Zu: Niklas Luhmann - „Die Gesellschaft der Gesellschaft“

Differenzierung und Individualisierung


Seminararbeit, 2007
18 Seiten, Note: 1,4

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Differenzierung
1. Systemdifferenzierung
2. Formen der Differenzierung
3. Inklusion und Exklusion
4.Ausdifezerenzierung von Funktionssystemen
5. Funktional differenzierte Gesellschaft
6.Schlussbetrachtung

III. Literatur

I. Einleitung

Die vorliegende Arbeit möchte in Grundzügen die zentralen Aussagen des vierten Kapitels Niklas Luhmanns „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ wiedergeben. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Prozess sozialer Differenzierung, der sich bei Luhmann historisch in den vier Differenzierungsformen segmentär, periphär-zentral, stratifikatorisch und funktional-differenziert wiederfindet. Durch die zunehmende Ausdifferenzierung von Funktionssystemen entsteht schließlich das Individuum und die Weltgesellschaft. In einer Schlussbetrachtung sollen Luhmanns Ausführungen kritisch beleuchtet werden.

II. Differenzierung

Luhmann beginnt diesen zweiten Teilband seines Werkes mit einer Einleitung zum vierten Kapitel: „Differenzierung“, in der er eben diese als Ausdifferenzierung von (Teil)Systemen definiert. Es werden im Folgenden verschiedene Formen der Differenzierung unterschieden, bevor der Mechanismus der Inklusion und Exklusion näher erläutert wird. Danach geht es um die historische Entwicklung der Ausdifferenzierung von Funktionssystemen, bevor eine Beschreibung der funktional-differenzierten Gesellschaft erfolgt.

1. Systemdifferenzierung

Die inhaltliche Zuschreibung des Begriffes „Differenzierung“ zu seiner Geburtsstunde im 19.Jahrhundert lässt sich grob als Arbeitsteilung zusammenfassen, deren Auswirkungen gerade im wirtschaftlichen Bereich eine positive Konnotation erfahren. Man verstand den aktuellen gesellschaftlichen Zustand als das Ergebnis von Prozessen und Evolutionen, der entweder durch intentionales Handeln oder durch externalisierte Effekte entstanden war. Diese Auffassung ermöglichte dann auch gegen Ende des 19.Jahrhunderts die gesellschaftliche Strukturanalyse auf der Grundlage von Differenzierungskonzepten. Dadurch war die Bestimmung des Zustandes gesellschaftlicher Strukturen als Beobachtung möglich; gleichzeitig ermöglich der Begriff der Differenzierung die Integration von anderen Theorieansätzen und ist deshalb bei den soziologischen Klassikern in verschiedenen Ausprägungen zu finden. Einig sind diese sich laut Luhmann vor allem über die „[h]ochentwickelte Form“ und die „Individualisierung“ als Kennzeichen der Differenzierung, später merkt man dann bezogen auf das Individuum eine „Erfahrung der Entfremdung“ und einen Konflikt zwischen „personaler und sozialer Identität“ an (Luhmann 1991:596).

Die Verbindung der Makro- und Mikroebene durch den Differenzierungsbegriff führt aber damit zu einer Unschärfe, die vermieden werden soll. Deshalb wird Differenzierung hier als Systemdifferenzierung definiert und daran die These angeschlossen, dass „…andere Differenzierungen sich als Folge von Systemdifferenzierungen einstellen, also durch Systemdifferenzierungen erklärt werden können; und dies deshalb, weil jede operative (rekursive) Verknüpfung von Operationen eine Differenz von System und Umwelt erzeugt.“ (ebd.:597). Damit setzt Luhmann das Differenzierungskonzept per Definition auf eine systemtheoretische Grundlage und gibt dem Leser den Begriff der „Ausdifferenzierung“ (ebd.) an die Hand, der im Folgenden zwei Möglichkeiten beschreibt: das Entstehen eines neuen (Teil)Systems im unbezeichneten Raum[1] und die Entstehung innerhalb von bereits existenten Systemen. Nur der letztere Fall soll im Weiteren interessieren und wird auch als interne Differenzierung bezeichnet.

