Zum Verhältnis von klinischer Psychologie und Pädagogik

Schizophrene Menschen in Rehabilitationsmaßnahmen


Magisterarbeit, 2007
102 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Wandel des Gesellschaftssystems
1.2 Rehabilitationsmaßnahmen und Einrichtungen

2. Schizophrenie als eine psychische Erkrankung
2.1 Historische Entwicklung des Begriffs Schizophrenie
2.1.1 Ursachen und Missverständnisse des Begriffs der Schizophrenie
2.2 Muster der Krankheit
2.2.1 Halluzinationen
2.2.2 Wahnvorstellungen
2.2.3 Identität
2.2.4 Identitätswahrnehmung, Interessen und Gefühle
2.2.5 Antriebsmangel
2.2.6 Sprachverarmung
2.2.7 Affektverflachung
2.3 Auswirkungen der Krankheit auf das Leben schizophrener Menschen
2.3.1 Stigmatisierung/Etikettierung
2.3.2 Isolation

3. Aspekte konstruktivistischer und systemtheoretischer Sichtweisen
3.1 Die „Form“ Person
3.2 Das Bewusstsein
3.3 Kommunikation
3.4 Die Person im Sozialsystem
3.5 Die Form Person als Bindeglied der Gesellschaft
3.6 Auswirkungen der Schizophrenie auf die Form Person

4.Einflüsse und Aufgaben der Pädagogik
4.1 Anthropologische Voraussetzung der Erziehung
4.2 Hermeneutik
4.3 Funktionen von Zielen
4.3.1 Restrukturierung von Mündigkeit
4.3.2 Motivation und Emanzipation
4.4 Erziehung und seine Wirkung

5. Psychopharmaka in der Behandlung von psychisch kranken Menschen
5.1 Neuroleptika
5.2 Anwendungsgebiete und Einsatzmöglichkeiten
5.2.1 Wirkungsweisen
5.2.2 Nebenwirkungen

6. Rehabilitationsmaßnahmen
6.1 Tagesstrukturen
6.1.1 Sozialtherapeutischer Schwerpunkt
6.1.2 Psychotherapeutische Behandlung
6.2 Arbeitstherapeutischer Bereich
6.2.1 Beschäftigungstherapie (BT)
6.2.2 Ergotherapie (ET)
6.2.3 Arbeitstherapie (AT)
6.3 Komplikationen und Therapieschwierigkeiten

7. Grundlagen von Fallstudien
7.1 Signifikanz von Fallstudien
7.2 Methoden und Techniken
7.2.1 Analysemaske
7.2.2 Probantenauswahl
7.2.3 Datenauswertung
7.2.4 Datenschutz

8. Fallstudie/Interview

9. Analyse

10. Die Stellung Angehöriger psychisch kranken Menschen

11. Kritik

12. Aussichten

13. Fazit

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Literaturangabe

Internetangabe

Anlagen

Anhang

1. Einleitung

Über Rehabilitationsmaßnahmen chronisch psychisch kranker Menschen, insbesondere von Menschen mit diagnostizierter Schizophrenie, ist bis heute im Verhältnis nur sehr wenig publiziert und wissenschaftlich geforscht worden, obwohl die Rehabilitationsmaßnahmen im Wesentlichen ein größeres Problem darstellen, als die psychiatrische Akutbehandlung solcher psychischer Erkrankungen[1]. Dieser Engpass an Erkenntnissen über die Behandlungsmethoden von beruflicher und sozialer Förderung seelisch kranker und behinderter Menschen, soll in der vorliegenden Magisterarbeit untersucht und bearbeitet werden. Dies wird unter anderem mit einer Reihe an Überlegungen an Hand von Theoriemodellen, insbesondere derer der Pädagogik und der Psychologie dargestellt und wird von Ergebnissen einer qualitativen Erhebung gestützt. Es wird das Verhältnis von Pädagogik und klinischer Psychologie im Bezug auf Rehabilitationsmaßnahmen von schizophrenen Menschen untersucht und die verschiedenen Aspekte der genannten wissenschaftlichen Disziplinen kritisch betrachtet. Dabei wird großer Wert auf die Verbindung der beiden Bereiche von Pädagogik und Psychologie, aber auch der Einbezug von Theorie und Praxis gelegt. Die Erhebung basiert dabei auf Erkenntnissen und Ergebnissen einer Untersuchung, die im Rahmen eines Praktikums, sowie einer späteren Mitarbeit bei der REAS GmbH & Co. KG, einer Einrichtung für soziale und berufliche Rehabilitation und Langzeitbehandlung psychisch kranker und seelisch behinderter Menschen vorgenommen wurde. Dabei wurden insbesondere die Bereiche Ergo- und Beschäftigungstherapie im Rahmen der Rehabilitationsmaßnahmen untersucht, aber auch das soziale Umfeld der Rehabilitanten mit einbezogen. Das Interesse an der Thematik und der Entschluss, dies als Thema für meine Magisterarbeit zu wählen, entstand dabei aus der engen Zusammenarbeit und der Begleitung von psychisch erkrankten Menschen, in ihren Rehabilitationsmaßnahmen.

Der Zugang erfolgte dabei überwiegend über Grundprinzipien der Narrativen Pädagogik, welche die Problematik des gestellten Themas nicht über empirische Forschung der Prinzipienreflexion im strengen Sinn untersucht, sondern über Modi der Mitteilung die erlebtes Geschehen erzählen (lat. Narrare).

Die besonderen Umstände mit denen die betroffenen Menschen in ihren Rehabilitationsmaßnahmen konfrontiert wurden und die Vermischung und Beeinflussung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, insbesondere der Pädagogik und der klinischen Psychologie, hat mich auf die Frage nach dem Verhältnis dieser beiden Disziplinen gebracht. Die Pädagogik als Disziplin arbeitet traditionell mit vielen weiteren verwandten Nachbardisziplinen zusammen und bietet mit diesem Netzwerk einen breiten Zugang zu diesen.

Abb. 1: Das Fach Pädagogik[2]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Trotz der Verbundenheit dieser Einzeldisziplinen, kommt man bezüglich der Fragestellung doch sehr schnell in Erklärungsschwierigkeiten, betrachtet man die Theoriemodelle und Methoden der Disziplinen bei der Durchführung von Rehabilitationsmaßnamen und die fachliche Differenzierung. Ausgehend davon muss man berücksichtigen, ob bei der Behandlung von chronisch psychisch erkrankten Menschen, mehr der Mensch oder die Krankheit im Focus der Rehabilitationsmaßnahme steht oder stehen muss. In den vergangenen Jahren sind immer wieder Forschungsergebnisse und Studien vorgelegt worden die zeigen, dass eine immer größere Anzahl von Menschen in Deutschland an einer psychischen Erkrankung leidet. So beispielsweise die der Schizophrenie[3]. Diese Erkrankungen haben einen direkten Einfluss auf die Lebensqualität und insbesondere auf die Erwerbsfähigkeit dieser Menschen und schneiden somit massiv in die Lebensgestaltung der Betroffenen ein.

