Eine intersektionale Ungleichheitsanalyse am Beispiel der Serie "Orange Is the New Black"


Masterarbeit, 2020

88 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Intersektionalität
2.2 Doing Difference - die soziale Konstruiertheit von Differenzkategorien als interaktive, performative Praxis
2.3 Die intersektionale Ungleichheitsanalyse nach Degele/ Winker

3. Orange Is the New Black
3.1 Handlungsrahmen
3.2 Entstehungskontext: Orange Is the New Black als Produkt „kommerzieller Freiheit”

4. Analyseteil
4.1 Figurenauswahl
4.2 Relevante Differenzkategorien
4.3 Piper Chapman
4.4 Poussey Washington
4.5 Analyse

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kaum ging die US-amerikanische Serie Orange Is the New Black (kurz: OITNB) am 11. Juli 2013 online, war die mediale Aufmerksamkeit groß. Das von Netflix eigens produzierte Dramedy in insgesamt sieben Staffeln entwickelte sich inner­halb kürzester Zeit zum Publikumsmagneten und -liebling und trug wesentlich zur Popularität von Netflix - und überhaupt - von Serien on demand bei (Poniewozik 2019). Von 2013 bis 2019 sahen 105 Millionen Haushalte mindestens eine der Staffeln (Low 2019) - die Gefängnisserie zählt zu den weltweit meistgestreamten internetbasierten Produktionen überhaupt.

Von Jenji Kohan auf Grundlage des drei Jahre zuvor erschienenen Bestsellers Piper Kermans „Orange Is the New Black: My Year in a Wo­men’s Prison“ und der auf ihren authentischen Erlebnissen beruht, geschaffen, gilt die Serie, mit House of Cards, einem weiteren Netflix Original, als erste, die das Binge Watching als massenkul­turelle Perzeptionsform hervorbrachte und letzt­lich auch etablierte1 (vgl. etwa Tanzer 2019).

Orange Is the New Black veränderte also die Sehgewohnheiten eines Massenpublikums in­nerhalb kürzester Zeit. Den an der Serie Beteilig­ten gelang damit letztlich nicht weniger als das Fernsehen, wie man es bis dahin kannte, gera­dezu zu revolutionieren. Zumindest aber kann nicht verkannt werden, dass Orange Is the New Black große Bedeutung im Kontext der jüngeren Entwicklungen des Fernsehens - immer weiter weg von linearen hin zu nicht-linearen, internet­basierten Angeboten auf Abruf - zukommt.

Doch auch eine Anerkennung in Fachkreisen in Form beinahe umfassend positiver Kritik und zahlreicher Auszeichnungen, blieb für die Serie nicht aus. Bis 2019 wurde Orange Is the New Black insgesamt 156 Mal für Preise nominiert und konnte 46 davon, unter anderem auch nam­hafte wie zwei Emmy-Awards, gewinnen (Wi­kipedia 2019).

Mit Hinblick auf die Tatsache, dass Orange Is the New Black eine von Frauen*, überwiegend mit sowie über Frauen* produzierte Serie ist, muss sie mit ihrer Popularität nur noch interessanter erscheinen als sie das ohnehin bereits tut.2 Mit Hinblick auf die Geschichten der inhaftierten Frauen* zudem, die in der Serie erzählt werden, erscheint sie es noch einmal mehr. Denn bis heute gibt es wohl kaum ein Medium, das eine vergleichbare Vielzahl von bis dahin im Fernse­hen weitgehend unterrepräsentierter (Rand- )Themen - gesellschaftlich in der Regel margina­lisierter Personengruppen - obendrein in einer derart vielschichtigen und verdichteten Weise - aufgreift.

Konkret werden im Verlauf der Serie unter ande­rem die Vielfalt und Dynamik weiblicher sexuel- ler/ romantischer Orientierungen, weibliche Se- xualität(en) im Allgemeinen, die Vielfalt und Dy­namik von Geschlechtsidentitäten, psychische und physische Erkrankungen, Behinderungen, al- tersspezifische Themen, weibliche Biografien, Migrationserfahrungen unterschiedlicher (ethni­scher) Gruppen, Erfahrungen von Rassismus, Sexismus, Homo-, Bi- und Transphobie sowohl auf Mikro- als auch Makro- beziehungsweise Mesoebene, (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen und, mit einer wohl kaum zu leugnenden kriti­schen Absicht, die Strafverfolgung, das Haftwe­sen und der Umgang mit Migrierten in den USA thematisiert.

Aufgegriffen werden diese Themen dabei aus der Perspektive der jeweils selbst betroffenen fiktiven Figuren - der in ihrem Sozialverhalten abwei­chenden und von ihrer Umgebung pathologisier- ten, Schwarzen3 Suzanne Warren zum Beispiel, der, ebenfalls Schwarzen, (Trans-)Frau Sophia Burset, oder der aus der ehemaligen UDSSR emigrierten Galina Reznikov, die im Verlauf der Serie aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters in der Haft erkrankt.

Was anfänglich wie die Erzählung der weißen, überprivilegierten Piper Chapman als einziger Protagonist*in ihrer Erlebnisse aus ihrer Perspek­tive daherzukommen scheint, nachdem sie we­gen einer „Jugendsünde” (Netflix 2019) im fikti­ven Frauengefängnis Litchfield Penitentiary im New Yorker Hinterland interniert wird, entfaltet sich im weiteren Verlauf der Serie zu einem mul­tiperspektivischen Narrativ mit einer Vielzahl von Haupt- und Nebenprotagonist*innen.

