Macht und Ohnmacht in Thomas Bernhards Drama 'Der Präsident"


Seminararbeit, 2008

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kurzbiografie und Werk

3 Dramenanalytischer Teil
3.1 Aufbau und Textstruktur
3.2 Figurenkonzeption und –charakterisierung
3.3 Haupt- und Nebentext
3.4 Requisiten

4 Inhaltsbezogener Teil
4.1 Schweigen
4.2 Rituale
4.3 Bedrohung
4.4 Materielle Stellung

5 Sprachanalytischer Teil

6 Conclusio

7 Literaturverzeichnis:

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit ist im Rahmen des Proseminars „Der Theatermacher Thomas Bernhard“ unter der Leitung von Mag. Dr. Stefan Krammer an der Universität Wien entstanden. Ziel der Arbeit ist es, das Thema Macht und Ohnmacht in Bernhards Drama Der Präsident aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und ihre Analyseergebnisse hermeneutisch zu deuten. Die Proseminararbeit gliedert sich in drei Abschnitte: Der erste Teil macht sich die von Manfred Pfister in Das Drama[1] aufgestellten Kategorien zu Nutze, um für das Thema relevante Befunde zu erzielen. Im Zentrum der Betrachtung steht die Frage, wie sich Macht und Ohnmacht in Der Präsident aus dramentheoretischer Perspektive manifestiert. Der zweite, stark hermeneutisch gefärbte Abschnitt greift Kategorien auf, die sich in der Literaturwissenschaft bereits mehrfach als fruchtbar erwiesen haben. Demgemäß steht die Frage nach der Funktion und der Auswirkung des Schweigens und der Rituale in Bernhards Drama im Mittelpunkt. Der dritte und letzte Teil der vorliegenden Arbeit versucht anhand einer sprachlichen Analyse rhetorische Figuren ausfindig zu machen und diese auf ihre Funktion und Wirkungsweise als Konstituenten von Macht und Ohnmacht hin zu untersuchen. Zuletzt folgt eine abschließende Conclusio, deren Ziel es ist, die Ergebnisse der vorangehenden Kapitel zusammen zu führen.

2 Kurzbiografie und Werk

Thomas Bernhard wird am 9. Februar 1931 in Heerlen in den Niederlanden als uneheliches Kind der Hausangestellten Herta Bernhard und des Tischlergesellen Alois Zuckerstätter geboren. Der spätere Autor wächst bei seinen Großeltern mütterlicherseits in Wien, Seekirchen am Wallersee, Salzburg und Traunstein auf. Ab 1945 ist Bernhard Schüler des Salzburger Johanneums. Zwei Jahre später bricht Bernhard zugunsten einer Lehre zum Lebensmittelhändler seine Schulausbildung ab und erkrankt kurz darauf schwer an einer Lungenkrankheit. Zahlreiche Krankenhaus- und Sanatoriumsaufenthalte sind die Folge. Ende der vierziger Jahre beginnt Thomas Bernhard seine literarische Laufbahn mit ersten lyrischen Versuchen. Im Jahr 1949 stirbt Bernhards Großvater, der Schriftsteller Johannes Freumbichler, ein Jahr darauf stirbt Bernhards Mutter. Von 1952 bis 1957 studiert Bernhard an der Akademie Mozarteum in Salzburg und arbeitet als Journalist für das sozialistische Demokratische Volksblatt. Nach Abschluss des Studiums lebt Bernhard mit wechselnden Wohnsitzen als freier Schriftsteller. Ab 1965 ist Bernhard Besitzer eines Bauernhofs im oberösterreichischen Ohlsdorf. Bernhard stirbt am 12. Februar 1989 in Gmunden.[2]