Um diese, durch die Krankheit ausgelösten Einschränkungen, zu mildern oder zu eliminieren und die Erwerbsfähigkeit wieder herzustellen, werden vielfach berufsfördernde Rehabilitationsmaßnahmen für die betroffenen Menschen eingeleitet. Dabei stellt sich die Frage, in wie weit halten diese Maßnahmen einer kritischen Überprüfung stand, wenn man systemtheoretische und konstruktivistische Modelle und Theorien, der aktuell in der Psychatrie verwendeten Praxis gegenüber pädagogischen Konzepten, bei derartigen Rehabilitationsmaßnahmen mit einfließen lässt.

Zudem stellt sich die Frage, welche Auswirkungen die Verwendung von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen im Rahmen solcher Rehabilitationsmaßnahmen haben. Sind doch zum Teil die theoretischen Ansätze der Disziplinen, wie z.B. der Pädagogik und der Psychologie, aber auch der Medizin, sehr verschieden und fokussieren nicht immer die gleichen Ziele in der Behandlung der betroffenen Menschen.

Diese Problematik beschreibt u.a. auch Walter Herzog in seinem Buch: „Pädagogik und Psychologie“. Hier beschreibt er unter anderem, dass diese beiden Disziplinen in einem sehr schwierigen Verhältnis zueinander stehen. Diese Schwierigkeiten zeichnen sich insbesondere in einem Mangel an Kooperation auf wissenschaftlicher Ebene aus.[4] Obwohl es nach Auffassung von Walter Herzog kaum einen großen Psychologen gab, der sich nicht zu Fragen der Pädagogik geäußert hatte und viele pädagogische Klassiker Teile psychologischer Werke und Theorien verwenden, bleibt eine gemeinsame Erarbeitung von Überlegungen und Theorien dieser beiden Disziplinen meist außen vor. Es gibt jedoch Bereiche, in denen sowohl Pädagogik, als auch die Psychologie nicht voneinander getrennt angewandt werden können. Dies zeigt gerade auch ein Teilgebiet der Psychologie auf, in der Disziplin der Pädagogischen Psychologie. Sie enthält Psychologie als Hauptbegriff und pädagogisch als Spezifizierung. Gerade im Anwendungsbereich von Rehabilitationsmaßnahmen bei psychisch erkrankten Menschen, ist eine kombinierte Anwendung, insbesondere dieser beider Disziplinen unabänderlich. Unabänderlich daher, da die Auswirkungen der Krankheit nicht nur einen Teilbereich des Lebens der betroffenen Person einschließt, sondern alle Lebensbereiche beeinträchtigt. Die Komplexität von Arbeits- und Lebensbewältigung im Bezug auf psychischen Störungen, Behinderungen oder Erkrankungen sind weitaus facettenreicher als man dies hier vermutet. Untersucht man dies in diesem Zusammenhang, so ist es schon mit unzähligen divergierenden Assoziationen verknüpft und wird im wissenschaftlichen Diskurs je nach Normen, Kenntnissen, Ideologien und Forschungsrichtungen verschiedenartig dargestellt.

Im Bereich zwischen Arbeits- und Lebensbewältigung und psychischen Störungen stehen die krank machenden Faktoren oftmals konkret im Vordergrund, ihre Auswirkungen bleiben jedoch oft unterschätzt. Selbst innerhalb der psychiatrisch stationären oder ambulanten Behandlung werden die positiven Bedeutungen und Funktionen von sozialer Wiederherstellung und die damit verbundene Arbeitsfähigkeit weit unterschätzt und in oben genannter Stoßrichtung monoton wahrgenommen[5].

Doch sind gerade in heutigen Rehabilitationsangeboten neben der medizinischen und psychologischen Betreuung, pädagogische Therapieformen, wie u.a. die der Ergotherapie, fester Bestandteil des Therapieplans. Nicht zuletzt geben Erfahrungen von Betroffenen und behandelnden Therapeuten und Ärzten, stichhaltige Hinweise auf die, durch die Ergotherapie hervorgerufenen, positiven Effekte auf die Erkrankung der betroffenen Menschen. Diese sind bei psychisch erkrankten Menschen grundsätzlich ähnlicher Natur, können individuell jedoch erheblich variieren.

An dieser Stelle sollen unter anderem Aspekte der systemtheoretischen Theorie und des Konstruktivismus helfen, psychologische Ziele und Behandlungsmethoden in Rehabilitationsmaßnahmen bei Menschen mit psychischen Erkrankungen, insbesondere Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis, besser zu verstehen. Dem gegenüber sollen kritische Aspekte der Pädagogik Lücken in diesem Theoriegeflecht aufzeigen und den Menschen mehr in den Mittelpunkt der Behandlung stellen als die Krankheit selbst. Zunächst sollen im folgenden der Termini fokussiert werden, um ein Fundament zu schaffen, auf dem in den nächsten Kapiteln die Krankheit selbst und die arbeitstherapeutischen Methoden erörtert werden. Dies dient unter anderem dazu, dass das Bild der Schizophrenie im Zusammenhang mit Rehabilitationsmaßnahmen detaillierter erfasst werden kann.

1.1 Wandel des Gesellschaftssystems

Betrachtet man die zuvor geschilderten Fakten, so muss man auch die Überlegung mit einbeziehen, warum gerade eine psychische Erkrankung so weitreichende Auswirkungen auf die erkrankten Menschen hat. Hier insbesondere auf ihre Lebensqualität. Dies wird etwas klarer, bezieht man den historischen Verlauf der letzten beiden Jahrhunderte, mit in diese Überlegung ein.

Der Wandel von einer weichenden Industriegesellschaft hin zu einer neuen Gesellschaftsform wird nicht nur von Soziologen, sondern auch von vielen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen im Bereich der Erziehungs- und Humanwissenschaften gesehen, empfunden und wird in der Literatur auch als solcher beschrieben[6]. Die Bezeichnungen der sich neu entwickelnden Gesellschaft, gerade in Deutschland, reichen von Begriffen der Risikogesellschaft, der Wissensgesellschaft bis zur Informationsgesellschaft[7]. Wobei letztere nach Ansicht führender Soziologen den Zustand der Gesellschaft in Deutschland derzeit am Besten beschreibt[8].