Piper, die das Klischee (weißen), teilweise auch snobistischen, Yuppietums4 verkörpert, scheint das Publikum, das sich vermutlich gerade an­fänglich mit ihrer Figur noch am leichtesten iden­tifizieren kann, in das komplexe Narrativ ein- und wieder herauszuführen5 und zugleich die Aus­maße der erlittenen Ungleichheit der in Relation zu ihr deutlich weniger privilegierten Inhaftierten für die Zuschauerschaft sichtbarer werden zu lassen.6

Als ein ,menschengemachtes‘ Werk, das, wie je­des andere Werk dieser Art auch, Teil der gesell­schaftlichen Sinn(re-)produktion ist, und weder außerhalb von ,Gesellschaft' und ihren Mitglie­dern hergestellt, perzipiert oder rezipiert werden kann (Mikos/ Hoffmann 2010), und obendrein derart populär und weit verbreitet ist, kann Oran­ge Is the New Black für diejenigen Disziplinen, die sich mit eben dieser Gesellschaft' auseinan­dersetzen - und damit vor allem die Soziologie - zumindest nicht weniger interessant und relevant erscheinen als jene Wirklichkeit, die neuerdings immer öfter als real life bezeichnet wird, zumal dieses life, die „Wirklichkeit par excellence”, wie Peter L. Berger und Thomas Luckmann (1980) sie nennen - aus sozialkonstruktivistischer Sicht - letztlich ebenfalls ,menschengemacht', und damit sozial konstruiert ist, wie jene fiktive Reali­tät der Serien, Filme und anderer Medien.

Zu alledem kommt hinzu, dass Orange Is the New Black mit Fragen der sozialen Ungleichheit einen dezidiert soziologischen .Dauerbrenner“ verhandelt, sodass sich eine Auseinanderset­zung mit dem Werk in der Gesamtschau gerade­zu aufdrängt.

Vor diesem Hintergrund kann es schließlich noch kaum überraschen, dass in der jüngeren Ver­gangenheit bereits eine Reihe Arbeiten zu der Serie innerhalb kultur- und sozialwissenschaftli­cher Disziplinen entstanden sind. Jane Caputi (2016) etwa befasst sich in ihrer Abhandlung un­ter Betrachtung der Kategorien Körper, Sexuali­tät, race und class mit Fragen sozialer Gerech­tigkeit in Orange Is the New Black. Lauren De­Carvalho und Nicole Cox (2016) führen Textana­lysen zweier Werbekampagnen zur Serie durch und rekonstruieren die Identitäten der fiktiv Han­delnden aus intersektionaler Perspektive. Maria Pramaggiore (2016) untersucht mit einer Analyse von Geschlecht und race wie der Gegenstand ,Arbeit’ innerhalb Orange Is The New Blacks ver­handelt wird. April Householder und Adrienne Trier-Bieniek (2016) sammelten insgesamt 13 Essays aus feministischer Perspektive zu der Se­rie, in welchen, unter anderem, eine Auseinan­dersetzung mit der Besetzung, Form, politischen Dimension - und - intersektionalen Identitäten der Serie stattfindet.

Sina C. Wurm (2014) und Michael Robert Chavez (2015) beschäftigen sich jeweils mit race, Sexualität und class, beziehungsweise dem gender ausgewählter Seriencharaktere unter Anwendung eines explizit intersektionalen Zu­gangs zum Gegenstand. Keine der genannten Arbeiten geht in ihren Betrachtungen jedoch über die vierte Staffel der Serie hinaus. Die vorliegend anzufertigende Arbeit soll den genannten Be- stand und unberücksichtigte Abhandlungen gleichermaßen - unter Einbezug aller Staffeln - ergänzen und wendet sich, wie die Serie selbst, Fragen der sozialen Ungleichheit - genauer - dem Versuch einer exemplarischen intersektio- nalen Ungleichheitsanalyse zu. Diese soll am Se­rienmaterial durchgeführt werden. Zu diesem Zweck wird der theoretische und methodologi­sche Vorschlag Nina Degeles und Gabriele Win­kers (2009) hinzugezogen, der es ermöglichen soll, die Ebenen der Identitätskonstruktion, sym­bolischen Repräsentation und sozialen Struktur zugleich in die soziologische Ungleichheitsanaly­se einzubeziehen und damit mikroperspektivi­sche mit makro- und mesoperspektivischen Di­mensionen zu verknüpfen.

Wie konstruieren sich die Identitäten der fiktiven Akteur*innen? Welche symbolischen Repräsen­tationen sind identifizierbar? In welche Herr­schaftsverhältnisse sind sie eingebettet und wel­che Wechselwirkungen und Folgen ergeben sich aus alledem für sie?

Der Beantwortung dieser Fragen ging als Erstes eine Vorabsichtung des audiovisuellen Serien­materials voraus. Der Fokus der Sichtung richte­te sich auf die jeweils fiktiv Handelnden in ihren jeweiligen Handlungskontexten. Mit Blick auf den inhaltlichen Mehrwert erwies sich die Analyse keiner der Figuren in Orange Is the New Black als grundsätzlich ausgeschlossen. Aufgrund der formalen Beschränkungen vorliegender Arbeit wurde letztlich jedoch eine Auswahl zweier Figu­ren - Piper Chapmans und Poussey Washing­tons - vorgenommen. In Folge der Vorabsich­tung und Auswahl der beiden Figuren, wurde nach zusätzlichen relevant erscheinenden Sze­nen gesucht. Aus dem Serienmaterial heraus wurden auch die relevant erscheinenden sozia­len Differenzkategorien erarbeitet. Auf der Struk­turebene wurden, in Orientierung an Degeles und Winkers Methodologie, die ethnische Zugehörig­keit (im Sinne von race) und Klasse als zu be­trachtende Kategorien für diese Sichtung vorab gesetzt. Bezüglich der Ebenen der Identitätskon­struktion und symbolischen Repräsentation wur­de deduktiv vorgegangen, sodass im Laufe der weiteren Sichtung die Kategorie der Sexualität (im Sinne der sexuellen/ romantischen Orientie­rung) hinzugenommen wurde.

