Der innere Monolog in Arthur Schnitzlers "Leutnant Gustl"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Vorbilder
2.1 Theoretisches Vorbild: Hermann Bahr
2.2 Literarische Vorbilder
2.2.1 Dostojewski
2.2.2 Dujardin

3 Leutnant Gustl

4 Innerer Monolog und Psychoanalyse

5 Schlußbemerkung

Literatur

1 Einleitung

In zahlreichen Aufsätzen wurde bislang Arthur Schnitzlers 1900 entstande- ne Monolognovelle Leutnant Gustl behandelt. Im Vordergrund steht dabei ne- ben der Kritik Schnitzlers am militärischen System der k.u.k Armee meist die Erzählform: Leutnant Gustl gilt als erster durchgängiger innerer Monolog in der deutschen Literatur. Die Forschung beleuchtet verschiedene Aspekte dieser Erzählform, vor allem den literaturwissenschaftlichen (z. B. Morris, Doppler, Surowska) und den psychologischen (Worbs). Diese Arbeit versucht, beide Aspekte zu vereinen, sowohl die literarischen als auch die theoretischen Vorbilder zu Leutnant Gustl zu beleuchten und den inneren Monolog in den Vergleich mit der Psychoanalyse zu stellen. Bei der Interpretation der Novelle in Kapitel 3 ha- be ich mich vor allem auf die die Erzählform betreffenden Aspekte beschränkt. Zudem habe ich den Versuch der Klärung der Frage unternommen, inwieweit Inhalt und Form der Novelle eine Einheit bilden, wie Schnitzler Situationen und Handlungen ohne Erzähler beschreibt, wie er sie einzig aus der Sicht Gustls darzustellen versucht. Dabei tritt jedoch ein erzähltechnisches Problem auf. Es stellt sich nämlich die Frage, ob der Autor tatsächlich völlig in den Hintergrund treten kann, oder ob der vollständige innere Monolog vielleicht, um mit Morris zu sprechen, doch keine gänzlich ”erzählerloseErzählung“1 ist.

2 Vorbilder

2.1 Theoretisches Vorbild: Hermann Bahr

Der Schriftsteller und Literaturkritiker Hermann Bahr nahm Schnitzlers for- male Neuerung des durchgängigen inneren Monologs theoretisch bereits in seinem 1891 veröffentlichten Essayband Die Überwindung des Naturalismus vorweg. In dem darin enthaltenen Kapitel Die neue Psychologie fordert er, dass und ”Zusätze“ ”Umarbeitungen“desBewusstseins ”ausgeschiedenunddieGefühleaufihreursprünglicheErscheinung vor dem Bewußtsein zurückgeführt werden [sollen]. Die alte Psycholo- gie findet immer nur den letzten Effekt der Gefühle, welchen Ausdruck ihnen am Ende das Bewußtsein formelt und das Gedächtnis behält. Die neue wird ihre ersten Elemente suchen, die Anfänge in den Fins- ternissen der Seele, bevor sie noch an den klaren Tag herausschla- gen, diesen ganzen langwierigen, umständlichen, wirr verschlungenen Prozeß der Gefühle, der ihre komplizierten Thatsachen am Ende in simplen Schlüssen über die Schwelle des Bewußtseins wirft [...]. Die alte Psychologie hat die Resultate der Gefühle, wie sie sich am En- de im Bewußtsein ausdrücken, aus dem Gedächtnis gezeichnet; die neue zeichnet die Vorbereitungen der Gefühle, bevor sie sich noch ins Bewußtsein hinein entschieden haben. [...] Am nächsten liegt die ’Ich- Form’. Was über eine Seele ausgesagt wird, bewirkt uns nicht; aber den Bekenntnissen, welche eine Seele von sich selbst aussagt, ist unser Vertrauen geneigt.“2

