Die Idee der skeptischen Toleranz bei Michel de Montaigne vor dem Hintergrund der Hugenottenkriege


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

45 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Was ist Toleranz?

III. Das Problem der Intoleranz

IV. Frankreich zur Zeit der Hugenottenkriege

V. Michel de Montaigne, Leben und Werk

VI. Die skeptische Toleranz bei Montaigne
VI. 1. Montaignes Skeptizismus
VI. 2. Erkenntniskritik
VI. 3. Der erniedrigte Mensch oder Selbsttoleranz
VI. 4. Der Antrieb der Intoleranz: Die Menschlichen Leidenschaften
VI. 5. Selbstsuche: Das Glück des Individuums
VI. 6. Konservativismus und Zeitkritik

VII. Zusammenfassung, Ausblick und Kommentar
VII. 1. Zusammenfassung
VII. 2. Wirkung und Ausblick
VII. 3. Kommentar

VIII. Quellen und Literatur
VIII. 1. Quellen
VIII. 2. Literatur

Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. (Matthäus 12:30)

I. Einleitung

Es sind die Fragen unserer eigenen Zeit, die uns nach Antworten in der Geschichte suchen lassen. Für kaum ein Thema ist diese Aussage momentan so zutreffend wie für die Frage nach religiöser und kultureller Toleranz. Die Weltpolitik des gerade angelaufenen 21. Jahrhunderts ist geprägt durch Auseinandersetzungen, die auf allen Seiten mit religiösen und kulturellen Argumenten geführt werden. Inwieweit diese Argumente jeweils nur Waffe und Munition oder der wahre Grund der Auseinadersetzung sind, ist dabei nur schwer auseinanderzuhalten. Fest steht, dass auch heute noch negative Vorurteile, ob begründet oder unbegründet, vorzüglich dazu dienen können, gewalttätigen Konflikten die nötige Sprengkraft zu verleihen, das heißt, den politischen Zündlern dieser Welt das nötige Werkzeug in die Hand zu geben. Während die eine Seite glaubt, sich gegen eine „jüdisch-amerikanische Weltverschwörung“, an der der gesamte Westen beteiligt sei, wehren zu müssen, denunziert die andere Seite den Islam als eine „radikale“ und „intolerante“ Religion, deren Prophet bereits die Massenvernichtungswaffe im Turban mit sich herumtrug. An Vorurteilen und Stereotypen besteht dabei auf beiden Seiten kein Mangel. Der Westler ist gierig, kapitalistisch, ausbeuterisch, scham- und sittenlos, während die Anhänger des Islam, in der Regel bärtig, gewaltbereit, von „Hasspredigern“ aufgestachelt und fanatisiert, sich mehr oder weniger unauffällig in alle Länder der Erde verbreiten, wo sie eine Bedrohung für die „Zivilgesellschaft“ darstellen. Noch heute spielen dabei besonders religiöse Argumente eine wichtige Rolle. Die Islamische Welt, in der die Religion noch einen weitaus größeren Stellenwert in der Gesellschaft einnimmt als in unserem Teil der Erde, bedient sich naturgemäß häufiger religiöser Argumente. Aber auch der „mächtigste Mann der Welt“ nannte seinen Feldzug einen „Kreuzzug gegen den Terrorismus“. Er wusste offenbar nicht, dass sich sein Lieblingsgegner, das Saladindenkmal in Damaskus kopierend, eine Reiterstatue in der Pose dieses Helden des Abwehrkampfes gegen die Kreuzzügler hatte aufstellen lassen. Sogar Tony Blair, politischer Führer des wohl atheistischsten Landes Europas, begründete erst kürzlich seine Entscheidung für denselben Feldzug mit dem Willen Gottes. Und nicht zuletzt ist auch die Rhetorik von „wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“, dem dicken Buch der Christen entlehnt.