Damit ist Differenzierung also die Anwendung von Systembildung auf Systembildung, die weitere Unterscheidung einer bereits bestehenden Unterscheidung, die dann eine neue Differenz hervorbringt. Durch die interne Differenzierung schafft sich das Gesamtsystem also neue Teilsysteme, die Luhmann auch als generierte „systeminterne Umwelten“ (ebd.) bezeichnet.

Damit wendet er sich gegen die europäische Tradition der Dekomposition nach dem Schema Ganzes/Teil, sondern begreift Systemdifferenzierung als Multiplikation des Systems durch die immer weiter geführte Unterscheidung des Unterschiedenen.

Die Ausdifferenzierung von Teilsystemen im Gesamtsystem ist eine Veränderung der Umwelt anderer schon bestehender Teilsysteme, wodurch sich die Umweltkomplexität steigert, was zu einer „enormen Dynamisierung“ und einem „explosive[n] Reaktionsdruck“ führt (ebd.:599). Die Reaktion darauf ist eine gesteigerte Indifferenz der Teilsysteme und als Resultat wird eine Zunahme von Abhängigkeiten und Unabhängigkeiten verbucht, die systemintern definiert werden. Ingesamt führt interne Differenzierung damit zu operativ geschlossenen autopoietischen Systemen.

Dabei ist die Beziehung der Teilsysteme zueinander gleichzeitig die Struktur des Gesamtsystems, was die Beschreibung von Gesellschaftssystemen an Hand von Differenzierungen rechtfertigt.

Die systemtheoretische Umstellung des Beobachtungsschemas von Ganzes/Teil auf System/Umwelt hat - außer der Erweiterung der traditionellen Perspektive von System-System-Beziehungen durch System-Umwelt Beziehungen - auch eine neue Definition des Begriffes Integration im Gepäck. Luhmann wendet sich gegen die alteuropäische Beschreibung der Integration als „Einheitsperspektive“ oder „Solidaritätserwartungen“ , die aus der Vorstellung des Geschichtsprozesses als Emanation, also dem Hervorgehen von Heterogenität aus Homogenität, resultiert (Luhmann 1991:602).Stattdessen sei Integration nichts anderes als die „…Reduktion der Freiheitsgerade von Teilsystemen, die diese den Außengrenzen des Gesellschaftssystems und der damit abgegrenzten internen Umwelt dieses Systems verdanken.“ (ebd.: 603) . Anders ausgedrückt: Integration beschreibt das wertfreie, historisch bewegliche Verhältnis der verschiedenen Teilsysteme zueinander. Die Grundlage für die Einschränkung der Freiheitsgerade der Teilsysteme kann sich sowohl auf Kooperation, mehr aber noch auf Konflikte der Systeme ergeben. Die Bedingung für Integration findet sich in der Gleichzeitigkeit der Ereignisse, die für mehrere Teilsysteme bedeutsam sind und aufgrund der erforderlichen aber nicht vorhandenen Zeitdifferenz für eine Kausalerklärung bindend, als beschränkend wirken. Daher hat Integration einen pulsierenden und augenblicklichen, eben momenthaften Charakter, der Wiederholt und Antizipiert die Entwicklung der Struktur beeinflusst. Dadurch werden hochkomplexe Gesellschaften der Anforderung gerecht, Abhängigkeit und Unabhängigkeit zwischen den Teilsystemen zugleich zu prozessieren. Es werden also Grenzen kommuniziert, gleichwohl gibt es aber auch Grenzüberschreitende Kommunikation, die als Organisation des Teilsystems dann mit seiner Umwelt kommunizieren kann.[2]

2. Formen der Differenzierung

Nach Luhmann gibt es verschieden Formen der Systemdifferenzierung. Unter dem Begriff Form versteht er „… eine Unterscheidung, die zwei Bereiche trennt.“ (ebd.:609). Die Differenzierungsform bestimmt das Verhältnis der Teilsysteme im Gesamtsystem, der Begriff Form im Fall System-System beschreibt daher auf der Innenseite das Teilsystem, auf der Außenseite die durch das Teilsystem beobachtbare Umwelt, also das Innere des Gesamtsystems. Deshalb ist die Form der Differenzierung gleichzeitig die Form mit der sich Teilsysteme als eben diese wahrnehmen können (vgl. ebd.:610).