Jedoch reiche die Ich-Form nicht aus. Die neue Psychologie benötige eine Art ”Protokollführer“imGehirnderdarzustellendenPerson,derpsychischeVorgänge festhalte, noch bevor sie das Bewusstsein passiert hätten3. Diesen bezeichnet Dostojewski bereits 1862 als ”Protokollführer“ ”Stenographen“.Ausdermireinsichti- gen Quelle wird nicht ersichtlich, ob Bahr Dostojewskis Aussage bekannt war. Übertragen auf die Literatur bedeuten Bahrs Forderungen also eine Erweiterung des Erzählerbegriffs und der Erzählform. Die Aufgabe des Autors soll es nicht mehr sein, zu strukturieren, den Leser in den Text und die Figur einzuführen. Er ist lediglich derjenige, der den Stift führt und die unbewussten Regungen und Gefühle der Figur aufzeichnet - in der Reihenfolge, in der sie im Unterbewusstsein auftauchen, noch bevor sie das Bewusstsein passieren, vom Verstand reflektiert werden. Da die ”Ich-Form“bereitsbewusstGedachteswiedergibt,Gedanken und Gefühle bereits strukturiert, möglicherweise auch nur noch bruchstückhaft oder gar nicht mehr vorhanden sind, fordert Bahr eine neue Erzählform. Eine Erzählform, die versucht, Unbewusstes unmittelbar und vollständig darzustellen.

2.2 Literarische Vorbilder

2.2.1 Dostojewski

Nach Ansicht Dujardins hat Dostojewski bereits 1862 die Möglichkeit des inneren Monologs gesehen. In seiner Untersuchung über den inneren Monolog zi- tiert Dujardin dazu eine Textstelle aus Dostojewskis Eine garstige Anekdote von 1862. Dort läßt dieser den Erzähler folgende Zwischenbemerkung einschieben:

”BekanntlichdurchkreuztofteineganzeReihevonErwägungenunser Gehirn blitzartig, in Gestalt von Empfindungen, welche die menschli- che Sprache nicht ausdrücken kann, am wenigsten die Literaturspra- che. Wir wollen uns aber bemühen, alle diese Empfindungen unseres Helden wiederzugeben und unserem Leser wenigstens eine Vorstellung von dem Wesen dieser Empfindungen vermitteln, sozusagen das, was an ihnen das Wichtigste und Wahrscheinlichste war. Denn viele un- serer Empfindungen wirken, in die Sprache des Alltags übertragen, völlig unwahrscheinlich. Daher kommen sie nie zutage, obgleich ein jeder sie hat“4.

Dostojewski verwendet in der Erzählung nur an wenigen Stellen den inne- ren Monolog, d. h., ein Ausschnitt aus dem Bewusstseinsvorgang der Figur wird wiedergegeben, ohne Einleitung durch ein Verb des Denkens oder Sagens. ”Die garstige Anekdote nutzt die komisch-skurrile Wirkung des inneren Monologs, der durch die Trunkenheit des Protagonisten Iwan Iljitsch motiviert ist.“5 Bezüglich seiner Rolle bei der Entstehung der Erzählung Krotkaja( dt.:Die Sanfte)1876 sieht Dostojewski sich nicht mehr als Erzähler im klassischen Sinn, sondern als Ste- nographen. Die Erzählung kreist um die Gedankenwelt eines jungen Ehemannes, dessen Frau Selbstmord begangen hat. Er versucht nun, schwankend zwischen Selbstverteidigung und Beichte, die Wahrheit über ihren Freitod zu ergründen.

