Erfahrungen von Pflegekräften bei der pflegerischen Versorgung von Migranten in der ambulanten Alten- und Krankenpflege

In einer auf Migranten spezialisierten Einrichtung


Forschungsarbeit, 2008
109 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Abstract

Summary

Abbildungsverzeichnis

Anhangsverzeichnis

Einleitung

1. Aspekte der Pflege von Migranten
1.1. Kultursensible Pflege
1.1.1 Allgemeine Darstellung
1.1.2 Stärken der Theorie der kultursensiblen Pflege Theorie
1.1.3 Schwächen der Theorie der kultursensiblen Pflege
1.2 Problemsituationen im Rahmen der pflegerischen Versorgung von Migranten
1.2.1 Wissen zu der türkischen und russischen Kultur
1.2.2 Problemsituationen im Bereich der Kommunikation
1.2.3 Probleme im Bereich der Sitten und Gebräuche
1.2.4 Probleme bei unterschiedlichen Wissensständen
1.2.5 Soziale Netze
1.2.6 Körperpflege
1.2.7 Problembewusstsein auf Seiten der Pflege
1.3 Handlungsstrategien der Pflege zur Versorgung von Migranten
1.4 Zusammenfassung der Literaturauswertung mit Transfer zur ambulanten Pflege

2. Methodisches Vorgehen
2.1 Einführung in die Methodik
2.2 Vorbereitungen zur Datenerhebung
2.3 Datenerhebung
2.4 Datenauswertung
2.5 Gütekriterien

3. Ergebnisdarstellung
3.1 Einführung in die Ergebnisdarstellung
3.2 Kultursensible Pflege
3.3 Probleme bei der Migrantenversorgung
3.4 Handlungsstrategien
3.5 Kommunikation
3.6 Voraussetzungen der Pflege von Migranten
3.7 Stellenwert aus der Sicht der Pflegekräfte
3.8 Zusammenarbeit mit externen Einrichtungen
3.9 Zusammenfassung der Thesen

4. Diskussion und Interpretation der Ergebnisse

5. Bedeutung der Studie
5.1 Umgang mit Grenzen und möglichen Fehlerquellen
5.2. Empfehlungen für die Praxis und weitere Forschung

Literaturverzeichnis

Anhang

Danksagung

Mein besonderer Dank gilt allen beteiligten Personen

- ob direkt oder indirekt -,

welche mich im Entstehungsprozess dieser Forschungsarbeit begleitet und mir damit sehr geholfen haben.

Besonders möchte ich auch die Einrichtung im Feldzugang erwähnen,

welche sich freiwillig - und mit großem Interesse -

zur Teilnahme und Mitarbeit an dieser Forschungsarbeit bereit erklärte

und mich mit einer optimalen und engagierten Zusammenarbeit unterstützt hat.

Vielen Dank!

Bissendorf, Januar 2008

Sandra Hüdepohl

Abstract

Hintergrund:

Untersuchungen haben gezeigt, dass die Anzahl der ausländischen Patienten in der ambulanten Pflege, welche durch Sprache und Lebensweise fest in ihrer ererbten Kultur verankert sind, steigt. Daher ist die Entstehung von auf ausländische Mitbürger spezialisierte Einrichtungen notwendig.

Aufgrund dieser Entwicklung befasst sich diese Forschungsübung mit den Erfahrungen von Pflegekräften, welche in einer solchen Einrichtung arbeiten. Hierbei rücken die kultursensible Pflege als Handlungsmittelpunkt, die entstehenden Problemsituationen und die Handlungsstrategien zur Lösung von Problemen, auch im Umgang mit den Patienten, in den Mittelpunkt der Betrachtung.

Forschungsfrage:

Welche Erfahrungen machen Pflegekräfte in der ambulanten Pflege bei der Versorgung von Migranten?

Design:

Zur Beantwortung dieser Forschungsfrage wurde ein qualitativer Ansatz gewählt.

Methode:

Um die Erfahrungen der Pflegekräfte zu erheben, wurden 6 Experteninterviews in einem ambulanten Pflegedienst durchgeführt.

Zur Analyse der erhobenen Daten wurde die zusammenfassende Inhaltsanalyse nach Mayring gewählt.

Ergebnisse:

Es konnten insgesamt 7 Thesen als Standpunktbestimmung bei der Versorgung von Migranten generiert werden. Diese sind zur Aufschlüsselung mit entsprechenden Unterthesen versehen.

Schlussfolgerungen:

Die Diskussion und Interpretation der Ergebnisse zeigt auf, dass die Versorgung von Migranten in der spezialisierten ambulanten Pflegeeinrichtung für sich Lösungen geschaffen hat, jedoch vor allem der Kompensation von externen Pro-blemen dient.

Summary

Background:

Studies shows that the number of foreign patients, which by the use of their language and way of Life deep-seated in their inherited culture, which needing outpatient care, grows up. This fact shows that the accruement of specialised nursing service is necessary.

Grounded on this accruement the research study deals with experiences of nursing staff which work in the specialised nursing service. This shift the culture-care act as a centre of the emerging problem situations and the plot strategies for the solution of problems, even when dealing with patients at the centre of attention.

Research Question:

Which experiences get nurses in outpatient care in their work with migrants?

Design:

To answer this question, a qualitative approach is elected.

Method:

To get the experiences of nurses, 6 interviews with experts, working in a specialized outpatient care, were done.

To analyze the summarized content an analysis by Mayring is elected.

Result

7 theses could be generated, which can use as a position-fixing in attend migrants. These theses are parted in particular theses.