Neue Arbeitsbereiche und Segmente entstehen und stellen neue Anforderungen an Wissenschaft und Theorie. Hierbei steigen proportional aber auch die Anforderungen an die Individuen, sprich, die Menschen die sich in diesem Wandlungsprozess aktiv befinden. Die Schaffung, Verteilung und Bewertung von Informationen beschäftigt eine stetig steigende Anzahl von Menschen, informationstechnische Berufe nehmen zu, die Lehrmethoden im Bildungsbereich wandeln sich hin zum multimedialen Unterricht. Ein jeder produziert und konsumiert Informationen, lebt also quasi mit und in Informationen als Teil der neuen Informationsgesellschaft. Die Menge der frei verfügbaren Informationen ist nicht nur ins Unermessliche gestiegen, auch die Geschwindigkeit ihres Flusses hat zugenommen. Angesichts dieser Überfülle von Informationen, Inhalten, steigenden Anforderungen und Belastungen in jedem Lebensbereich, findet man sich sehr schnell in Orientierungsschwierigkeiten wieder. Weitere Auswirkungen dieses Gesellschaftswandels lassen sich auch in Strukturen des Alltags wieder finden. Der Beruf drängt sich immer weiter ins Zentrum des Lebens von Menschen und beeinflusst zunehmend soziale Bereiche wie Familie und Lebensplanung aber auch ökonomische Bereiche[9]. Diese multiplen Belastungen lassen die Vermutung zu, dass es diese Faktoren sein könnten, womit sich der Anstieg von psychischen Erkrankungen in der Gegenwartsgesellschaft in Deutschland erklären lässt. Es gibt zwar schon immer Erkrankungen der Psyche, jedoch lässt sich nicht verschweigen, dass die Neuerkrankung in diesem Bereich in Deutschland in den letzten Jahren kontinuierlich anstiegen[10]. Die Erkrankung an einer psychischen Störung hat weit reichende Folgen in jeden Bereich des Soziallebens des Betroffenen, dessen Angehörigen und seiner Umwelt in allen Bereichen des Lebens. Die Auswirkungen sind meist nur schwer zu beschreiben oder einzugrenzen.

Die größten Ausmaße einer solchen Erkrankung dürften jedoch die Auswirkungen, auf die Arbeitsfähigkeit und die Störungen im Gemeinschaftsleben, wie Partnerschaft oder Familie sein, wenn Menschen zu Patienten werden[11].

Alle diese Faktoren gefährden die Lebensqualität sowohl des Betroffenen als auch dessen Angehörigen, sowie das gesamte soziale Umfeld.

1.2 Rehabilitationsmaßnahmen und Einrichtungen

Um neben den bereits beschriebenen und anderen Auswirkungen der Krankheit und die dadurch entstehende Belastung des Erkrankten möglichst zu reduzieren, ist es daher nach derzeitigen psychologischen und medizinischen Behandlungsmodellen unumgänglich, zusätzlich zu der Grunderkrankung, auch eine berufliche- und soziale Rehabilitation neben der medizinischen und psychologischen Betreuung einzuleiten. Berücksichtigt man die oben genannten Faktoren[12], reagieren Betroffene oder Angehörige verspätet, kann sich die Erkrankung zudem u.U. auch zu einer Behinderung entwickeln. Es wird davon ausgegangen, „...dass psychisch kranke Menschen über eine ganz besondere Empfindsamkeit und Verletzlichkeit verfügen, die dazu führen kann, dass sie in von ihnen als belastend empfundenen Situationen das seelische Gleichgewicht verlieren. Psychische Störungen werden beeinflusst durch das Zusammenwirken biologischer, psychischer und sozialer Elemente“[13]. Eine Behinderung liegt dann vor und wird als solche gedeutet, wenn als Folge der psychischen Erkrankung Störungen bestehen, die nicht nur vorübergehend sind, sondern die eine Alltagsbewältigung und die Erwerbsfähigkeit erheblich und kontinuierlich beeinträchtigen oder schädigen. Dem Vorzubeugen besteht die Möglichkeit eine Rehabilitationsmaßnahme zu durchlaufen, um weitesgehend eine Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit und des Soziallebens zu gewährleisten. Das derzeitige Gesundheitssystem in Deutschland sieht vor, die genauen Behandlungsmöglichkeiten, sowie Therapievorschläge anhand von detaillierten Befundaufnahmen und Diagnosen zu erstellen und ist die gegebene Praxis. Es wird anhand von Krankheitsbildern ein entsprechender Therapievorschlag nach bewährten katalogischen Mustern erstellt und nach Klassifizierung und Bestätigung der Diagnose, sowie Einbezug der Anamnese, eines Therapeuten angewendet.

Dadurch entsteht ein nahezu technischer Umgang mit den Symptomen und der Krankheit des betroffenen Menschen.[14] Dabei geht man in der Praxis nach folgendem Schema vor[15]:

1. Wie kam die Erkrankung zu Stande? (Anamnese)
2. Was stellte man fest? (Befund)
3. Wo sitzt die Läsion, die derartige Symptome hervorruft? (Lokaldiagnose)
4. Warum erkrankte der Mensch? (Ätiologische Diagnose)
5. Wohin führt die Krankheit? (Prognose)
6. Wie kann man behandeln? (Therapiemaßnahme)

Hierzu gibt es in der Bundesrepublik Deutschland eine Vielzahl von Institutionen und Einrichtungen, die Therapieangebote bzw. Rehabilitationsmaßnahmen für medizinische, soziale und berufliche Rehabilitation im Rahmen psychischer Störungen und Einschränkungen anbieten.

2. Schizophrenie, eine psychische Erkrankung

Ein Großteil der sich in der Einrichtung befindenden Menschen, ist an einer Form der Schizophrenie erkrankt. Im Kontext dieser Arbeit und der Verwendung des Begriffs der Schizophrenie als eine psychische Erkrankung, liegt hier immer die Definition der Internationalen Statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme ,10. Revision ,Version 2007, in der german modification zugrunde. Kurz IDC-10 genannt. Darunter fallen die Diagnoseschlüssel der dazu gehörenden Klassifikation. In diesem Fall der Diagnoseschlüssel F00-F99 die den Bereich der Psychischen Verhaltensstörungen beinhalten. Hier explizit auf die Schizophrenie bezogen die Diagnoseschlüssel F20-F29. In diesem Abschnitt finden sich die Schizophrenie als das wichtigste Krankheitsbild dieser Gruppe, die schizotype Störung, die anhaltenden wahnhaften Störungen und eine größere Gruppe akuter vorübergehender psychotischer Störungen. Schizoaffektive Störungen werden trotz ihrer umstrittenen Natur weiterhin hier aufgeführt[16].

