Der Militärputsch in Thailand

Akteure, Hintergründe, Zusammenhänge


Seminararbeit, 2006
19 Seiten, Note: 1
Thomas Gale (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Geschichtlicher Hintergrund
1.1: Thaksin Shinawatra und die Thai Rak Thai Partei

2. Der Coup d’etat 2006
2.1. Vorgeschichte
2.2. Der 19.September 2006

3. Akteure, Faktoren, Hintergründe und die sich daraus ableitenden Variablen
3.1. Asiatische Demokratie
3.2. Der König
3.3. Das Militär
3.4. Die Moslems im Süden Thailands
3.5. Shin Corp., Korruption und Klientilismus

4. Conclusion

Quellen

Einleitung

“Isolating “The Cause” of a coup d’etat’, [...] 'is a fruitless exercise. Personal, organisational and societal factors are intermingled’.[...] [W]hile there were some recurring characteristics of military intervention, the explanation of individual cases required an understanding of their particular historical and social circumstances.” (Welch in: May, R.J./Selochan, Viberto (Hrsg.). The MILITARY and DEMOCRACY in ASIA and the PACIFIC. 2. Edition: 2004: Canberra, The Australian National University. S. 4)

Diese Arbeit behandelt den Militärputsch in Thailand im September 2006. Nach einem geschichtlichen Überblick, der in Ansätzen bereits kulturelle Hintergründe für diesen Putsch verdeutlicht gibt diese Arbeit einen kurzen Abriss der Ereignisse, welche die Vorgeschichte des Coups in chronologischer Reihenfolge veranschaulicht. Danach werden sowohl die strukturellen und kulturellen Hintergründe (siehe 3.1 Asiatische Demokratie, 3.4 Die Moslems im Süden Thailands und 3.5 Shin Corp., Korruption und Klientilismus) als auch die wichtigsten Akteure (siehe 3.2 Der König und 3.3 Das Militär) behandelt, wobei sich letzteres thematisch in 5 Unterkapitel unterteilt.

Ich verwende in dieser Arbeit der Einfachheit halber ausschließlich die männliche Form. Nach der in Thailand gebräuchlichen Form werden auch hier Vornamen statt Familiennamen verwendet sobald ein Name das zweite Mal fällt.

1. Geschichtlicher Hintergrund

„’[W]hich side do you think will lose this war? That side is our enemy.’“ (Phinbun Songkhram in: Baker, Chris/Phongpaichit, Pasuk. A HISTORY OF THAILAND. 2005: Camebridge University Press, S. 137)

Thailand, auch unter seinem früheren Namen Siam bekannt, wurde als einziges Land Südostasiens nie kolonisiert. Dies wird – in den thailändischen Geschichtsbüchern – dem diplomatischen Geschick der beiden Könige Mongkut und Chulalongkorn zugeschrieben, ist wohl aber auch dadurch bedingt, dass sich England und Frankreich nicht über eine territoriale Aufteilung Thailands einigen konnten und es so als Pufferzone zwischen deren Gebieten beließen.

Thailands erster Militärputsch gegen die damals bestehende absolute Monarchie fand im Jahr 1932 statt. Seitdem ist Thailands Staatsform eine konstitutionelle Monarchie, der König nimmt – zumindest offiziell – lediglich repräsentative Aufgaben wahr. Dieser Putsch brachte dem Militär eine wichtige Rolle in Thailand ein, denn „[s]eit dem Sturz des absolutistischen Regimes von 1932 fühlte sich vor allem das Militär für das Schicksal des Landes verantwortlich.“ (Dahm, Bernhard/Ptak, Roderich (Hrsg.); Südostasien-Handbuch. Geschichte, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur. 1999: München, Beck, S 322)

