Bevölkerungs- und Siedlungsentwicklung Berlins

Siedlungsgeschichte bis Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss von Politik und Ökonomie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
27 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Erste Siedlungen durch Kolonialisierung

2. Berlin-Cölln im späten Mittelalter
2.1. Vom Marktort zur Handelstadt 2.2. Der Ausbau des mittelalterlichen Berlins

3. Die Stadt zur Zeit der Kurfürsten

4. Berlin als Festung, Residenz- und Hauptstadt

5. Berlin auf dem Weg zur Industriestadt

6. Aufstieg Berlins zur Wirtschaftsmetropole und Reichshauptstadt

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Zu den Zierden Deutschlands gehören seine Städte. Unter ihnen ist Berlin weder die älteste noch die schönste. Unerreicht aber ist seine Lebendigkeit.“

(Richard von Weizsäcker , 1984-94 Bundespräsident)

Dies Feststellung lässt sich sicherlich nicht nur auf das Berliner Erscheinungsbild und Le- bensgefühl sondern auch auf die historisch rege Berliner Stadtentwicklung beziehen. Heute wird die Erscheinung Berlins stark geprägt durch die ansässigen politischen Institutionen, die Wirtschaft und natürlich durch die Bevölkerung. Diese drei Faktoren stehen eng miteinander in Verbindung und vermögen sich gegenseitig zu bedingen und zu beeinflussen. Auch durch ihr Zusammenspiel ist die deutsche Hauptstadt heute die bevölkerungsreichste und flächen- mäßig größte Stadt Deutschlands, denn Politik, Wirtschaft, Siedlungs- und Bevölkerungs- entwicklung gingen in Berlin seit jeher Hand in Hand. Die Basis für die heutige Entwicklung ist also auch in der Vergangenheit der Stadt zu suchen, denn das Bild der geschichtsträchtigen Stadt Berlin zeigt noch heute Strukturen, deren Entstehung auf vergangenen Epochen zurück zu führen ist. Wie sich die Siedlung Berlin und deren Bevölkerung, von den Anfängen im Mittelalter hin zum frühen 20. Jahrhundert, entwickelte, soll im Folgenden dargestellt werden. Welchen Einfluss dabei politische Entscheidungen und die Ökonomie hatten und welcher Zu- sammenhang zwischen diesen Faktoren bestand, soll dabei in den Vordergrund rücken, um das enorme Wachstum der Stadt zu begründen und dessen Ausprägungen zu analysieren.

1. Erste Siedlungen durch Kolonialisierung.

Die ältesten menschlichen Spuren im Berliner Raum stammen etwa aus der Zeit um 50 000 v. Chr. und wurden in einer Kiesgrube in Neukölln gefunden. Bis auf die Tatsache einer Exis- tenz von menschlichen Wesen im Raum lassen sich aus diesen Funden jedoch keine weiteren Rückschlüsse ziehen. Von einer durchgehenden Besiedelung geht man erst ab 8000 oder 9000 v. Chr. aus. Rentierjäger sollen die ersten Berliner gewesen sein. Ihnen folgten bereits sesshaft gewordene Ackerbauern, wie Funde von hölzernen Pflügen im Bezirk Reinickendorf bewei- sen. Es folgen germanische Stämme wie die Semnonen, die Sweben und Burgunden. Zu Be- ginn der Völkerwanderung (ca. 200 n. Chr.) siedelten slawische Stämme. Diese bauten die ersten befestigten Plätze sowie Burgen um 800 oder 900 n. Chr. in Köpenick und Spandau zum Schutz der Flussübergänge an Spree und Havel. 950 n. Chr. gründete dann Sachsenkaiser Otto I. das Bistum Brandenburg und begann mit der kriegerischen Christianisierung des Ge- bietes und der Bevölkerung. Albrecht der Bär, aus dem Geschlecht der Askanier, unterwarf 1157 n. Chr. die mittlerweile ortsansässigen Wenden mit Ihrem Wendenfürsten Jazco von Köpenick. Albrecht rief Siedler zur Kolonisation in den Landstrich. Es kamen Menschen vom Rhein, aus Holland, Seeland und Flandern und gründeten die ersten Ansiedlungen (Haus 1984, S. 11 ff).

