Brechts Dramentheorien - Analyse am Beispiel "Der gute Mensch von Sezuan"


Hausarbeit, 2006

19 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Werk
2.1 Die Brechtsche Revolution
2.2 Das Theater zu Brechts Zeit

3. Der Begriff der Parabel
3.1 Der offene Schluss
3.2 Geschlossene vs. Offene Dramenform
3.3 Der V-Effekt
3.4 Ständeklausel
3.5 Die Rolle des Zuschauers
3.6 Die Theodizee-Frage

4. Brechts ästhetische Theorie

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Anlage

1. Einleitung

In dieser Arbeit soll das Drama „Der gute Mensch von Sezuan“ von Bertolt Brecht kritisch in Hinblick auf Brechts Dramentheorie analysiert werden. Dazu wird die 8. und 10. Szene des Dramas im Zusammenhang des V-Effekts exemplarisch vorgestellt und analysiert. Gleichzeitig soll die Dramentheorie Brechts dargestellt werden, jedoch nicht in einem Überblick, sondern anhand passender Beispiele aus dem Text. Es wird die epische und offene Form des Stückes aufgezeigt, des Weiteren zentrale Momente wie der Verfremdungseffekt und der offene Schluss thematisiert. Die Rolle des Zuschauers soll in dieser neuen Theaterform näher beleuchtet werden, sowie die Frage der Ständeklausel, die Frage der Theodizee und der Begriff der Parabel.

Brecht schreibt selber über sich, dass er mit dem Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ die epische Form des Theaters entwickeln kann.[1] Ferner sagt er, dass das Stück relativ lang geworden ist, aber wenn ein Stück episch ist, ist es, seiner Meinung nach, nicht anstrengend.[2] Zu solchen Überlegungen ist er in der Bearbeitung des Dramas immer wieder gekommen, da es für das Theater konzipiert war. Er hatte immer wieder das Verlangen seine Stücke im Theater sofort auszuprobieren, was ihm in Berlin möglich war, nachdem es im Exil lange Zeit nicht machbar war. Dabei konnte er auch sämtliche technische Neuerungen mit einbeziehen. Denn ein Wandel der Theorien bringt nicht nur neue Ideen, sondern auch neue Möglichkeiten mit sich, die alte Theorien eventuell überflüssig machen oder Alternativen zulassen.

2. Das Werk

Der Entstehungszeitraum des Stücks beträgt ca. 15 Jahre. Mitte der Zwanziger hat Brecht erste Fragmente geschrieben. Darin ging es zum Beispiel um das Motiv der Herbergssuche der Götter. Erst Ende der dreißiger Jahre arbeitete Brecht an dem Stück weiter. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich im Exil und empfand es durch die gegebenen Umstände als eine große Hürde sein Stück nicht im Theater ausprobieren zu können. Dies hätte er gerne getan, denn er hatte mit einigen Problemen zu tun, wie zum Beispiel die Wirkung der Hauptstadt von Sezuan auf den Leser oder die Wirkung der Parabel. Brecht wollte keine spezielle Stadt beschreiben, sondern die Hauptstadt von Sezuan sollte exemplarisch auch für andere Städte stehen können. Die Parabel sollte „luxus bekommen“[3] und in keinem Fall nur eine Milchmädchenrechnung darstellen. Diese Arbeitsschritte und Überlegungen wurden von Brecht im Arbeitsjournal festgehalten.

Anfang 1941 beendete er schließlich das Stück. Die Uraufführung fand 1943 in Zürich statt.

2.1 Die Brechtsche Revolution

… nannte Roland Barthes die neuen Ideen von Brecht zum Theater. Bertolt Brecht will in seinen Theaterstücken nicht die Rührung und Anteilnahme des Zuschauers erlangen, so wie es seit Aristoteles immer wieder üblich war. Brecht war der Ansicht, dass „das Unglück der Menschen in den Händen der Menschen liegt.“[4] Das wiederum heißt, dass die Welt veränderbar ist und nicht mehr alles als gottgegeben hingenommen werden soll. Die Kunst hat, genau wie die Wissenschaften, die Möglichkeit und damit die Pflicht in das Weltgeschehen einzugreifen.

