigen mathematischen, funktionellen, euklidischen und platonischen Ideen, auf denen sie beruhte. „Für viele Kunstschaffende wird die Moderne als einzig `wahre` Kunstform angepriesen“. ( >Das große Kunstlexikon< von P. W. Hartmann). Das schien den historischen Epochen- begriff überflüssig zu machen.

Nachdem die Bezeichnung „Postmoderne“ nicht mehr so ohne Weiteres zu kappen ist, formuliert man sogar die Postmoderne zur ewigen Moderne um. Otto Sell:

„Die Postmoderne ist eine fortgesetzte und fortwährende Erneuerung der Moderne, nicht ihr Abgesang“. [3]

Warum man das „Erneuerte“, so es denn eines ist, nicht anders benennen darf, sollte man irgendwann sagen. Im Prinzip basieren solche Überle-gungen auf Marxens „Endlösung“ der Geschichte, ein Indiz, dass man sich partout weigert, aus den verheerenden historischen Folgen der „Meta–Er-zählungen“ zu lernen. Die Erkenntnis, dass das Wegreden von Grenzen ursächlich ist für das Vereiteln von brauchbaren anderen Theorien, egal, ob für eine „Erweiterung“ oder „Ablösung“, steht erst recht noch aus. Einige ausländische Philosophen weisen auf diese weit verbreitete Denkblockade:

„Selbst akademisch geschulte, aber systemimmanent eingestellte Kulturhi-storikerInnen versuchen, durch wahllose Ausweitung des Begriffes `die Moderne` alle genaueren politischen oder sozioökonomischen Unterdiffe-renzierungen sowie alle auch in der Kunst auftauchenden ideologischen Polarisierungen zugunsten antiteleologischer Geschichtsauffassungen aus-zuschalten“. (Jost Hermand, S.44).

2.1.2 Zweite und dritte Moderne

Neben der Endlos-Moderne begnügt sich eine bescheidenere Variante (vorerst?) mit einer 2. Moderne, ohne zu sagen, was danach kommt. Viel-leicht rechnet man insgeheim mit einer 3., 4., 5. usw. Moderne? Solche Er-klärungsnot haben systemkonforme Altmodernisten natürlich nicht.

Heinrich Klotz, der früher einmal mit seiner »Revision der Moderne« richti-ger lag, schlug später mit der >2. Moderne< Volten rückwärts. Diese würde nämlich geradewegs wieder auf die >1. Moderne< hinauslaufen, wenn er gegen die Postmoderne argumentierend, fordert:

„Wir kehren zurück zu den primären Körpern, zu den reinen Formen unter dem Licht gemäß Le Corbusier und setzen gegen die Splitterästhetik des Dekonstruktivismus erneut den gestrafften Rechtkant“.

Jeannine Fiedler baut dagegen schon weiter vor:

„Von den Rezipienten zum Klassiker unter den Avantgarden geadelt, bleibt das Bauhaus auch über das ausklingende Jahrhundert hinaus Prüfstein für eine zweite und dritte Moderne in Design und Architektur.“ (S. 10).

2.1.3 Moderne-Bezeichnungen

Wenn Otto Sell sagt: „Kategorisierung soll man der Nachwelt überlassen“ (ebd.), gibt er Grundlagen von Wissenschaftlichkeit auf. Da solche Auffas-sungen kein Einzelfall sind, empfehlen sich Kategorisierungen. Um in den Wirrwarr der unterschiedlich gebrauchten (und propagandistisch miss-brauchten) architektonischen Modernebegriffe wieder eine klare Linie zu bringen und Abspaltungstaktiken Einhalt zu gebieten, sind einige Richtig-stellungen notwendig. Deshalb seien die verschiedenen Moderne-Be-zeichnungen wieder zusammengefasst. Sie bedeuten ein und dasselbe:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit diesen Bezeichnungen wird der monistische Inhalt der Bauhaus-Ideo-logie eindeutig und richtig charakterisiert. Funktionalismus oder Konstruk-tivismus sind ohne Rationalismus nicht möglich und umgekehrt. Auf ihnen beruht das viel gepriesene Ingenieurdenken. Sie auseinander zu dividieren,

ist unlogisch und vereitelt richtige Erkenntnisse.

Wahrscheinlich entging solchen Abspaltern auch, dass sie damit ihrem an-gebeteten Idol widersprechen, sonst würden sie es sicher unterlassen. Mies wies solche Versuche schon 1927 zurück: ..."Die Frage `konstruk-tivistisch oder `funktionalistisch` ist unernst". (F. Neumayer, S. 229).