Die frühesten Zeugen der Berliner Stadtgeschichte gehen zurück auf archäologische Funde an Berlins ältesten Kirchen, der St. Nicolai und der St. Petri Kirche (siehe Abbildung 2, Nr. 1 und 2). Hier fand man bei Ausgrabungen Überreste von christlichen Friedhöfen, die aus der Zeit um 1200 stammen. Die beiden Kirchen wurden 1250 errichtet (Ribbe 1987, S. 162, 165).

Auf den beiden Spreeinseln entwickelten sich hier damals die ersten Siedlungen, später Cölln und Berlin, an einer Furt, die es ermöglichte, die sumpfigen Niederungen der Umgebung zu überqueren (vgl. Abbildung 1). Dies geschah im Raum des heutigen Berlin-Mitte (Ribbe 1987, S. 57-103).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1:

(Quelle:: Haus 1992, S. 11)

Askanische Marktgrafen (die „Brandenburger“) herrschten über das Land und beein- flussten maßgeblich die Entwicklung des frühen Berlins. Ihre Volksgruppe kam ursprünglich aus dem Harz. Die Politik der Marktgrafen und die handelsgeographische Lage verhalfen Berlin und Cölln zu der Chance, sich zu einem bevorzugten Marktplatz und einer Handels- stadt zu entwickeln: von Westen führte ein neuer Handelsweg über Spandau und Berlin nach Frankfurt und Posen durch die Entscheidung der Marktgrafen zur Verlegung des Weges über Berlin-Cölln. Hier trafen sich Handelswege von Magdeburg über Brandenburg nach Köpe- nick. Es führten Wege nach Leipzig und Danzig, und die Bedeutung der Flussschifffahrt von Elbe und Havel bis nach Berlin gewann an Bedeutung. Zuzug kam damals vor allem vom Niederrhein, Westfalen und dem Stammland der Askanier, dem Harz. Es wird vermutet, dass „Cölln“ eine Ableitung des rheinischen „Colonia“ darstellt, also namentlich rheinischen Ur- sprungs ist. Der Name „Berlin“ geht vermutlich auf den slawischen Namen für einen trok- kenen Platz in einem Feuchtgebiet zurück (Haus 1992, S. 11 ff).