Um diese Handlungsfähigkeit des Publikums aufrecht zu erhalten stellte Brecht einige Bedingungen. Er verlangte, dass die Schauspieler ihre Rollen nicht verkörpern, sondern aus ihnen heraustreten. Der Zuschauer soll sich nicht mit ihnen identifizieren, um sein objektives Denken nicht zu behindern. Die Handlung soll erzählt werden und nicht nachgeahmt, so dass sich der Zuschauer nur halb auf das Schauspiel einlässt, um die Zusammenhänge zu erkennen und handlungsfähig zu bleiben. Das Gegenteil wäre ein eher passives auf sich einwirken lassen des Stücks, was bei Aristoteles üblich war.

Brecht selber bezeichnete seine Stücke als „Lehrstücke“. Auf diesen Begriff und den Begriff der Parabel werde ich noch näher eingehen.

2.2 Das Theater zu Brechts Zeit

In seinem „Beitrag zum Darmstädter Gespräch über das Theater“[5] von 1955 antwortet Brecht auf die Frage, ob das Theater die heutige Welt überhaupt noch wiedergeben kann. Seiner Meinung nach ist dies immer noch möglich, wenn gleich es nicht leicht ist und an eine Bedingung geknüpft ist. Seines Erachtens ist „die heutige Welt […] den heutigen Menschen nur beschreibbar, wenn sie als eine veränderbare Welt beschrieben wird.“[6]

Diese Bedingung setzt er in seinem Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ um. Ob es sich dabei um positive oder negative Veränderungen handeln muss, hat er nicht gesagt. Auf jeden Fall wurde Shen Te durch das Geschenk der Götter in die Lage versetzt etwas zu ändern. Sie konnte Hilfsbedürftigen mit Reis aushelfen und Obdachlosen eine Unterkunft anbieten. Zwei Probleme könnten aber dabei bei dem Zuschauer auftreten. Zum einen ist ein solches materielles Geschenk von Göttern eher schwer zu begreifen, da man in diesem Zusammenhang weniger von fassbaren Dingen ausgeht. Zum anderen sehen die Zuschauer, dass die Hilfe mehr und mehr ausufert und Shen Tes Ruin bedeutet. Der Zuschauer sollte aber in der Lage sein diese Transferleistungen auf sein Leben zu vollziehen. Geschenke von Mitmenschen, aber auch kleinere finanzielle Mittel, kann man zur Verbesserung seiner Umwelt einsetzen. Es geht nicht immer darum, mit einem Schlag die ganze Welt zu verändern, sondern um die Frage, was der Mensch für seine direkte Umwelt tun kann. Shen Tes Ruin soll den Zuschauer gleichzeitig sensibel dafür machen, dass man nicht soviel helfen soll, dass man sich selbst schadet. Was Shen Te letztendlich nicht betrachtet, ist der Umstand, dass sie nur solange helfen kann, wie es ihr selbst gut geht. Der gute Mensch muss also nicht nur zu anderen gut sein, sondern auch zu sich selber.

Brecht beschreibt des Weiteren in seinem Beitrag die Situation, dass immer mehr Leute sagen, dass das Erlebnis im Theater schwächer geworden sei. Seiner Meinung nach wird es immer schwieriger die Welt zu beschreiben. Deshalb muss man als Stückeschreiber immer neue Kunstmittel einsetzen. Im Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ lässt er gleich drei Götter auftreten. Sie reflektieren selber viel über die vorgefundene Welt und sie selber leben in ihr und bringen auch ihre Opfer („blaue geschlagenes Auge“[7] ). Zum Schluss verschwinden sie auf einer rosa Wolke, was ihr Verschwinden ins Jenseits andeutet. Durch die Farbmetaphorik wird zugleich auch ihre Naivität in Hinblick auf den guten Menschen repräsentiert. Ohne kritisch zu reflektieren, ob das Leben als guter Mensch auf dieser Erde möglich ist, bitten sie Shen Te so weiter zu machen und entziehen sich selbst der Verantwortung. Als weiteres Kunstmittel könnte man die chinesische Anlage des Stücks ansehen. Die Hauptstadt der Provinz Sezuan steht stellvertretend für alle anderen Städte. Sie scheint weit weg zu sein und alle Personen sind unbekannt und doch ist fast alles auf andere Städte übertragbar. Dies mit dem Vorteil, dass der Zuschauer eine kritische Distanz zu Sezuan und den Personen hat.

