Wirtschaftspolitische Konsequenzen der Experimente zu Fairness und Gerechtigkeit am Beispiel von Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik


Seminararbeit, 2003

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Einführung der Reziprozität
2.1 Reziprozität
2.2 Homo Reciprocans - Ein neues Menschenbild

3 Experimente zu Fairness und Gerechtigkeit

4 Wirtschaftspolitische Konsequenzen
4.1 Arbeitsmarkt
4.1.1 Arbeitsmotivation und Leistungsanreize
4.1.2 Lohnrigidität und Arbeitslosigkeit
4.1.3 Unvollständige Verträge
4.1.4 Lohndifferentiale und Rententeilung
4.2 Sozialpolitik
4.2.1 Öffentliche Güter
4.2.2 Soziale Normen und deren Durchsetzung
4.2.3 Implikationen für sozialpolitische Bereiche

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In den letzten Jahren hat die Wirtschaftsforschung weitere Arbeitstechniken hinzugewonnen. Erstmals ist es möglich, ökonomische Verhaltensannahmen von Individuen durch neu entwickelte Experimente zu überprüfen. Die Experimente zu Fairness und Gerechtigkeit kommen dabei zu dem Schluss, dass das streng rationale Menschenbild der neoklassischen Theorien nicht alle in der Realität vorkommenden Phänomene und Interaktionen erklären kann[1]. Vielmehr wurde ein neues, modifiziertes und interdisziplinäres Menschenbild entworfen, dass auch soziale und psychologische Aspekte berücksichtigt. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den wirtschaftspolitischen Konsequenzen der Experimente zu Fairness und Gerechtigkeit. Dabei soll das Interesse des Lesers für die neuen Ansätze in der Wirtschaftsforschung geweckt und mögliche Implikationen für den Arbeitsmarkt und die Sozialpolitik aufgezeigt werden. Es sei erwähnt, dass die Rolle der Reziprozität und das Paradigma des Homo Reciprocans, sowie der Vergleich zur neoklassischen Theorie aus Kontrastierungsgründen immer wieder herausgestellt wird.

Im folgenden Kapitel zwei soll die Rolle der Reziprozität in diesem Zusammenhang herausgestellt werden. Es folgt anschließend ein Vergleich zwischen dem traditionellen, neoklassischen Menschenbild mit dem neu entwickelten Modell des Homo Reciprocans. Im dritten Kapitel wird kurz auf die Ergebnisse und Methoden der Experimente zu Fairness und Gerechtigkeit eingegangen. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit den wirtschaftspolitischen Konsequenzen der experimentellen Wirtschaftsforschung am Beispiel von Arbeitsmarkt und Sozialpolitik. Hier wird der Arbeitsmarkt näher beleuchtet. Der Zusammenhang zwischen Arbeitsmotivation und Leistungsanreizen, zwischen Lohnrigiditäten und Arbeitslosigkeit wird herausgestellt, ebenso Relevanz von voll- bzw. unvollständigen Verträgen. Abschließend wird das Zusammenwirken von Lohndifferentialen und Rententeilung erläutert. Auch die Sozialpolitik steht im Mittelpunkt der Betrachtung. Dabei wird die Bereitstellung öffentlicher Güter ebenso diskutiert wie das Problem der sozialen Normen und deren Durchsetzung. Zuletzt werden in diesem Abschnitt Implikationen der neuen ökonomischen Verhaltensannahmen für verschiedene sozial- und wirtschaftspolitische Themen erläutert (Asylpolitik, Verbrechensverhütung, Steuern und Föderalismus). Im fünften Kapitel wird schließlich ein Fazit gezogen.

Die vorliegende Seminararbeit stellt aufgrund ihres geringen Umfangs jedoch keinesfalls einen Anspruch auf Vollständigkeit des bearbeiteten Themas. Vielmehr gibt sie dem Leser einen ersten Einblick in die Ergebnisse der recht jungen experimentellen Wirtschaftsforschung und deren Implikationen für die Wirtschaftspolitik.

2 Die Einführung der Reziprozität

2.1 Reziprozität

Es steht sicherlich außer Frage, dass eine Vielzahl von Menschen durch egoistische Motive in ihrem alltäglichen Leben angetrieben werden. Dies kommt in den modernen Wirtschaftswissenschaften durch das Konzept des Homo Oeconomicus zum Ausdruck. Jedoch vernachlässigt dieses Konzept, dass sich Menschen auch von anderen Motiven leiten lassen, beispielsweise von der Reziprozität.