2. Berlin-Cölln im späten Mittelalter

2.1. Vom Marktort zur Handelstadt

1237 wurde Cölln erstmals urkundlich erwähnt, 1244 dann auch Berlin. Bereits sechs Jahrespäter (also 1250) wurde Berlin zum ersten Mal als „Stadt“ benannt. Aus dieser Zeit stammen auch die letzten Reste der Stadtmauer die noch heute in Teilen an der Waisenstraße in Berlin zu sehen sind. Die Doppelstadt gewann als Durchgangsort an Bedeutung, wurde aber auch immer mehr zum Sammelpunkt des Handels, auch weil mit dem Titel einer „Stadt“ entsprechende Privilegien verbunden waren. So galt für den Berliner Handel in der Mark Bran- denburg eine generelle Zollfreiheit und vor allem hatte die Stadt das „Niederlagsrecht“. Hier- durch waren vorbeireisende Händler gezwungen, einige Tage Ihr Gut in der Stadt anzubieten oder einen besonderen Durchgangszoll zu entrichten, wodurch vor allem die städtischen Fi- nanzen aufgebessert wurden. Gehandelt wurden damals vor allem Roggen, Holz, Felle und Häute aus Osteuropa, aber auch Fisch, Wachs und Honig. Insbesondere der Fernhandel war von entscheidender Bedeutung, auch durch die guten Handelswege. So gingen Waren über Berlin-Cölln nach Hamburg, Flandern und England. Ebenso wurden Güter von dortimportiert. Neben dem Handel profitierte Berlin auch von der größten Münzprägeanstalt der brandenburgischen Landesherren, den erhobenen Marktzöllen sowie vier Wassermühlen, deren Einkünfte später an die Stadt gingen. Es war ein Handelsplatz von überregionalem Rang entstanden, und so stärkte Berlins Bedeutung einerseits die regierenden Landesherren politisch, andererseits förderten diese die regionale Wirtschaft z.B. durch spezielle Zollbedingungen, und so findet man ab 1261 einen ersten Wohnsitz des Marktgrafen in Berlin, in der heutigen Klosterstraße. Politisch wie auch wirtschaftlich bestimmend waren im mittelalterlichen Berlin vor allem die (Kaufmanns-)Gilden, Zünfte und Innungen. Sie nahmen kommunale Aufgaben war wie die Innungsgerichtsbarkeit, also Kontrolle der Zunftregeln nach Qualität, Preis und Maß. Aber auch persönliches Fehlverhalten wurde gerichtet, und sie bestimmten, welche Zünfte zugelassen wurden. Ziel der Vereinigungen war es weiterhin, die Konkurrenz zu beschränken. Der Einfluss der Großkaufleute war dadurch gefestigt, dass diese fast ausschließlich Berlins und Cöllns Stadträte stellten. Sie bildeten das sog. „Patriziat“, den „Stadtadel“, und konnten Ortsgesetze erlassen (Haus 1992, S. 11 ff sowie Ribbe S. 180 ff). Die Bevölkerung des Raumes war gekennzeichnet von einer schroffen gesellschaft-lichen Schichtung. Einerseits die „ratsfähigen“ Familien, also die Großkaufleute als diktier-ende Oberschicht, andererseits die Mehrheit all derjenigen mit eingeschränktem oder gar ohne Bürgerrecht als unterste soziale Schicht (Informationszentrum Berlin 1984, S. 10). Dieser Unterschicht gehörten weit mehr als die hälfte aller Bewohner an. Den als un-ehrenhaft geltenden Berufen, Einwohnern slawischer Herkunft und unehelich Geborenen war das Bürgerrecht generell versagt. Einfache Kaufleute und Handwerksmeister rechneten sich zur Mittelschicht, allerdings blieben auch sie ohne politischen Einfluss. Seelsorge, Unterricht und soziale Hilfe lag im Zuständigkeitsbereich der Geistlichen. Als Geldverleiher oder für niedere Dienstleistungen waren Juden zuständig, auch weil ihnen Handwerke verboten waren. Juden besaßen Sonderbürgerrechte und standen gegen Gebühr unter besonderem stadt- herrlichem Schutz. Die ersten Juden wurden 1295 erstmals schriftlich erwähnt. Man fand jedoch Grabsteine die auf das Jahr 1244 datieren (Haus 1992, S. 11 ff sowie Ribbe S. 180 ff sowie Informationszentrum Berlin 1984, S. 10).

Cölln und Berlin besaßen zu dieser Zeit fast identische, jedoch separate Bürgerrechte, Verfassungen, Bürgermeister und Verwaltungen bzw. Räte, die jeweils vollkommen in der Hand des jeweiligen Patriziats lagen (vgl. Dietrich 1960, S. 113-119 sowie Presse- und Informationsamt des Landes Berlin 1969, S. 15 ff).

1307 kam es zu einer wichtigen Neuerung: Berlin und Cölln schlossen sich zu einer „Union“ zusammen, es wurde ein gemeinsamer Rat gegründet und ein zusätzliches Rathaus genau zwischen den beiden Siedlungen gebaut. Die „Union“ war vor allem eine gemeinsame Bündnis- und Verteidigungspolitik. 1359 trat Berlin der mächtigen Hanse bei und die Handelsbeziehungen zu Lübeck und Hamburg blühten (Möller 1984, S. 15). Berlin vergrößerte sich indem nach und nach eine Menge Ortschaften und Höfe im Umland erworben wurden. 1319 kam so das heutige Friedrichsfelde, 1348 Reinickendorf, 1358 Stralau, 1370 Pankow und 1391 Lichtenberg hinzu, häufig durch privates Interesse der führenden Ratsgeschlechter, da deren Gewinne aus dem Handel meist in Landbesitz angelegt wurde. 1376 und 1380 kam es zuerst in Cölln, dann in Berlin zu großen Stadtbränden, aller- dings konnte dies die Stadtentwicklung nicht lange aufhalten. Um 1400 hatten Berlin und Cölln zusammen 6000 Einwohner. 1432 wurde der Zusammenschluss Berlins und Cöllns verkündet, gemeinsame Finanz- und Nutzungsrechte und der Erwerb der Dörfer Tempelhof, Marienfelde, Mariendorf und Richardsdorf vom Johanniterorden beschlossen (Ribbe, S. 159- 257).

