Zur artistischen Symbolik der Marionette - Aspekt des Kunstbegriffs bei Edward Gordon Craig und Heinrich v. Kleist


Seminararbeit, 2006

17 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

Schöpfung – die Marionette als Begriff bei Craig und Kleist. Eine Einleitung.

Sündenfall – die künstlerische Überwindung menschlicher Fehlerhaftigkeit

Die Erbsünde und das Paradies

Bibliographie

Schöpfung – die Marionette als Begriff bei Craig und Kleist

Eine Einleitung

„Ich lache nicht… Ich bin kein Vertreter für Marionetten. Ich bin auch kein verrückter Künstler, der … von einer phantastischen Idee begeistert ist … Ich bin vollkommen ernst.

Ihr kennt mich? Also wisst ihr, dass ich es ernst meine.

Ihr kennt mich nicht? Also fangt an, mich ernst zu nehmen.“[1]

Craig widmet sich in seiner theatertheoretischen Arbeit der Abschaffung der Totalität der theatralischen Einzelkünste zugunsten der Etablierung der Totalität einer allmächtigen Inszenierungskunst, um dem Theater den Weg in eine Zukunft als eigenständige Kunstform zu bereiten[2]. Sein offensichtliches Ziel ist es, dem Regisseur die Gewalt über das Theater in die Hände zu legen. Dazu ist radikale Subordination der anderen am Theater tätigen Künstler erforderlich. Einen besonders anschaulichen Eindruck gewährt diesbezüglich sein Begriff der „Übermarionette“[3]. Diese Kunstfigur soll einmal den Schauspieler ersetzen und ihren Ursprung begreift Craig als Idee göttlicher Perfektion. Die Reanimation dieser Vorstellung und die Inszenierung ohne den Schauspieler wird begleitet von einem Hauch Mystizismus und bestimmt nicht unwesentlich Craigs Vorstellungen von Ästhetik.

Kleist beschäftigt sich ebenfalls mit der Marionette, allerdings nicht vor dem Hintergrund der Abschaffung des Schauspielers, sondern ausgehend von dem perfekten Tänzer. Dieser ist als Marionette dem menschlichen Tänzer ziemlich genau aus denselben Gründen überlegen wie die Craigsche „Übermarionette“ dem Schauspieler. Die Freiheit vom Ego und die Verbindung mit dem Puppenspieler geben der Marionette ihre Grazie, das was Kleist als höchste Form der Schönheit ansieht. Diese Idee findet sich, außer in seinem Essay[4], in seinem Werk „Das Käthchen von Heilbronn“[5] wieder, in welchem die Thematik der Überwindung des Dualismus von Vernunft und Emotion zum Ausdruck gebracht wird.

Beiden Kunstbegriffen liegt zugrunde, dass es einen utopischen Raum gibt, in dem man die menschlichen Unzulänglichkeiten und Zweifel überwinden kann. Dieser Raum kann durch Kunst und insbesondere durch die Verbindung von inszeniertem Objekt und inszenierendem Subjekt geschaffen werden. Sowohl Kleist, als auch Craig begründen ihre Marionettensymbolik mit metaphysischen Begriffen. Craig will zurück zu einem reinen Ursprung, sucht also in gewisser Weise, genau wie Kleist, eine Form der Unschuld. Jene soll gewährleisten, dass der Mensch einen Weg zurück in einen originären Zustand findet. Dorthin zurück, wo Gott den Menschen einst erschaffen hatte, das Paradies.

Anhand einer Analyse der Vorstellungen und Bedeutungen des Marionettenbegriffs der erwähnten Künstler soll im Folgenden die Untersuchung beider Marionettenkonzepte auf ihr jeweiliges Kunstverständnis verweisen. Die Marionette soll hierbei für die Rezipienten als Symbol der autarken Systeme dienen. Den künstlerischen Systemen von Edward Gordon Craig und Heinrich von Kleist. Die Symbolik der Kunstfigur „Marionette“ wird verdeutlichen, inwiefern Kunst und der Begriff reiner Schönheit bei Craig und Kleist metaphysische und mystische Grundlagen haben. Es soll analysiert werden, inwieweit diese Grundlagen Ausdruck der gleichen Idee sein können und worin diese Gemeinsamkeit besteht.