Wozu diese langwierige Vorrede? Vielleicht nur um vorweg zu implizieren, dass wir aus der Geschichte lernen können, dass wir noch nichts aus ihr gelernt haben[1]. Vielleicht aber auch nur, um dem Leser die geistigen Kanäle zu öffnen und ihm zu zeigen, dass er die Zeit der Hexenverbrennungen und Foltergefängnismentalität besser zu verstehen in der Lage ist, als er sich selbst oft eingestehen möchte.

Wenn wir wissenschaftliche Forschungen in der Geschichte zum Thema der Toleranz durchführen, befinden wir uns also auf der Suche nach einer Lösung für unsere eigenen Probleme. Zu untersuchen, was in einer anderen Zeit schiefgelaufen ist, wie es zu blutigen Kriegen im Namen von Religionen und anderen Weltanschauungen kommen konnte und wie Menschen, die solche Probleme miterlebt haben, über ihre Zeit nachdachten, könnte uns einen Hinweis zur Entschlüsselung unserer eigenen Fragen bieten.

II. Was ist Toleranz?

Was aber ist Toleranz und was bedeutet sie? Zunächst muss darauf hingewiesen werden, dass das Wort Toleranz im Laufe der Zeit einige Wandlungen erfahren hat. Das Wort Toleranz hat seinen Ursprung im lateinischen tolerare, was soviel bedeutet wie ertragen, erdulden oder aushalten. Smith schreibt, im Frankreich des 16. Jahrhunderts wären die Wörter tolerance und liberté benutzt worden, um die gleiche Art von Politik zu benennen: „Zulassung des Reformierten Kultes“[2]. Ein Unterschied bestand allerdings in der Konnotation der beiden Wörter. Toleranz wurde benutzt, um etwas Negatives zu bezeichnen, das heißt, man benutzte es für die Zulassung zweier Religionen, von denen man sich sicher war, dass eine davon falsch sein musste. Toleranz wurde nur zeitweise gewährt, während man eigentlich die Einheit der Religion anstrebte. Gewissensfreiheit dagegen wurde von einigen bereits auf ein unveräußerliches Naturrecht gegründet[3]. Der Begriff von der „Zero-Tolerance“ mag suggerieren, dass Toleranz etwas sei, was man in einem bestimmten Maß von null bis einhundert Prozent gewähren könne. Nach der alten Definition ist Toleranz aber eher eine Ja-/ Nein-Frage. Toleranz bedeutet demnach die Enthaltung von Aktionen gegen etwas Ungeliebtes. Intoleranz dagegen bedeutet Aktion und nicht bloß Murren über die Gegenseite.

Heute ist Toleranz ein aufgeplusterter Modebegriff. Der Volksmund hat ihn im Laufe der Jahrhunderte zu einem sehr breit definierten Wort gemacht. Toleranz bedeutet dem modernen Wortnutzer mehr als bloße Duldung von Ungeliebtem. Für viele verbindet sich mit ihr der Traum von der harmonischen Welt ohne Kriege um Religionen, Ideologien, Rasse, Nationalität oder Kultur. Dadurch wird Toleranz zu einer Kernfrage der Menschheit: Wie erreicht man die beste Art des Zusammenlebens? Auf wissenschaftlicher Ebene hat Rainer Forst ein Modell erarbeitet, in welchem er Toleranz in vier Stufen aufteilt: Diese sind (1) die Erlaubnis- Konzeption, (2) die Koexistenz-Konzeption, (3) die Respekt-Konzeption und (4) die Wertschätzungs-Konzeption. Die erste dieser vier Stufen entspricht dabei der ursprünglichen Wortbedeutung. Alle vier Stufen zusammengenommen, verbunden durch eine gewisse Beliebigkeit und vielleicht noch eine Stufe obendrauf gesetzt, ergeben die Volksmund- Konzeption. Da eine wissenschaftliche Einteilung in diesem Fall keine große Hilfe gewährleisten kann und über Sachfragen eher hinwegtäuscht als sie einer Lösung zuzuführen, werde ich mich hier an die Volksmund-Konzeption halten und gegebenenfalls eine Präzisierung hinzufügen. Ausnahmsweise scheint diese mir in diesem speziellen Fall als die vernünftigste, denn der Volksmund hat, viel direkter als die Wissenschaft, ein Problem vor Augen. Dieses Problem öffnet eine Lücke im sprachlichen Raum, die vom Volksmund dadurch gestopft wird, dass man den Begriff Toleranz von seiner Ausdehnung bis zur Duldungs-Konzeption bis zum Ende dieser Lücke dehnt. Das eigentliche Problem, dass so mit dem Wort Toleranz bezeichnet wird, manifestiert sich dem gemeinen Wortnutzer durch Gewalt, Benachteiligung, Ausgrenzung, Missgunst und Hass. Der nächste Abschnitt erhebt bei weitem keinen Anspruch auf historische Vollständigkeit, sondern versucht lediglich dem Kern des Problems etwas näher zu kommen.