Nur ein Beispiel: der Dozent und Architekturtheoretiker Jürgen Pahl lieferte noch im Jahr 1999 eine Breitseite falscher Aufgliederungen und Zuord-nungen. In einem >5-Säulen-Modell der Moderne< trennt er 1. Konstruk-tivismus, 2. Funktionalismus und 3. Rationalismus in gesonderte Säulen. Er ordnet diesen Begriffen unterschiedliche Raumauffassungen zu und cha-rakterisiert sie: 1.= Raum–durchdringend, 2.= Raum–fügend und 3.= Raum–begrenzend. Das ist absurd. Da alle drei als solitäre objektive Sy-steme gelten, beinhalten sie ein und dieselbe Raumkonzeption und für sie kann nur 1.= Raum–durchdringend in Frage kommen ( besser wäre „Raum–verdrängend“). Für "Zeit" hat er keine Zuordnung mehr (vermutlich, weil diese Periode zur „zeitlosen“ erklärt wurde). Tatsächlich lässt sich „Zeit“ nicht eliminieren. Wie gesagt, aus solchen falschen Prämissen kann man keine brauchbaren Theorien entwickeln. [4]

2.1.4 Unterscheidung von „spät“ und „nach“

Eine weitere bevorzugte Methode im begrifflichen Verschiebebahnhof ist

das Vertauschen oder Gleichsetzen von „spät“ und „nach“. Wenn Thomas Köster und andere sagen: „Synonyme für Postmoderne sind `Transavant-garde` und `Spätmoderne`“, so verschieben sie das ` nach ` auf das ` spät `. Zunächst: „post“ wird in Wörterbüchern sowohl im Englischen als auch Lateinischen mit „nach“ übersetzt und nichts anderem. D. h. die Verschie-betaktiker sind nicht nur unredlich, sondern strapazieren damit schon ver-bale Logik. Die Methode ist durchsichtig, es soll der Eindruck erweckt wer-den, dass der Inhalt von „nach“ derselbe ist wie von „spät“, es sich also um nichts Neues handelt. Das „Nach“ einer Epoche wird auf das „Spät“ der vorhergehenden zurückgesetzt. Da sie kein Danach zulassen, bleiben sie auf diese Weise in der „ewigen“ (Spät-) Moderne. Der Erfahrungsunter-schied, ob man „spät“ zu einer Party kommt oder „danach“ ist erheblich. An solchen Stellen tritt die Schwierigkeit von Modernisten mit dem Begriff `Zeit` zutage. Vor allem aber bleibt auch hier die Frage offen, was nach der (ewigen?) Spätmoderne kommen soll - etwa die 2. und 3. Spätmoderne? Eine wiederum fragwürdige Wissenschaftlichkeit.

2.1.5 Bestimmung der Früh-, Hoch- und Spätmoderne

Fachleute übernehmen den Wunschtraum der „epochen-, zeit- und stillosen Moderne“ bis heute unreflektiert. Postmodernes Denken arbeitet wieder mit Epocheneinteilungen: Früh-, Hoch- und Spätperioden. Sie sind ein (nicht− lineares) wissenschaftliches Naturgesetz, das die linear–deterministische marxistische Lehre (wie andere wissenschaftliche Gesetze, die nicht in de-re Denkkonstruktionen passten) einfach beiseite schob. Es bietet ein stim-migeres und praktikableres (ewiges!) Instrument von Phasentrennungen und -charakterisierungen als die pseudorationalistische Illusion einer epo-chenlosen Moderne. Die klassische Moderne missachtete mehr als eine wissenschaftliche Errungenschaft der Zeit (von den neu hinzu gekommenen nicht zu reden), opferte sie dem Marxismus.

Ohne präzise Abgrenzungen sind Orientierungen, Eindeutigkeit und Klar-heit für Sprache und Gestaltungen nicht möglich. Grenzen sind wissen-schaftliche Realitäten. Paradoxerweise grenzten sich Modernisten sehr ent-schieden und revolutionär gegen Eklektizismus, Jugendstil und Expressio-nismus ab, um bei Null beginnen zu können. Gleichzeitig redeten sie es anderen aus.