In der Differenzierungsform sieht man somit die wichtigste Struktur, die gleichwohl die Evolutionsmöglichkeiten determiniert. Es gibt also nur eingeschränkte Entwicklungsmöglichkeiten, wenn einmal eine bestimmte Struktur aktiviert ist; ein Teilsystem innerhalb einer Differenzierungsform wird also nicht durch ein Teilsystem einer anderen Form ersetzt: ein einzelnes dominantes Segment kann zum Beispiel nicht durch den Adel ersetzt werden. Luhmann gelangt so zu Primaten der Differenzierungsformen, die jeweils festlegen, wie die Form die Möglichkeiten determiniert. Danach ergeben sich bestimmte Differenzierungsformen, die auf dem Unterscheidungskriterium gleich/ungleich beruhen:

1. segmentäre Differenzierung; Gleichheit der Teilsysteme auf Grund von Abstammung oder Wohngemeinschaften oder einer daraus entstandenen Kombination.
2. Differenzierung nach Zentrum und Peripherie
3. Stratifikatorische Differenzierung; Rangmäßige Ungleichheit der Teilsysteme, die durch eine ständische Ordnung teilweise stabilisiert wird.
4. Funktionale Differenzierung; Gleichheit als auch Ungleichheit der Funktionssysteme bedeutet hier: in ihrer Ungleichheit sind die Teilsysteme gleich. Auf dieser Basis wird auf eine gesellschaftliche Vorgabe für ein Beziehungsmuster verzichtet.

Eine stabile Differenzierungsform tendiert aufgrund der Rekursivität des Systems zu ihrem Ausbau, denn „[w]enn bestimmte Systembeziehungen vorhanden sind, ist ihr weiterer Ausbau wahrscheinlicher als der Übergang zu einer anderen Differenzierungsform.“(ebd.:614). Da ebenso kein sprunghafter Übergang wahrscheinlich ist, entsteht der Eindruck einer „Epochensequenz“ (ebd.:615).

Dahinter steht die These einer zunehmenden Differenzierung, also eines Fortschreitens auf ein bestimmtes Finales Moment, welche nach Luhmann eher durch die Ansicht eines Wandels von Differenzierungsformen durch geeignete Zustände und Gelegenheiten ersetzt werden sollte. Denn die Steigerung von Komplexität muss nicht in allen Bereichen mit steigender Differenzierung verbunden sein.[3] Vorraussetzung einer neuen unwahrscheinlichen Differenzierungsform ist das Vorhandensein von evolutionären Errungenschaften, die Komplexitätssteigerung verarbeiten können, so vor allem Schrift, Geldwesen, Bürokratie. Durch die steigende Komplexität entstehen auch neue Distanzen aufgrund von Erfahrungsverlusten, die motiviert durch zunehmende Ungleichheit Bedarf nach mehr Informationsaustausch schafft. So entstehen zunehmend Selbstbeschreibungen, die dem Deutungsbedarf und der Intransparenz Abhilfe schaffen wollen. Außerdem entwickelt sich ein normativer Apparat zur Unterdrückung von Abweichungen, was nach Luhmann aber kein absoluter Mechanismus zur Verhinderung der Etablierung des Unnormalen ist, was unter Umständen der Prototyp einer neuen Differenzierungsform sein kann, wenn er sich aufgrund von Zuständen durchsetzt.

[...]


[1] Gemeint ist der „unmarked space“.

[2] Zum Beispiel: Firmen: Markt; Interessengruppen: Staat; ect.

[3] Zum Beispiel der Abbau der Verwandschaftsrollen

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zu: Niklas Luhmann - „Die Gesellschaft der Gesellschaft“
Untertitel
Differenzierung und Individualisierung
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,4
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V91940
ISBN (eBook)
9783638052924
ISBN (Buch)
9783640129713
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Niklas, Luhmann, Gesellschaft, Gesellschaft“
Arbeit zitieren
André Kloska (Autor), 2007, Zu: Niklas Luhmann - „Die Gesellschaft der Gesellschaft“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91940

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