Als Beispiel hier der Diagnoseschlüssel F20.-: Die schizophrenen Störungen sind im allgemeinen durch grundlegende und charakteristische Störungen von Denken und Wahrnehmung sowie inadäquate oder verflachte Affekte gekennzeichnet. Die Bewusstseinsklarheit und intellektuellen Fähigkeiten sind in der Regel nicht beeinträchtigt, obwohl sich im Laufe der Zeit gewisse kognitive Defizite entwickeln können. Die wichtigsten psychopathologischen Phänomene sind Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung oder Gedankenentzug, Gedankenausbreitung, Wahnwahrnehmung, Kontrollwahn, Beeinflussungswahn oder das Gefühl des Gemachten, Stimmen, die in der dritten Person den Patienten kommentieren oder über ihn sprechen, Denkstörungen und Negativsymptome. Der Verlauf der schizophrenen Störungen kann entweder kontinuierlich episodisch mit zunehmenden oder stabilen Defiziten sein, oder es können eine oder mehrere Episoden mit vollständiger oder unvollständiger Remission auftreten. Die Diagnose Schizophrenie soll bei ausgeprägten depressiven oder manischen Symptomen nicht gestellt werden, es sei denn, schizophrene Symptome wären der affektiven Störung vorausgegangen. Ebenso wenig ist eine Schizophrenie bei eindeutiger Gehirnerkrankung, während einer Intoxikation oder während eines Entzugsyndroms zu diagnostizieren. Ähnliche Störungen bei Epilepsie oder anderen Hirnerkrankungen sollen unter F06.2 kodiert werden, die durch psychotrope Substanzen bedingten psychotischen Störungen unter F10-F19, vierte Stelle .5.

Exkl.:

Schizophrene Reaktion ( F23.2 )

Schizophrenie:

- akut (undifferenziert) ( F23.2 )
- zyklisch ( F25.2 )

Schizotype Störung ( F21 )

„Schizophrenie (grch.), früher Dementia praecox; Spaltungsprozess, Geisteskrankheit (endogene Psychose) mit einem völligen Auseinander fallen der inneren seel. Zusammenhänge von Wollen, Fühlen und Denken und mit ich Störungen (...). Andere Formen sind verbunden mit Wahnvorstellungen und Sinnestäuschung (...) meist Anstaltspflege erforderlich. Der Begriff S. wurde von Eugen Bleuler geprägt (der Name Dementia praecox geht auf Kraepelin zurück).“[17]

Schizophrenie ist eine noch immer in weiten Bereichen unverstandene, voller Mythen und Missverständnissen steckende, psychische Störung bei Menschen.

Sie wird als eine der bunt schillernden, im negativen Sinn, aller psychischen Störungen gesehen[18]. Dabei ist ihr Grad der Schwere sehr individuell und schlecht zu bewerten und einzustufen. Ebenso die Dauer dieser Erkrankung, diese reicht von einmaligem Auftreten, kurzen Perioden, intervallartigen Schüben, bis hin zu chronischer lebenslanger Betroffenheit. Auch das Lebensalter spielt bei dieser Erkrankung keine signifikante Rolle, wobei es Studien gibt, die bestimmte Eingrenzungen vornehmen[19].

Das betrifft das Geschlecht der Erkrankten ebenso[20], auch hierbei lassen sich keine eindeutigen Zusammenhänge erkennen. Diese Faktoren treffen auf den gesamten Bestand der Menschheit zu. Die Betroffenen gehören keiner bestimmten gesellschaftlichen Schicht an, es gibt keine Unterschiede zwischen globalen Strukturen, wie der Nationalität oder dem Entwicklungsstand in einem Land. Statistiken der WHO (World Health Organisation) belegen, dass ca. 1 % der Weltbevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer Schizophrenie erkranken[21]. Der Name der Krankheit hat jedoch im Laufe der Zeit ein Eigenleben entwickelt, das der heutigen wissenschaftlichen Definition und Wirklichkeit nicht mehr entspricht. Der Begriff der Schizophrenie ist mehr zu einem Wort für eine Metapher transformiert worden, mehr eine Wort Pseudonym für alles Unverständliche und Unbekannte als ein Begriff für eine psychische Erkrankung[22]. Dies liegt, wie bereits erwähnt, nicht nur am eigentlichen Wortstamm des Begriffs, welcher aus dem griechischen stammend zusammengesetzt ist aus zwei Wörtern und sinngemäß übersetzt Zwerchfell und Seele bedeutet[23]. Es wurde zur damaligen antiken Zeit angenommen, dass die Seele unter dem Zwerchfell sitzt. Also eine Erkrankung der Seele bedeutet. Schlägt man den Begriff der Seele in einschlägigen Lexika nach, so findet man neben der Definition immer den Querverweis zu Psyche und umgekehrt. Wenn nun die Erkrankung der Seele oder Psyche im Bezug auf den menschlichen Geist betrachtet wird, so lässt sich leicht rekonstruieren, weshalb umgangssprachlich der Begriff der Schizophrenie mit gespaltener Persönlichkeit übersetzt und in Verbindung gebracht wird, was jedoch, dies sei hier kurz angemerkt, falsch ist[24].

Die Schizophrenie beeinflusst, trübt oder verändert die Psyche der erkrankten Menschen und beeinträchtigt somit auch deren Persönlichkeit und Persönlichkeitsentwicklung. Aber auch deren Wahrnehmung über die eigene Form ihrer Identität und der Interaktion mit ihrer Umwelt.

Jedoch ist die Schizophrenie keine Erkrankung die eine neue oder zweite Persönlichkeit bei den betroffenen Personen hervorruft oder konstruiert[25].