3. Der Begriff der Parabel

Eine Parabel ist eine Gleichniserzählung, in der zwischenmenschliche Zustände beschrieben werden, die beispielhaft für viele andere Menschen stehen und auf andere Situationen übertragen werden können. Dabei werden meist Themen des Sozialverhaltens behandelt. Der Leser bzw. Zuschauer soll den behandelten Gegenstandsbereich auf sein Leben übertragen können und so zum nachdenken gebracht werden.

Die literarische Form der Parabel tritt selten als isoliertes Werk auf. Meist ist sie in größere Werke eingebettet, wie bei dem Drama „Der gute Mensch von Sezuan“ oder wie die Ringparabel in Lessings „Nathan der Weise“.

Im Drama „Der gute Mensch von Sezuan“ ist die Parabel so angelegt, dass „die Aufspaltung des Menschen im Kapitalismus in zwei Hälften: eine private, moralische, und eine öffentliche, dem Erwerbszwang ausgesetzte“[8] beschrieben wird. Die moralische Seite wird dargestellt durch die Figur der Shen Te und die auf den Gewinn abzielende Figur durch Shui Ta. Wobei Shui Ta keine eigene Person ist, sondern nur durch Shen Te gespielt wird und zwar immer dann, wenn ihr Laden und damit ihre Existenz droht ruiniert zu werden. Die Frage der Parabel und damit des Dramas wird durch Brecht also insofern gestellt, ob es überhaupt möglich ist, als guter Mensch in dieser Welt zu überleben.

Brechts These lautet, dass es nicht möglich ist, als guter Mensch in dieser Welt zu überleben. Diese These wird dreifach gestützt. Erstens durch die Fabel selbst, zweitens durch die eingeschobenen Gedichte und Lieder und drittens durch die Zwischenspiele, wo sich zum Beispiel die Götter aus einer übergeordneten Perspektive äußern.[9]

Aus den benannten Gründen entstand später unter anderen für dieses Stück auch der Begriff des „Parabeltheaters“. Brecht nannte den „Guten Mensch von Sezuan“ im Untertitel „Parabelstück“. Damit verwies er sogleich auf die exemplarische Bedeutung des Stücks für seine Theorie zum Lehrtheater.

Brecht will dem Leser in seinem Stück einen Einblick in die Wirklichkeit geben, so dass er damit die Möglichkeit hat diese zu verändern. Er wendet sich damit gegen den Naturalismus, indem er nicht hinnehmen will, dass gesellschaftliche Zusammenhänge ewig sind (vs. Natürlichkeit). Brecht will die Muster in den gesellschaftlichen Zusammenhängen sichtbar machen und aufzeigen, dass eine Änderung möglich ist.

Des Weiteren fügt Brecht zwei Gleichnisse in die Handlung mit ein, die den parabolischen Gehalt weiter stützen. Sie werden jeweils von Wang in Gesprächen mit den Göttern erzählt. Das erste Gleichnis[10] handelt von einem Ort, an dem Bäume gefällt werden. Je nachdem, wie groß sie sind, werden sie für verschiedene Zwecke gefällt. Als Fazit fasst Wang zusammen, dass der Schlechteste der Glücklichste ist, da dieser Baum nicht gefällt wird. Wang will damit andeuten, dass Shen Te zu gut für diese Welt ist.

Das zweite Gleichnis[11] ist eher metaphorisch angelegt. Wang träumte von Shen Te, wie sie einen schweren Ballen auf ihren Schultern trägt, der sie fast erdrückt. Der Ballen steht für die Vorschriften und Gebote der Götter, die Shen Te kaum noch einhalten kann.

