"Ich ess Eure Suppe nicht" oder: Magersucht in Romanen für Jugendliche


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

25 Seiten, Note: 1,25


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Aufbau der Hausarbeit

3. „Dann bin ich eben weg. Geschichte einer Magersucht“ von Christine Fehér
3.1. Paratextuelle Ebene
3.1.1. Das Cover
3.1.2. Der Klappentext und die gestalterischen Elemente
3.2. Formale Ebene
3.2.1. Aufbau des Romans
3.2.2. Erzählstruktur
3.3. Inhaltsebene
3.3.1. Figuren
3.3.2. Darstellung der Sucht
3.4. Bewertung

4. „Essen? Nein, danke!“ von Maureen Stewart
4.1. Paratextuelle Ebene
4.1.1. Das Cover
4.1.2. Klappentext und gestalterische Elemente
4.2. Formale Ebene
4.2.1. Aufbau des Romans
4.2.2. Erzählstruktur
4.3. Inhaltsebene
4.3.1. Figuren
4.3.2. Darstellung der Sucht
4.4. Bewertung

5. „Mondfee“ von Kjersti Scheen
5.1. Paratextuelle Ebene
5.1.1. Das Cover
5.1.2. Der Klappentext und die gestalterischen Elemente
5.2. Die formale Struktur des Romans
5.2.1. Aufbau
5.2.2. Erzählstruktur
5.3. Inhaltsebene
5.3.1. Figuren
5.3.2. Darstellung der Sucht
5.4. Bewertung

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Dass man sich als Heranwachsender mit dem eigenen Körper und seiner Wirkung nach außen befasst ist überhaupt nicht krankhaft oder problematisch. Ganz im Gegenteil: Das Experimentieren mit dem eigenen Körper und dem Aussehen, gelegentliches Diäthalten und Unzufriedenheit mit der Figur sind wohl gerade in der Pubertät völlig „normal“. Auch Vorbilder zu haben wie Models oder Schauspielerinnen, gehört dazu.

Wenn jedoch die Gedanken ans Essen und Nicht-Essen, die Beschäftigung mit der Figur und dem Gewicht den Alltag bestimmen und andere Lebensbereiche wie Schule und Freundschaften zunehmend in den Hintergrund drängen, dann kann Essen zum Problem werden.

Laut aktuellen Statistiken gibt es in Deutschland derzeit etwa 150.000 bis 200.000 Mädchen und junge Frauen, die unter Anorexia nervosa[1], genannt Magersucht, leiden.

Als Resonanz auf die drastische Zunahme von Magersucht bei Mädchen und jungen Frauen in den letzten Jahren, gibt es immer mehr Fernsehsendungen und Zeitschriften, die das Thema aufgreifen: ob in Reportagen, Tests oder Erfahrungsberichten.

Auch die Buchbranche reagiert auf diesen „Trend“. So erscheinen seit Ende der 90er, nachdem das Thema „Essstörungen“ bereits in den 80ern zu den sogenannten „heißen Themen“ gehörte, neben jugendgerechten Sachbüchern, wieder verstärkt „Magersuchtromane“ im Pool der problemorientierten Jugendbücher auf.

Wie aber wird dieses rätselhafte Phänomen der selbstzerstörerischen Essensverweigerung literarisch verarbeitet? Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, die literarische Umsetzung dieser Thematik anhand folgender Werke zu untersuchen: „Dann bin ich eben weg“ von Christine Fehér, „Essen? Nein, danke!“ von Maureen Stewart und „Mondfee“ von Kjersti Scheen. Dabei interessiert vor allem ihre Realitätsnähe und welcher Schwerpunkt jeweils von den Autorinnen gesetzt wird. Es soll und kann hier nicht der potentiell therapeutische Wert der Romane beurteilt werden.

2. Aufbau der Hausarbeit

Die Jugendbücher werden auf den folgenden Seiten nacheinander analysiert. Dazu werde ich zunächst sowohl auf die jeweiligen paratextuellen Elemente wie auf den formalen Aufbau und die Figurengestaltung eingehen.