„Unter Reziprozität wird ein [bedingtes, d.V.] Verhalten subsumiert, bei dem freundliches oder kooperatives Verhalten belohnt und unkooperatives oder unfreundliches Verhalten bestraft wird“[2]. Folglich kann man zwischen positiver und negativer Reziprozität unterscheiden. Positive Reziprozität ist der Wunsch oder Impuls, jene freundlich zu behandeln, die uns nett behandelt oder gar beschenkt haben[3]. Unter negativer Reziprozität versteht man dementsprechend, ein unfreundliches Verhalten des Gegenübers zu bestrafen oder gar zu rächen.

Reziprozität kann als Gemeinschaftswert angesehen werden, da nicht ausschließlich egoistisches Verhalten akzeptiert wird, sondern auch soziales und verbindendes Verhalten gefördert und belohnt wird. Gleichzeitig hat das reziprok handelnde Individuum jedoch stets die Wahlfreiheit, sich individualistisch zu verhalten.[4]

Der Gedanke der Reziprozität und die ihr anhaftenden Attribute wie Fairness, Würde, Ansehen, Seriosität und Achtung sind tief in der Geschichte verwurzelt. Auf ihm beruhen sowohl zahlreiche Ehrenkodices in den verschiedensten Gesellschaften als auch diverse Handelsabkommen.[5] Grundgedanke dabei ist die Schaffung von moralischen Verpflichtungen, die durch die Erweisung eines Dienstes oder einer Leistung an die Gesellschaft oder die Handelspartner erwachsen sind. Dieses Prinzip der Gegenseitigkeit schafft Vertrauen und auch ein Verpflichtungsgefühl, von dem die Gesellschaft profitiert. Jeder Beitrag, den ein Mitglied zum Gemeinwohl der Allgemeinheit leistet, wird früher oder später von reziprok motivierten Beiträgen anderer belohnt, ohne dass eine formale oder autoritative Regelung nötig ist.[6]

2.2 Homo Reciprocans - Ein neues Menschenbild

Die Grundlage für nahezu alle wirtschaftswissenschaftlichen Modelle bildet die Annahme eines rationalen und eigennutzorientierten Menschen. Durch das Konzept des sog. Homo Oeconomicus kann ein relativ großer Bereich des menschlichen Verhaltens erklärt werden[7]. Die Annahme eines solchen Konzepts erleichtert die Modellierbarkeit komplexer Zusammenhänge. Ein solches Vorgehen verschafft dem Betrachter ein besseres Verständnis von ökonomischen, sozialen, politischen und juristischen Zusammenhängen[8]. Jedoch scheint das Konzept des Homo Oeconomicus nicht alle menschlichen Verhaltensweisen integrieren zu können. So ist altruistisches Verhalten ebenso wenig berücksichtigt, wie das Streben nach Prestige oder ein von sozialen Normen bedingtes Verhalten. Darunter fallen u.a. Fairness, Intention, Reputation, Adaption, Kognition und Reziprozität.[9] Ebenso sollte erwähnt werden, dass das Konzept des Homo Oeconomicus die besten Vorraussagen ermöglicht, wenn das betrachtete Modell kompetetive Märkte und standardisierte Güter aufweist. In der Realität wird jedoch auch in nichtkompetetiven Märkten interagiert, wobei deren Akteure evtl. auch Informationsbeschränkungen unterliegen.[10] Um diesen Mangel im Konzept des Homo Oeconomicus auszugleichen, erscheint es notwendig, ein erweitertes, komplexeres Menschenmodell zu erschaffen. Dabei sollten nicht nur streng ökonomische, sondern auch psychologische und soziale Aspekte eine Rolle spielen. Da sich die moderne Wirtschaftswissenschaft als interdisziplinäre Wissenschaft bezeichnet, sollte ein fächerübergreifendes Konzept auf entsprechende Zustimmung treffen.