3.1 Der offene Schluss

Meine These ist, dass Brecht Eines in seinem Drama nicht erreicht hat. Er hätte gerne in jedem Drama einen Vorschlag gehabt, wie man die Zustände ändern könnte. Solch eine Lösung wird in diesem Drama nicht gegeben. Es tritt lediglich zum Schluss eine Person vor den Vorhang und sagt: „Wir […] sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen. […] Was könnt die Lösung sein? Wir konnten keine finden […] Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß!“[12]

Trotzdem ist dieser Schluss vom Gesichtspunkt der Offenheit des Dramas wiederum sehr gelungen, da er ein sehr exemplarischer Schluss für seine Dramentheorie ist. Kurz vor dem Epilog wird die ratlose Shen Te allein gelassen. Sie denkt, bewiesen zu haben, dass sie nicht als guter Mensch existieren kann. Nur wenn sie gelegentlich Shui Ta zur Hilfe holen darf, meint sie, eine Chance zu haben. Doch die Götter lassen sie einfach allein und sagen, dass sie so weitermachen soll: „Gepriesen sei, gepriesen sei. Der gute Mensch von Sezuan!“[13] Die Götter scheinen müde in ihrer Suche nach einem guten Menschen geworden zu sein und wollen sich ihr gewonnenes Bild von Shen Te nicht zerstören. Auf einer rosa Wolke fahren sie langsam nach oben und entschwinden. Damit wird das klassische Theatermittel „deus ex machina“ parodiert, denn in den tragischen Dramen werden die Konflikte auch durch das Eingreifen der Götter gelöst. Dagegen halten sich die Götter hier stark zurück. Dieser Wandel ist typisch für Brecht, da er wollte, dass der Mensch selbst in der Lage ist, sich zu helfen.

Im anschließenden Epilog wird der Zuschauer, wie oben zitiert, gebeten sich selber eine Lösung zu überlegen. „Das Spiel öffnet sich [damit] der Wirklichkeit.“[14] Das bedeutet, dass die Ebene der Dichtung verlassen wird, um sich mit der Wirklichkeit zu beschäftigen. Wenn man dazu die bekannte Gegenüberstellung[15] des epischen und dramatischen Theaters von Brecht heranzieht, so fällt folgendes auf. Dem epischen Theater wird die Ratio und dem dramatischen Theater das Gefühl zugeordnet. Der Zuschauer und seine Ratio werden vom Dichter aufgefordert mitzuarbeiten und somit erfüllt dieser Schluss trotz der anfänglichen These die theoretischen Vorgaben von Brecht.

Die genaue Differenzierung der Rolle des Zuschauers im epischen Theater wird an anderer Stelle vorgenommen (siehe „Die Rolle des Zuschauers“).

[...]


[1] Knopf, 1982;

[2] Knopf, 1982;

[3] Knopf, 1982;

[4] Barthes, 1955;

[5] Hauptmann, Brecht. Ein Lesebuch für unsere Zeit, 1980,

[6] Hauptmann, Brecht. Ein Lesebuch für unsere Zeit, 1980, S. 377f

[7] Brecht, Der gute Mensch von Sezuan,

[8] http://www.uni-essen.de/einladung/Vorlesungen/dramatik/brgutemensch.htm

[9] vgl. Kersting, Das epische Drama, 1989;

[10] Brecht, Der gute Mensch von Sezuan,

[11] Brecht, Der gute Mensch von Sezuan,

[12] Brecht, Der gute Mensch von Sezuan,

[13] Brecht, Der gute Mensch von Sezuan,

[14] Knopf, Bertolt Brecht – Der gute Mensch von Sezuan, 1997,

[15] siehe Anlage 1

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Brechts Dramentheorien - Analyse am Beispiel "Der gute Mensch von Sezuan"
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V88732
ISBN (eBook)
9783638034586
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brechts, Dramentheorien, Analyse, Beispiel, Mensch, Sezuan, Thema Der gute Mensch von Sezuan
Arbeit zitieren
Clemens Zörner (Autor), 2006, Brechts Dramentheorien - Analyse am Beispiel "Der gute Mensch von Sezuan", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88732

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