Thomas Bernhard gehört mit einer Produktion von achtzehn abendfüllenden Theaterstücken und einigen Dramoletten zu den erfolgreichsten und effizientesten Dramatikern der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Im Mittelpunkt von Bernhards Œvre stehen Leitthemen wie Krankheit, Einsamkeit, Tod, Macht und Verstörung.[3] Bernhards erste selbstständige Veröffentlichung ist der Gedichtband Auf der Erde und in der Hölle im Jahr 1957. In den Folgejahren widmet sich Bernhard überwiegend lyrischen Produktionen bis 1963 der Roman Frost publiziert wird. Bernhards dramatische Produktion setzt mit Ein Fest für Boris im Jahr 1970 ein. Bernhards dramatisches Schaffen lässt sich in zwei Formtypen unterteilen: Familien- und Künstlerdramen. Dramen wie Die Macht der Gewohnheit (1974), Vor dem Ruhestand (1979) und Ritter, Dene, Voss (1984) können dem ersten Genre zugeteilt werden. Zu den Künstlerdramen werden Minetti (1977), Der Schein trügt (1983) und Der Theatermacher (1984) gezählt.[4] Der Präsident, das Drama, welches Gegenstand der folgenden Analysen sein wird, kann in erster Linie den Familiendramen zugeordnet werden, bildet aber trotzdem einen Grenzfall, da der Hauptprotagonist, der im Kontext seines privaten Umfeldes auftritt, seine politische Tätigkeit als „die höchste Kunst […] höher als alle anderen Künste“[5] verstanden wissen will. Das als Auftragswerk für das Wiener Akademietheater[6] produzierte Drama wird 1975 auf der zweiten Bühne des Burgtheaters uraufgeführt und erscheint im selben Jahr im Suhrkamp Verlag gedruckt.[7]

Dirk Jürgens, welchen „die Ästhetisierung von Macht und Gewalt“[8] vor allem an den Faschismus des 20. Jahrhunderts erinnert, bezeichnet Bernhards erstes explizit politisch-zeitkritisches Stück als eine Imitatio Hitlers. Tatsächlich finden sich viele Parallelen, die auf einen Zusammenhang mit realer Zeitgeschichte hindeuten. Dahingehend setzt die politische Karriere des Hauptprotagonisten im Jahr 1934, dem Jahr in dem der austrofaschistische Ständestaat etabliert wurde, ein. Die Erstaufführung des Stückes findet am 21. Mai 1975 statt, was als Anspielung auf die Eröffnung des Prozesses gegen die Gründer der Roten Armee Fraktion betrachtet werden kann. In meinen Augen ist es jedoch wesentlich, das Stück nicht auf seine politischen Nuancen zu reduzieren. Zwar wird immer wieder über Politik gesprochen, dennoch stehen das persönliche Umfeld der Protagonisten und ihre Privatsphäre im Vordergrund. Der Präsident tritt nicht in seiner Rolle als Politiker an die Öffentlichkeit, sondern wird vorwiegend als Tyrann in privatem Rahmen gezeigt.

„Wer hinter dem Titel ‚Der Präsident‘ ein Drama mit ernsthafter politischer Auseinandersetzung vermutet, stellt bald fest, daß [!] er sich getäuscht hat. […] Die politische Situation des Landes, die seine Machthaber verunsichert bzw. in Angst versetzt, dient in diesem Stück bloß als Kulisse – als Stimmungskulisse.“[9]

3 Dramenanalytischer Teil

Der folgende Abschnitt analysiert das Drama Der Präsident mit Hilfe der Kategorien, die Manfred Pfister in Das Drama zur Analyse vorschlägt. Zunächst werden erste Analysen im Bezug auf den Aufbau des Stückes und die Figurenkonzeption einen Einstieg in das Thema Macht und Ohnmacht in Der Präsident bilden. Die Figurencharakterisierung erarbeitet wesentliche Charakteristika der Protagonisten innerhalb des Machtgefüges. Im Abschnitt Haupt- und Nebentext wird das dialogische Verhältnis derselben einer Untersuchung unterzogen. Außerdem soll der Semantik der paralinguistischen Zeichen im Text Rechnung getragen werden. Der Abschnitt Requisiten will auf die Besonderheit derselben im Textkorpus hinweisen und ihre Funktion herausstreichen. Alle Beobachtungen werden mit Zitaten aus dem Primärtext belegt.