2.2. Der Ausbau des Mittelalterlichen Berlins

Die Stadtentwicklung Berlins und Cöllns im Mittelalter wurde bereits vor allem durch poli- tischen Willen, aber auch finanziell gefördert. Dies zeigt sich im raschen Aufschwung der Stadt. Ab 1240 kam es zu regem Ausbau der Städte. Bereits die Askanier förderten die Ent- wicklung durch die Rechtsstellung des Ortes und seiner Bewohner, Zollvergünstigungen, das Niederlagsrecht oder die Vergabe von Land. Berlin besaß im 14. Jahrhundert 120 Hufe (also Landwirtschaftliche Betriebe), Gebiete die vermutlich durch die Marktgrafen der Stadt zuge- teilt wurden. Cölln war im Besitz von 42 Hufen. Die erhobenen Abgaben (der Zins) auf die Hufe wurden zum Ausbau der Stadt Berlin bereitgestellt, wodurch beispielsweise der Bau des Spitals „Heiligen Geist“ unterstützt wurde. Die ackerbauliche Nutzung bot neben dem Handel eine zusätzliche wirtschaftliche Grundlage. Berlin erwies sich als entwicklungsfähiger als Cölln, welches mehr und mehr zu einem Anhängsel Berlins wurde, und gewann weiter an Bedeutung. Dies erklärt sich vor allem durch den besseren Baugrund und den stärkeren Verkehr, da in Berlin der aktivere Teil der Kaufmänner ansässig war. Abbildung 2 vermittelt einen Eindruck Berlins und Cöllns um 1400.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Berlin und C ö lln um 1400.

Quelle: Ribbe (1987), S. 165

Für einen planmäßigen Ausbau der Orte spricht der regelmäßige Stadtgrundriss. Rücksichtwurde hierbei vor allem auf die Spreeufer, den Markt und die ersten Kirchen genommen. Der Grund- und Umriss Cöllns und Berlins lag im Wesentlichen bereits 1250 fest. Die sich an den Niederungen und natürlichen Wasserläufen orientierenden Führung der Stadtmauer umschloss in Berlin eine Fläche von 47 ha, in Cölln 23 ha, wodurch eine das ganze Mittelalter hindurch ausreichende Fläche zur Bebauung zur Verfügung stand. Beim Ausbau der Stadt kam es zu umfangreichen Wasserbaumaßnahmen, vermutlich durch Niederländer, wie dem Bau des Mühlendammes. Gerade der Bau des Mühlendammes (Nr. 24) über die Spree förderte aus verkehrstechnischen Gründen den Wahrenumschlag, da dies eine Barriere für die Schifffahrt darstellte und ab- bzw. umgeladen werden musste. Neben einer Spreeüberquerung bot der Mühlendamm die Möglichkeit, Wassermühlen zu betreiben, die Städtischen Wassergräben zu befüllen und Berlins alten Markt mit dem Cöllns zu verbinden. 1270 begannen die Franzis- kaner mit dem Neubau ihrer Kirche und der ausgedehnten Klosteranlage am Rande der Stadt (Nr. 4). Die überragende Bedeutung Berlins erklärt auch, warum hier eine zweite Pfarrkirche gebaut wurde (Nr. 1 und 3). Weiterhin zeigen die insgesamt zehn abgehaltenen Provinzkapitel der Franziskaner sowie die erste bezeugte Versammlung ständischen Charakters der Mark Brandenburg in Berlin, dass der Stadt bereits 1280 ausreichend standesgemäße Unterkünfte für die geistlichen und deren Bedienstete zur Verfügung gestanden haben müssen und ein Ort überregionaler Bedeutung entstanden war. Cölln wurde erst später und weniger stark aus- gebaut. 1300 errichteten Dominikaner am Rande Cöllns ihr Kloster (Nr.5), wodurch die Stadt seine spätere erkennbare Ausdehnung erreichte. Dieses Kloster wurde dann im 15. Jahr- hundert mit dem kurfürstlichen Schloss überbaut. Berlin besaß Mitte des 13. Jahrhunderts zwei, Cölln einen Marktplatz. Städtebauliches Zentrum der Stadterweiterung Berlins war der Neue Markt. Beim Ausbau Cöllns war vorrangiges Ziel eine Anbindung an die Berliner Oder- bergstraße. Diese war neben der Spandauer und der Stralauer Straße eine der wichtigsten und meist befahrenen Straßen für den überlokalen Handelsverkehr. Ihre Bedeutung zeigt sich auchin den beiden ersten Spitälern Heiliggeist (Nr.6) und St. Georg, die an diesen Straßen errichtet wurden. Querstraßen dienten vor allem dem lokalen Verkehr. Der Bau der Neue (Lange) Brücke (Nr.25) erfüllte einen ähnlichen Zweck wie der Mühlendamm, was den Städten zu raschen Zusammenwachsen verhalf. Berlins erstes Rathaus (Nr.9) wurde zum Ende des 13. Jahrhunderts genau dort errichtet, wo heute das rote Berliner Rathaus steht (Ribbe 1987, S. 159ff).