III. Das Problem der Intoleranz

Der Mensch ist ein zoon politikon, sagt Aristoteles, und wer völlig autark für sich alleine leben könnte, sei entweder Gott oder Tier. Sobald aber auch nur zwei Menschen miteinander leben wollen oder müssen, geschweige denn größere Massen von Menschen, müssen gewisse Vereinbarungen geschaffen werden, seien es geschriebene oder ungeschriebene. Als Beispiele für solche Systeme von gesellschaftlichen Vereinbarungen können neben Religionen unsere Staatsgesetze in Kombination mit weiteren international anerkannten Grundrechten oder die Kombination von mores und leges bei den alten Römern, die Gesetze der polis bei den Griechen oder die Übereinkunft einen einzelnen Menschen zum Befehlshaber zu machen, die in der Monarchie mündet, gelten. Keines dieser „Systeme“, die das Zusammenleben der Menschen in einem frei definierten Raum bestimmen, existiert spannungsfrei und unbeeinflusst von anderen, evtl. konkurrierenden Systemen. Einige wenige Beispiele zeigen, dass es solche Konkurrenzverhältnisse bereits in polytheistischen Gesellschaft gegeben hat[4], aber erst der Absolutheitsanspruch der monotheistischen Weltreligionen ließ diese Spannungen zu einem zunehmend religiösen Thema werden. Die heiligen Schriften der monotheistischen Religionen bestehen neben Offenbarungen des Schöpfers vor allem aus Gesetzen und Verhaltensmaßregeln, die das Leben der Gläubigen bestimmen sollten. Dadurch können sie in Konkurrenz mit den Gesetzen eines Staates kommen, der sich nicht bereits mit der jeweiligen Religion arrangiert hat. Die Christenverfolgungen im Römischen Imperium resultierten aus einem solchen Konkurrenzverhältnis. Im Mittelalter hatten in Europa Christentum und Monarchie bereits eine Symbiose gebildet. Beide bezogen sich aufeinander und konnten ohne gegenseitige Unterstützung und Rechtfertigung nicht problemlos existieren. Nach dem Beginn des Christentums kamen schnell Streitereien darüber auf, wie es denn wirklich war, zur Zeit Jesu, wie man seine Worte zu interpretieren und was man daraus zu folgern habe. Das waren wichtige Fragen, wenn man bedenkt, dass die Ordnung der Gesellschaft davon abhängen sollte. Da aber keiner wirklich dabei gewesen sein konnte, musste sich eine Seite mit ihren Ansichten durchsetzen oder in Kauf nehmen, nicht eine Gesellschaft, sondern im schlimmsten Fall so viele Gesellschaften wie Gläubige zu haben, womit die Religion ihren Charakter als gemeinschaftsstiftendes Element eingebüßt hätte. Schon der römische Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus bemerkte die ungeheure Brisanz solcher Fragen unter Christen. Er schrieb Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr., Kaiser Julian habe aus Erfahrung gewusst, „daß wilde Tiere der Menschheit nicht so feindlich sind wie die meisten Christen in ihrem tödlichen Haß aufeinander“[5]. Mit dem Siegeszug des Monotheismus beginnt die Religion eine dominierende Rolle als Gesellschaftsordnerin gegenüber Konzepten wie leges et mores und anderen einzunehmen.