2.1 Historische Entwicklung des Begriffs der Schizophrenie

Psychische Störungen, so die geläufige Meinung, gibt es schon immer bei Menschen. So wie bei den meisten Krankheiten, werden diese jedoch erst als solche wahrgenommen, wenn sie von Menschen eingegrenzt definiert und mit einem Namen versehen werden. Die Definition in Verbindung mit den dazu gehörigen Symptomen, lässt als Ergebnis eine Diagnose zu. So war es Emil Kraepelin, ein deutscher Arzt und Psychiatrieforscher, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Gruppe von psychischen Störungen, unter dem Begriff „Dementia praecox, also der vorzeitige Verlust des Verstandes, zusammenfasste. Unter diesem Begriff, wurde auch die heute bekannte psychische Erkrankung bzw. Störung der Schizophrenie eingeordnet. Obwohl, wie wir bereits in den zuvor dargestellten Kapiteln erfahren haben, die Schizophrenie gerade eben keinen Verlust des Verstandes, der Persönlichkeit oder der Intelligenz zur Folge hat. Aus dieser Fehldeutung heraus, war es Eugen Bleuler, ebenfalls Arzt und Forscher, der im Jahre 1911 eine neue und exaktere Definition und somit auch einen neuen Namen dieser Krankheit vorschlug. Er machte darauf aufmerksam, das der Begriff der „Dementia praecox“ den eigentlichen Kern der Erkrankung nicht genau trifft und somit zu Irritationen führen kann, welches die Anamnese, die Diagnose und den damit verbundenen Therapievorschlag angeht.

Es war somit Bleuler, der den Begriff der Schizophrenie vorschlug, um damit die „(...) Spaltung der verschiedensten psychischen Funktionen (...) als (...) eine ihrer wichtigsten Eigenschaften (...)“, hinzuweisen (Bleuler 1911). Jedoch, wie sich herausstellte, war dieser neue Begriff und seine Definition, nicht weniger oder besser geeignet die Krankheit zu beschreiben. Dies macht sich daran bemerkbar, dass es eben der Begriff der Schizophrenie ist, der durch seine Bedeutung suggestiv das Bild der gespaltenen Persönlichkeit bis heute im negativen Sinn prägt.

Diesen Missstand beschreibt u.a. auch die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag, die den Begriff der Schizophrenie und damit auch die Krankheit selbst als eine Metapher bezeichnet. Ein Begriff, der für alle möglichen Dinge und Zustände steht, die sich frei und lose gekoppelt miteinander verbinden lassen[26].

2.1.1 Ursachen und Missverständnisse des Begriffs der Schizophrenie

Das Problem, das mit dieser Tatsache zwangsläufig in Verbindung steht, ist, dass der Begriff der Schizophrenie als Metapher genutzt werden kann, und somit auch eine Bewertung bzw. Beifügung von Gedankengängen möglich ist. Vielleicht ist auch von daher gehend verständlich, warum Ärzte, Patienten und Angehörige mitunter Schrecken und Verunsicherung bei diesem Wort unweigerlich empfinden[27]. Im gegenwärtigen Sprachgebrauch ist die Schizophrenie negativ gekennzeichnet und wird unter anderem auch entgegen der Realität der Erkrankung benutzt und eingesetzt. So wird das Wort und dessen vermeintliche sinngemäße Deutung vielseitig diffamierend verkürzt verwendet und dies in einem trivialen Zusammenhang in sämtlichen Bereichen der heutigen Gegenwartsgesellschaft. Dieses Verwendungsspektrum reicht von Jugendlichen die etwas unverständliches, als absolut „schizo“ bezeichnen, bis hin zu der Verwendung in Tageszeitungen, wo der Begriff „schizophren“ alles umschreibt was unverständlich, widersinnig oder hirnrissig erscheint. Schizophrenie zeigt unweigerlich im täglichen Alltagsverständnis, dass alles was mit diesem Begriff in Verbindung gebracht wird, „Achtung, Gefahr“ bedeutet[28]. Diese Missstände und ihre Auswirkungen treffen vor allem diejenigen in der Gesellschaft, die gerade an dieser Erkrankung leiden, was genau betrachtet ihr Leiden zusätzlich verstärkt. Wird doch ihre Krankheit und der damit gezeichnete Begriff der Schizophrenie so grundlegend falsch verstanden und eingeordnet. Diese Aspekte und Überlegungen können Gründe dafür sein, dass gerade Personen die keinen aktiven Bezug zu Menschen mit einer Schizophrenie haben, diese bewusst oder vielmehr unbewusst falsch wahrnehmen. Das lässt sich darauf zurückführen, dass die Definition der Schizophrenie, wie bereits beschrieben wurde, durch Metaphern bildlichen Assoziationen unterworfen wird. Das Verhalten solcher erkrankten Menschen wird dadurch meist falsch verstanden, was wiederum Probleme bei Interaktionen von Betroffenen und den Menschen in deren Umfeld aufwirft.

Um diese Zusammenhänge besser darstellen zu können, soll in den nachfolgenden Kapiteln näher auf die Schizophrenie und ihre Formen und Muster eingegangen werden.

2.2 Muster der Krankheit

Die Muster der Erkrankung an einer Schizophrenie sind individuell von Patient zu Patient verschieden und können nicht direkt miteinander verglichen werden. Jedoch sind die auftretenden Muster der Krankheit unter bestimmten Begriffen zusammen fassbar. Dabei werden die auftretenden Symptome spezifisch unterteilt.

Die Symptomatik wird dabei in zwei Hauptkategorien unterteilt:

- Positivsymptomatik

und

- Negativsymptomatik

Die Eigenschaften der Positivsymptomatik sind gekennzeichnet durch so genannte „Produktivzustände“. Bei dieser Symptomatik treten u.a. Denkstörungen auf, wie beispielsweise die Verwirrung der Gedanken, Konzentrationsschwierigkeiten, Entfremdungsgefühle bzw. –Wahrnehmungen oder auch Bewusstseinsstörungen.

Diese können von Halluzinationen begleitet sein. Die Positivsymptomatik kann somit unter Umständen den ganzen Wahrnehmungsapparat, mit allen fünf Sinnen betreffen, also die Bereiche Sehen, Riechen, Fühlen, Schmecken, Hören. Neben den bereits genannten Positivsymptomen, gehören weiter auch Wahnvorstellungen zu diesen. Die Negativsymptomatik ist charakterisiert durch das Zurückziehen der erkrankten Menschen. Diese haben dabei eine veränderte Wahrnehmung, besonders im Bezug auf ihre Identität und Umwelt. Sie nehmen dabei ihre eigene Person nicht mehr als solche wahr und verzerren somit den Bezug zur Realität. Diese Veränderungen wirken sich nachhaltig auf Antrieb, Interessen und die Gefühlswelt der Betroffenen aus. Die Patienten sind dadurch im Besonderen sehr auffällig, sind oft müde und kommen nur ungenügend ihrer Körperpflege nach.