3. Die Stadt zur Zeit der Kurfürsten

1425 wurde der Grundstein für ein Burgschloss am Rande Cöllns gelegt, dem späteren Ber- liner Schloss. Ab 1486 ließ sich hier der erste Hohenzollern, Johann „Cicero“, ständig nieder. Kreditgeber für Großhändler, Bauherren und den häufig verschuldeten Landesherren waren Juden. Nachdem es 1348 und 1405 bereits zu Judenverfolgungen gekommen war, wurden 1510 38 Juden vor den Toren Berlins hingerichtet, alle weiteren Juden ausgewiesen, ihr Ver- mögen beschlagnahmt und Schulden an diese erlassen. Ab 15 72 galt sogar ein generelles An- siedlungsverbot für Juden. Erst 150 Jahre später hatte sich wieder eine stärkere Judengemein- de gebildet. Wirtschaftlich weiterhin bedeutend für die Städte war die Verlegung des Handels- weges nach Leipzig, der nun nicht mehr über Berlin führte. 1518 trat Berlin aus der Hanse aus, was zusammen mit den Anforderungen des kurfürstlichen Hofes zu einem Wandel der Wirtschaftsstrukturen aber auch trotz allem zu einem ökonomischen Aufschwung führte. Be- amte bewohnten vermehrt die Stadt, spezialisierte Handwerke kamen auf, der Innungszwang wurde gelockert wurde und es kam zu einem Zuzug vor allem aus Franken, Sachsen und Thüringen. Etwa 10% der Bevölkerung war damals slawischer Herkunft.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Die Zuwanderung

nach Berlin (bes. im 16. Jh.)

Quelle: Ribbe (1987), S.303

Die Zuwanderer kamen insbesondere aus dem engere Einzugsgebiet der Stadt - allerdings

auch aus südlichen Bereichen, vor allem aus Franken, Sachsen und Thüringen. Es ist zu vermuten, dass sich die Hauptrichtung der Zuwanderung im Laufe der Zeit merklich von Westen nach Süden gedreht hat (vgl. Abbildung 3). Gerade Franken hatte einen starken Einfluss da sie dominierend am Hofe in diversen Ämtern in Erscheinung traten und so zusammen mit dem Vordringen der Reformation das Hochdeutsch nach Berlin brachten. Vormals wurde in Berlin Mittelhochdeutsch gesprochen (Haus 1992, S. 21ff sowie Ribbe 1987, S. 301 ff). 1527 zäunte Kurfürsten Joachim II. nach Erlaubnis der Stadt Cölln ein Waldareal ab, um es als Jagdrevier zu nutzen. Dies wurde später der Tiergarten. Durch das Repräsentations-bedürfnis des ansässigen Adels kam es 1538 bis 1540 zum Umbau des Cöllner Schlosses zu einem dreistöckigen Renaissanceschloss, dem Bau eine Stechbahn für höfischen Feste, 1542 zum Bau des Jagdschlosses Grunewald, 1558 zur Errichtung des Jagdschlosses Köpenick und zwei Jahre später zum Bau der Spandauer Zitadelle (Ribbe 1987, S. 301 ff). 1550 war bereits die erste Schleuse am Cöllner Stadtgraben gebaut worden, die dann als Schiffsgraben genutzt wurde. Es wurden weiter auswärtige Handwerker wie Tuchmacher aus Thüringen in die Stadt geholt, allerdings raffte die Pest 1576 fast ein Drittel der Bevölke-rung dahin (Ribbe 1987, S. 343 ff).