Im Vorfeld der Analyse wird zunächst jedoch in die intersektionale Perspektive eingeführt, ihre Verbindung zum interaktionistischen Sozialkon­struktivismus und Doing Difference -Ansatz her­ausgearbeitet und überhaupt erklärt, was die in- tersektionale Perspektive für die soziale Un­gleichheitsforschung leisten kann. Im Anschluss werden die wichtigsten Eckpunkte der Debatten um die Intersektionalität nachgezeichnet, um dann in die Ungleichheitsanalyse Degeles und Winkers einzuführen (2. Kap.).

Das 3. Kapitel enthält eine Zusammenfassung der dominanten Handlungsstränge der Serie. Bei dieser Gelegenheit wird - kurz - auch auf den Produktions- und Entstehungskontext dieses Netflix Originals eingegangen werden. Im darauf­folgenden 4. Kapitel folgt die intersektionale Un­gleichheitsanalyse Pipers und Pousseys. Die Auswahl der beiden Figuren und der relevanten sozialen Differenzkategorien wird diskutiert und begründet. Nach einer Zusammenfassung der vor dem Hintergrund der Fragestellung betrach­teten Szenen, folgt eine insgesamt siebenschrit- tige Analyse in Orientierung an Degeles und Winkers Anwendungsvorschlag. Im 5. und letzten Kapitel werden die Ergebnisse der Arbeit rekapi­tuliert.

Ziel vorliegender Arbeit ist eine exemplarische rekonstruktive Beschreibung der soziale Un­gleichheit erzeugenden Prozesse aus sozialkon­struktivistischer und intersektionaler Perspektive unter Anwendung der methodischen Vorlage und der theoretischen Annahmen Degeles und Win­kers. Wie die Ursachen sozialer Ungleichheit verstanden und erklärt werden können, bleibt schließlich eine der brennendsten Fragen der Soziologie wie auch außerhalb ihrer Disziplin. Theorien gibt es mit dem Ziel der Beantwortung dieser Frage zahlreiche, ohne ihre Erprobung an der Wirklichkeit bleiben sie jedoch spekulativ und entwickeln unter Umständen dogmatische Züge. Vor diesem Hintergrund soll der .Werkzeugkas­ten Degeles und Winkers, für welchen der An­spruch erhoben wurde, das Phänomen sozialer Ungleichheit in seiner Komplexität adäquat für die Empirie aufbereiten zu können, hier an der Serie als ,Feld‘ erprobt werden.

Dabei soll nicht übergangen werden, dass die vorliegend herangezogene .Wirklichkeit“ eine fik­tive ist. Für Angela Keppler und Anja Peltzer (2015) stellt die Analyse filmischer Beiträge stets auch eine Gesellschaftsanalyse dar - eine Auf­fassung, die vorliegend geteilt wird. Aufgrund ih­rer spezifischen Form, stilistischen wie dramatur­gischen Inszenierungen und Eigenheiten sei für die Analyse eines solchen Materials ein spezifi- sches methodisches Vorgehen notwendig (X). Hierfür machen die beiden mit ihrer genuin sozio­logischen Film- und Fernsehanalyse auch einen adäquaten Vorschlag. Auf diese methodische Anleitung wird hier jedoch nicht weiter eingegan­gen. Sie wird, auch wenn anfänglich in Betracht gezogen, ebenso wenig zur Anwendung kom­men. Gegenstand vorliegender Analyse ist schließlich, wie eingangs dargelegt, nicht Orange Is the New Black als audiovisuelles Produkt in seiner Gestaltung, sondern tatsächlich der in der Serie dargestellte Inhalt selbst. Vorliegend wird folglich keine Produkt-, im Sinne der vorgeschla­genen Film- und Fernsehanalyse Kepplers und Peltzers, durchgeführt. Auf die Fertigung von Se­quenzprotokollen und/ oder Transkriptionen wur­de aus diesem Grund auch verzichtet. Der .Werkzeugkasten’ Kepplers und Peltzers wurde letztlich angesichts der Fragestellung verworfen, die sich nicht mit der Darstellung eines Themas, sondern der analytischen Rekonstruktion der hin­ter dem Phänomen sozialer Ungleichheit stattfin­denden intersubjektiven, interaktiven, performati- ven und letztlich sozial konstruierten Prozesse - wenn auch in einem fiktiven Feld - zuwendet. Da es sich bei diesem um ein spezifisches handelt, gilt es folglich unter anderem zu beachten: Ohne Zweifel speist Orange Is the New Black den In­halt seines kommunikativen Gehalts aus der Art seiner audiovisuellen Gestaltung (ebd.: 2). Hier soll keineswegs so getan werden, als ob die me­diale und .Wirklichkeit par excellence’ identische wären oder die Serie einer Dokumentation ent­spricht. Mediale Produkte sind niemals frei von Inszenierung (ebd.: 13), was jenseits fiktiver Pro­duktion durchaus anders sein kann und regel­mäßig auch anders ist.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Intersektionalität

Intersektionalität ist sowohl als Theorie als auch Perspektive zu begreifen, der die Annahme zu­grunde liegt, dass sich zwischen sozialen Diffe­renzkategorien, die ein Subjekt auf sich vereint, und entlang derer Diskriminierungen verlaufen können - der Geschlechts-, Klassen- und ethni­schen Zugehörigkeit beispielsweise - in Abhän­gigkeit vom jeweiligen situativen Kontext, Wech­selwirkungen ergeben können, aus denen sich wiederum spezifische Ungleichheitserfahrungen generieren.

Der Ansatz der Intersektionalität betrachtet Diffe­renzkategorien folglich nicht isoliert, sondern stets unter Beachtung ihrer jeweiligen Relatio­nen. Damit geht das Konzept weit über solche bloßer Addition hinaus, die etwa behaupten, dass eine arme Schwarze Frau* dreifach stärker dis­kriminiert sei als ein reicher weißer Mann*, zwei­fach stärker als eine reiche weiße Frau* und im­mer noch stärker als eine reiche Schwarze oder auch eine arme weiße Frau* (vgl. hierzu etwa Kerner 2009: 345 ff.).