Danach folgt meist der Rückzug von sämtlichen sozialen Kontakten. Neben den bereits genannten Symptomatiken möchte ich an dieser Stelle noch auf kognitive Störungen hinweisen, die ebenfalls ein prägendes Bild der Schizophrenie darstellen, diese sind z.B.: Verarmung des logischen Denkens, Kommunikationsschwierigkeiten in verschiedenen Variationen sowie depressive und manische Stimmungen[29].

2.2.1 Halluzinationen

Halluzinationen, auch Trugwahrnehmungen genannt, gehören sehr wahrscheinlich zu den spektakulärsten und facettenreichsten seelischen Symptomen einer psychischen Erkrankung und zählen zu der Gruppe der Wahrnehmungsstörungen. Allerdings handelt es sich hierbei weniger um eine gestörte Wahrnehmung, als um eigenständige krankhafte Phänomene von wahrnehmungsähnlichem Charakter. Sie betreffen auch nicht nur bestimmte Wahrnehmungsbereiche, sondern die gesamte Persönlichkeit und bilden deshalb im Grunde eine eigene Gruppe psychopathologischer (seelisch krankhafter) Erscheinungen. Dabei gilt es eine Vielzahl von Formen zu unterscheiden, je nach krankhaftem Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Fühlen, um hier nur die Wesentlichen zu nennen. Es gibt neben den genannten Arten noch weitere spezifische Halluzinationstypen. Diese Unter- oder Sondertypen wie z.B. die hypnagogen Halluzinationen (im Schlaf oder Halbschlaf), können auf Grund der Fülle hier leider nicht näher beschrieben oder bearbeitet werden. Jedoch, dies sei hier angemerkt, sind die Grundmuster bei allen Halluzinationen im Hinblick auf das Erleben und die Wahrnehmung sehr ähnlich. Halluzinationen sind aber nicht nur bei schizophrenen Psychosen möglich, sondern auch bei einer Reihe weiterer seelischer und sogar körperlicher Erkrankungen. Alle diese Halluzinationstypen können einzeln oder simultan in jeder Kombination auftreten. Hauptmerkmal dieser Wahrnehmungen ist, dass es für die betroffenen Personen als absolut real empfunden wird[30].

- Visuelle/Optische Halluzinationen (Sehen)

Es kommt zu Wahrnehmungen mit den Augen, die sich als Bilder, Objekte oder auch Farben aufzeigen. Diese empfundene Wahrnehmung wird von der betroffenen Person als Abbild der gesehenen und erlebten Realität und seiner Umwelt wahrgenommen und empfunden. Ebenso sind beispielsweise Filmabschnitte möglich, so dass die betroffene Person vermeintlich in die Zukunft oder Vergangenheit sehen kann und dies vor Augen sieht. Es ist auch möglich die eigene Person von Außen oder durch die Augen Anderer zu sehen. Dabei kann es zu Verzerrungen des eigenen Abbildes oder der Abbilder anderer Personen kommen. Ebenso können Strahlen oder Radiowellen gesehen werden.

- Akustische Halluzinationen (Hören)

Wahrnehmungen über die Ohren, sind sehr häufig bei Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis. Dieser Typ Halluzinationen wird durch Stimmen, Geräusche oder empfundene Eindrücke wahrgenommen, wobei die Wahrnehmung durch Stimmen am häufigsten vorkommt. Die wahrgenommenen Stimmen können hierbei verschiedene Formen annehmen. So können diese Stimmen von den Betroffenen sowohl verstanden aber auch nur als „verwaschene“ Sprache oder Murmeln empfunden werden[31]. Die Stimmen können direkt mit den betroffenen Personen über sie oder mit ihnen sprechen und werden als real wahrgenommen[32]. Teilweise werden diese Stimmen auch als eingegeben empfunden, so dass die betroffene Person diese gehörte Stimme als die eigenen gesprochenen Gedanken empfindet, diese aber nicht selbst steuert oder generiert bzw. beeinflussen kann. Die Inhalte dieser Stimmen umfassen einen nahezu nicht eingrenzbaren Bereich, so reichen diese von Beschimpfungen (Illusionäre Verkennungen) über Andere oder die Person selbst, über Befehle Dinge zu tun oder zu denken, bis hin zu Annahmen Gedanken anderer Menschen hören zu können. Auch bei diesem Typ Halluzinationen, ist das Realitätsempfinden für die betroffene Person im vollen Ausmaß gegeben. Eine Differenzierung von Halluzination und Realität ist somit unmöglich.

- Olfaktorische Halluzination (Geruchssinn)

Dieser Typ der Halluzination ist nicht so stark vertreten, wie Halluzinationen aus den Bereichen Sehen oder Hören. Betroffene beschreiben diese Wahrnehmung bivalent im positiven und negativen Sinn. So kann es empfunden werden, dass Gerüche wesentlich intensiver wahrgenommen oder kaum wahrgenommen werden.

Zudem können aus Erfahrung zugeordnete Gerüche sich verändern so, dass beispielsweise Blumen nicht mehr angenehm duften, sondern als unangenehm oder gar penetrant empfunden werden. Die Halluzination kann aber auch mit Szenarien verbunden werden, so dass beispielsweise Brandrauch wahrgenommen wird.

- Gustatorische Halluzinationen (Geschmackssinn)

Bei Halluzinationen aus diesem Bereich ist es ähnlich wie bei olfaktorischen Halluzinationen. Bekannte Geschmäcker können divergieren, oftmals vermutet die betroffene Person Lebensmittel könnten verdorben oder vergiftet sein.

Diese Angst, Lebensmittel könnten vergiftet sein oder mit Drogen bzw. Medikamenten versetzt sein, kann zu erheblichen Problemen für die betroffene Person führen. Je nach Schwere der Halluzination , kann diese zur Verweigerung der Nahrungsaufnahme führen[33].

- Zoenästhetische Halluzinationen (Körperempfinden)

Hierbei wird der eigene Körper und dessen Fähigkeit der Empfindung verändert wahrgenommen. Ausprägungen dieser Halluzination können z.B. Veränderungen im Schmerzempfinden, Temperaturempfinden und der Sexualität sein. Meist werden diese Halluzinationen als „von Außen“ inszeniert oder herbeigeführt empfunden. Dies kann durch exterristrische oder fremde Personen geschehen. Es kann hierbei auch zu Lähmungszuständen oder ähnlichen kommen. Oft berichten Betroffene auch sich ferngesteuert zu fühlen, ohne aktiv dagegen angehen zu können[34]. Auch kann es zu Empfindungen ähnlich eines Parasitenbefalls kommen die betroffenen Personen fühlen Fremdkörper bzw. Parasiten in ihrem Körper. Die bereits oben erwähnten sexuellen Halluzinationen die von einer lustvollen Berührung bis zu einer Vergewaltigung reichen können, werden auch zu diesen leiblichen, den Körper betreffenden, Halluzinationen gezählt. Sie überschneiden sich mit Halluzinationstypen aus den Bereichen der taktilen (Tastempfinden), haptischen (Bewegungen), vestibulären (Gleichgewichtssinn) bzw. kinästhetischen Halluzinationen.

