Nikolaus Cusanus und die Humanisten

Eine Untersuchung zum 'Individuum in der Welt'


Seminararbeit, 2007

15 Seiten, Note: 1,0

Paul Trachmann (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Ansatz und Methodik

Das Individuum in der Welt der Humanisten

Das Individuum in der Philosophie des Nikolaus Cusanus

Individuum und Kosmos

Individuum und Gemeinschaft

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Von diesen mannigfaltigen Seiten [des allgemeinen Geistes einer Zeit] ist die Philosophie e i n e Form, und welche? Die Philosophie ist die höchste Blüte, sie ist der Begriff seiner ganzen Gestalt, das Bewusstsein und das geistige Wesen des ganzen Zustandes, der GeistderZeit als Geist sich denkend vorhanden. Das vielgestaltete Ganze spiegelt in ihr als dem einfachenBrennpunkt, dem sich wissenden Begriff desselben, sich ab.“[1]

Die Philosophie als einfacher „Brennpunkt“ der mannigfaltigen Seiten einer Zeit: dieses Bild entwirft G.W.F Hegel in seiner „Einleitung in die Geschichte der Philosophie“. Das Prinzip einer Epoche, ihr Zeitgeist in allen seinen Äußerungen, wird ihm zufolge in der Philosophie einer Zeit begriffen.[2]

Den hegelianischen Gedanken des „Brennpunkts“ nimmt 1927 der deutschjüdische Kulturphilosoph Ernst Cassirer auf. Im Zuge seiner Renaissanceforschung schreibt er der Lehre des Nikolaus Cusanus in seinem Werk „Individuum und Kosmos in der Renaissance“die zentrale Bedeutung für sämtliche philosophischen Entwicklungen des Quattrocento zu. Unter allen philosophischen Bestrebungen jener Zeit, erringe die Lehre des Cusaners alleine den Status des „einfachen Brennpunktes“, „in dem sich die verschiedenartigsten Strahlen sammeln.“ Cassirer merkt an, Cusanus sei der einzige Denker der Zeit, der das „Ganze ihrer Grundprobleme von einem methodischen Prinzip aus erfasst und der es kraft dieses Prinzips meistert.“ Deshalb müsse jede systematische philosophiegeschichtliche Arbeit von der cusanischen Lehre ihren Ausgangspunkt nehmen.[3] Cassirer macht die Lehre des Nikolaus von Cues so zum „einfachen Brennpunkt“ einer ganzen Epoche.

Die Radikalität dieser These provozierte in der Nachkriegszeit heftige Reaktionen in Italien. Dass ein Gelehrter von der Mosel maßgeblichen Einfluss auf die italienische Renaissancephilosophie, samt den florentinischen Protagonisten Ficino oder Pico gehabt haben soll, empfanden italienische Renaissanceforscher als Anmaßung. Prominente Wissenschaftler wie Eugenio Garin, Cesare Vasoli oder Paul Oskar Kristeller beteiligten sich an der folgenden Kontroverse.[4] Cassirer revidierte bereits 1945 seine Position.[5] Dennoch blieb Cusanus während der folgenden Jahre in der Renaissanceforschung heiß diskutiert.

Michael Seidlmayer sprach 1952 in einem Vortrag zu dem Thema „Nikolaus von Cues und der Humanismus“. Das Skript des Vortrags wird wenige Jahre später (mit einigen Veränderungen) als Aufsatz veröffentlicht.[6] Seidlmayer untersucht dort das Verhältnis von Cusanus zu Vertretern des Humanismus. Er forscht dabei nicht nur nach Indizien für tatsächliche wechselseitige Einflussnahmen, sondern er stellt vor allem gedankliche Motive des Humanismus neben die des Cusaners, um mögliche Übereinstimmungen oder Differenzen als solche aufzudecken.

Ansatz und Methodik

Ausgehend von Cassirers Werk „Individuum und Kosmos“ und mittels der Arbeitsweise Seidlmayers möchte ich hier einige Passagen des cusanischen Werkes abermals aufgreifen, um einen -wenn auch geringen- Beitrag zur Klärung des Verhältnisses zwischen Cusanus und den Humanisten zu schaffen. Dazu sollen exemplarische Cusanus-Zitate denen solcher Denker gegenübergestellt werden, die gemeinhin als klassische Humanisten bezeichnet werden.[7] Jenen Texten möchte ich mich dann mit folgender spezifischer Fragestellung nähern: Wie stellt sich das Individuum zur Welt? Dabei wird sowohl das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, als auch jenes zwischen Individuum und Kosmos Berücksichtigung finden.

Das Individuum in der Welt der Humanisten

Das Individuum in der Welt: einen anschaulichen Ausdruck dieses Motivs bietet Francesco Petrarca in seinem Brief an den Avignoneser Augustinerbruder Dionigi da Borgo San Sepolcro.[8] Petrarca berichtet über seine Besteigung des Mont Ventoux am 24. April 1336.