Obwohl Berlin und Cölln von der Zerstörung durch den dreißigjährigen Krieg ver-

schont wurden, litten die Städte stark durch den Kriegsausbruch ab 1618. Die Mark Branden- burg war mehrfach Kriegsschauplatz, Aufmarsch- und Durchzugsgebiet und die Städte wur- den geplündert. 1628 und 1633 mussten große Tribute an katholisch-kaiserliche Truppen ge- zahlt werden, und evangelisch-schwedische Heeresverbände forderten nach 1635 dreimal ebenfalls gewaltige Summen. Kürfürst Georg Wilhelm, seit 1620 an der Macht, residierte zu dieser Zeit im sicheren Königsberg. Der Stadthalter musste sich zurückziehen in die Span- dauer Festung. 1640/41 wurde auf Befehl seines Stadthalters die noch kleinen Vorstädte aus- serhalb der Stadtmauern abgebrannt und zerstört, zur besseren Verteidigung gegen den be- fürchtet aber ausgebliebenen Angriffs der Schweden mittels Erdwällen. Die Städte waren wieder auf den mittelalterlichen Umfang innerhalb der nun verstärkten Mauern reduziert. Ber- lins Wirtschaft war am Rande des Ruins, nicht zuletzt weil die Funktion als Residenzstadt und somit der wichtigste Auftraggeber für Handel und Gewerbe ausgefallen war. 1638 / 39 wur- den bereits ansässige Handelshäuser geschlossen, Berlin hörte auf ein namhafter Waren- und Geldumschlagsort zu sein. Ein Großteil der Bevölkerung war tot, viele Häuser standen leer und verfielen, da die Bevölkerung von 12000 Menschen zu Kriegsbeginn auf ca. 6000 zurück- gegangen war. Der Tiefstand der Bevölkerungszahl durfte wohl 1640 erreicht worden sein. Nach kleineren Pestepidemien hatte die Krankheit 1631 2066, 1637 840 und 1638 1395 Menschen das Leben gekostet. Die Stadt war an einem Punkt angelangt, an dem sie ohne externe Hilfe nicht mehr weiterkam. Impulse gingen wieder einmal vom Landesherren aus: 1643 wurde der verfallene Altan am Schloss aufgebaut. Berlin wurde wieder Residenzstadt, wodurch die „Hofindustrien“ wie z.B. die Seiden-, Textil- und Porzellanherstellung. Weiter- hin profitierten Schlossereien und Schmieden hiervon. 1647 begann man mit dem Pflanzen von Nuss- und Lindenbäumen westlich des Schlossbezirks.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Bevölkerungs- und Siedlungsentwicklung Berlins
Untertitel
Siedlungsgeschichte bis Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss von Politik und Ökonomie
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Geographisches Institut, Lehrstuhl für Stadt- und Bevölkerungsgeographie)
Veranstaltung
Stadtentwicklung Berlin
Note
1,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V89960
ISBN (eBook)
9783638041447
Dateigröße
1599 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sehr umfangreiche Arbeit zur Berliner Stadtgeschichte. Zusammengetragen aus 20 wissenschaftlichen Standardwerken.
Schlagworte
Bevölkerungs-, Siedlungsentwicklung, Berlins, Stadtentwicklung, Berlin
Arbeit zitieren
Jan-Niklas Bamler (Autor), 2007, Bevölkerungs- und Siedlungsentwicklung Berlins, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89960

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