Schwierig hierbei ist auch mitunter die Abgrenzung von wahnhafter Körper-Beeinflussung bzw. Körper-Entstellung.

2.2.2 Wahnvorstellungen

Der Wahn oder generell Wahnvorstellungen gelten als Zeichen einer schizophrenen, Erkrankung oder werden als solche eingestuft, und sind gleichgesetzt mit einer psychischen Störung. Im Bezug auf die Psychiatrie werden Wahngedanken oft auch als so genannte inhaltliche Denkstörungen bezeichnet, die zum Beispiel bei schizophrenen Psychosen oder deren Formenkreis auftreten, wie auch bei endogenen Depressionen, bei Manie, bei Demenzen und weiteren psychischen Erkrankungen mit oder ohne diagnostizierbarer organischer Ursache. Dieses bedeutet also, dass der Wahn vorerst nur als Symptom verstanden wird, dem die verschiedensten Erkrankungen und Ursachen zugrunde liegen können. Ein Wahn oder eine Wahnvorstellung ist daher vorerst eine, von der betreffenden Person, nicht korrigierbare Überzeugung oder Wahrnehmung, die unbeeinflussbar durch Erfahrung oder Erlebnisse ist. Der Wahn zeichnet sich besonders durch absolute Gewissheit über den Sachverhalt und die Begebenheiten des Erlebens aus, obgleich niemand den Inhalt teilt, bestätigt oder Verständnis äußert. Dadurch führt der Wahn zu einer Doppelgleisigkeit der Lebensweise und des Erlebens bei oft gleichzeitig realitätsgerechtem Verhalten der betroffenen Person[35]. Die Ursache des Wahns ist oft eine Störung der mitmenschlichen Begegnung und Interaktion in allen Bereichen, er kann zu Vertrauensverlust in andere Personen oder des gesamten sozialen Umfeldes führen. Der Wahn stellt somit für den Betroffenen Menschen ein überzeugendes Abbild seiner Wahrnehmung dar und generiert somit auch seine Realität. Gerade im Rahmen einer Erkrankung an Schizophrenie erleben die betroffenen Menschen den Wahn als eine wahnhafte Überzeugung, von anderen Menschen oder fremden Mächten und Wesen bestohlen zu werden[36]. Auch in diesem Zusammenhang erleben die Betroffenen oft Realitätsverzerrungen und werden mit diesen konfrontiert, diese werden von ihnen jedoch nicht als falsche Realität wahrgenommen. Alle diese Sinneswahrnehmungen werden oftmals mit geistiger Beeinträchtigung und weiteren verschiedenen Formen des Wahns gemischt, darunter fällt sehr häufig z.B. der Eifersuchtswahn.

Weitere Formen des Wahns werden durch Zusammensetzung des als wesentlich verstandenen Inhalts der betreffenden Überzeugung mit dem Wort Wahn gebildet. So kann der Wahn jede möglich Form für den Betroffenen annehmen.

2.2.3 Identität

Der Begriff der Identität ist ein Begriff der in der Moderne auftaucht und seither vielseitig verwendet wird. Der Begriff der Identität ist nicht eindeutig definiert und wird uneinheitlich verwendet. Dennoch enthält er einen wichtigen Begriffskern, der gerade in der Psychologie, Pädagogik und Soziologie gemeinsam benutzt wird.

Er lässt sich an Hand einfacher Fragen beschreiben: Wer oder Was bin ich? Diese Frage nimmt eine besondere Stellung im Bezug auf die Schizophrenie ein und soll hier etwas näher betrachtet und erläutert werden. Die Darstellung dieser Theorie dient zur besseren Anschauung und Verständnis auf die Einwirkungen der Schizophrenie und die damit verbundene Identität der betroffenen Person. Die folgende Beschreibung der Identität stützt sich auf die Arbeiten von George Herbert Mead (1863-1931) ein bekannter Sozialpsychologe und Philosoph. Maed sagt zur Identität „Identität ist die reflexive Fähigkeit des Subjekts, sich zu sich selbst und zu anderen zu verhalten.“[37] Dabei vertritt Mead die Meinung, dass die Identität einer Person sich in drei Aspekte teilt:

1. Das ich ( I ) = Reaktion des Organismus auf die Haltungen anderer.
2. Und das ICH ( ME ) = organisierte Gruppe von Haltungen anderer, die man selbst einnimmt.
3. Das Self = Die Identität, die anderen Individuen projektiert wird.

Somit sieht Mead in diesem Zusammenhang, dass Identität von sozialen Interaktionen der einzelnen Individuen mit anderen Menschen in Abhängigkeit steht. Identität entwickelt sich. Dabei ist nach Meads Ansichten die Identität bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden. Identität entsteht somit innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, durch Erfahrungen, Erziehung usw. Die Identität ist somit, nach Mead, bei jedem Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozess als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses zu sehen.

Tab. 1 Identität nach Mead[38]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bezieht man nun die Auswirkungen der Schizophrenie mit in diese Argumentation ein, so lässt sich sehr schnell abschätzen, welchen immensen Einfluss bzw. Auswirkungen die Krankheit auf die Identität der betroffenen Person hat. Die Auswirkungen beziehen sich im besonderen Maß auf das „I“ und „Self“, sozusagen auf das was die Person glaubt was andere von ihr wahrnehmen und über sie denken und das was sie glaubten übe sich zu wissen was sie ausmacht. Es ergibt sich eine völlig andere oder verzerrte Identitätswahrnehmung.

2.2.4 Identitätswahrnehmung, Interessen und Gefühle

Die Identitätswahrnehmung ist somit bei Menschen mit Schizophrenie verändert, sie können ihr eigenes Wissen über sich selbst nicht in Verbindung mit dem Abbild bringen, das andere sich über sie bilden. Dies führt zu Konflikten mit ihrer Umwelt. Sie fühlen sich missverstanden oder besser anders verstanden was ihre Identität angeht, als sie dies erwarten. Es kann somit zu einer Entkopplung der eigenen Identität von ihrer Umwelt kommen, eine Loslösung von der Realität der anderen. Sie sind dadurch nicht mehr in der Lage, sich von anderen Menschen als Individuum losgelöst zu sehen. Sie vermischen ihre eigene Identitätswahrnehmung mit der anderer Menschen.