Conclusion:

The Discussion and interpretation of the deliverables shows that the maintenance of the migrants in specialised nursing services had created fixes for themselves, but it is used to balance external problems.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Eigene Darstellung der Einflussfaktoren auf die Pflege,

Abbildung 2:Pflegerelevante kulturelle Einflussfaktoren ( Ratajczak, T.; 2005)

Abbildung 3: Das Sunrise-Modell (Leininger, 2002)

Anhangsverzeichnis

Anhang 1: Ausländische Bevölkerungsgruppen im Bundesgebiet nach Bevölkerungsgruppen

Anhang 2: Leiningers Überlegungen, die zur Entwicklung der Theorie der Kulturspezifischen Pflege geführt haben

Anhang 3: Abbildung des Sunrise-Modells

Anhang 4: Datenmatrix

Anhang 5: Zeitplanung

Anhang 6: Literaturrecherche

Anhang 7:Literaturdarstellung Studien

Anhang 8: Kontaktschreiben

Anhang 9: Informationsmaterial zum Interview

Anhang 10: Einverständniserklärung zur Forschungsübung

Anhang 11: Interviewleitfaden

Anhang 12: Postskriptum zum Interview

Anhang 13: Transkriptionsregeln

Anhang 14: Ablauf der Inhaltsanalyse

Einleitung

Einführung in die Thematik

Der Begriff Migranten wird in dieser Ausarbeitung synonym für eine komplexe Personengruppe stehen. Alle in Deutschland lebenden ausländischen Mitbürger, deren Geburtsland nicht die Bundesrepublik ist bzw. deren direkte Nachkommen, sollen unter diesem Begriff zusammengefasst werden. Dieses steht im Einklang mit der Definition von Migration (siehe Gliederungspunkt Definitionen). Schwerpunkt der Betrachtung sind jene Personen, die nicht vollständig in unsere Kultur (zur Begriffsbestimmung siehe auch den Gliederungspunkt Definitionen) integriert sind:

- Die unsere Sprache gar nicht oder nur bruchstückhaft sprechen und verstehen.
- Die an ihren Werten, Normen und auch Mentalitäten festhalten.
- Die im Alltag ihre heimatländische Kultur weiterleben.

In den sechziger Jahren wurden in Deutschland viele Migranten für Arbeits-zwecke angeworben. Ursprünglich wollten diese hier arbeiten und im Anschluss daran wieder in ihre Heimat zurückkehren. Andere Migranten sind aus ihrer Heimat wegen Krieg oder Verfolgung geflohen (Flüchtlinge) und wollten in Deutschland Sicherheit finden, bis es ihnen möglich wäre, wieder in ihr Heimatland zurückzukehren.

Doch viele sind hier geblieben. Sei es wegen der ‚besseren’ Lebensumstände, oder weil sie sich mittlerweile hier eine Existenz aufgebaut haben. Ihre Kinder sind in Deutschland aufgewachsen, arbeiten hier und fühlen sich auch hier verwurzelt.

Die Untersuchung „Migranten im Alter“ (Kaewnetara, 2001) beschreibt die Situation von Migranten im Jahr 2001. Demnach haben Migranten jahrelang in Deutschland gearbeitet, sehr sparsam gelebt, d.h. schlechte Wohnungen, schlechte Ernährung, schlechte Kleidung. Durch die Mehrbelastung im Beruf und durch ihre Lebensumstände sind sie viel früher krank, als gleichaltrige Deutsche. Der Alterungsprozess fängt hierdurch bei ihnen durchschnittlich 10 – 15 Jahre früher an.

Verschlimmert wird die Situation durch die Angst, jederzeit abgeschoben werden zu können. Mit dieser Angst haben die Migranten nicht nur wenige Jahre, sondern Jahrzehnte hier gelebt.

Die Lebens- und Arbeitssituation der Migranten war nicht besser, als die der einheimischen Bevölkerung. Eher war diese schlechter, wie oben bereits beschrieben wurde. Im Alter macht sich diese Sparsamkeit bemerkbar, da ihr Gesundheitszustand allgemein als schlechter beschrieben werden kann, als der von

gleichaltrigen deutschen Mitbürgern. Zudem sinkt die Tendenz derer, die innerhalb von Großfamilien leben und dort bei Pflegebedürftigkeit versorgt werden.

Nicht nur wir ‚ursprünglich Deutschen’ werden immer älter und sind auf Pflege von ambulanten Einrichtungen der Altenpflege angewiesen. Auch die Zahl der Migranten, welche in Deutschland leben und älter werden, steigt stetig. Die Tabelle des Statistischen Bundesamtes verdeutlicht, wieviele Migranten in Deutschland im Verlauf der Jahre über einer gewissen Altersgrenze liegen (verkürzt dargestellt, siehe hierzu Anhang 1). Aus dieser Darstellung lässt sich ableiten, dass die Zahl der älteren Migranten im Verlauf der Jahre stetig steigt, folglich müssen auch immer mehr Migranten pflegerisch versorgt werden, da sie härter gearbeitet haben und früher krank werden, als deutsche Mitbürger.