Im Vordergrund der intersektionalen Perspektive stehen damit die mit der Verwobenheit der Diffe­renzkategorien einhergehenden Dynamiken - und nicht ihre Schwere.

Die jeweiligen Kategorien können sich, sofern sie denn situativ miteinander verwoben auftreten, wechselseitig verstärken, abschwächen (Degele/ Winker 2009: 10) oder verändern. Sie können, je nach Situation, auch gar keine Relevanz haben.

Neben all dem enthält der Ansatz der Intersekti- onalität den selbst auferlegten (hohen) Anspruch, „kontextspezifische[ ] Untersuchungen [...] des Zusammenwirkens verschiedener gesellschaftli­cher Herrschaftsstrukturen und -praktiken“ (Räthzel 2004: 253) vornehmen zu wollen, also neben den Beziehungen der jeweiligen Un­gleichheitskategorien untereinander auch die Be­ziehungen der Strukturebene mit der sozialer Praktiken in die Betrachtungen einzubeziehen. Soziale Ungleichheit wird damit aus intersektio- naler Perspektive mehrdimensional gedacht und (kritisch) untersucht.

Während der Einzug des Intersektionalitätskon- zepts in den Mainstream - zunächst der deutschsprachigen Geschlechterforschung - noch ein vergleichbar junges Phänomen ist, las­sen sich erste Forderungen nach einer intersek- tionalen Analyse sozialer Ungleichheit in der US- amerikanischen Debatte lange zurückverfolgen.

Dort gingen Forderungen dieser Art erstmalig be­reits in den 1970er Jahren von Schwarzen Femi- nist*innen aus, die ihre Erfahrungen und Belange im bis dahin ausschließlich von weißen (Mittel- schichts-)Frauen* dominierten Feminismus kaum berücksichtigt sahen. 1977 formulierte das Bostoner Combahee River Collective, eine Gruppe Schwarzer lesbischer Aktivist*innen diese Forderungen in ihrem Positi­onspapier „A Black Feminist Statement“ erstmals aus und erklärte die Entwicklung einer integrati­ven Analyse, die auf der Annahme gründete, dass zentrale Systeme von Unterdrückung inei­nandergriffen, zu ihrer besonderen Aufgabe, da es nämlich diese Synthese von Unterdrückungs- formen sei, die ihre spezifischen (und unglei­chen!) Lebensbedingungen verursache. 1989 brachte die US-amerikanische Rechtstheo­retikerin Kimberlé Crenshaw in diesem Zusam­menhang schließlich auch den Terminus der In- tersektionalität ins Spiel. In ihrem damals er­schienenen Aufsatz „Demarginalizing the Inter­section of Race and Sex: A Black Feminist Cri­tique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics“ bemühte sie die Metapher einer Straßenkreuzung (engl.: intersec­tion), um zu illustrieren, was sie mit intersectiona- lity und der Forderung nach einer intersectional analysis meine:

Wie der Verkehr an einer Straßenkreuzung kön­ne Diskriminierung aus unterschiedlichen Rich­tungen kommen. Komme es zu einem Unfall, seien zunächst grundsätzlich mehrere Ursachen für diesen denkbar. Er könne durch nur ein Fahr­zeug aus nur einer Richtung oder aber mehrere Fahrzeuge aus unterschiedlichen Richtungen verursacht worden sein. Ist das Opfer eines sol­chen Unfalls etwa eine Schwarze Frau*, sei in ih­rem Falle sowohl Rassismus gegen sie als Schwarze als auch Sexismus gegen sie als Frau* als Unfallursache aus der jeweiligen Richtung in Betracht zu ziehen (Crenshaw 1989: 149).

Auf Grundlage ihrer Analyse von fünf juristischen Verfahren im Zusammenhang mit Diskriminie­rung, stellte Crenshaw fest, dass die antidiskri­minierende Gesetzgebung im Falle Schwarzer Frauen* versagte. Im Falle sexistischer Diskrimi­nierung hätten lediglich weiße Frauen* und im Falle rassistischer Diskriminierung lediglich Schwarze Männer* Berücksichtigung gefunden. In der Folge forderte auch sie eine auf die Ver­flechtung von Ungleichheit generierender Kate­gorien gerichtete Betrachtungsweise innerhalb, aber auch außerhalb der Sphäre des Rechts (ebd.: 140). Dabei richtete sich auch ihre Forde­rung explizit gegen ein Aufaddieren isoliert be­trachteter Diskriminierungskategorien.

Zu Beginn fokussierte sich das Konzept der In- tersektionalität, aus diesen Wurzeln heraus, vor allem auf Schwarze Frauen*/ Women of Color. Bell hooks etwa sprach sich in ihrem Buch „Ain’t I a Woman? Black Women and Feminism“ (1981) dafür aus, unterschiedliche Ebenen der Unter­drückung als miteinander verschränkte zu den­ken und analysieren (vgl. hooks 1981; zit. nach Kazeem/ Schaffer 2012: 183). Denn die Unter­drückung wurzele in der „institutionelle[n] Ver- schränktheit verschiedener Macht- und Herr­schaftsachsen” (hooks 1981; zit. nach ebd.: 184). Konkret benannte sie diese als „white suprema­cist capitalist patriarchy“ (ebd.: 183).

Bereits in den 1970er Jahren gab es vor diesem Hintergrund schließlich sehr konkrete Forderun­gen nach einer erweiterten Analyse mit den Ka­tegorien race, class und gender. Inzwischen bil­den diese drei regelrecht eine klassische Triade: sowohl in der Geschlechter-, Ungleichheits- und Migrationsforschung dienen sie häufig die zentra­len Kategorien der „Unterdrückung” (vgl. hierzu etwa Anthias 2001; Klinger 2003, 2008; Knapp 2005; McCall 2001,2005).