[...]


[1] Vgl.: N. Nowack: Interdisziplinäre Rehabilitation chronisch psychisch kranker Menschen, Dr. Kovac Verlag, Hamburg 2003, (S.4)

[2] Vgl.: Friedrich W. Kron: Grundwissen Pädagogik, 6. Auflage, Reinhardt Verlag, München 2001, (S. 33)

[3] Vgl.: Wolfgang Gaebel: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=44473; 01.12.06; 22.52h

[4] Vgl.: Walter Herzog: Pädagogik und Psychologie, Band 680, W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2005, (S. 11)

[5] Vgl.:Wiltrud Bayer: http://tobias-lib.ub.uni-tuebingen.de/volltexte/2005/2090/index.html; 01.12.06; 22.56h

[6] Vgl.: Roger J. Busch: Schöne neue digitale Welt?, Lutherisches Verlagshaus, Hannover 1999, (S.13ff)

[7] Vgl.: Michael Rutz: Die Byte-Gesellschaft, Olzog Verlag, München 1999, (S.47ff)

[8] Vgl.: Manuel Castells: Das Informationszeitalter; Band 1; Utb-Verlag. Köln 2003; (S.12)

[9] Vgl.: Kurt v. Haaren/Detlef Hensch: Arbeit im Multimedia-Zeitalter – Die Trends der Informationsgesellschaft, VSA Verlag, Hamburg 2000, (S.18)

[10] Vgl.: Wissenschaftliches Institut der AOK: WldO Presseinformation; Bonn 10.05.2005, (S.2)

[11] Vgl.: Wissenschaftliches Institut der AOK: WldO Presseinformation; Bonn 10.05.2005, (S.4)

[12] Vgl.: Dietfried Pieschl: Schizophrene Verläufe unter Rehabilitationsmaßnahmen. Effektivität, Prognose und präsiktive Faktoren, Schattauer Verlag, Stuttgart 1998, (S.45)

[13] Vgl.: Jorgos Schütz: REAS GmbH & Co KG, Jorgos Schütz: http://www.reas.de/start.htm;Modautal 2005, 22.05.06, 01.22h

[14] Vgl.: Ulrike Baerwind/Peter Müller: Ergotherapie in der neurologischen Rehabilitation Erwachsener, Band 10, Schulz-Kirchner Verlag, Idstein 2005, (S. 7)

[15] Vgl.:Erving Nevermann in: Georg Jentschura/Hans-Werner Janz: Beschäftigungstherapie, Band 1, 3. Auflage, Thieme Verlag, Stuttgart 1979, (S. 94)

[16] Vgl.: Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information: http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlgm2007/fr-icd.htm, 19.05.07, 13.17h

[17] Vgl.: Bertelsmann Lexikon: Band 6, Bertelsmann Verlag, Gütersloh 1969, (S. 623)

[18] Vgl.: Asmus Frinzen: Schizophrenie, Die Krankheit verstehen, Psychatrie-Verlag, Bonn 2000, (S. 7)

[19] Siehe Kapitel: 2.3

[20] Siehe Kapitel: 2.3

[21] Vgl.: Ullrich Sprick: http://www.bdp rechtspsychologie.de/backstage2/rec/documentpool/schizo_bonn_290406_prof_sprick.pdf, 27.06.06, 19.02h

[22] Vgl.: Asmus Frinzen: Schizophrenie, Die Krankheit verstehen, Psychatrie-Verlag, Bonn 2000, (S. 20)

[23] Vgl.: Microsoft Encarta 99 Enzyklopädie, „Schizophrenie“

[24] Vgl.: Bertelsmann Lexikon: Band 6, Bertelsmann Verlag, Gütersloh 1969, (S. 623)

[25] Vgl.: Asmus Frinzen: Schizophrenie, Die Krankheit verstehen, Psychatrie-Verlag, Bonn 2000, (S. 22)

[26] Vgl.: Asmus Frinzen: Schizophrenie, Die Krankheit verstehen, Psychatrie-Verlag, Bonn 2000, (S. 22ff)

[27] Vgl.: Roland Hartig: http://www.lichtblick99.de/theschizo1.html, 30.11.06, 21.55h

[28] Vgl.: Asmus Frinzen: Schizophrenie, Die Krankheit verstehen, Psychatrie-Verlag, Bonn 2000, (S. 24)

[29] Vgl.: Prof. Dr. Volker Faust: http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/depression2.html, 01.12.06, 19.11h

[30] Vgl.: Prof. Dieter Braus: http://www.daserste.de/wwiewissen/thema_dyn_id,bw41d07t6d7rmhp4_cm.asp, 20.08.06, 20.55h

[31] Vgl.: Asmus Frinzen: Schizophrenie, Die Krankheit verstehen, Psychatrie-Verlag, Bonn 2000, (S. 56)

[32] Vgl.: Asmus Frinzen: Schizophrenie, Die Krankheit verstehen, Psychatrie-Verlag, Bonn 2000, (S. 44)

[33] Vgl.: Asmus Frinzen: Schizophrenie, Die Krankheit verstehen, Psychatrie-Verlag, Bonn 2000, (S. 55)

[34] Vgl.: Asmus Frinzen: Schizophrenie, Die Krankheit verstehen, Psychatrie-Verlag, Bonn 2000, (S. 67)

[35] Vgl.: Asmus Frinzen: Schizophrenie, Die Krankheit verstehen, Psychatrie-Verlag, Bonn 2000, (S. 102)

[36] Vgl.: L. E. Bourne / B. R. Ekstrand: Einführung in die Psychologie, 3. Auflage, Verlag D. Klotz, Frankfurt 2001, (S.465ff)

[37] Vgl.: Winfried Böhm: Wörterbuch der Pädagogik, 16. Auflage, Kröner Verlag, Stuttgart 2005, (S. 432)

[38] Vgl.: G. H. Mead: Self, Mind and Societ, (1934)

Ende der Leseprobe aus 102 Seiten

Details

Titel
Zum Verhältnis von klinischer Psychologie und Pädagogik
Untertitel
Schizophrene Menschen in Rehabilitationsmaßnahmen
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Allgemeine Pädagogik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
102
Katalognummer
V88407
ISBN (eBook)
9783638071888
ISBN (Buch)
9783638956444
Dateigröße
1770 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhältnis, Psychologie, Pädagogik
Arbeit zitieren
M.A. Kolja Schütz (Autor), 2007, Zum Verhältnis von klinischer Psychologie und Pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88407

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