Vor einigen Jahren war es noch so, dass kaum Migranten durch die Pflege versorgt werden mussten. Heute trifft man immer mehr Migranten als Patienten in ambulanten Einrichtungen an, wie die Entstehung spezialisierter Einrichtungen auf Migranten vermuten lässt. Dieses wird sich in den kommenden Jahren noch erheblich steigern. (vgl. Kaewnetara, 2001) Bisherige Studien haben vorwiegend die Patientensicht beschrieben. Deshalb sollen hier die Erfahrungen der Pflegekräfte betrachtet werden. Erfahrungen definieren sich, laut Bünting (1996), als erworbenes Wissen (siehe auch Gliederungspunkt Definitionen). Das erworbene Wissen der Pflegenden in einer spezialisierten Einrichtung wird als Standpunktbestimmung bei der Versorgung von Migranten betrachtet. Deshalb ist die Forschungsfrage:

„Welche Erfahrungen machen Pflegekräfte in der ambulanten Pflege

bei der Versorgung von Migranten?

von besonderer Bedeutung in der heutigen Zeit. Besonders die Versorgung von Migranten in spezialisierten Einrichtungen spielt eine große Rolle, da hier Mitarbeiter zu finden sind, welche über entsprechende Sprachkenntnisse verfügen, aber auch den kulturellen Hintergrund kennen.

Die Relevanz für die ambulante Pflege ist gegeben, da es sowohl in der türkischen Kultur, als auch in den Kulturen der ehemaligen Sowjetunion - um die es in dieser Ausarbeitung schwerpunktmäßig geht, da diese am häufigsten in der BRD auftreten - vorwiegend die Familienpflege gibt, und ambulante Pflegedienste hinzu gerufen werden, wenn die Angehörigen die Pflege nicht übernehmen können.

Eine stationäre Pflege kommt innerhalb dieser Klientengruppe kaum vor. (vgl. Kaewnetara, 2001)

In Bezug auf die Migranten ist eine Vielzahl von Aspekten von besonderer Bedeutung, wie in Wingenfeld (2003) beschrieben wird. Hierbei stehen Art und

Ausmaß der Pflegebedürftigkeit nicht immer im Vordergrund. Vieles hängt auch von der Pflegebereitschaft bzw. -fähigkeit der Angehörigen ab. Die Inanspruchnahme des Leistungsangebotes hängt auch stark von der Übereinstimmung der Wertvorstellungen der potentiellen Nutzer in Bezug auf die Art der Versorgung der Hilfebedürftigen ab. Deshalb eignen sich auf Migranten spezialisierte ambulante Einrichtungen für deren Versorgung besonders gut und sollen hier untersucht werden.

Hieraus stellt sich die Frage, was zeichnet die Einrichtung aus, bzw. wie geht sie als spezialisierte Einrichtung mit der Versorgung um, im Gegensatz zu nicht spezialisierten Einrichtungen?

Besonders die:

- Anwendung einer kultursensiblen Pflege,
- die Problemsituationen im Rahmen der pflegerischen Versorgung und Betreuung
- und die Handlungsstrategien des Pflegepersonals mit den besonderen Anforderungen an die Pflege von Migranten umzugehen

scheinen hier eine große Rolle zu spielen:

- Die kultursensible Pflege scheint Aufgabenschwerpunkt der Einrichtungen zu sein, da sie auch über entsprechende Mitarbeiter mit Sprach- und Kulturkenntnissen verfügt.
- Die Problemsituationen im Rahmen der pflegerischen Versorgung sind der zweite Schwerpunkt, da auch im Falle von umfangreichen Kenntnissen über Kultur und Sprache Konflikte auftreten können, die behoben werden müssen.

Die Handlungsstrategien sind der dritte Themenschwerpunkt, da die Mitarbeiter durch ihre Kenntnisse auch über entsprechende Handlungsweisen zur Problemvermeidung und –behebung verfügen. (siehe hierzu auch Anhang 4: Datenmatrix)

Aufbau der Arbeit und Vorgehensweise

Die oben identifizierten Themenschwerpunkte sollen in der Literaturauswertung unter der Überschrift „Aspekte der Pflege von Migranten“ ausführlich erarbeitet werden. Eine Zusammenfassung am Ende der Literaturauswertung fasst die wesentlichen Punkte jedes Kapitels zusammen und zeigt - in Verbindung mit der ambulanten Pflege - die wesentlichen Forschungsinhalte auf und liefert die Zusammenfassung zum Inhalt der Forschungsfrage.

Die bereits benannte Forschungsfrage soll durch die Erhebung mit einem geeigneten Instrument und einer auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden

Methode bearbeitet und ausgewertet werden. Dieses beschreibt der II. Abschnitt – Methodik - dieser Ausarbeitung.

Nach dem methodischen Teil sollen die Ergebnisse der Datenerhebung dargestellt und interpretiert werden. Diese werden im Abschnitt IV anhand einer Gegenüberstellung der Literatur und der Ergebnisse der Datenerhebung diskutiert.

Abschließend soll noch die Bedeutung der Studie dargestellt werden. Anhand der Empfehlungen für die Praxis, die sich aus den Daten ergeben, und den Grenzen dieser Studie, soll die Bedeutung dargestellt werden.

Definitionen

Kultur à lateinisch cultura: „Landbau; Pflege (des Körpers und des Geistes)“

Hier besonders: Pflege der geistigen Güter (Zusammensetzung Geistesgüter), Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Lebensäußerungen (einer Gemeinschaft, eines Volkes); kulturell: „die Kultur betreffend“ (Auszug aus: Wermke et al, 2001)

Migration à lateinisch migrazion: (zwischenstaatlicher) Wohnsitzwechsel von Menschen oder Tieren (Auszug aus: Bünting, 1996)

Erfahrungen à die, erworbenes Wissen (Bünting, 1996)

1. Aspekte der Pflege von Migranten

1.1. Kultursensible Pflege

1.1.1 Allgemeine Darstellung

Wie bereits in der Einleitung dargestellt, benötigen Migranten eine auf ihre speziellen Bedürfnisse abgestimmte Versorgung, um den Zugang zu den Pflegeeinrichtungen zu erleichtern. Aber auch, damit ihre Individualität und die damit verbundenen kulturspezifischen Eigenheiten gewahrt bleiben. Um die kulturspezifische Pflege im Kontext mit der ambulanten Pflege von Migranten zu beleuchten, soll sie im Folgenden dargestellt werden.