3.1 Aufbau und Textstruktur

Das abendfüllende Stück besteht aus 5 Szenen, die als Akte betrachtet werden können. Die erste, zweite und fünfte Szene spielt im Präsidentenpalast, während die dritte und vierte Szene in Estoril in Portugal angesiedelt ist. Dem Textstück ist ein Zitat von Voltaire vorangestellt, welches das gewaltsame Aufbegehren unterdrückter Bürger gegen eine dieselben erniedrigende Obrigkeit schildert. Das Personenverzeichnis umfasst zehn aktive Sprecherrollen (Präsident, Präsidentin, Oberst, Schauspielerin, Frau Frölich, Masseur, Dienstmädchen, Kellner, Botschafter, Leichendiener) und vier stumme Statistenrollen (Offiziere, Mitglieder der Regierung, Diplomaten, Volk). Tatsächlich konstituieren also bereits die Figurenbezeichnungen erste Machthierarchien. Es gibt einerseits Herrscher (Präsident, Präsidentin) und andererseits Untergebene (Kellner, Leichendiener, Dienstmädchen). Eine erste Rollenzuweisung im Machtgefüge des Dramas findet demgemäß schon im Personenverzeichnis statt. Die Figuren sind ihrer individuellen Identität beraubt, ihr Name leitet sich von der Funktion, die sie innerhalb der Gesellschaft erfüllen, ab. Der Präsidentenpalast, einer von zwei Schauplätzen, kann als architektonische Machtdemonstration betrachtet werden. Die Seitenanzahl der einzelnen Akte verringert sich zunehmend bis hin zur letzten Szene, die lediglich eine einzige Seite umfasst. Diese spannungserzeugende Zeitraffung der Szenenfolge verstärkt den Eindruck der Unentrinnbarkeit des herannahenden Todes des Präsidenten, der das ganze Stück über mit heftigen Hustenanfällen zu kämpfen hat und sich ständig der Bedrohung durch die Anarchisten ausgesetzt fühlt.

3.2 Figurenkonzeption und –charakterisierung

Im Zentrum des Dramas steht das Präsidentenpaar, das als Vertreter der mächtigen und reichen Oberschicht „Ordnung, Disziplin und Pünktlichkeit“[10] verlangt und weder „Ungehorsamkeit der Diener noch Widerspruch anderer Mitmenschen“[11] duldet. Das Verhalten des Präsidentenpaares ist von Rücksichtslosigkeit, Verachtung und Demütigung ihrer Untergebenen geprägt. Der Präsident und die Präsidentin können als prototypisch statische Figuren[12] begriffen werden, denn sie „machen jeden Tag das gleiche“[13] wie die Präsidentin selbst zu Protokoll gibt. Demgemäß ist auch die Beziehung des Ehepaares, das aus Zweckmäßigkeit und nicht aus Liebe geheiratet hat, von Monotonie geprägt. Die Präsidentin beklagt ihren eintönigen Alltag an der Seite ihres verhassten Mannes, den sie gegenüber der Protagonistin Frau Frölich wie folgt charakterisiert: „er sagt immer das gleiche / ich höre was er sagt / immer höre ich was er sagt / seit dreißig Jahren höre ich / immer das gleiche.“[14] Selbst der Präsident gibt zu, sich „nur mehr noch mit Metternich zu beschäftigen / und nurmehr noch Metternich zu lesen.“[15] Diese beinahe autistische Lebensgestaltung ist zweckdienlich, denn sie soll den Status der Machthabenden festigen, was jedoch misslingt, da eine unkonkrete Bedrohung durch Anarchisten die staatlich manifestierte Herrschaftsstruktur untergräbt. Die Masse der Antagonisten – die Anarchisten, Intellektuellen und Schriftsteller – bleibt ungreifbar, da sie sich dem Herrschaftseinfluss des Präsidentenpaares entzieht. Wenn überhaupt von einem einzelnen Antagonisten die Rede sein kann, würde diese Rolle dem Sohn des Präsidentenpaares, der mehrfach als Anhänger der Anarchisten bezeichnet wird, zukommen. Diese Annahme, die zwar oft im Text erwähnt wird und in der Sekundärliteratur bei inhaltlichen Zusammenfassungen als gesicherter Umstand geschildert wird, konnte ich nirgendwo im Primärtext ausfindig machen. Weniger offensichtlich ist der Antagonismus der Figuren im Umfeld des Präsidentenpaares. Frau Frölich, die von der Präsidentin wiederholt zum Schweigen gezwungen wird („ Frau Frölich will etwas sagen / Sagen sie nichts“[16] ), wehrt sich, indem sie zu sprechen verweigert, wenn sie von der Präsidentin dazu angehalten wird („sagen Sie doch etwas / Frau Frölich tritt einen Schritt zurück / Sie peinigen mich“[17] ).[18] Nicht zuletzt leiden die beiden Hauptprotagonisten aber an sich selbst. Die extreme Ich-Bezogenheit der Figuren konstituiert ihre Einsamkeit. Die sich endlos wiederholenden Versuche ihrer Selbstbehauptung führen zwangsweise zu einer Abgrenzung von den übrigen Protagonisten. Das Präsidentenpaar lebt zusammengepfercht in einer monadischen Kapsel und fast jeder Kommunikationsversuch nach außen scheitert durch die aufgezwungene oder beabsichtigte Schweigsamkeit ihrer Umgebung. Der Präsident beschreibt die Beziehung zu seiner Frau gegenüber seiner Geliebten, einer Schauspielerin, als „zwischenmenschliche Eiseskälte“[19]. Ebenso wiederholt die Präsidentin immer wieder die Worte „Ehrgeiz / Hass / sonst nichts“[20], wobei unklar ist, wer genau Adressat dieser charakterisierenden Aussage sein soll beziehungsweise auf wen sich diese Charakterisierung bezieht. Liest man den Text genauer wird deutlich, dass diese Wörter am besten die Protagonistin selbst charakterisieren. Denn sie hat aus Ehrgeiz einen einflussreichen Mann geheiratet, den sie abgrundtief hasst. Zuletzt schildert die „eiskalte“ Präsidentin auch noch ihre Gefühle, wenn sie zu einem Begräbnis geladen ist wie folgt: „Wenn wir dastehen / und hinunterstarren / und nichts empfinden […].“[21]