In der Geschichte des Christentums hat es immer wieder Strömungen gegeben, die die Existenz der einen Wahrheit über Jesus Christus und seine Zeit ins Wanken brachten. Diese waren meist aber entweder klein genug, um unterdrückt zu werden, oder sie waren „harmlos“ genug, um integriert zu werden. Erst im 15. Jahrhundert wird das latente Problem zu einer großen Gefahr für die Einheit des Christentums. Bereits vor Luther hatte es Theologen und andere Denker gegeben, die den Absolutheitsanspruch der römischen Kirche und die Unfehlbarkeit des Papstes in Frage stellten. So führten beispielsweise in der Mitte des 15. Jahrhunderts die Reformationsversuche des Jan Hus in Böhmen zu mehreren äußerst blutigen Waffengängen. Spätestens seit den großen Veröffentlichungen Luthers und Calvins aber sah die päpstliche Institution ihre Macht in Europa bröckeln. Die Reformation zwang alle Seiten im Glaubensstreit nach und nach dazu, ihren Glauben bis ins letzte Detail festzulegen, um eine klare Abgrenzung gegen die verhasste Gegenseite zu erreichen, sodass am Ende auch Punkte, die zu Zeiten der alten Einheit als nebensächlich galten, Gegenstände erbitterter Dispute wurden.

In den kulturellen Kontaktzonen Europas, wie vor allem im bis 1492 „zurückeroberten“ Südspanien, führten die christlichen Autoritäten eine Null-Toleranz-Politik gegen religiöse Minderheiten. Juden und Moslems wurden zwangskonvertiert, obwohl allerorten die Mittel fehlten, den unfreiwilligen Konvertiten die christliche Doktrin zu lehren. Sogenannte Rückfällige wurden von der Inquisition Prozessen unterzogen, die sich oft der Folter bedienen und zur Verbrennung auf dem Scheiterhaufen führen können.

Wenn man auf religiöser Ebene argumentiert, kommt man zu drei wichtigen Faktoren für den Ausbruch von Religionskriegen: Zum einen wäre da das kollektive Bewusstsein der Menschen der Frühen Neuzeit. Zweitens: der Vorrang der Religion als die Gemeinschaft sicherndes Element. Zum Dritten, resultierend aus den beiden ersten: die Kollision einzelner theologischer Positionen. Zum ersten Punkt ist zu sagen, dass sich die Menschen der Frühen Neuzeit viel eher als Kollektiv verstanden, als wir dies heute tun. Der Bund, den Gott seit alttestamentarischer Zeit mit den Menschen geschlossen hat, gilt nicht für eine Sammlung von Individuen, sondern für ein Kollektiv. Daraus resultiert, dass auch Gottes Strafe für das Fehlverhalten eventueller Sünder oder Ketzer relativ ziellos auf die gesamte Menschheit, oder zumindest auf einen bestimmten Landstrich niedergeht[6]. In Frankreich, wie auch anderswo, wurde während der Religionskriege jeder, wie Holt es ausdrückt, freak- incident[7] als Zeichen Gottes gewertet, die mit der Existenz der jeweils anderen Religionspartei in Verbindung gebracht wurde. Jede Niederlage in einer Schlacht, jeder Hagelsturm und jede Dürre wurden als Wille, Ansporn oder Bestrafung Gottes ausgelegt[8]. Die Gesellschaft wurde als Körper verstanden, der, da er krank war, gereinigt werden musste, wenn nötig mit drastischen Mitteln. Über die Frage, welcher Teil des Körpers der kranke sei, herrschte freilich Uneinigkeit.