In den 1990er Jahren genoss das Konzept dann eine wachsende Konjunktur - seitdem wird eine Ausweitung auf weitere Kategorien neben der ‘Triade’ regelmäßig diskutiert (Yuval-Davis 2006: 201-203). Diese Debatte, welche Differenzkate­gorien für die Ungleichheitsforschung von Bedeu­tung sind, dauert bis in die Gegenwart fort. Grundsätzlich lassen sich intersektionale Be­trachtungen um jede denkbare Kategorie erwei­tern - letztlich hängt ihre Auswahl von der Fra­gestellung, mit der die jeweilige intersektionale Analyse betrieben werden soll, ab. Sexualität et­wa findet vor allem über die Queer Studies durchgängige Berücksichtigung (Degele/ Winker 2009: 10) und nimmt auch darüber hinaus neben race, class und gender eine prominente Stellung ein. Weitere gegenwärtig häufig herangezogene Kategorien sind etwa das Alter, (Dis-)Ability oder die Nationalität von Subjekten.

Allein aufgrund der fortschreitenden Individuali­sierung der Gesellschaft müssen interaktionale Ansätze die Anzahl der für die Analyse herange­zogenen Kategorien letztlich prinzipiell offenhal­ten (ebd.: 59).

Insgesamt wurde in den vergangenen Jahrzehn­ten eine Vielzahl theoretischer Ausarbeitungen zur Intersektionalität im Allgemeinen und der Verschränkung unterschiedlicher „Unterdrü­ckungssysteme“ beigetragen (vgl. hierzu etwa Yuval-Davis 2006; Hancock 2007) - ab den 1990er Jahren verstärkt auch im deutschsprachi­gen Raum. Der Anschluss an die US- amerikanischen Debatten gestaltete sich aller­dings schwierig. Ein Hindernis stellte dabei si­cherlich die Kategorie race dar, die vor dem Hin­tergrund nationalsozialistischer Vergangenheit nur bedingt adaptiert werden konnte7. Eine Über- tragung gestaltet sich selbst dann noch schwie­rig, wenn race etwa durch .Ethnizität' ersetzt wird, da die Migration in die Bundesrepublik Deutschland mit ihren Spezifika, mit jener in den USA kaum vergleichbar ist. Migrant*innen sind hierzulande staatsbürgerlich etwa kaum integriert und in feministischen Bewegungen weitgehend unterrepräsentiert (Lutz 2001: 222-225).

Dennoch scheint Intersektionalität, auch im deutschsprachigen Raum, inzwischen - zumin­dest in der Geschlechterforschung - zu einem Leitbegriff avanciert zu sein. Nicht wenige spre­chen gar von einem Paradigmenwechsel und ei­ner Abkehr von „reduktionistischen” Theorien und Analysen (Degele/ Winker 2009: 10; 17). Eindi­mensionale Modelle zur Beschreibung und Erklä­rung von Ungleichheit hätten ausgedient, die Be­rücksichtigung mehrerer Kategorien scheint in den Kultur- und Sozialwissenschaften weitge­hend common sense. Gerade im Zuge des cultu­ral turn (Barrett 1992) wurden mit nur wenigen Kategorien operierende Sozialstrukturanalysen innerhalb der sich mit ihnen beschäftigenden Disziplinen zunehmend kritisch gesehen.

Mit Blick auf die aktuellsten Entwicklungen in der Intersektionalitätsforschung ist schließlich festzu­stellen, dass der analytische Fokus sich zuneh­mend von der individuellen Betroffenheit einzel­ner Akteur*innen weg- und zu jenen sozialen Strukturen hinbewegt, die die Ungleichheit unter den Mitgliedern einer Gesellschaft wesentlich mitkonstruieren.

Gudrun-Axeli Knapp (2005) gelang hierzu ein pa­radigmatischer Beitrag, der die Theoriedebatte um Intersektionalität im deutschsprachigen Raum überhaupt erst anstieß. Zugleich verwies sie da­bei auf die strukturtheoretischen Herausforde­rungen intersektionaler Arbeit. Wie diese zu be­wältigen seien, bleibt bei ihr jedoch noch offen.

Degele und Winker (2009) erachten den Theo­rieansatz der Intersektionalität bis dahin folglich als einen lediglich rudimentär ausgearbeiteten - insbesondere in Bezug auf die bereits genannte Anwendbarkeit in der Empirie. Vor dem Hinter­grund dieser Defizite entwarfen sie in der Folge auf Grundlage der theoretischen Annahmen zur Intersektionalität eine (praxeologische) Methodo­logie. Bevor diese im weiteren Verlauf ausführli­cher erläutert werden soll, gilt es zunächst jedoch auf das zentrale Merkmal der jeweiligen, inner­halb der Intersektionalitätsanalyse in ihrer Wech­selwirkung zu betrachtenden Differenzkategorien einzugehen: ihrer sozialen Konstruiertheit näm­lich, die im Rahmen von Interaktionen unter Ak­teurinnen performativ (re-)produziert wird.

Das Konzept der Intersektionalität knüpft somit an Annahmen des interaktionistischen Sozial­konstruktivismus an und schließt diese implizit ein. Deshalb wird vorderhand auf den Doing Dif- ference -Ansatz, wie er von Sarah Fenstermaker und Candance West elaboriert worden und - un­ter anderem - von Stefan Hirschauer um das Element der Interaktivität und kontextabhängigen Relevanz erweitert worden ist, eingegangen.