Das Verhalten Thailands im 2. Weltkrieg formte zu einem wichtigen Teil die politischen Beziehungen zu einem wichtigen Verbündeten, der USA, die bis zum Putsch 2006 aufrecht sind. Thailand hatte zu Beginn des 2. Weltkriegs sehr starke Bindungen zu Japan, die es ermöglichten zumindest kurzfristig das Staatsgebiet zu vergrössern. Als sich allerdings der Sieg der alliierten Streitkräfte abzeichnete verstand es Thailand sich von Japan zu lösen und sich der USA als Verbündeter zuzuwenden. Dieses Bündnis wurde äußerst interessant, als sich Sarit Thanarat 1957 durch einen „stillen“ (vgl. Dahm/Ptak 1999, S 323) Staatsstreich an die Macht putschte und begann, Thailand äußerst liberal, entwicklungsorientiert und autoritär zu regieren. Durch seine von einer Weltbankmission angeratene Öffnung Thailands für ausländisches Kapital, gelangten viel Geld und Wissen über diverse Kanäle aus Amerika nach Thailand und die USA konnte sich eines Verbündeten in Asien sicher sein. Während des Vietnamkrieges stationierten die USA rund 45.000 Soldaten auf thailändischem Boden und leisteten immense Militärhilfen. Der wirtschaftliche Wachstum Thailands, der – gemessen am BIP – von 1959 bis 1996 bis auf 6 Jahre immer über 5 % und teilweise bis zu 13% betrug (vgl. Phongpaichit, Pasuk/Baker, Chris. THAKSIN. THE BUSINESS OF POLITICS IN THAILAND. 2004: Kopenhagen, Nordic Institute of Asian Studies. S 16) endete erst (und auch nur vorübergehend) mit der Asienkrise 1997 und ist zumindest teilweise ein Resultat dieses Bündnisses.

Die Jahre bis 1973 waren geprägt von politischer Instabilität, Korruptionsskandalen, Amtsmissbrauch und immer neuen politischen Führern aus verschiedenen Lagern. Studenten der Universität Thammasat – welche 1937 gegründet wurde um kritischen Nachwuchs in Rechts- und Regierungssystemen auszubilden – begannen Demonstrationen gegen die politische Instabilität und das Militärregieme. Diese erhielten regen Zustrom als 1973 einige Studenten verhaftet, und des Staatsverrates beschuldigt wurden.

Die Jahre 1973 – 1976 werden als „demokratische Periode“ (Dahm/Ptak 1999, S 324) bezeichnet. Jedoch fand in dieser Zeit eine Polarisierung zwischen dem liberalen und dem konservativen Lager statt, die schließlich im Oktober 1976 in einer blutigen Niederschlagung einer Demonstration der Thammasat-Universität gipfelte. Wieder folgte eine Zeit der Coups, bis sich 1980 der General Prem Tinsulanonda an die Macht putschte. Er regierte zwei ganze Amtszeiten – insgesamt 8 Jahre – wobei er 1988 eine weitere ablehnte. Nach einer neuerlichen Zeit politischer Instabilität wurde 1992 Chuan Leekpai zum Ministerpräsidenten gewählt, allerdings erst nach einem direkten Eingriff des Königs Bhumipol, der die Junta absetzte die sich 1991 an die Macht geputscht hatte. Dieser Putsch sollte der letzte für 15 Jahre sein. Bis vor kurzem war der allgemeine wissenschaftliche Konsens, dass die Zeit der politischen Instabilität vorbei wäre und Putsche in Thailand einer vergangenen Zeit angehören.

Es folgte eine demokratische Phase, deren genauere Ausführung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Relevant jedoch ist die neue Verfassung, die 1997 in Kraft trat und als die Demokratischste Thailands gilt. Diese 15. Verfassung blieb bis ins Jahr 2006 in Kraft.

1.1: Thaksin Shinawatra und die Thai Rak Thai Partei

„A company is a country. A country is a company. They’re the same. The management is the same.“ (Thaksin Shinawatra, November 1997 in: Phonpaichit/Baker 2004. S. 3)

1998 betritt ein neuer Akteur die politische Bühne Thailands, der bis zum Putsch 2006 eine zentrale Rolle im politischen Leben Thailands spielen sollte: Thaksin Shinawatra. Er gründete im Jahr 1998 die Thai Rak Thai (TRT) Partei, die nur 3 Jahre später einen Erdrutschsieg erfuhr und die Geschichte Thailands nachhaltig verändern sollte.

Thaksin, der sein Vermögen im großen und ganzen Mithilfe einer Konzession für ein Mobiltelefonnetz erwirtschaftet hatte (siehe Kapitel 3.5), verwendete ein vollkommen neues Konzept für seinen Wahlkampf. Sein Programm zielte auf die größte Wählergruppe, die durch die Wirtschaftskrise 1997 verarmte rurale Bevölkerung, wie auch auf Kleinunternehmer und große Industrielle – wie ihm selbst.