[...]


[1] Pfister, Manfred: Das Drama. Theorie und Analyse. 11. Aufl. München: Wilhelm Fink Verlag 2001.

[2] Vgl. Sorg, Bernhard: Thomas Bernhard. IN: Deutsche Dichter. Leben und Werk deutschsprachiger Autoren. Hrsg. v. Gunter E. Grimm u. Frank Rainer Max. Durchges. und erw. Ausgabe. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1994. (= Bd. 8. Gegenwart) S. 482.

[3] Vgl. Huntemann, Willi: Thomas Bernhard. IN: Reclams neuer Schauspielführer. Hrsg. v. Marion Siems. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2005. S. 677.

[4] Vgl. Sorg (1994). S. 482ff.

[5] Bernhard, Thomas: Der Präsident IN: Ders.: Stücke 2. Der Präsident. Die Berühmten. Minetti. Immanuel Kant. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1988. S. 89.

[6] Vgl. Schwarz, André: Zum Sichten und Ordnen. Vier weitere Bände der Thomas-Bernhard-Werkausgabe bei Suhrkamp. Online im Internet. URL: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=9051&ausgabe=200602 [Stand: 11.1.2008]

[7] Vgl. Mittermayer, Manfred: Thomas Bernhard. Leben. Werk. Wirkung. Erste Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006. (= Suhrkamp Basisbiografie 11) S. 115.

[8] Vgl. Jürgens, Dirk: Das Theater Thomas Bernhards. Historisch-kritische Arbeiten zur deutschen Literatur. Bd. 28. Frankfurt am Main/Berlin/Bern: Peter Lang Verlag 1999. S. 181.

[9] Jang, Eun-Soo: Die Ohn-Machtspiele des Altersnarren. Untersuchungen zum dramatischen Schaffen Thomas Bernhards. Frankfurt a. M.: Peter Lang Verlag 1993. (=Europäische Hochschulschriften. Reihe I. Deutsche Sprache und Literatur. Bd. 1417.) S. 43.

[10] Ebda. S. 101.

[11] Vgl. ebda. S. 101.

[12] Vgl. Pfister (2001). S. 241.

[13] Bernhard (1998). S. 19.

[14] Ebda. S. 63.

[15] Ebda. S. 62.

[16] Ebda. S. 58.

[17] Ebda. S. 40.

[18] Vgl. Jang (1993). S. 182.

[19] Bernhard (1998). S. 98.

[20] Ebda. S. 11.

[21] Ebda. S. 33.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Macht und Ohnmacht in Thomas Bernhards Drama 'Der Präsident"
Hochschule
Universität Wien
Veranstaltung
Der Theatermacher Thomas Bernhard
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V91927
ISBN (eBook)
9783638060011
ISBN (Buch)
9783640526215
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Macht, Ohnmacht, Thomas, Bernhards, Drama, Präsident, Theatermacher, Bernhard, Fellner, Robert, Dramatik, Modernes Drama, Machtverhältnisse
Arbeit zitieren
Robert Fellner (Autor), 2008, Macht und Ohnmacht in Thomas Bernhards Drama 'Der Präsident", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91927

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Macht und Ohnmacht in Thomas Bernhards Drama 'Der Präsident"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden