Zur Problematik des Hirntods in den "autopilot"-Gedichten Ulrike Draesners


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Relevanz der Hirntodproblematik

2 Biologischer Blickwinkel: Der Sterbeprozess

3 Literarischer Blickwinkel: Überspitzte Kritik

4 Diskussion

5 Literaturverzeichnis
5.1 Primärtext
5.2 Forschungsliteratur

1 Relevanz der Hirntodproblematik

Selbstbestimmtes Sterben, das durch Patientenverfügungen geregelt ist, soll in Deutschland gestärkt werden. Der Bundestag debattiert in diesen Tagen, wie die Entscheidung eines Patienten für den eigenen Tod respektiert werden kann.[1] Dabei wird die Frage nach dem Zeitpunkt des Todes relevant; denn ein Mensch, der sich entscheiden muss, wann er auf lebensrettende Maßnahmen verzichten will, muss über den Stand der Wissenschaft informiert sein. In Deutschland ist der Ganzhirntod als Todeszeitpunkt definiert[2]:„Der Hirntod wird definiert als Zustand des irreversiblen Erloschenseins aller Funktionen des Groß- und Kleinhirns sowie des Hirnstammes (Ausfall der gesamten Hirnfunktionen) bei einer durch kontrollierte Beatmung noch aufrechterhaltenen Herz- und Kreislauffunktion.“[3] Ist die Entscheidung für dieses Todeskriterium berechtigt? Im obigen Zitat zeigt sich die deutlich die Problematik: Zwar wird der Hirntod von Medizinern durch bestimmte Einzeltests festgestellt. Dennoch scheint der Mensch noch zu leben, denn der in der beschriebenen Situation künstlich aufrechterhaltende Kreislauf bewirkt, dass das Herz noch schlägt, die Lunge noch arbeitet, der Körper sich sogar bewegt. Die traditionelle, subjektive Wahrnehmung des Todes wird mit dem Hirntod-Konzept also unterlaufen.[4] Aufgrund der offensichtlichen Diskrepanz zwischen dem ‚objektiven‘, wissenschaftlich anerkanntem Todeskriterium und der ‚subjektiven‘, traditionell überlieferten Wahrnehmung ist eine Diskussion um den präzisen Moment des Todes eines Menschen entflammt. Denn es stellt sich nicht nur die Frage, wann medizinische Geräte, die ein Individuum am Leben erhalten, abgeschaltet werden können. Auch für die Organtransplantation ist das Problem des exakten Todeszeitpunktes relevant, denn lebenswichtige Organe müssen so schnell wie möglich nach dem Tod entnommen werden. Nicht nur Politiker und Rechtsmediziner, sondern auch Literaten engagieren sich in der Debatte um die Feststellung des Todes. Im Folgenden soll vorgestellt werden, wie die Schriftstellerin Ulrike Draesner lyrische Texte dazu nutzt, um das ethische Problem des Hirntodkonzepts zu thematisieren.

Zunächst skizziere ich den biologischen Sterbeprozess, um das Verständnis der ethischen Diskussion zu erleichtern (Kapitel 2). Anschließend arbeite ich die ethischen Schwierigkeiten heraus, die Draesner in den Gedichten „autopilot II“ und „autopilot III“ bezüglich der Anwendung des Hirntods als Kriterium zur Todesfeststellung beschreibt (Kapitel 3). Zum Schluss stelle ich die wichtigsten Positionen von Gegnern und Fürsprechern des Hirntodkonzepts vor und diskutiere, was Literatur zu dieser Diskussion beitragen kann (Kapitel 4).

2 Biologischer Blickwinkel: Der Sterbeprozess

Das klassische Kriterium, mit dem der Tod festgestellt werden kann, ist der Herz-Kreislaufstillstand.[5] Wenn er eingetreten ist, kann sich der Mensch nicht mehr selbstständig mit Energie versorgen.[6] Er wird auch als „klinischer Tod“[7] bezeichnet; fünf bis zehn Minuten später folgt der „Hirntod“, der auch als „Individualtod“[8] charakterisiert wird. Denn das Gehirn ist das Organ, das am meisten Energie zur Erhaltung seiner Funktionen benötigt, und damit eines der ersten, das, nachdem die Energie- und Sauerstoffversorgung aussetzt, beschädigt wird. In den folgenden Minuten und Stunden sterben nacheinander die anderen Organe. Gleichzeitig entstehen die „sicheren Todeszeichen“[9], etwa Totenflecken und die Totenstarre, die eindeutig von außen feststellbar sind. Diese ergeben sich aus der Entmischung des nach dem Tod nicht mehr zirkulierenden Blutes. Aber mit dem Verlust der Funktionsfähigkeit von Leber, Herz und Niere ist noch längst nicht alles Leben im menschlichen Körper erloschen: Einige Zellen bleiben noch bis zu Jahren aktiv. Der Zeitpunkt des letzten Zelltodes wird „biologischer Tod“[10] genannt, denn auch er könnte eindeutig festgestellt werden. Es existieren also mindestens drei ‚Todeszeitpunkte‘: Der „klinische Tod“, der „Individualtod“ und der „biologische Tod“. Der Hirntod ist ein Todeskriterium, das weiter reicht als das klassische. Denn nach dem Hirntod sind Reanimationsmaßnahmen wirkungslos, im Gegensatz zum klinischen Tod. Dieses Argument allein überzeugt allerdings noch nicht. Denn die biologische Betrachtung des Todes kann allenfalls eine präzise Beschreibung des Sterbeprozesses liefern. Es bleibt, ethisch abzuwägen, wann das Leben eines Menschen für beendet erklärt werden kann. Ist der Hirntod eine angemessene Definition für den Todeszeitpunkt des Menschen?