1. Früh- und Hochmoderne. Hierzu zählt die „klassischen Moderne“ von 1919 bis 1933 und ihre Ausbreitung nach 1945.

2. Spätmoderne. Die „Eiertänze“ in Geschichtsschreibung und Theorie um eine klare Abgrenzung der Moderne oder Spätmoderne resultieren aus dem zuvor Gesagten. Mit dem Aufheben von Grenzen will man um einen Abschluss der Moderne herumkommen. Die Folgen sind konfuse Zuord-nungen und fragwürdige Interpretationen:

Günter Behnisch`s Olympia-Zeltdach unter postmodernes Bauen zu plat-zieren (>Architektur des 20. Jhdts.< 2005, P. Gössel und G. Leuthäuser) zeigt, dass weder Klarheit über die Moderne noch Postmoderne besteht. Frei Otto war kein postmoderner Architekt, ebenso wenig wie Oswald Mathias Ungers. Es ist Unsinn, wenn der BDA Berlin das Hansa-Viertel (1957) unter Spätmoderne einordnet (Homepage 2007). Richard Döcker als „Spätfunktionalist“ ist schon zeitlich irrig. (archinform, 2007). Das Werk-bundmitglied blieb zeitlebens „Frühfunktionalist“.

Hier wird der von Holland, Großbritannien oder Frankreich ausgehende Nachkriegs−Strukturalismus als spätmoderne Phase gesehen. Aldo van Eyck, Archigram, Yona Friedmann, Moshe Safdie, Frei Otto u.a. gehören dazu. In Japan trat diese Richtung als »Metabolismus« auf. Die Megastruk-turen waren formal eine Verbindung von High-Tech und biologischen Strukturen. Kisho Kurokawa:

„So ergeben sich nicht nur logische Lösungen für zivilisatorische und urbanistische Probleme, sondern auch Modelle der Beherrschbarkeit einer sich verselbständigenden Technik und Kultur der beschleunigten Transformation.“ (1977).

Dieser Abschnitt stellt quasi die „Rokoko-Phase“, d.h. die Endphase der Moderne dar. Sie hatte nur eine kurze Lebensdauer, scheiterte an ihrem Realitätsverlust, an der technoiden „Weltraumarchi-tektur“ mit ihrer nicht mehr mach- und finanzierbaren Bautechnik. [5]>Nach der hier vorgetragenen Sicht war die Moderne nicht mit der Jenck` schen Sprengung von Pruitt Igoe beendet,

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

.1 Beispiel Metastadt Wulfen.

Das Terrassenwohnhaus soll für die einheimische Spätmoderne stehen. Nach rund 10 Jahren Planungszeit wurde die Struktur als erstes Objekt mit etwa 100 WE nach einem Konzept des Architekten Richard J. Dietrich unter Mitarbeit einer Architektengruppe der TU München, mit Steuergeldern subventioniert, 1973 realisiert. Mit dem Projekt sollte … „die Krankheit der Städte durch dreidimensionale Stadtbausysteme geheilt werden.“ (Peter M. Bode).

Nach nur 12 Jahren Standzeit wurde das Stahl / Aluminium-Konstrukt 1987 wegen irreparabler Schäden abgebrochen. „Bevor der Abbruch begann, lebten nur noch 4 von einst 102 Bewohnern in dem vergammelten Wohn-hügel“. (V. M. Lampugnani, >Stadtformen< 2005).

[...]


[1]>Charles Jencks >Critical Modernism< 2007.

[2]>Joel Moffet >British architecture 1980–2000<

[3]>www.ottosell.de

[4]>Jürgen Pahl >Architekturtheorie des 20. Jahrhunderts< Prestel 1999. An anderen Stellen weist der Inhalt auch viele richtige Aussagen auf.

[5]>Eine der wenigen Stellen, die diese Phase richtig darstellt, findet sich in >Architektur- Theorie< Taschen 2006. „Die metabolische Bewegung verband den spätmodernen techni-zistischen Gestus mit der Idee von Architektur als biologie - analogem Konzept.“ (S. 522). Richtig ist hier auch die Reihenfolge, wonach auf sie die Theorie und Architektur von Aldo Rossi folgte.

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Zweite Moderne oder Postmoderne?
Untertitel
Ein Architektur–Diskurs
Autor
Jahr
2008
Seiten
76
Katalognummer
V86409
ISBN (eBook)
9783638909648
ISBN (Buch)
9783638911405
Dateigröße
5637 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zweite, Moderne, Postmoderne
Arbeit zitieren
Dipl. Werner Nehls (Autor), 2008, Zweite Moderne oder Postmoderne?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86409

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