Ein aktuelles Konzept, das die kultursensible Pflege explizit anspricht, haben Boyle und Andrews (erwähnt in Domenig, 2001) weiterentwickelt. Der Ursprung geht auf Madeleine Leininger zurück. Da das System von Boyle und Andrews für den deutschen Bereich jedoch nicht anwendbar ist (Domenig, 2001), bezieht sich die vorliegende Arbeit auf die ältere Theorie, die von Madeleine Leininger ent-wickelt wurde. Ihre Theorie der Kulturspezifischen Fürsorge spricht explizit die Komponenten einer kulturkongruenten Versorgung von Migranten an. Auch heutzutage wird sie herangezogen, wenn es darum geht, ausländische Mitbürger kulturgerecht zu versorgen. Deshalb soll speziell diese Theorie an dieser Stelle genauer dargestellt und diskutiert werden.

In den sechziger Jahren hat Leininger begonnen, Pflegebeziehungen in kulturbestimmten Umgebungen bzw. Zusammenhängen dahingehend zu analysieren, inwiefern sie von kulturellen Faktoren beeinflusst werden (Urarewicz et al, 1997). Daraufhin hat sie innerhalb von 30 Jahren die Theorie der Kulturellen Fürsorge und das Sunrise-Modell entwickelt (Reynolds, 2000) und immer weiter verfeinert.

Leiningers Überlegungen, die zur Entwicklung der Theorie der Kulturellen Fürsorge geleitet haben, werden zur Vertiefung im Anhang 12, dargestellt. Die kulturkongruente Fürsorge bedeutet nach Leininger (2000), dass die Maßnahmen und Entscheidungen, die im Rahmen der Pflege und Fürsorge durchgeführt bzw. getroffen werden, für die alle Betroffenen sowohl nützlich und befriedigend, als auch bedeutungsvoll sein müssen. Zu den Betroffenen werden neben Kranken und Behinderten auch Gesunde und Sterbende gezählt.

Hierbei stellt sie theoretisch dar, dass viele Probleme und Konflikte entstehen würden, die den Gesundungsprozess verzögern, wenn nicht kultursensibel

gepflegt wird. Auch könnten unerwartete Todesfälle auftreten oder das Wohlbefinden vermindert werden, wenn die Handlungsweisen der Pflege nicht mit der

Kultur übereinstimmen. Leininger definiert Kultur als erlernte, gemeinsame, aber auch übermittelte Werte, Überzeugungen, Gesetzmäßigkeiten und Lebensarten einer definierten Gruppe. Diese leiten sowohl die Überlegungen und Entscheidungen, als auch die Handlungen der Gruppe auf eine strukturierte Art und Weise (Leininger, 1998).

Die kulturspezifische Fürsorge beinhaltet nach Leininger (1998) subjektiv und objektiv ermittelte Werte, Überzeugungen und Lebensweisen. Diese dienen einer Gruppe oder einzelnen Personen zur Erhaltung von Wohlbefinden und Gesundheit und zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Außerdem ermöglichen sie ihnen den Umgang mit Krankheit, Behinderung oder dem Tod.

Die Entwicklung der Begriffe Fürsorge und Sorgen war ein notwendiger erster Schritt in der Entwicklung von Leiningers Theorie (Leininger, 2000). Fürsorge bezieht sich nach ihrem Verständnis auf „abstrakte und konkrete Phänomene“ (Leininger, 1998, S. 00) im Sinne von helfenden oder fördernden Erfahrungen. Diese dienen dem Wohl anderer Menschen, die ein Bedürfnis nach Verbesserung und Weiterentwicklung ihrer Lebensbedingungen oder –arten aufweisen (ebda.). In diesem Sinne meint „Fürsorgen“ (caring) die Unterstützung oder Be-fähigung zur Befriedigung der bereits genannten Bedürfnisse, aber auch des Bedürfnisses nach einem besseren Umgang mit dem Tod (ebda.).

Für die ambulante Versorgung bedeutet dies, dass durch die kulturgerechte Versorgung im häuslichen Umfeld das Wohlbefinden der Patienten gefördert werden kann und dadurch ihre Lebensqualität steigt.

Um Pflegenden zu helfen, sich die Komponenten der Theorie, die die menschliche Fürsorge beeinflussen, vor Augen zu führen, entwickelte Leininger (2000) das Sunrise-Modell (Anhang 3). Leininger beschreibt dieses Modell als Spiegel ihrer Theorie über Pflege, welche nicht nur als intellektuelle Fähigkeit zu sehen ist, sondern als praktischer Beruf. Deshalb formuliert sie innerhalb der Theorie drei Arten der Handlungen und Entscheidungen, die der Pflege im Rahmen einer kulturkongruenten Versorgung behilflich sein sollen:

- Kultureller Fürsorgeerhalt (cultural care preservation and/or maintenance)
- Kulturelle Fürsorgeanpassung und/oder –verhandlung (cultural care accomodation and/or negotiation)
- Kulturelle Fürsorgerekonstruktion und –umstrukturierung (cultural care repatterning and restructuring).

Diese drei Arten sollen zum Ziel der Theorie führen, das darin besteht, eine

kulturkongruente Pflege und Fürsorge bereitzustellen. Die Pflegeperson würde Daten berücksichtigen, die sie vom Informanten, aus der Beobachtung und aus dem Studium aller Komponenten des Sunrise-Modells, gewonnen hat. Dieses macht sie, um herauszufinden, welche Fürsorgemodi am besten zu den Bedürfnissen des Klienten passen und ihm nützen. Daten aus dem Sunrise-Modell würden die Pflegeperson dazu anleiten, kreative und geeignete Untersuchungsweisen für die drei Handlungs- und Entscheidungsweisen zu entwickeln (Leininger, 2000). Diese Fürsorgemodi nutzt sie im häuslichen Umfeld, um die Lebensweise des Patienten zu erhalten, um seine Lebensweise in Verbindung mit der Krankheit in Einklang zu bringen, oder um seine Lebensweise in Verbindung mit der Krankheit wieder herzustellen. Wer sich mit der Theorie und dem Modell von Madeleine Leininger beschäftigt, muss sich auch mit dem Begriff der Ethnologie auseinandersetzen. Die Ethnologie wird nach Müller (1975) mit Völkerkunde definiert, früher eine gebräuchliche Bezeichnung für die kulturvergleichende Forschung. Sie liefert eine erweiterte Sichtweise auf das Fremde, welches uns begegnet. Diese Sichtweise wird in drei Dimensionen unterteilt: „Der Fremde als ethnisch bestimmter Fremde“, „Der Fremde als der generalisierte Fremde“ und „Das Fremde als das verdrängte Schattenselbst“ (Urarewicz et al, 1997).

Nachdem die Theorie von Madeleine Leininger dargestellt wurde, sollen folgende Thesen abschließend beschreiben, was für eine kulturkongruente Altenpflege benötigt wird (Kaewnetara, 2001). Die kultursensible Pflege ist eine Haltung, die die innere Einstellung von Pflegenden den Patienten gegenüber beschreibt, sich auf ihre Vorstellungen und Werte einzulassen, um eine vertrauensvolle und angstfreie Atmosphäre aufzubauen. Dieses erfordert interkulturelle Kompetenz. Desweiteren werden Kenntnisse über die Lebenswelt benötigt, um den Pflegeprozess nach Standards der Altenpflege erfüllen zu können. Ebenso notwendig ist die Anerkennung von Angst, Unsicherheit und Befremden bei sich selbst, um sie zu erkennen und sie zu überwinden. So lässt sich vermeiden, dass Stigmata und bestehende Vorurteile nicht, als ausländerfeindlich oder rassistisch gewertet werden. Interkulturelle Kompetenz wird so Bestandteil von Professionalität. Die kultursensible Pflege gelingt in dem Maße, wie sich Organisationen nach innen und außen verändern. Daher kann professionelle Pflege nicht unabhängig von der Einrichtung geschehen. Diese schafft das Fundament für kultursensible Pflege.

Diese Thesen können als Voraussetzung - für eine die Kultur des Patienten berücksichtigende Pflege - angesehen werden. Dieses bedeutet auch, wer kultursensibel pflegen möchte, muss über Schlüsselqualifikationen verfügen bzw. diese beachten. Diese sind unter anderem: Eine situationsgerechte, verständliche und differenzierte Ausdrucksweise, außerdem die Fähigkeit zum Einsatz eines

breiten Repertoires an Methoden und Techniken und der Fähigkeit zur Entwicklung ethischer Grundlagen.

Diese Qualifikationen enthalten eine transkulturelle Dimension: Denn wer Migranten situationsgerecht pflegen will, muss über entsprechende Qualifikationen verfügen (Domenig, 2001).

Die bisherige Darstellung der Theorie der Kultursensiblen Fürsorge und des Sunrise-Modells von Madeleine Leininger ist weitestgehend wertefrei dargestellt. Die Theorie und das Konzept verfügen über Stärken und Schwächen. Diese sollen in den folgenden Unterkapiteln dargestellt werden.

1.1.2 Stärken der Theorie der kultursensiblen Pflege Theorie

Die Einbeziehung der Ethnologie in die Theorienbildung kann der Pflege dazu verhelfen, die transkulturelle Pflege nicht im Sinne einer Problemzuweisung an Migranten und ihrer potentiellen Ausgrenzung zu betreiben. Man sollte sie als pflegespezifischen Standpunkt nutzen. Aus ihr heraus kann dann argumentiert werden. Weiter hilft sie, das Erkennen kultureller Konflikte zu fördern, um diese zu lösen. Auch liefert sie Informationen, um zu einer am Menschen orientierten Pflege zu befähigen (Habermann, 1997).

Habermann (1997) beschreibt weiter, dass die Fähigkeit vermittelt wird, den verschiedenen Facetten der Lebenswelt der Migranten zu begegnen. Gleichzeitig schafft Leininger die Argumentationsgrundlage für einen höheren Zeitbedarf, denn sprachliche und kulturelle Vermittlung in der Pflege brauchen Zeit für Kommunikation (ebda.). Diese wird benötigt, da es z.B. professionelle und ethisch begründete Standards gibt, welche mit einer verstummten Pflege nicht vereinbar sind.

Leininger (1998) beschreibt, dass Theorien dazu da sind „verallgemeinertes und abstraktes Wissen“ zu schaffen. Hierbei soll das Ziel sein, dieses in der Pflege anzuwenden. Laut ihrer Aussage spiegelt die Theorie der Kultursensiblen Fürsorge diese Aussage wieder.

In ihrem Buch beschreibt Leininger konkret weitere fünf Stärken. Zum einen, dass die Theorie durch ihre sorgfältige Entwicklung ständig verbessert worden ist. Sie befähigt dazu, die kulturelle Welt des Menschen in allen Facetten zu erfassen. Sie bietet auch die Grundlage für Kulturvergleiche.