Am wichtigsten bleibt jedoch die Beantwortung der Frage, wie sich die einzelnen Romane diesem vielschichtigen Problem „Magersucht“ annähern und wie sie die Sucht darstellen, das heißt ob die Krankheit samt ihren Ursachen, Symptomen und Verlauf realistisch dargestellt ist. Nicht zuletzt soll dadurch festgestellt werden, wo der inhaltliche Schwerpunkt der Erzählungen liegt, genauer, ob die Erzählungen die Magersucht tatsächlich zum Thema erheben.

Das Resümee fasst noch einmal alle Ergebnisse zusammen und wird erörtern, was dieses Thema literarisch so interessant zu machen scheint, wenn man bedenkt, dass sich die meisten Magersucht-Romane für Jugendliche in ihrer Basisnarration stark ähneln, ältere Titel wie „Meine schöne Schwester“ von Brigitte Blobel und „Jeden Tag ein Stück weniger von mir“ aber immer noch fester Bestandteil der Verlagsprogramme sind.

3. „Dann bin ich eben weg. Geschichte einer Magersucht“ von Christine Fehér

3.1. Paratextuelle Ebene

3.1.1. Das Cover

Das Cover des Romans, erstmals 2002 als Hardcover im Sauerländerverlag erschienen, und hier in der ersten Auflage der Taschenbuchausgabe des cbt- Verlags aus dem Jahr 2005 vorliegend, zeigt den gesenkten Kopf eines jungen Mädchens. Ihr Blick ist traurig, ja trotzig, dem Haupttitel entsprechend. Dieser lässt noch keinen Schluss auf das Thema des Buches zu. So könnte es sich etwa auch um eine Ausreißergeschichte oder einen Suizidroman handeln.

Erst der in roten Lettern prangende Untertitel „Geschichte einer Magersucht“ gibt einen ersten Hinweis auf den zugrundeliegenden Stoff des Romans.[3][2]

3.1.2. Der Klappentext und die gestalterischen Elemente

Der Klappentext lenkt den potentiellen Leser deutlich auf den im Roman thematisierten Stoff „Magersucht“ hin:

„Sina ist alles andere als dick. Aber in die coole Jeans von Melli passt sie nicht rein. Als sie eines Tages die Butter aus dem üppig belegten Käsebrot ihrer Mutter hervorquellen sieht, überkommt sie der Totalekel. So dick und frustriert will sie niemals werden!

Sina beginnt eine Diät. In die Jeans passt sie bald – doch aufhören kann Sina nicht mehr mit dem Kalorienzählen. Als die anderen merken, was mit ihr los ist, ist sie schon viel zu dünn...“

Auch die Gestaltung der Kapitel ist ganz auf das „Thema“ ausgerichtet. Die Kapitel sind nicht durchnummeriert, aber zu erkennen durch die Auflistung der jeweiligen Tagesration und des Gewichts der Protagonistin. Eindrücklich wird so vor Augen geführt, wie wenig die Protagonistin Sina isst und wie schnell sie an Gewicht verliert.

Auf den letzten Seiten des Buches findet der Leser in einem Anhang Internet- und Kontaktadressen von Beratungszentren für Essstörungen in Deutschland. Auf der ersten Seite wird zudem Frau Dr. Gesine Mörtl für die fachliche Beratung gedankt, was der folgenden „Geschichte einer Magersucht“ eine gewisse Authentizität verleiht, auch wenn natürlich nicht klar ist, ob es sich bei „Frau Mörtl“ um eine reale oder fiktive Person handelt.

3.2. Formale Ebene

3.2.1. Aufbau des Romans

Der Roman besteht aus hundertsiebenundachtzig Seiten, verteilt auf achtzehn Kapitel.

Anhand der fünfzehnjährigen Protagonistin wird exemplarisch ein möglicher Krankheitsverlauf geschildert. Dabei liegt in einem ersten Teil des Romans der Schwerpunkt darauf zu zeigen, was ein junges Mädchen zu einer Diät veranlassen und was aus dem Wunsch Abzunehmen werden kann. In einem zweiten Teil schildert Fehér, was Sina alles tut, um abzunehmen und wie sie sich mehr und mehr in ihren Wunsch hineinsteigert, an Gewicht zu verlieren. An diesem Punkt macht die Erzählung mehrere Zeitsprünge. So wird zusammenfassend dargestellt, wie viel Sina über mehrere Wochen an Gewicht verliert und welche Symptome der Krankheit– sowohl physische als auch psychische- sich im Verlauf zeigen.