Sündenfall – die künstlerische Überwindung menschlicher Fehlerhaftigkeit

Die Reflektion einer Idee, ihrer Ursprünge und Auswirkungen.

- Gibt es einen Nexus zwischen dem Craigschen und dem Kleistschen Begriff der Marionette? –

Edward Gordon Craig wurde 1872 in England geboren und arbeitete als Schauspieler, Regisseur, Bühnenbildner, Grafiker und Publizist. Seine Theatertheorien werden in engem Zusammenhang mit symbolistischen Strömungen gesehen[6]. Craig verstand das traditionelle Theater seiner Zeit als „nur zweifingerbreit entfernt von einem jämmerlichen Ende“[7] und konzentrierte sich in seiner Arbeit auf eine Idee, die das Theater vor diesem Ende bewahren sollte.

Craig strebte in seiner Theorie und in seinem Schaffen nach der Etablierung einer anerkannten Inszenierungskunst und forderte vor diesem Ziel die Unterordnung der einzelnen Kunstformen des Theaters unter den Scheffel des Regisseurs. Seine Schriften zeugen von dieser theoretischen Grundlage und vermitteln dem Leser eindeutig, wie und warum Craig die Rettung des Theaters in der Auflösung der theatralisch kumulierten Einzelkünste sah. Insbesondere der Schauspieler und die Schauspielkunst fallen einer rigiden und nahezu erbarmungslosen Kritik zum Opfer. Craig verdeutlicht an dieser Kunst des Theaters, inwiefern er sich das Theater der Zukunft vorstellt. Die Gründe, die er vorlegt, lassen sich mühelos auf die anderen theatralischen Künste übertragen und gewähren Einblick in die Gesamtkonzeption des Craigschen Theaters.

Craig beschreibt Arbeit und Funktion des Regisseurs als eine undankbare und wenig gewürdigte Aufgabe. Dieser schlage sich einzig mit der Organisation der einzelnen anderen Künstler herum, während er seiner eigentlichen Aufgabe, der Inszenierung, nur schwerlich nachgehen könne. „Das wäre alles noch leicht und angenehm zu ertragen, wenn der regisseur die autorität seines titels besäße, das heißt: wenn in seinem kontrakt die worte stünden – ‚hat die volle und ganze kontrolle über die bühne und alles, was auf der bühne ist.’“[8] Der Position des Regisseurs und dem dadurch bestimmten Zustand des Theaters seiner Zeit begegnet er mit einer Analyse der Theaterkunst, in welcher er seine eigene Vorstellung erahnen lässt: „nein, die kunst des theaters ist weder die schauspielkunst noch das theaterstück, weder die szenengestaltung noch der tanz. Sie ist die gesamtheit der elemente, aus denen diese einzelnen bereiche zusammengesetzt sind. Sie besteht aus der bewegung, die der geist der schauspielkunst ist, aus den worten, die den körper des stückes bilden, aus linie und farbe, welche die seele der szenerie sind, und aus dem rhythmus, der das wesen des tanzes ist.“[9]

Mit dieser Erklärung eröffnet Craig Ursprung und Konsequenz seiner Idee. Das Theater müsse auf seine künstlerischen Teilelemente reduziert werden, um als Kunst selbständig und ganzheitlich etabliert werden zu können. Hierzu gehört auch und vor allem eine kritische Auseinandersetzung mit der Schauspielkunst, deren Dominanz ein erheblicher Grund für den Niedergang des Theaters zu sein scheint. Der Schauspieler müsse in letzter Konsequenz abgeschafft und durch die „Übermarionette“ ersetzt werden, da nur diese wirklich und wahrhaftig darzustellen imstande wäre.

Craig setzt sich mit dem Kunstbegriff auseinander und inwiefern der Schauspielkunst das Privileg zukommt, zu den Künsten zu gehören. Ganz im Sinne seines Regietheaters, kommt er zu der Feststellung, dass ein Kunstwerk nur aus Materialien entstehen kann, über welche „man planend verfügen kann“[10]. Demnach ist Schauspielerei „keine echte Kunst“, der Mensch sei kein derartiges Material[11]. Kunst an sich sei kein zufälliges Produkt, so Craig, sondern sie beruhe auf Plan und Kalkulation. Bis ins kleinste Detail muss eine Inszenierung durchdacht sein, und der Schauspieler hat an diesem Punkt auf der Bühne nichts mehr verloren. Er ist den „Strömen des Gefühls unterworfen“[12] und wird deswegen zum unkalkulierbaren Faktor der Inszenierung. Der gesamte schauspielerische Ausdrucksapparat unterliege emotionalen Impulsen und der Schauspieler sei, weil er nun mal ein Mensch ist, auch nicht imstande diesem Chaos mit seinem Verstand Paroli zu bieten.