Zum zweiten Punkt: Beeinflusst durch etwa tausendjährige christliche Dominanz konnte sich in der Gesellschaft kaum jemand vorstellen, dass es möglich wäre, zwei oder mehr Religionen innerhalb eines Staates zu akzeptieren, was daran lag, dass das alltägliche Leben der meisten Menschen mehr von der Religion als von der Regierung bestimmt war. Das Parlament von Paris begründete so auch seine Ablehnung des Toleranzediktes von Januar 1562 mit dem Hinweis auf ein Zitat aus dem Matthäusevangelium[9]: „Ein jegliches Reich, wenn es mit sich selbst uneins wird, das wird verwüstet“[10].

Einige der theologischen Streitfragen, wie die um die Gestalt des Abendmahls, scheinen uns heute eher nebensächlich. Über sie wurde so heftig debattiert, weil sie von der jeweils anderen Partei als Beleidigung gegen Gott und somit als Gefahr für die gesamte Gesellschaft betrachtet wurden. Andere theologische Streitfragen, die die Reformation aufwarf, richteten sich aber gegen die althergebrachte kirchliche Verwaltung. Da beispielsweise die Idee von der Priesterschaft jedermanns zu einer Auflösung von Klöstern und Bischofssitzen führen konnte, musste sie zu schweren politischen Auseinandersetzungen führen.

Was damals noch kaum jemand vorauszusehen im Stande war: Das Ringen und Zerren um die „wahre“ Religion führte letztlich dazu, dass der Staat sich zum lachenden Dritten aufraffte und gegenüber der Religion an Boden gewann, wo es um die Versorgung mit Gesetzen für das Zusammenleben ging. Letztlich verdankt unsere vielgefeierte Regelung der Trennung von Staat und Kirche dem bis dahin größten europäischen Massenschlachten seine Entstehung. In der Mitte des 16. Jahrhunderts, während der Konflikt im Heiligen Römischen Reich noch weitgehend auf diplomatischen Straßen hin und her rollte, war man in Frankreich bereits dazu übergegangen, seine Meinungsverschiedenheiten auf Schlachtfeldern auszutragen. Die sehr speziellen politischen und sozialen Verhältnisse des Königreichs führten zu diesem etwas früheren Ausbruch.

„Wie viele hat es gegeben, die sich klaglos für Meinungen braten und rösten ließen, die sie von anderen übernommen hatten und von denen sie nicht das geringste begriffen und verstanden!“

(Michel de Montaigne: Essais II, 32.)

IV. Frankreich zur Zeit der Hugenottenkriege

Die französischen Könige trugen einen Ehrentitel: rex christianissimus, allerchristlichster König. Der während der Krönungszeremonie gehaltene Amtseid umfasste auch das Versprechen, die rechtgläubige Kirche zu beschützen und Ketzer aus dem Land zu jagen.

Für den hier verfolgten Zweck eines raschen Überblicks der frühen Hugenottenkriege können wir den fraglichen Zeitraum in 3 Phasen teilen: In der Vorphase gab es noch keine kriegerischen Auseinandersetzungen. König Franz I. förderte eine frühe Reformationsbewegung, die er nicht als ketzerisch ansah. Er war ein Bewunderer des europaweit geschätzten liberalen Humanisten Erasmus von Rotterdam. Das Parlament von Paris, unterstützt durch die Theologen der Sorbonne und den Papst, bekämpfte derweil jedwede reformatorische Strömung, oft gegen den König. Erst als eine papstfeindliche Gruppe im ganzen Land ein Flugblatt verteilte, von dem ein Exemplar sogar an die Schlafkammer des Königs genagelt wurde, indem die Liturgie des Abendmahls auf damals unvorstellbare Weise angegriffen und katholische Bischöfe als Wölfe, die Schafe (die Gläubigen) reißen, dargestellt wurden, kam es zum Bruch. Die Affäre löste eine Skandal und heftige „Ketzerverfolgungen“ aus und führte zur Stereotypisierung der Protestanten als Aufrührer und Störer des sozialen Friedens. Im Urteil des Historikers Holt gingen seit 1534 „für französische Katholiken Protestantismus und Rebellion für immer Hand in Hand“[11]. Heinrich der II., Nachfolger des moderaten Franz I., hatte denn auch weniger Geduld mit Andersgläubigen. In seine Regierungszeit fällt die Eröffnung der chambre ardente, der „Verbrennungskammer“ einer eigens für Ketzerprozesse eingerichteten Gerichtskammer.