Gemeinsam mit einem jüngeren Bruder machte er sich in den Morgenstunden des Tages auf, um mit ihm den Berg zu erklimmen. Schon nach einer ersten Rast übernahm sein Gefährte die Führung und folgte einigen Abkürzungen in Richtung der Höhe. Petrarca hingegen scheute die Mühen des Anstieges. Er folgte weiter einem gemächlichen Bergpfad, voller Bewunderung für die Schönheit der Natur schaute er von Zeit zu Zeit in die Täler hinab. Immer wieder musste der Bruder auf ihn warten, ehe sie schließlich gemeinsam den Gipfel erreichten. Von dort führte ihn sein Blick bis nach Italien und auf die schneebedeckten Bergketten der Alpen. Er schwelgte in dem Anblick der Natur. Plötzlich jedoch kam es für Petrarca zur Wende: Er holte die „ Confessiones“ des Augustinus aus seinem Gepäck und fing an zu lesen: „Da gehen nun die Menschen hin, um die Höhe der Berge, die mächtigen Fluten des Meeres, die breit hinströmenden Flüsse, den Umkreis des Ozeans und die Bahnen der Gestirne zu bewundern, und verlieren dabei sich selbst.“[9] Petrarca fügt in seinem Brief an: „Nun gab ich mich mit der hinlänglichen Betrachtung des Berges zufrieden, wandte mein inneres Auge auf mich selber, und von dieser Stunde hörte mich niemand mehr sprechen, bis wir unten angelangt waren.“[10] Er ergänzt gegen Ende des Briefes: „Und schweigend dachte ich nach, wie sehr die Sterblichen der Einsicht entbehren, wenn sie den edelsten Teil ihres Selbst außer acht lassen, um sich im Vielerlei zu zerstreuen und bei eitlen Besichtigungen sich zu verlieren, weil sie das, was im Innern zu finden wäre, außerhalb suchen.“[11]

[...]


[1] G. Wilh. F. Hegel in: Einleitung in die Geschichte der Philosophie (Hoffmeister 1959, S. 39). Bemerkung in Klammern wurde durch den Autoren angefügt.

[2] Vgl. hier: Klaus Düsing in: Düsing 1983, S. 34

[3] Cassirer verweist hinsichtlich der Bedeutung des Cusanus für die Entwicklung der italienischen Denkströmungen auf die Vorarbeit Fiorentinos in „il risorgimento filosofico nel Quattrocento“, sowie auf Duhems „Etude sur Léonard de Vinci, ceux qu’il a lus et ceux qui l’ont lu“ . Siehe: Cassirer 1927: S. 50-53

[4] Eine detaillierte Darstellung jener Kontroverse liefert Martin Thurner in: Thurner 2002, S. 18ff

[5] Ernst Cassirer berichtigt seine Stellungnahme zur Rolle seines „Lieblingsphilosophen“ (so John Herman Randall jr.) Cusanus in: Schilpp 1945, S. 495 (Anmerk. 47): „Ich benutze diese Gelegenheit, um ein früheres Urteil in ‚Individuum und Kosmos’ zu revidieren. Im zweiten Kapitel dieses Buches versuchte ich zu zeigen, dass die Lehre des Cusanus eine starke Wirkung auf das italienische Geistesleben des Quattrocento ausgeübt hat. Wenn ich auch glaube, dass die Feststellung auch heute noch viel Wahrscheinlichkeit für sich hat, so hätte ich doch damals vielleicht mit größerer Vorsicht urteilen sollen. Ich gebe gern zu, dass infolge neu entdeckter geschichtlicher Tatsachen wir keinen sicheren und endgültigen Beweis für meine frühere These geben können. Es ist möglich, dass Ficino zu seinen allgemeinen Anschauungen unabhängig von Nikolaus Cusanus kam. [...].“

[6] Siehe: Seidlmayer 1965: S. 75-106

[7] Der Begriff „Humanismus“ ist bekanntermaßen eine Wortschöpfung Friedrich Immanuel Niethammers aus dem Jahr 1806, den er von dem von Cicero geprägten Begriff „humanitas“ ableitet. Im Verlauf dieser Arbeit möchte ich mich des Begriffs „Humanismus“ bewusst bedienen, um eine Reihe von Renaissance-Philosophen zu nennen, die für gewöhnlich unter diesem Label gehandelt werden (Petrarca, Erasmus, Ficino, Battista Alberti, Giuseppe de Medici und andere). Eine ausführliche Differenzierung ist im Rahmen dieser Arbeit nicht zu leisten und wurde beispielsweise schon von Rolf Surbeck vorgenommen.

[8] Epistolae familiares IV,1.

[9] Petrarca in: Widmer 2005: S. 185, Epistolae familiares IV,1.

[10] Petrarca in: Widmer 2005: S. 185, Epistolae familiares IV,1.

[11] Petrarca in: Widmer 2005: S. 186, Epistolae familiares IV,1.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Nikolaus Cusanus und die Humanisten
Untertitel
Eine Untersuchung zum 'Individuum in der Welt'
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Ernst Cassirer: „Individuum und Kosmos in der Renaissance"
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V88445
ISBN (eBook)
9783638029568
ISBN (Buch)
9783638928502
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cusanus, Humanisten, Eine, Untersuchung, Individuum, Ernst, Cassirer, Kosmos, Renaissance, Petrarca, Medici, Quattrocento, Humanismus, Nikolaus, Kues
Arbeit zitieren
Paul Trachmann (Autor), 2007, Nikolaus Cusanus und die Humanisten , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88445

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