Verdichtete Wahrheit - Logische Kunst

Zu Eyal Sivans "Ein Spezialist"


Seminararbeit, 2006
14 Seiten, Note: 1,7
Anonym

Leseprobe

I n h a l t s v e r z e i c h n i s

Extrahierte Kunst – Präambel

Echauffierte Kritik – Generierung einer These

Elaborierte Dramaturgie – Kunstvolle Logik

Exempel Eichmann – Epilog

Ex Libris

„Images are produced to serve as records of reality, as documentary evidence of the people, places, things, actions and events they depict. Their analysis is a matter of extracting just that kind of information from them.”[1]

Extrahierte Kunst – Präambel

„Ein Spezialist“[2] verspricht Spektakuläres: Ein Film über den Eichmann – Prozess in Jerusalem, 1961, entworfen von Eyal Sivan, einem israelischen anti-zionistischen Regisseur, der sich, auf Hannah Arendt[3] berufend, scheinbar anmaßend jüdischer Geschichte annimmt. Die Brisanz ist atemberaubend.

Jedoch verbirgt sich hinter dieser Wahrnehmung eine Gefahr, allein jener Brisanz Aufmerksamkeit zu schenken, und das Werk nur von diesem politischen Gesichtspunkt aus zu beurteilen. Dies soll hier bewusst nicht getan werden. Kunst verdient es, aus dem Kontext gerissen und werkimmanent betrachtet zu werden. Kunst allein sollte Grund genug sein, den Versuch zu wagen, sich aus ihr heraus gesellschaftliche Phänomene zu erklären. Dieses Verfahren bietet die Möglichkeit, die Dimensionen der Fakten aus der Sicht der Fiktion zu erfahren.

Ich möchte mich entfernen von dem, was Kritiker hinsichtlich der historischen Wahrhaftigkeit des Filmes bemängeln. Gerade weil dieser Film so umstritten ist, möchte ich der Thematik des politischen Diskurses etwas entgegnen. Politik ist nur eine mögliche Perspektive. Die Logik der Kunst entwickelt eine Reflektion der Wirklichkeit, das ist wesentlich. Die Logik der Kunst zielt darauf ab, ein Abstraktum zu schaffen, das maskengleich zur Analogie für mitunter differierende Realitätsaspekte werden kann. Die Logik der Kunst wird unlogisch, wollte man sie in einem kunstfremden System erklären.

Die Identität von Autor und Kritik sind ohne Zweifel an die Kunst gebunden, doch was verbindet die Kunst mit jenen? „Ein Spezialist“ gilt als Dokumentarfilm, und genrespezifisch wird von ihm die Wahrheit gefordert. Die Frage nach der Wahrheit ist jedoch unzulänglich, sie zeigt: es wurde zu kurz gedacht.

Echauffierte Kritik – Generierung einer These

Hillel Tryster, ehemaliger Direktor des Steven Spielberg Jewish Film Archive, übernimmt eine beispielhafte Rolle als scharfer Kritiker und betont unpolitischer Repräsentant derjenigen, die den Film politisch verstehen. In seinem Artikel „We Have Ways of Making You Believe – The Eichmann Trial as seen in `The Specialist`”[4] hinterfragt Tryster den Film gewissenhaft. Leider ist sein Gewissen kein emphatisches: Tryster polarisiert den Film dergestalt, dass man diesem automatisch eine politische Agenda unterstellt. Seine Analyse ist sicher nicht von der Hand zu weisen oder falsch, aber irreführend. Eine eigenartige Polemik unterstreicht die Eindimensionalität der Argumentation Trysters und lenkt damit den Blick auf die Essenz des Werkes. Vielleicht unbewusst, jedoch mit großer Überzeugungskraft, entlarvt der Kritiker sich selbst und seine Perspektive.

Tryster klärt seine Leser über die technischen Details der Entstehung des Filmes auf. Ausschließlich Archivmaterial von der Aufzeichnung des Prozesses im Jahr 1961, insgesamt 350 Stunden, diente als Grundlage für die 128min „Ein Spezialist“. Er verrät sogar die wahrscheinlich größte Herausforderung an den Regisseur, „so that for any given moment in the trial, only what one of the four cameras saw was ever taped“[5] Vermeintlich entlarvt er die Agenda Sivans, indem er veranschaulicht, wie der Regisseur Szenen manipuliert hat, um eine gewünschte Wirkung zu erzielen. Er wird zeigen, dass Sivan mit der Konstruktion des Filmes eine neue Ebene geschaffen hat. Diese untersucht Tryster jedoch einseitig als Verfälschung der Wirklichkeit und nicht als Werk, welches über sich hinaus zu weisen vermag.