[...]


[1] Vgl. Drieschner, Frank: Wie wollen Sie sterben? Der Bundestag streitet um Leben und Tod. In: Die Zeit vom 29. 3. 2007. S. 3.

[2] Der Ganzhirntod als Todeszeitpunkt wird etwa im Transplantationsgesetz vom 1. 12. 1997 relevant: Organe dürfen erst entnommen werden, wenn „bei dem Organspender der endgültige, nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms nach Verfahrensregeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist“. § 3, Abs. 2, Nr. 2. Gesetz über die Spende, Entnahme und Übertragung von Organen vom 5. November 1997. BGBl. I 1997. http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/tpg/gesamt.pdf (23. 3. 2007). Der Ganzhirntod steht im Gegensatz zum Teilhirntod, bei dem etwa nur der Hirnstamm nicht mehr funktionsfähig sein muss. Vgl. Schlake, Hans-Peter und Roosen, Klaus: Der Hirntod – Tod des Menschen. In: Hirntod und Organtransplantation. Hrsg. von Günter U. Höglinger und Stefan Kleinert. Berlin 1998. S. 47-48.

[3] Bundesärztekammer: Kriterien des Hirntodes. Entscheidungshilfen zur Feststellung des Hirntodes. In: Deutsches Ärzteblatt 94 (1997). http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=suche&id=6339 (23. 3. 2007).

[4] Im Folgenden verwende ich zur Unterscheidung die Bezeichnung ‚objektiv‘ für den durch wissenschaftlich und rechtlich anerkannte und genau beschriebene Tests festgestellten Tod. Als ‚subjektiv‘ bezeichne ich die klassische Todeswahrnehmung durch den Laien, etwa durch das Aussetzen des Herzschlags und Erkalten des Körpers. Dabei soll keine Wertung der Feststellung vorgenommen werden.

[5] Youngner und Bartlett unterscheiden in ihrer Formulierung einer Todesdefinition „Definition“, „Criteria“ und „Tests“, wobei für die „Definition“ des „Ausfalls von Bewusstsein und Kognition sowie der nicht-kognitiven Gehirnfunktionen“ das „Kriterium“, der Ganzhirntod ist. Das „Kriterium“ ermöglicht also die operative Feststellung des Todes für eine bestimmte, übergeordnete „Definition“. Die „Kriterien“ werden durch spezielle medizinische Tests festgestellt. Youngner, Stuart J. und Bartlett, Edward T.: Human Death and High Technology: The Failure of the Whole-Brain Formulations. In: Annals of Internal Medicine 99 (1983). S. 253.

[6] Für die folgende Beschreibung des Sterbeprozesses stütze ich mich auf die Ausführungen des Rechtsmediziners Patzelt in Patzelt, Dieter: Die Hirntodproblematik aus rechtsmedizinisch-biologischer Sicht. In: Hirntod und Organtransplantation. Hrsg. von Günter U. Höglinger und Stefan Kleinert. Berlin 1998. S. 18-19.

[7] Ebd., S. 18-19.

[8] Ebd., S. 18-19.

[9] Ebd., S. 17.

[10] Ebd., S. 19.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Zur Problematik des Hirntods in den "autopilot"-Gedichten Ulrike Draesners
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
10
Katalognummer
V93075
ISBN (eBook)
9783640097142
ISBN (Buch)
9783640101856
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Problematik, Hirntods, Ulrike, Draesners, Ethisch-philosophisches Grundlagenstudium, Organ, Gehirn, Tod, biologischer Tod, Herztod, zeitgenössische Lyrik, Bundesärztekammer, Prinzip Verantwortung, Hans Jonas
Arbeit zitieren
Ursula Menne (Autor), 2007, Zur Problematik des Hirntods in den "autopilot"-Gedichten Ulrike Draesners, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93075

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