Dostojewski nennt seine Erzählung phantastisch:

”WennihneinStenograph

hätte belauschen und alles nachschreiben können, wäre vielleicht alles etwas holp- riger geworden, weniger ausgearbeitet, als es bei mir ist, aber mir scheint, daß die psychologische Entwicklung vielleicht dieselbe geblieben wäre. Eben diese Vor- stellung des nachschreibenden Stenographen (dessen Niederschrift ich dann über- arbeitet hätte) ist das, was ich in dieser Erzählung das Phantastische nenne“6. Nach Ansicht Zenkes ist Die Sanfte allerdings noch kein innerer Monolog im strengen Sinn, da noch ein Hörer in die Fiktion mit einbezogen werde, d. h., die

Bekenntnisse und Erklärungsversuche des Ehemanns werden einem anonym blei- benden Gegenüber anvertraut, dessen Position der Leser bald einnehme7. Neben der Erzählform weisen Leutnant Gustl und Die Sanfte auch inhaltlich Ähnlich- keiten auf. So ist nach Ansicht Barbara Surowskas neben einer der Thematiken der beiden Texte, die Herabwürdigung der Offiziersehre, bei beiden Protagonis- ten die Ausgangssituation ähnlich: ”BeideHeldenwerdendurcheinetragische Begebenheit, die sie aus ihrer Selbstzufriedenheit herausreißt, gezwungen, nach- zudenken und eine Bilanz ihres Lebens zu ziehen. In dem Fall der Sanften ist es der Selbstmord der jungen Ehefrau, im Leutnant Gustl die vermeintliche Not- wendigkeit des Freitodes“8. Ein entscheidender Unterschied bestehe jedoch darin, dass der Protagonist in Dostojewskis Novelle erkennt: Ich habe sie zu Tode ge- quält, das ist es!, wohingegen Gustl zu keiner Einsicht gelange9.Surowska gibt an, Krotkaja in Schnitzlers Leseliste gefunden zu haben. Da diese allerdings undatiert ist, bleibt unklar, ob Schnitzler in seinem Brief an den dänischen Literaturkritiker Georg Brandes vom 11.6.1901 aufrichtig ist, wenn er schreibt:

”[...]Ichfreuemich,daßSiedieNovellevonLieutnantGustlamüsiert hat. Eine Novelle von Dostojewski, Krotkaja, die ich nicht kenne, soll die gleiche Technik des Gedankenmonologs aufweisen. Mir aber wurde der erste Anlaß zu der Form durch eine Geschichte von Dujardin gegeben, betitelt Les Lauriers sont coupés. Nur daß dieser Autor für seine Form nicht den rechten Stoff zu finden wußte.-[...]“10

[...]


1 Morris, Der vollständige innere Monolog: eine erzählerlose Erzählung?, S. 30

2 Bahr, Die Überwindung des Naturalismus, S. 57-60

3 Worbs, Nervenkunst, S. 83

4 Dostojewski, Erzählungen, S. 475ff, zitiert nach: Zenke, Die deutsche Monologerzählung im 20. Jahrhundert, S. 33

5 Surowska, Schnitzlers innerer Monolog im Verhältnis zu Dujardin und Dostojewski, S. 33/34

6 Dostojewski, Erzählungen, S. 867, zitiert nach: Zenke, Die deutsche Monologerzählung im 20. Jahrhundert, S. 35

7 Zenke, Die deutsche Monologerzählung im 20. Jahrhundert, S. 36

8 Surowska, Schnitzlers innerer Monolog im Verhältnis zu Dujardin und Dostojewski, S. 555

9 Surowska, Schnitzlers innerer Monolog im Verhältnis zu Dujardin und Dostojewski, S. 555/556

10 Briefwechsel von Georg Brandes und Arthur Schnitzler, hg. von Kurt Bergel, Bern 1956, S. 88, zitiert nach: Surowska, Schnitzlers innerer Monolog im Verhältnis zu Dujardin und Dostojewski, S. 552

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der innere Monolog in Arthur Schnitzlers "Leutnant Gustl"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V89356
ISBN (eBook)
9783638068628
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Monolog, Arthur, Schnitzlers, Leutnant, Gustl
Arbeit zitieren
Katharina Dittes (Autor), 2003, Der innere Monolog in Arthur Schnitzlers "Leutnant Gustl", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89356

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