Der letzte größere Teil der Erzählung spielt in den verschiedenen Einrichtungen, in denen Sina nach ihrem Zusammenbruch therapiert wird. Schwerpunkt der Darstellung liegt daher im Besonderen auf Sinas Heilungsprozess und ihren Rückschlägen. Das Romanende ist zwar offen gehalten, gibt aber einen positiven Ausblick.

3.2.2. Erzählstruktur

Die Geschichte von Sina wird fast ohne Ausnahme durch einen Ich-Erzähler präsentiert. Dabei tritt der Erzähler hinter die weibliche Heldin zurück und sieht die Welt mit ihren Augen. So kann von einer personalen Erzählweise gesprochen werden, wobei die Erzählperspektive vorwiegend die Innenansicht der Protagonistin spiegelt. Erlebte Rede und innerer Monolog sind also die bevorzugten Darbietungsweisen in „Dann bin ich eben weg. Die Geschichte einer Magersucht“. Sie und die Verwendung des Präsens ermöglichen die Leseridentifikation mit der Hauptfigur.

Die teils ausführlichen Tagträume bieten zusätzlich einen guten Einblick in die Gedankenwelt des Mädchens. Nur in wenigen Momenten, gegen Ende des Romans, tauchen sogenannte „Helferfiguren“ auf, aus denen ganz klar der implizite Autor spricht. Durch sie wird die Haltung des Ich-Erzählers kommentiert und relativiert.

3.3. Inhaltsebene

3.3.1. Figuren

Im Vordergrund der Handlung steht die fünfzehnjährige Sina Wagenknecht, die beschlossen hat abzunehmen.

Die wenigen Nebenfiguren lassen sich in vier Gruppen zusammenfassen: Da sind ihre gleichaltrigen Melli und Fabio. Melli ist Sinas beste Freundin, von der sie anfangs unterstützt wird. Fabio ist Sinas heimliche Liebe. Er interessiert sich aber offensichtlich erst für Sina, als sie beginnt, schlanker zu werden.

Eine zweite Gruppe bildet Sinas Familie, in der vor allem die Mutter eine wichtige Rolle innehat, da Sina die meisten Konflikte mit ihr austrägt. Der Vater und der jüngere Bruder kommen in der Erzählung kaum vor.

Gruppe drei sind die „Helferfiguren“, das heißt Ärzte, Schwestern und Psychologen. Sie sind für die Vermittlung der Fakten zuständig und haben eine vorwiegend informierend-didaktische Funktion. So ist es der Notarzt, der zum ersten Mal Sinas Krankheit beim Namen nennt; anorexia nervosa – Magersucht. Sinas behandelnder Arzt versorgt den Leser zusätzlich mit Fakten und Statistiken. Eine Krankenschwester fügt ein: „Sina ist schwer magersüchtig und das ist viel mehr als nur eine Unvernunft, ein pubertärer Schlankheitsfimmel. Es ist eine schwere seelische Krankheit, die verschiedene Ursachen haben kann.“[4]

Die letzte Gruppe wird repräsentiert durch Janine. Sie ist auch magersüchtig und wird Sinas beste Freundin im „Haus Schmetterling“. Durch diese Figur wird vor allen Dingen deutlich gemacht, dass Sina nicht alleine mit ihren Gefühlen ist, dass sie eben kein „absonderlicher“ Einzelfall ist.

3.3.2. Darstellung der Sucht

Die routinierte „Problembuchschreiberin“ Fehér zeichnet in „Dann bin ich eben weg. Die Geschichte einer Magersucht“ äußerst realistisch den möglichen Verlauf einer Magersucht von ihren Anfängen an nach. Die Struktur des Romans folgt dabei dem vielsagenden Untertitel. Von den ersten bis zu den letzten Sätzen des Buches wird die „Geschichte einer Magersucht“ fallbeispielartig präsentiert.