Bevor Tryster beginnt, Sivans „Fälschung“ zu entlarven, widmet er einen Absatz seiner eigenen Position und beschreibt sich selbst anschaulich als einen Bekannten Sivans und jemanden ohne politischer Kritik auf der Zunge. Direkt im Anschluss folgt seine pittoreske Hypothese.

„If one were a filmmaker with a political agenda that could benefit from a re-evaluation of the Eichmann trial – one that made Eichmann seem a harmless pawn used by the Zionist Establishment to consolidate the “myth” of Jewish victimhood - how might one proceed?”[6]

Voller Eifer liefert Tryster eine Gebrauchsanweisung à la Sivan und damit gleichzeitig sein argumentatives K.O. Die politische Pseudo – Distanzierung relativiert sich selbst, da der Kritiker seine eigene Agenda nicht zu verbergen vermag. Tryster kritisert „Ein Spezialist“ vor dem Hintergrund der Wahrheit und verschränkt seine Argumentation mit einer investigativen politischen Analyse. Diese stellt Trysters eigene politische Gesinnung unbemerkt in den Vordergrund. Seine Beweisführung macht dies deutlich. Sein Ziel ist ein Verriss und legitimiert fühlt er sich durch seine persönliche politische Einstellung. Ob unabsichtlich oder bewusst, ein entscheidender Aspekt bleibt bei Trysters kritischer Analyse auf der Strecke, die Gesamtkonzeption und das Anliegen des Filmes. Denn auch bei diesem Werk dürfen Inhalt und Form als Einheit betrachtet werden, möchte man seine Essenz erfassen.

Zunächst erklärt er das Marketing Konzept, welches jedoch bei gegenwärtigen Filmproduktionen nicht außergewöhnlich erscheinen muss, um sich dann dem Protagonisten zu widmen. Die Figur Eichmann, die Sivan entwirft, erscheint ihm mehr als bedenklich.

„A film with such an aim must make Eichmann look as good as possible while making the other side look bad“[7]

Unter dieser Prämisse beleuchtet Tryster eingängig welche Szenen besonders stark manipuliert wurden, um im Film eine Wirkung zu erzielen. Dass diese Wirkung vor dem Hintergrund einer durchaus gelungenen Dramaturgie entsteht und die vermeintliche Fälschung sich als Notwendigkeit zur Transformation einer Botschaft entpuppt, kommt dem Kritiker nicht in den Sinn. Weiterhin ist seine Annahme, Eichmann sei eine durchweg positiv gezeichnete Figur, nicht korrekt. Er zitiert einige Szenen und beschreibt ihre ursprüngliche Form, um dann aufgrund der Tatsache, dass Sivan sich einer kunstvollen Montage bedient hat, einen fragwürdigen Schluss zu ziehen. Jede Manipulation sei allein zur positiven Verstärkung Eichmanns geschehen, um die übergeordnete anti – zionistische Agenda zu stützen. Dieser Vorwurf durchdringt den Text des Kritikers und taucht wiederum seine angeblich unpolitische Ambition in kritisches Licht. Seine Kritik generiert Vorbehalte, sie stellt Behauptungen auf, ohne diese näher zu untersuchen. Tryster analysiert den Film nicht, sondern konzentriert sich einzig auf die Rechtfertigung seiner Hypothese. Er verbeißt sich in der Politik und argumentiert ausschließlich mit der scheinbar missachteten historischen Wahrheit.

[...]


[1] The Image as Record and as Construct, S. 4 in: Handbook of Visual Analysis, T. van Leeuwen & C. Jewitt, Sage Publications, 2001

[2] „The Specialist – a portrait of a modern criminal”, E. Sivan & R. Brauman, 1999

[3] “Eichmann in Jerusalem – ein Bericht von der Banalität des Bösen”, H. Arendt, Reclam 1990

[4] www.spielbergfilmarchive.org.il/ActivitiesHighEich.htm, copyright 2005

[5] Ders., ebd., S.1

[6] Ders., ebd., S.1

[7] Ders., ebd., S.2

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Verdichtete Wahrheit - Logische Kunst
Untertitel
Zu Eyal Sivans "Ein Spezialist"
Hochschule
Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg
Veranstaltung
Filmgeschichte: Dokumentarfilm
Note
1,7
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V88863
ISBN (eBook)
9783638034814
Dateigröße
368 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verdichtete, Wahrheit, Logische, Kunst, Filmgeschichte, Dokumentarfilm
Arbeit zitieren
Anonym, 2006, Verdichtete Wahrheit - Logische Kunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88863

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