Die Jahre der politischen Unruhen, die durch den spektakulären Turniertod dieses Monarchen im Jahr 1559 ausgelöst wurden, eröffnen die zweite Phase der religiösen Auseinandersetzungen: die erste, die politische Phase des Krieges. Der älteste Erbe, Franz II., war 15 Jahre alt, als er den Thron bestieg. Sein Tod ein Jahr später räumte den Thron für seinen elfjährigen Bruder, der als Karl IX. König wurde. Die politische Phase ist geprägt von Machtkämpfen der mächtigsten Adelsfamilien um den Platz des nächsten Einflüsterers am Ohr des Königs, während die Regentin und Königinmutter Katharina von Medici verzweifelt versuchte, ihrem Sohn die Macht über ein ganzes Königreich zu erhalten. Das Toleranzedikt von Januar 1561 gestand den Protestanten beschränkte Ausübung ihres Glaubens zu und ermahnte beide Seiten zur Wahrung der öffentlichen Ordnung. Das Edikt wurde jedoch von beiden Seiten mehrfach gebrochen. Die Verteilung der Konfessionen unter den rivalisierenden Fürsten mag zufällig sein: Die Guise, geführt von Franz von Guise und dem Bischof von Lothringen, ebenfalls ein Guise, blieben erzkatholisch, während einige Mitglieder der Bourbonen zum Calvinismus neigten. Die späteren Führungspersönlichkeiten der Hugenottenpartei waren der Admiral de Coligny und der Fürst von Condé, die sich in Genf vom Calvinismus hatten überzeugen lassen. Auffällig ist, dass sich nun eine Konversionswelle entlang der Loyalitätslinien dieser mächtigen Fürsten erhob. Man sieht daran deutlich, wie sehr die Konfession in dieser Zeit politisiert wurde. Das Massaker von Vassy, bei dem die Leibgarde Franz von Guise’ eine betende Gemeinde unbewaffneter Protestanten niedermetzelte, löste schließlich den ersten Bürgerkrieg aus.

Die dritte Phase lassen wir 1572 mit dem Massaker der Bartholomäusnacht beginnen. Kurz nach einem erneuten labilen Friedensschluss wurde ein Attentat auf den Hugenottenführer Admiral de Coligny verübt, zu dem sich niemand bekennen wollte. Aus Angst vor einem Racheakt beschloss die katholische Seite im Bunde mit Karl IX. und Katharina von Medici die Ermordung der noch in Paris befindlichen protestantischen Führer. Das Ereignis entlud sich in einem Blutbad an den Protestanten in Paris, an dem sich alle Teile der Bevölkerung beteiligten und das daraufhin im ganzen Land in anderen Städten nachgeahmt wurde. Die dritte Phase ist geprägt von der Teilnahme einer bis zum Letzten fanatisierten Bevölkerung an der Gewalt. Der Hass auf die jeweils andere Konfession hatte sich durch die langen Kriege und eine Folge von Gräueltaten und Hetzpredigten aufgestaut. Erst 1591 konnte Frankreich wieder einer Phase des Friedens entgegenblicken. Der Bourbone und Hugenottenführer Heinrich von Navarra war nach der Ermordung Heinrich III. rechtmäßiger Thronerbe. Er soll seine Konversion zum Katholizismus mit den Worten kommentiert haben, Paris sei eine Messe wert. Einer seiner engsten Berater und Kammerherr war der vorzugsweise zurückgezogen lebende südfranzösische Landedelmann und Bürgermeister von Bordeaux, Michel de Montaigne.