Als zweites sei sie einfach zu verstehen und folge einem ganzheitlichen, offenen

Verständnis der Pflege. Hierbei kann der Fokus/die Sichtweise auf spezielle oder

allgemeine Dinge frei gewählt werden. Sie lässt einen Blick auf Unterschiede oder Ähnlichkeiten in Kulturen zu. Sie kann neues Wissen für einzelne, Gruppen oder Institutionen schaffen.

Als weiteren Punkt deckt sie verborgene Dinge auf, welche für die Pflege relevant sein könnten. In der Forschung können die Theorie der kultursensiblen Pflege und das Sunrise-Modell helfen, spezielle Phänomene der Pflege, aber auch abstrakte Symbole, wahrzunehmen. Diese liegen z.B. in der Spiritualität, in der Wirklichkeitswahrnehmung oder in der Subjektivität der Wahrnehmung. Die Pflege sollte diese aufdecken und sich ihrer bewusst werden, weil sie die Praxis beeinflussen. Viertens schaffen die drei Handlungs- und Entscheidungsmodi ein besonderes Verständnis, wie die Pflege dem Patienten am besten helfen kann.

Als letzte Stärke beschreibt Leininger die Wichtigkeit ihrer Theorie in Bezug auf das Schaffen von Mustern menschlicher Fürsorge in Verbindung mit den entsprechenden Wertvorstellungen. Weiter ermöglicht sie es zu erfahren, welche Folgen eine nicht kulturkongruente Versorgung haben kann (Leininger, 1998).

1.1.3 Schwächen der Theorie der kultursensiblen Pflege

Als Schwächen beschreibt Habermann (1997) das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturbegriffe in Deutschland, und dass die Theorie nicht unreflektiert in Deutschland angewendet werden sollte. Auch vermag sie nicht den vielseitigen Lebenslagen der Migranten gerecht zu werden (ebda.). Dieses begründet er mit der Nutzung der kulturellen Fähigkeiten der Menschen. Laut Habermann berücksichtigt Leininger dieses nicht.

Habermanns Kritik am Kulturbegriff ergänzt Domenig (2001) mit der Aussage, dass der homogene Kulturbegriff, wie Leininger ihn verwendet, in der heutigen Zeit keine Gültigkeit mehr hat, da alles komplexer geworden sei, und es heutzutage keine nach außen klar abgrenzbaren Kulturen mehr gibt.

Weiter sind laut Habermann (1997) politische und ökonomische Determinanten des Gesundheitsverhaltens nicht berücksichtigt.

Zu beanstanden wäre, laut Habermann, ebenfalls die Rede vom Anderssein. Dieses führe zum Ausschluss aus der Gesellschaft oder aus bestimmten gesellschaftlichen Kreisen. Die Folge wäre keine Hilfe für die Fremden, sondern das Festlegen auf die Konturen des Fremden und die weitere Ausgrenzung.

Aus diesem Grund kritisiert Domenig (2001) auch diese Betrachtungsweise mit der weiteren Begründung, dass nicht die Interaktion im Mittelpunkt der Betrach-

tung stehe, sondern die fremde Kultur, wenn dieses Verhalten nicht ausreichend reflektiert würde. Dieses erhöhe den Blick auf die Differenzen, anstatt auf die Gemeinsamkeiten und fördere die Stereotypisierung von Migranten.

Auch wenn die Ursachen für Probleme in der Pflegebeziehung mit Migranten in der „kulturellen Fremdheit der Klienten vermutet werden und nicht in der grundsätzlichen Schwierigkeit der Pflege, kulturelle Faktoren in der Pflegebeziehung zu berücksichtigen. (…) Migranten sollten keine Probleme zugewiesen werden“, ohne die Rahmenbedingungen zu reflektieren (Habermann, 1997).

Eine weitere Schwäche deckt Domenig in Leiningers Sunrise-Modell auf. Laut Domenig wird dieses den Lebenswelten der Migranten kaum gerecht, da es den Blick auf die Kulturspezifika eingrenze und die komplexen Wirklichkeiten des Lebens nicht berücksichtigt würden. Das Modell sei zu starr, um mit ihm Kulturgruppen zeitlos, situations- und kontextunabhängig zu erfassen, wie Leiningers Darstellungen vortäuschen würden (Domenig, 2001).

Domenig (2001) geht davon aus, dass Leiningers Theorie und Modell heutzutage nicht mehr gebraucht werden, da andere, bessere Konzepte zur Verfügung stehen. Dieses bedeute nicht, Leiningers Theorie komplett außer Acht zu lassen, sondern sie in einen geschichtlichen Rahmen der Theorien zu stellen, und nicht als Modell zu vermitteln.

Die Weiterverwendung von Leiningers Theorie beschreibt Domenig als Ausdruck, dass keine neueren Konzeptionen zur Verfügung stehen würden.

Aus der „Studien zur Nutzerperspektive in der Pflege“ (Wingenfeld, 2003) wird ein weiterer Kritikpunkt ersichtlich, welcher den Anspruch der hiesigen Pflege an die Individualität der Betreuung betrifft. Die Studie hierzu wörtlich:

„Möglicherweise erübrigen sich viele theoretische und konzeptionelle Bemühungen zur Berücksichtigung kultureller Besonderheiten, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Pflege immer eine Begegnung zwischen differierenden Wahrnehmungen, Sichtweisen, Normen und Handlungsorientierungen darstellt.“ (ebda.)