2.2 Doing Difference - die soziale Konstru- iertheit von Differenzkategorien als interakti­ve, performative Praxis

Die Metatheorie des Sozialkonstruktivismus nach Peter L. Berger und Thomas Luckmann (1966: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklich­keit) beschreibt soziale Realität, ,Gesellschaft' demnach, als eine sich interaktiv, durch soziales Handeln, selbst konstruierende. Im Ergebnis be­deutet dies, dass es keine außerkulturellen und außerhistorischen Gegebenheiten gibt, die ,von Natur aus‘ so sind „wie sie nun einmal seien” (Knorr-Cetina 1997: 20), sondern dass diese Ge­gebenheiten den Mitgliedern von Gesellschaft immer nur als das erscheinen, als das sie im Sinne des allgemeinen Wissens ihrer Gesell­schaft gedeutet würden. Soziale Ordnung inklu­sive ihrer Normen ist demzufolge grundsätzlich kontingent und ,menschengemacht'.

Die Theoriefiguren des Doing Difference, und die ihr vorangegangene spezifischere des Doing Gender, knüpfen an diese Vorstellung sozialer Realität an. Letztere hat ihren Ursprung in eth- nomethodologischen Studien zu transidenten Ak- teur*innen8. Harold Garfinkel stellte hierzu in sei­ner Agnes-Studie (1967) erstmals nicht nur fest, dass, sondern auch wie Geschlecht - nämlich in­teraktiv, im Alltag - über eine spezifische Attribu­tion - hergestellt wird und brachte damit in der Folge Candace West und Don Zimmermann (1987) auf den Terminus des doing gender, der inzwischen regelmäßig genutzt wird, um den (Re-)Produktionsprozess von Geschlecht zu be- schreiben, der beständig, und nicht etwa aus­schließlich im Rahmen einer singulären und ir­gendwann einmal abgeschlossenen Sozialisati­on, stattfindet. Zuvor sprachen bereits Suzanne Kessler und Wendy McKenna in ihrer Studie „Gender. An Ethnomethodological Approach" (1978) explizit von einer „social construction of gender“ (ebd.: 6). Carol Hageman-White stellte in diesem Zusammenhang zudem die Existenz ei­ner „Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit” (1984) fest, von welcher ausgehend gesellschaft­liche Differenzierung auf scheinbar .natürlichen’ Tatsachen legitimiert wird. Mit dem selbst- und fremdzugeschriebenen Geschlecht gehen letzt­lich bipolar differenzierte Erwartungen an das Selbstverständnis, Handeln und die jeweilige Rolle des Angehörigen des jeweiligen Ge­schlechts einher. Stefan Hirschauer (1996) de­monstrierte diesbezüglich unter anderem wie Kinder sich dieses Wissenssystem der Zweige­schlechtlichkeit interaktiv aneignen und dass das System nicht nur in unserem Alltag präsent ist, sondern auch in einen Großteil der Wissenschaf­ten, die Biologie oder Psychologie etwa, unreflek­tiert hineingetragen wird.

Damit ist es den Genannten mithin gelungen, den Grundstein für die konstruktivistische Ge- schlechterforschung zu legen. Macht man sich bewusst, dass die Kategorie des Geschlechts in den Sozialwissenschaften allzu oft als askriptive herangezogen wird, wird die Bedeutung der Bei­träge der Genannten deutlich.

Das Konzept des Doing Difference (West/ Fens­termaker 1995) beschreibt auf dieser Grundlage damit die soziale Herstellung auch anderer Diffe- renzkategorien wie der sozialen Klasse oder race. Differenzkategorien insgesamt werden demgemäß simultan in sozialen Prozessen her­gestellt. Doing Difference ist beispielsweise im Kontext schulischer Bildung feststellbar, wenn die soziale Herkunft von Schüler*innen Einfluss auf deren Bildungszugang und -verlauf hat. Auch West und Fenstermaker erweiterten in ihren Ar­beiten das Geschlecht (gender) um die Diffe­renzkategorien race und class. Eine Hierarchie zwischen den jeweiligen Kategorien sei dabei nicht gegeben, ihre Relevanz variiere lediglich in Abhängigkeit vom jeweiligen Kontext. Sie konsta­tierten weiter: „Erst wenn man die Konstruktion von Geschlecht, Klasse und Ethnie als simultane Prozesse begreift, wird es möglich zu erkennen, dass die Relevanz dieser Ordnungsmuster je nach Interaktionskontext variieren kann.” (Fens­termaker/ West 2001: 237). West und Fenster­maker legen schließlich Analysen von Interaktio­nen das Prinzip der Zurechenbarkeit (accountabi­lity) zugrunde. Dieses nimmt an, dass das Han­deln eines Subjektes immer nur im Kontext spe­zifischer Erwartungen, die an die jeweils han­delnde Person als Angehörigen eines der Ge­schlechter, einer sozialen Schicht und einer be­stimmten Ethnie gerichtet werden, verstanden werden kann. Nur mit einer solchen Betrachtung könne eine Handlung vollständig interpretiert werden. Die Erwartungen, die an die Handelnden gerichtet sind, seien Bestandteil umfassender Vorstellungen von sozialer Ordnung. Erst so werde es möglich, eigene, aber auch Handlun­gen anderer (verstehend) deuten zu können.

Hirschauer (2001) verweist mit dem Konzept des Un-doing Gender ebenfalls darauf, dass Ge- schlecht in sozialen Situationen zwar registriert werde, aber nicht immer die gleiche Relevanz besitze. Die Ungleichheitskategorie „Geschlecht" werde also in unterschiedlichen Situationen un­terschiedlich wahrgenommen. Im Grunde sei dies bei allen Ungleichheitskategorien der Fall.

West/ Fenstermakers und Hirschauers Annah­men zur variierenden Relevanz interaktiv sozial konstruierter Unterschiede, ihrer Abhängigkeit vom Kontext und der Ebene der symbolischen Repräsentation, decken sich damit grundsätzlich mit dem Konzept der Intersektionalität.