Ein entsprechendes Konzept stellt der sog. Homo Reciprocans dar, der sich nicht mehr ausschließlich gemäß den Annahmen des Homo Oeconomicus verhält.[11] Durch eine Vielzahl von Experimenten bestätigt, scheint dieses neue Konzept die restriktiven Annahmen der neoklassischen Ökonomen, zumindest in bestimmten Bereichen, nicht zu bestätigen. Nun werden auch moralische Werte anerkannt, die nicht ausschließlich mit intra-ökonomischen Begriffen erklärt werden[12].

3 Experimente zu Fairness und Gerechtigkeit

Die Entwicklung des Konzepts des Homo Reciprocans war nur möglich, nachdem in den letzten Jahren moderne wirtschaftswissenschaftliche Experimentaltechniken entwickelt wurden. Durch die Laborexperimente ist es nun möglich, das Verhalten eines Individuums in einer kontrollierten Umgebung (Umweltbedingungen, Präferenzen) z beobachten und mit vorher aufgestellten Prognosen zu vergleichen.[13]

Beim Design der vielen verschiedenen Experimente zu Fairness und Gerechtigkeit werden i.d.R. die wesentlichen Motiv- und Anreizstrukturen implementiert, während die als wesentlich erachteten abstrahiert werden. Diese Methodik schließt den störenden Einfluss von Variablen, die nicht in der Theorie vorkommen, aus.[14] Besonders wichtig in diesem Zusammenhang ist die Replizierbarkeit der Experimente, da durch diese ständigen Wiederholungen die Ergebnisse überprüft werden können. Dies lässt Schlussfolgerungen darüber zu, ob das beobachtete Verhalten ein einmaliges Phänomen oder ein wiederkehrendes Ereignis darstellt.[15]

In den Experimenten zu Fairness und Gerechtigkeit wurden die Verhaltensannahmen des ökonomischen Rationalmodells teilweise nicht bestätigt. Die experimentelle Wirtschaftsforschung hat dafür in den letzten Jahren überzeugende Evidenz zusammengetragen. So gaben in hunderten von Diktator- und Ultimatumspielen Individuen freiwillig Beträge an die an den Experimenten teilnehmenden Mitspieler weiter, deren Höhe sich nicht mit den Rationalannahmen des Homo Oeconomicus decken. Insbesondere in Gefangenendilemma-Situationen findet oftmals Kooperation statt, obwohl die neoklassische Ökonomie ein vollständig defektives Verhalten voraussagt.[16]

Die Ergebnisse zu Fairness und Gerechtigkeit geben also deutliche Hinweise, dass eine erhebliche Anzahl von Menschen nach den Prinzipien der Reziprozität handelt. Sie belohnen Geschenke und rächen sich für unfreundliches Verhalten , selbst wenn dies für sie mit Kosten verbunden ist.[17]

[...]


[1] Vgl. Erlei (2001), S. 450

[2] Falk (2003), S. 142

[3] Vgl. Fehr/Gächter (2002), S. 57

[4] Vgl. Yankelovich (1996), S. 87

[5] Vgl. ebenda (1996), S. 88

[6] Vgl. Offe/Heinze (1986), S. 485

[7] Vgl. Frey (1997), S. 113

[8] Vgl. Falk (2003), S. 141

[9] Vgl. Erlei (2001), S. 451

[10] Vgl. Fehr/Schmidt (2000), S. 1

[11] Vgl. Falk (2003), S. 142

[12] Vgl. Etzioni/Blaas (1994), S. 428

[13] Vgl. Falk (2003), S. 141

[14] Vgl. Fehr/Gächter (1996), S. 25

[15] Vgl. ebenda (1996), S. 27

[16] Vgl. Benz (2000), S. 412

[17] Vgl. Fehr/Gächter (2000), S. 159

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Wirtschaftspolitische Konsequenzen der Experimente zu Fairness und Gerechtigkeit am Beispiel von Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik)
Veranstaltung
Normative Grundlagen der Wirtschaftspolitik
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V92916
ISBN (eBook)
9783638063906
ISBN (Buch)
9783638953337
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirtschaftspolitische, Konsequenzen, Experimente, Fairness, Gerechtigkeit, Beispiel, Arbeitsmarkt-, Sozialpolitik, Normative, Grundlagen, Wirtschaftspolitik
Arbeit zitieren
Dipl. Kfm. Stefan Göbel (Autor), 2003, Wirtschaftspolitische Konsequenzen der Experimente zu Fairness und Gerechtigkeit am Beispiel von Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92916

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