Hieraus lässt sich schließen, dass besondere Pflegetheorien zur transkulturellen Pflege überflüssig wären, wenn der Sinn der Pflege darin gesehen würde, die Vermittlung zwischen Pflegendem und Patient im Sinne der individuellen Pflege zu leisten

1.2 Problemsituationen im Rahmen der pflegerischen Versorgung von Migranten

1.2.1 Wissen zu der türkischen und russischen Kultur

Im Kontrast zu der deutschen Kultur sollen hier, um den Hintergrund von Pro-blemsituationen darzustellen, die türkische und die ehemals sowjetische Lebensweise - und vor allem das Krankheitsverständnis und die Einstellung zur Pflege - zusammengefasst dargestellt werden, um in Bezug auf die ambulante Pflege Problemsituationen darstellen zu können:

Alban et al (2000) stellt die Türkische Lebensweise, Glauben, und auch die Einstellung zu Pflege und Krankheit wie folgt dar:

Bei türkischen Migranten in Deutschland (1994 waren 1.965.577 Türken in Deutschland) zeigen sich psychische Beschwerden oft in körperlichen Äußerungen. Körperlichen Vorgängen wird eine hohe Bedeutung zugemessen. Hier spielt auch der böse Blick als Krankheitsursache eine Rolle. Eine Nadel, an der Schulter des Kindes befestigt, oder kurze Schutzgebete sollen vor Krankheiten schützen. Es werden biomedizinische und holistische Behandlungsmethoden angewendet. Knochenrichter sind eine wesentliche Alternative zur westlichen Medizin. Bei Behandlungen bleiben Patienten meist passiv. Behandlungen werden auch gerne bis nach dem Fastenmonat Ramadan verschoben. Jedoch sind Kranke nicht zur Einhaltung verpflichtet, sollten dieses aber später nachholen. Der Fastenmonat wird durch das Zuckerfest beendet, zu dem es sehr viele, auch sehr süße Speisen gibt. Dieses ist auch bei der Pflege zu berücksichtigen, z.B. bei Diabetikern.

Im Krankenhaus ist es üblich, das ein Familienmitglied Tag und Nacht bei dem Kranken anwesend ist. Der islamische Moralkodex gebietet den Gläubigen Mitleid mit Armen und Kranken und dementsprechende Hilfeleistungen.

Der Schmerz wird oft schweigend ertragen. Jedoch kann chronischer heftiger Schmerz laut zum Ausdruck gebracht werden. Hingegen ist das Sprechen über Schmerzen unüblich.

Die Begrüßung ist mit rituellen Abläufen verbunden, welche auf uns befremdlich wirken können. Diese sind Ausdruck von Höflichkeit. Dagegen ist das Übereinanderschlagen von Beinen unsittlich. Langanhaltender Blickkontakt gegenüber Autoritätspersonen gilt als respektlos. Schnalzen und dabei den Kopf in den Nacken zu werfen bedeutet ein Nein. Verbale Botschaften sind oft nur unter Einbeziehung der nonverbalen Botschaften verständlich. Dieses gilt auch in Bezug auf die Pflege. Deutliche Gefühlsausbrüche sind oft mit den unmittelbaren Gefühlen verbunden. Um den Arzt nicht zu belästigen werden meist keine Fragen

gestellt. Ein professioneller Austausch zwischen Ärzten und Pflegepersonal findet kaum statt.

Die Türkei zählt zu den überwiegend islamischen Ländern. Hierbei spielt der Koran mit seinen fünf Säulen eine tragende Rolle.

Die Einbindung in die Familie spielt eine hohe Rolle im seelischen Gleichgewicht.

Die Welten von Männer und Frauen sind strikt getrennt. Dieses zeigt sich im alltäglichen Leben und auch in der Arbeitswelt. Die Ehe wird als Verbindung von zwei Familien gesehen. Diese werden auch heute noch oft arrangiert. Eine große Verwandtschaft gilt als wichtig und ist eine Art Statussymbol, ebenso wie der Zusammenhalt in der Familie, welcher über der Beziehung nach außen steht. Die Rolle der Frau ist sehr vielschichtig und undurchsichtig. Der Respekt gegenüber der Frau ist sehr wichtig. In der Gesellschaft ist der Schutz ihrer Ehre, und damit der Ehre des Mannes, wesentlich. Der Verlust dieser Ehre, vor allem der des Mannes, ist gleichbedeutend mit dem Verlust der gesellschaftlichen Stellung, und kann ein Grund für einen Selbstmord sein.

Entscheidungen werden in der Regel vom Mann getroffen.

In dieser Klientel gibt es keine Trauerfeier. Die Beerdigung und die Trauerzeit sind mit bestimmten Ritualen verbunden. So nehmen Frauen z.B. nicht an Beerdigungen teil. Die Trauernden werden von Nachbarn in dieser Zeit umsorgt und versorgt. Trauer und Anteilnahme werden sehr offen gezeigt. In dieser Kultur ist es üblich, dass auch Männer ohne Scham weinen.

In Bezug auf Körper und Seele ist dessen Reinheit untrennbar miteinander verbunden. So wird sich auch vor den täglich fünf Gebeten rituell gewaschen. Findet dieses nicht statt, sind die Gebete ungültig. Die tägliche Hygiene ist sehr wichtig, auch wenn nicht jeden Tag geduscht werden muss. Die Ausscheidung ist ebenfalls mit Waschungen verbunden, welche mit der linken Hand vorgenommen wird, weshalb diese als unrein gilt. Die Kleidung wird in verschiedenen Regionen unterschiedlich bewertet. Jedoch gilt eine unpassende Bekleidung als peinlich und wird als respektlos betrachtet und führt zum Gesichtsverlust in der Öffentlichkeit.

Die Ernährung ist auch stark an Traditionen und den Glauben gebunden, dieses sollte auch von der Pflege berücksichtigt werden.