2.3 Die intersektionale Ungleichheitsanalyse nach Degele/ Winker

Der von Degele und Winker vorgeschlagene Mehrebenenansatz ermöglicht sowohl die Wech­selwirkungen von Differenzkategorien auf einer Ebene (der Identität9, Repräsentation oder Struk­tur) als auch über die jeweiligen Ebenen hinaus zu analysieren. Um der Frage danach, wie diese drei Ebenen letztlich miteinander verbunden werden können, konkreter nachgehen zu kön­nen, betrachten sie diese zuerst im Kontext und theoretischen Rahmen einer grundlegend kapita­listisch strukturierten Gesellschaft mit dem Ziel kapitalistischer Akkumulation. Handelnde auf den jeweiligen Ebenen sind folglich stets innerhalb dieses Rahmens aktiv.

Die Ebene der Struktur10 sei dabei auf die be­ständige (Re-)Produktion von Arbeitskraft ausge­richtet. Schließlich ist Arbeitskraft die Vorausset­zung für die Aufrechterhaltung der kapitalistisch strukturierten Gesellschaft (vgl. Althusser 1977: 110). Die Höhe der Erwerbseinkommen der je­weiligen Arbeitskräfte differiert in der Folge ent­lang jeweiliger relevanter Ungleichheitskatego­rien. Diese führen auch zu Ungleichheiten den Zugang zum Erwerbsarbeitsmarkt betreffend (Degele/ Winker 2009: 26). In einer kapitalistisch strukturierten Gesellschaft ist die Verteilung von (Erwerbs-)Einkommen letztendlich elementar für die Verteilung von Positionierungen im sozialen Raum insgesamt. Auf der Ebene der Repräsen­tation wiederum stellen sie eine symbolische Re­produktion der sozio-ökonomischen Verhältnisse, auf jener der Identität eine Verunsicherung der Akteur*innen fest. „Verbunden sind die drei Ebe­nen allerdings nicht nur durch den kontextuellen Rahmen der kapitalistischen Akkumulation, son­dern auch durch soziale Praxen aller Einzelnen”, so Degele und Winker (ebd.: 27) weiter, und schließen dabei im Wesentlichen an den Ansatz Pierre Bourdieus an.

Damit gehen die beiden unter anderem von Bourdieus (1983, 1987) Kapitalverständnis aus, das, außer rein ökonomischen, auch kulturelle und soziale Ressourcen einschließt, und die dem Einzelnen zur Verfügung gestellt sind. Außer dem Einkommen, Vermögen und anderem mate­riellen Besitz sind bei der Verteilung sozialer Po­sitionen an die jeweiligen Mitglieder einer Gesell­schaft auch deren Bildung und Beruf sowie Be- Ziehungen und Netzwerke bestimmend. Diese drei Ressourcentypen sind eng miteinander ver­woben; stehen jeweils in Relationen zueinander. Die gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen ei­nes Einzelnen hängen außerdem von seiner je­weiligen sozialen Herkunft ab. Diese ist dafür entscheidend, welche Ressourcen ein Subjekt in welchem Ausmaß qua Geburt auf sich vereint. Eine Klasse bezeichnet gemäß Bourdieu damit eine Gruppe von Individuen, die sich eine ver­gleichbare Stellung im Produktionsprozess (der kapitalistisch strukturierten Gesellschaft!) teilen. Die Vorstellung Degeles und Winkers von Klasse ist damit wie bei Bourdieu ein prozessualer und von Distinktionen und sozialen Positionierungen bestimmt. Daraus ergibt sich schließlich ein Raum von Beziehungen, in der die Lebensfüh­rung eng mit der jeweiligen Positionierung im so­zialen Raum in Verbindung steht. Aus diesem Grund bedient Bourdieu sich des Begriffs des sozialen Raums und eben nicht sozialer Klassen, auch wenn diese „gewissermaßen virtuell existie­ren”. Diese sind ferner „nicht als gegebene, son­dern als herzustellende“ zu betrachten (Bourdieu 1998: 26). Die Akteur*innen einer Gesellschaft konstruieren über soziale Praxen, einem Spre­chen und Handeln mit Anderen, ihre eigenen und die Identitäten der Anderen selbst, geben spezifi­schen symbolischen Repräsentationen je nach Kontext mehr oder weniger Gewicht, stabilisieren gesellschaftliche Strukturen oder stellen sie in Frage. Wie Bourdieu selbst wenden Degele und Winker sich gegen Theorien zur Erklärung von sozialer Realität, die die soziale Praxis außer Acht lassen.

Davon ausgehend identifizieren Degele und Win­ker anschließend eben diese sozialen Praxen als das verbindende Element der Ebenen der Identi­fikation, Repräsentation und Struktur und erklä­ren empirisch beobachtbare soziale Praxen - im Rahmen einer kapitalistisch strukturierten Ge­sellschaft - zum methodologischen Ausgangs­punkt ihrer intersektionalen Ungleichheitsanaly­se. Konkreter seien auf der Strukturebene die Einbindung sozialer Praxen in die Herrschafts­verhältnisse und die Wechselwirkungen mehrerer Herrschaftsverhältnisse, auf der Ebene der Iden­titätskonstruktion die betreffende Positionierung von Akteur*innen über soziale Praxen und die damit eng verbundene symbolische Repräsenta­tion zu betrachten. Auf der Strukturebene könn­ten dies etwa Geschlecht und Klasse sein. In der Folge wird also analysiert wie diese beiden Herr­schaftssysteme miteinander verwoben sind. Wei­ter schlagen sie vor, soziale Differenzkategorien auf der Strukturebene deduktiv vorab festzule­gen, in Bezug auf Identität und Repräsentation hingegen induktiv vorzugehen. Auch vorliegend wird derart vorgegangen. Des Weiteren bieten sie eine insgesamt achtschrittige Methode zur Durchführung einer intersektionalen Ungleich­heitsanalyse an, auf die vorliegend ebenfalls zu­rückgegriffen werden soll:

Dabei werden in einem ersten Schritt die vorhan­denen Identitätskonstruktionen der betrachteten Subjekte (hier: fiktiven Figuren) beschrieben (a)). Das heißt, dass es dabei zu rekonstruieren gilt, welche Differenzkategorien für ihre Identitätskon­struktion relevant sind. Wie positioniert sich die betreffende Person, wie stellt sie sich dar? In der Folge werden die symbolischen Repräsentatio­nen der analysierten Akteur*innen identifiziert. Welche Normen, Werte und Ideologien sind in ih­rem Handlungskontext relevant? Werden sie im­plizit oder explizit erkennbar (b)). Im Anschluss daran werden Bezüge zu sozialen Strukturen ge­sucht (c)). Daraufhin werden die Wechselwirkun­gen der als zentral herausgearbeiteten Identi­tätskategorien auf den drei Ebenen benannt (d)). Diese Kategorien werden weiter verglichen. (e)). Im Folgenden werden die Herrschaftsverhältnis­se analysiert (f)). Abschließend werden die Wechselwirkungen in einer Gesamtschau zu­sammengefasst: Wie reagieren die Akteur*innen auf den durch die sozialen Strukturen vorgege­benen Handlungskontext? Und - in umgekehrter Richtung - wie materialisieren sich Identitätskon­struktionen in sozialen Strukturen? (g)) Bevor zum Analyseteil übergegangen wird, soll jedoch zunächst auf die wesentlichen inhaltlichen Stränge Orange Is the New Blacks eingegangen werden, die die zahlreichen übrigen Stränge (auf die hier allerdings nicht in ihrer Vollständigkeit eingegangen werden konnte) rahmen.

[...]


1 Gemeint ist damit das Phänomen der zunehmenden Praxis, mehrere Folgen einer Fernsehsendung in schneller Abfolge hintereinander zu konsumieren. Maßgeblich war hierfür die Vorgehensweise bei der Veröffentlichung der Serie: Die erste Staffel wurde der Zuschauerschaft in der Gesamtheit ihrer Episoden online zur Verfügung gestellt. Dieses simultane Veröffentlichen wurde in der Folge beibehal­ten. Die Vorgehensweise wurde seitdem, sowohl bei Netflix als auch bei der Konkurrenz, etliche Male kopiert und gilt inzwischen als eine gängige Praxis.

2 Die Dokumentarfilmmachende April K. Householder geht noch weiter und will Inhalte mit spezifi­schem Frauenbezug sogar in Form, Stil und Perzeption der Serie erkennen (Householder/ Trier- Bieniek 2016: 6).

3 In vorliegender Arbeit wird das Adjektiv ,Schwarz‘ im Sinne der entsprechenden positiven Selbstzu­schreibung, ,weiß‘ hingegen kursiv hervorgehoben, um die soziale Konstruiertheit des Weißseins und Weißsein generell als soziales Konstrukt und vermeintliche Norm hervorzuheben (etwa nach Eggers et al. 2009: 13).

4 Larry bezeichnet Piper in der Serie wortwörtlich als „felonious, former lesbian WASP-shiksa“ (1, 1: 19:40).

5 Jenji Kohan selbst sprach später von Piper als „way in“ und (NPR 2013) und als „Trojan horse“ (ebd.).

6 Wurm (2014) bezeichnet diese Praxis des Verifizierens der Erlebnisse Schwarzer Frauen* und WoC durch weiße Frauen* als in rassistische Strukturen eingebettet.

7 In vorliegender Arbeit werden die Begriffe race und ethnische Zugehörigkeit synonym genutzt, da Letztere damit gemeint ist.

8 Gesa Lindemann (1993) und Andrea Maihofer (1995: 53 f.) gehen hier in eine ähnliche Richtung. Transgender eigneten sich - unter anderem - das Verhalten des ,anderen Geschlechts' an und gi n- gen als solches durch (sog. ,passing'; Garfinkel 1967: 118-133, 137-167) oder auch nicht, ließen aber zumindest das Selbstverständliche nicht mehr länger selbstverständlich erscheinen und stellten somit die Ontologie von Geschlecht und Geschlechtszugehörigkeit explizit und/ oder implizit in Frage.

9 Ausgangspunkt der Annahmen zur Identität eines Individuums sind sowohl bei Degele/ Winker als auch in vorliegender Arbeit jene Georg Herbert Meads, nach denen Identität sich in Prozessen der Reflexion des eigenen Verhaltens in Relation zu Alteri und deren Verhalten herausbildet. Interaktion, und innerhalb dieser, symbolische Repräsentation, insbesondere in Form von Sprache, nehmen in diesem Konzept eine zentrale Stellung ein. Identität ist demnach nach Mead und auch vorliegend nicht als ein statisches Element zu verstehen, sondern, wie bereits konkret in Bezug auf das Ge­schlecht beziehungsweise die geschlechtliche Identität sozial in Interaktionen konstruiert, kontingent, dynamisch und damit veränderlich (vgl. Mead 1995: 187-188; Wenzel 2000: 48).

10 Im folgenden Abschnitt nimmt die Beschreibung der Strukturebene einen größeren Raum ein. Dar­aus ist nicht abzuleiten, dass diese Ebene bevorzugt betrachtet wird. Degele/ Winker sehen auf dieser Ebene lediglich den größten Forschungsbedarf, Ausführungen hierzu sind selten.

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Eine intersektionale Ungleichheitsanalyse am Beispiel der Serie "Orange Is the New Black"
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
88
Katalognummer
V903609
ISBN (eBook)
9783346260604
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intersektionalität, Rassismus, White Privilege, Critical Whiteness, Angry White Male, Homophobie, Biphobie, Diskriminierung, Ungleichheit, Feminismus, Kapitalismus
Arbeit zitieren
Josefa Aygün (Autor), 2020, Eine intersektionale Ungleichheitsanalyse am Beispiel der Serie "Orange Is the New Black", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/903609

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