„Thaksin’s rise to power was framed by the 1997 economic crisis and by the new 1997 constitution. [...] The crisis wrecked the Democrat Party, the most successful political party of the 1990s[...]. The constitution changed the electoral system in ways that favored a business-based party.“ (Phongpaichit /Baker 2004: S 62)

Die Regierung Thaksins galt als sehr stabil. Durch sein populistisches Programm, das unter anderem daraus bestand, Kleinkredite an Bauern zu vergeben, war ihm die Unterstützung der breiten Masse sicher. Darüber hinaus ermöglichte er der armen Bevölkerung Zugang zu einem flächendeckenden Gesundheitssystem, was umso mehr die ländliche Bevölkerung in seinen Bann zog. Sein Regierungsstil erhielt einen Namen: Thaksinomics. Dieser Begriff, eingeführt von prominenten Akademikern (vgl. Phongpaichit/Baker 2004. S. 99) bezeichnet Thaksins Stil, Thailand wie eine Firma zu regieren. Und er war äusserst erfolgreich: bereits im Jahr 2003 wuchs das BIP Thailands wieder um stolze 6,7%, ein Umstand den – kurz nach der Wirtschaftskrise – niemand auch nur zu erhoffen gewagt hätte.Allerdings resultierten aus seiner Wirtschaftspolitik, im besonderen aus der Senkung des Leitzinses um mit Kleinkrediten die Wirtschaft anzukurbeln noch nie dagewesene Schulden der Haushalte[1].

Thaksins Regierungsstil wurde allerdings nicht nur mit Thaksinomics bezeichnet: „demo-kratischer Autoritarismus“ oder „autoritärer Populismus“ (Thitinan 2003 und Bünte 2005 in: Bünte, Marco. Die Wiedergeburt der Demokratiebewegung in Tahiland: Thaksins Populismus in der Krise. In: Südostasien aktuell 2/2006. S 40) waren Bezeichnungen die verdeutlichen, dass Thaksin zu vielen Mitteln griff, um seine Herrschaft abzusichern (siehe Kapitel 3.1). Erfolgreich, denn bei der Wahl im Jahre 2005 konnte Thaksins TRT eine Dreiviertelmehrheit im Parlament erzielen, ein Ereignis, welches in Thailand vor 2001 nie auch nur denkbar gewesen wäre.

Nachstehendes Kapitel wird nun den Militärputsch im September 2006 beleuchten. Zuerst werde ich einen kurzen Überblick der Ereignisse die für den Putsch relevant waren geben, um danach in den Kapiteln 3 bis 3.5 diesen Putsch, anhand mehrerer Akteure und Ereignisse zu erklären.

2. Der Coup d’etat 2006

2.1. Vorgeschichte

Bereits im August 2005 begannen Vorwürfe gegen Thaksin und seine TRT laut zu werden. Diese drehten sich hauptsächlich um Bestechung und die Situation im Süden Thailands, wo die Gewalt der muslimischen Separatisten zunahm. Im Laufe des Herbstes 2005 nahmen die Proteste zu, mitgetragen durch Thaksins Repression der Medien (vlg. Kap. „Asiatische Demokratie“). Im Jänner 2006 verkauften Thaksins Angehörige das ihnen übertragene Unternehmen Shin Corp.[2], den Ursprung Thaksins Vermögens – steuerfrei – um umgerechnet 1.5 Milliarden Euro. Hier muss allerdings hinzugefügt werden, dass der oberste Gerichtshof Thaksin nur wenige Monate später für unschuldig befand: Der Verkauf war legal, da „in Thailand kine Steuern auf Kapitalgewinne bei Aktienverkäufen anfallen“ (Bünte, Marco. Politisches Kalkül oder Wirtschaftliche Notwendigkeit? Thaksin verkauft Unternehmen. In: Südostasien aktuell 2/2006. S. 129) dennoch wurde der Verkauf heftig kritisiert. Erstens sei es nicht legetim für einen Premierminister, sein Kapital an der Steuer vorbeizuschleusen, zweitens handle es sich bei Shin Corp. um „wichtiges nationales Vermögen“ (Murphy, Colum: ‚Thaksin, Get Out!’: Why Thais Are Angry. In: FAR EASTERN ECONOMIC REVIEW April 2006 Volume 169, Number 3. S. 9; Übersetzung des Autors).

[...]


[1] Ähnlich war die Situation, die mit – wenn nicht hauptsächlich – zur Wirtschaftskrise 1997 beigetragen hat; Starke Überschuldung der Unternehmen auf Grund von billigen Krediten aus dem Ausland.

[2] Ein thailändischer Premier darf laut Verfassung keine Firma besitzen.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Militärputsch in Thailand
Untertitel
Akteure, Hintergründe, Zusammenhänge
Hochschule
Universität Wien
Veranstaltung
PS Politik der internationalen Beziehungen
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V92900
ISBN (eBook)
9783638062763
ISBN (Buch)
9783656901044
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Militärputsch, Thailand, Politik, Beziehungen
Arbeit zitieren
Thomas Gale (Autor), 2006, Der Militärputsch in Thailand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92900

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