Die Zeit und Zeitpläne werden sehr entspannt betrachtet. Besuche machen oder Spazieren gehen sind wichtige Freizeitbeschäftigungen. Beides wird gerne verbunden.

An der Wohnungstür werden die Schuhe ausgezogen.

Zu den Kulturen der ehemaligen Sowjetunion trifft Alban et al (2000) keine konkreten Aussagen, weswegen hier auf das Werk von Wilfried Schnepp (2002) zurückgegriffen wird.

Schnepp (2002) beschreibt in seinem Werk „Familiale Sorge in der Gruppe der russlanddeutschen Spätaussiedler“ folgende Ergebnisse aus seinen qualitativen Studien:

„Pflegen und Sorgen bedeutet alles tun. Alles tun bezieht sich auf: aufpassen, helfen, bekimmern (kümmern um). Weggeben ist das Gegenteil von alles tun und muss vermieden werden. Aufgaben werden aufgrund der Frauenrolle, Zeit, Kraft, Scham und Sauberkeit in den Familien verteilt. Bekimmern ist frauenspezifisch. Menschlich sein, hart arbeiten und Sauberkeit sind kulturelle Werte.“ (Schnepp, 2002)

Ein weiteres Ergebnis aus einer unveröffentlichten qualitativen Studie von Brahnal und Stellfeld-Ostendorf aus dem Jahr 1997 beschreibt Schnepp (2002) wie folgt:

„Enge familiale Beziehungen, Probleme bei der Kontaktaufnahme, Orientierung am Pflegebedürftigen, Sterbebegleitung mit großer Hingabe, Unsicherheit zu Pflegeversicherung.“

Diese Ergebnisse sollen in der Datenerhebung aufgegriffen werden. Schnepp (2002) beschreibt in der Gruppe der russlanddeutschen Spätaussiedler das Konzept der Familienpflege als wesentlich. In Verbindung mit der ambulanten Pflege wird dieses Konzept aufgebrochen. Deshalb ist hier besonders zu schauen, wie sich die Pflegesituation verändert hat, welche Probleme aufkommen und sich heute darstellen.

Durch die Darstellung der türkischen Kultur und die Ergebnisse aus dem Kreise der Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion und durch eine weitere Literaturrecherche lassen sich verschiedene Einflussfaktoren auf die Pflege ableiten. Aus der Patientenperspektive lassen sich die Unterschiede in für die Pflege relevante Bereiche einteilen. Diese Bereiche sollen im Anschluss genauer dargestellt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Eigene Darstellung der Einflussfaktoren auf die Pflege, in Anlehnung an Ratajczak, 2005

1.2.2 Problemsituationen im Bereich der Kommunikation

Die Sprachproblematik stellt (Leininger, 1998) wie folgt dar:

„Die Klienten/Patienten werden verschiedene Sprachen sprechen, unterschiedlich handeln und ganz verschiedene Erwartungen an die Pflegenden und die anderen Mitarbeiter im Gesundheitswesen haben.“ (ebda.)

Hieraus entstehen Probleme, wenn Pflegende sich nicht verständigen können und dadurch Missverständnisse entstehen, die zu Fehlern in der Pflege führen könnten, z.B. eine falsche Medikamenteneinnahme o.ä.

Auch könnten die Erwartungen nicht berücksichtigt werden, was zu Frustration und Unzufriedenheit führen kann. Dieses ist nicht im Sinne der Kundenorien-tierung, wo es bekanntlich auch um Kundenzufriedenheit geht.

Die Untersuchung „Studien zur Nutzerperspektive in der Pflege“ (Wingenfeld, 2003) belegt, dass es aufgrund von Kommunikationsproblemen zu erheblichen Missverständnissen und Fehleinschätzungen kommen kann, die negative Folgen für die Pflege haben können (ebda.). Um die erforderliche Verständigung gewährleisten zu können, muss die Pflege auf verschiedene Strategien zurückgreifen, wozu vor allem die Einbeziehung des sozialen Umfeldes der pflegebedürftigen Person gehört. Diese könnten dann z.B. als Dolmetscher fungieren.

Der Forschungsbericht zur „Entwicklung von Konzepten und Handlungsstrategien für die Versorgung älterwerdender und älterer Ausländer“ (Olbermann et al, 1995) hat festgestellt, dass Problemwahrnehmungen sehr stark im Bereich der Sprachproblematiken auftreten. Jedoch die „Kommunikation in der jeweiligen Muttersprache für die älteren Migranten von besonderer Bedeutung ist und offenbar wesentlich zum allgemeinen Wohlbefinden beitragen kann.“ (ebda.)

Für ältere ausländische Patienten stellt der sprachliche und kulturelle Zugang der Pflegekräfte ein weiteres Problem dar, da hiervon eine bedarfsgerechte, individuelle Betreuung abhängig und meistens nicht möglich ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 109 Seiten

Details

Titel
Erfahrungen von Pflegekräften bei der pflegerischen Versorgung von Migranten in der ambulanten Alten- und Krankenpflege
Untertitel
In einer auf Migranten spezialisierten Einrichtung
Hochschule
Hochschule Osnabrück
Veranstaltung
Pflegeforschung
Note
2,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
109
Katalognummer
V91145
ISBN (eBook)
9783638045759
ISBN (Buch)
9783638942072
Dateigröße
1044 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Pflegerische, Versorgung, Migranten, Alten-, Krankenpflege, Pflegeforschung
Arbeit zitieren
Sandra Hüdepohl (Autor), 2008, Erfahrungen von Pflegekräften bei der pflegerischen Versorgung von Migranten in der ambulanten Alten- und Krankenpflege, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91145

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