Der Leser lernt die gesunde, etwas übergewichtige Protagonistin Sina kennen, als sie sich gerade im Kampf mit einer Hose befindet, in die sie sich nur mühsam hineinzwängen kann. Sie reagiert entsprechen unzufrieden und selbstkritisch:

„So eng hat diese Jeans doch noch nie gesessen! Mit klopfendem Herzen trete ich vor den Spiegel meines Kleiderschranks und schiebe den Pullover ein paar Zentimeter über meine Taille. Und da sehe ich es. [...] Oben aus dem Hosenbund quillt alles heraus, was in diese schmal geschnittene Jens nicht hineingepasst hat, eine regelrechte Fettwulst, bleich und wabbelig. Du bist dicker geworden, Sina Wagenknecht, sage ich zu mir selbst und strecke meinem Spiegelbild die Zunge heraus.“[5]

Was ihr auf der Geburtstagsfeier ihres Opas passiert, bringt dann das Fass zum Überlaufen. Ihr Onkel mustert sie abschätzig mit den Worten:

„Ich hätte dich ja selber kaum wieder erkannt. Das Gesichtchen ist noch dasselbe, aber inzwischen bist du eine richtige Frau geworden.[...] Sieh nur, Mirko, wie prächtig sich unsere Sina entwickelt hat. [...] Eine tolle Figur hat sie bekommen, die Kleine.[...] Da hat man als Mann wenigstens was in der Hand.“[6]

Und noch bevor Sina ausweichen kann, fasst ihr der Onkel an ihre Brust.[7] Sina kann kaum fassen, was da gerade passiert ist. Und als sie zwei Tanten über ihre „fast zu frauliche“, beinahe zu dicke Figur sprechen hört[8], fasst sie einen folgendschweren Entschluss.

Sina, die sich bislang noch keine Gedanken über ihre Körperfülle gemacht hat, nimmt sich vor, eine Diät zu machen. Ihre wütenden Gedanken werden dabei in einen inneren Monolog verpackt: „Von wegen fraulich, noch dicker, was in der Hand haben. Und von wegen ihr wart schlanker. Ich werde eine Diät machen, das schwöre ich euch.“[9]

[...]


[1] Anorexia nervosa bedeutet so viel wie „nervlich bedingtes fehlendes Verlangen“. Der Begriff wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts vom französischen Internisten und Psychiater Ernest-Charles Lasègue und dem englischen Nervenarzt William W. Gull geprägt. Diese Umschreibung ist allerdings irreführend, denn das Verlangen, der körperliche und seelische Hungern der Magersüchtigen, ist, wie die neueren Forschungen belegen, gerade besonders groß. (s.Vandereycken: S. 13f.)

[2] Christine Fehér wurde 1965 in Berlin geboren. 1984 absolvierte sie eine Ausbildung zur evangelischen Religionslehrerin am Pädagogisch-Theologischen Institut in Berlin und unterrichtete dieses Fach an Berliner Schulen. Ihr erstes Buch „Komm mit zum Ballett“ erschien 2001.

[3] Nebenbei bemerkt scheint ein solcher Untertitel gängige Verlagspraxis bei diesem Thema, bzw. bei „problemorientierter“ Jugendliteratur überhaupt zu sein. Vergleiche hierzu die Titel „Völlig schwerelos. Miriam ist magersüchtig.“ Von Marlies Arnold (Fischer Taschenbuchverlag, 2001) oder „Luft zum Frühstück. Ein Mädchen hat Magersucht.“ Von Jana Frey (Loewe Verlag, 2005).

[4] Fehér: S. 121.

[5] Fehér: S. 9.

[6] Fehér: S. 18f.

[7] Fehér: S. 20f.

[8] Vgl. Fehér: S. 23.

[9] Fehér: S. 23.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
"Ich ess Eure Suppe nicht" oder: Magersucht in Romanen für Jugendliche
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,25
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V88640
ISBN (eBook)
9783638028615
ISBN (Buch)
9783640812912
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eure, Suppe, Magersucht, Romanen, Jugendliche
Arbeit zitieren
Verena Blümel (Autor), 2006, "Ich ess Eure Suppe nicht" oder: Magersucht in Romanen für Jugendliche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88640

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