Die Emotionen des Schauspielers interpretiert Craig als einen Drang in die Freiheit aus dem Gefängnis des Dramatikers. Der Schauspieler sei verführt worden für einen anderen zu sprechen, weil ihm das Angebot schmeichle. „Eitelkeit kennt keine Vernunft“[13], weswegen der Schauspieler in einem Dilemma verharre. Den Ausweg daraus sieht Craig darin, dass jene die Aufgabe der Verkörperung hinter sich lassen und neuen Darstellungsformen den Weg bereiten. Anstatt zu verkörpern sollen sie „szenisch vorführen“ und später einmal sogar „schöpferisch produzieren“[14]. Die fotografische Nachahmung, die der Schauspieler seiner Zeit liefere, verhindere, dass sie tatsächlich die „geistige Essenz“[15] einer Sache künstlerisch auszudrücken vermögen. Insgesamt jedoch stellt Craig fest, dass ein Schauspieler niemals zu einer solchen künstlerischen Leistung fähig sei. Dies liege eben darin begründet, dass er seinen Willen nie ganz unter Kontrolle haben könne und von daher nicht imstande sei, sein künstlerisches Instrument, nämlich seinen Körper, perfekt und kontrolliert einzusetzen.

[...]


[1] Das Marionettentheater I [a], Edward Gordon Craig, No. 67 v. 10.05.1946S.5; in: „Marionette, Che Passione!“ , Olaf Laksberg, 1993, S. 438

[2] „Erst die substantielle Auflösung des Dramas – und in ihrem Gefühl notwendig auch die Zerstörung des subjektiven Autonomieanspruchs der Schauspielkunst – gibt ihnen die Möglichkeit, das theatralische Kunstwerk gleichsam aus den wieder flüssig gewordenen Materialien der Künste neu zu konzipieren“, in: Kunsttheorie der Inszenierung, Dietrich Kreidt; Berlin 1968

[3] Der Schauspieler und die Übermarionette, E. G. Craig, Florenz 1907

[4] Über das Marionettentheater, H. v. Kleist, erschienen 12. Dezember 1810 in „Berliner Abendblätter“

[5] Das Käthchen von Heilbronn, H. v. Kleist, als Buchausgabe erschienen 1810, in: H. v. Kleist, Gesammelte Werke 1, hg. v. Hanser Verlag München, Erstauflage 1952

[6] Kunsttheorie der Inszenierung, Dietrich Kreidt; Berlin 1968

[7] Das Marionettentheater II [a], No. 69 v. 24.05.1946, Edward Gordon Craig, S.5; in: „Marionette, Che Passione!“ , Olaf Laksberg, 1993, S. 440

[8] Theater der Zukunft, 1907, E. G. Craig, in: „Über die Kunst des Theaters“, S.15

[9] Die Kunst des Theaters, E. G. Craig, 1905, in: „Über die Kunst des Theaters“, S.101

[10] Der Schauspieler und die Übermarionette, E. G. Craig, 1907, in: „Über die Kunst des Theaters“, S. 52

[11] Ebenda

[12] Ebenda

[13] Ebenda, S. 54

[14] Ebenda, S. 55

[15] Ebenda

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zur artistischen Symbolik der Marionette - Aspekt des Kunstbegriffs bei Edward Gordon Craig und Heinrich v. Kleist
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
2,3
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V88897
ISBN (eBook)
9783638034944
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Symbolik, Marionette, Aspekt, Kunstbegriffs, Edward, Gordon, Craig, Heinrich, Kleist
Arbeit zitieren
Anonym, 2006, Zur artistischen Symbolik der Marionette - Aspekt des Kunstbegriffs bei Edward Gordon Craig und Heinrich v. Kleist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88897

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