Neben streitenden Bürgerkriegsparteien gab es aber stets eine dritte Kraft, die man die parti de politiques nannte. Sie war um eine Schlichtung der religiösen Auseinandersetzung, die zudem von gierigen Machtpolitikern für ihre Zwecke ausgeschlachtet wurde, bemüht. Ziel dieser „Partei der Politischen“ war es, ungeachtet der Religion, die Einheit des Königreichs Frankreich wiederherzustellen. Neben Katharina von Medici kann vor allem der königliche Kanzler Michel de l’Hopitâl als wichtigster Exponent dieser Strömung gelten. Auf der königlichen Rundreise durch die Parlamente Frankreichs 1564-66 machte de l’Hopitâl durch engagierte Reden auf sich aufmerksam. Unter Verwendung von erasmischem Gedankengut plädierte er dafür, Ketzer nur dann zu verfolgen, wenn sie gegen die öffentliche Ordnung und den sozialen Frieden verstießen. Möchte man Michel de Montaigne unbedingt einer Gruppierung zuordnen, so meint Herberth Lüthy, dann dieser parti de politiques[12].

[...]


[1] Schmidinger, Heinrich: Wege zur Toleranz; Geschichte einer europäischen Idee in Quellen, Darmstadt 2002. Schmidinger führt diesen Gedanken als Möglichkeit an, um dann aber eine etwas optimistischere Sicht zu vertreten.

[2] Smith, Malcolm C.: Montaigne and Religious Freedom; The Dawn of Pluralism, Genf 1991, S. 47.

[3] Ebenda.

[4] Die Hinrichtung des Sokrates wegen „Einführung neuer Götter“ gibt beispielsweise Anlass zu Spekulationen über religiöse Intoleranz in der Antike. Die meisten vermuten zwar, der Anklagegrund sei nur vorgeschoben, aber die Tatsache, dass er zu einem Todesurteil taugte, zeigt, dass eine gewisse religiöse Empfindlichkeit auch im Polytheismus existiert haben muss.

[5] Marcellinus, Ammianus, zitiert aus: Toynbee, Arnold: Auf diesen Felsen; Das Christentum- Grundlagen und Weg zur Macht, Wien; München 1970.

[6] Vgl. zum Beispiel: Die Bibel, Ezechiel 14:12 ff.

[7] Eine mögliche Übersetzung wäre: merkwürdiger Zwischenfall.

[8] Holt, Mack P.: The French Wars of Religion, 1562- 1629, Cambridge 1995.

[9] Holt, Mack P.: The French Wars of Religion, 1562- 1629, Cambridge 1995, S. 48.

[10] Die Bibel: Matthäus 12:25. Mit derselben Bibelstelle könnte man übrigens beiden Religionsparteien vorwerfen, sie versuchten den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

[11] Holt, Mack P.: The French Wars of Religion, 1562- 1629, Cambridge 1995, S. 22.

[12] Lüthy, Herbert: Dass man bei Montaigne nicht suchen soll, was er nicht hat, in: Keel, Daniel (Hrsg.): Über Montaigne, Zürich 1992, S. 202.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Die Idee der skeptischen Toleranz bei Michel de Montaigne vor dem Hintergrund der Hugenottenkriege
Hochschule
Universität Rostock  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Idee und Praxis der Toleranz im Zeitalter von Reformation und Gegenreformation
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
45
Katalognummer
V92504
ISBN (eBook)
9783638061797
ISBN (Buch)
9783638952613
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein hochaktuelles Thema zur historischen Konfliktforschung. Der Kommentar des Professors lautete "Mehr ein essay als eine Analyse, dennoch sehr überzeugend"
Schlagworte
Idee, Toleranz, Michel, Montaigne, Hintergrund, Hugenottenkriege, Idee, Praxis, Toleranz, Zeitalter, Reformation, Gegenreformation
Arbeit zitieren
Bakkalaureus Artium (B.A.) Jens Nagel (Autor), 2006, Die Idee der skeptischen Toleranz bei Michel de Montaigne vor dem Hintergrund der Hugenottenkriege, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92504

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