Antizipation und Spielfähigkeit im Volleyball

Eine Untersuchung von Wechselbeziehungen und Fördermöglichkeiten in der Spielpraxis von Jugendlichen


Examensarbeit, 2001
87 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

1. Einleitung
1.1. Thema und Problem
1.2. Methoden und Untersuchungskonzept

2. Antizipation und Spielfähigkeit in der Literatur
2.1. Formen der Antizipation
2.1.1 Komplexe Antizipation im Sportspiel
2.2. Grundlagen der Antizipation
2.2.1 Handlungsregulation
2.2.2 Sollwert-Istwert-Vergleich
2.2.3 Wahrnehmung
2.2.4 Aufmerksamkeit
2.3. Die Formen der Spielfähigkeit
2.4. Die Grundlagen der Spielfähigkeit
2.4.1 Anforderungsprofil des Volleyballspiels
2.4.2 Person-, Umfeld- und Aufgabenanforderungen als Grundlage der Spielfähigkeit
2.4.3 Bedeutung der einzelnen Fähigkeiten für die Spielfähigkeit
2.5. Zum Zusammenhang von Antizipation und Spielfähigkeit – Ergebnisse der Literatur

3. Antizipation und Spielfähigkeit in der Praxis: eine empirische Untersuchung
3.1. Das Untersuchungsinteresse
3.2. Hypothesen
3.3. Die Operationalisierbarkeit der Antizipation und der Spielfähigkeit
3.3.1 Die Spielfähigkeit
3.3.2 Die Antizipation
3.4. Testpsychologische und statistische Anforderungen
3.4.1 Die Reliabilität
3.4.2 Die Objektivität
3.4.3 Die Validität
3.5. Zu den Rahmenbedingungen der Untersuchung
3.5.1 Personenstichprobe
3.5.2 Merkmalsstichprobe
3.6. Untersuchungsinstrumente, Untersuchungstechnik und Untersuchungskonzept
3.6.1 Übungen der Förderphase
3.6.2 Spielbeobachtung zur Untersuchung der Spielfähigkeit
3.6.2.1 Aufbau der Spielbeobachtung und Messverfahren
3.6.2.2 Durchführung der Spielbeobachtung
3.6.2.3 Auswertung der Spielbeobachtung
3.6.3 Sportmotorische Tests zur Untersuchung der Antizipation
3.6.3.1 Merkmalsanalyse der Antizipation
3.6.3.2 Aufbau der sportmotorischen Tests und Messverfahren
3.6.3.3 Durchführung und Auswertung der sportmotorischen Tests
3.7. Zum Zusammenhang von Antizipation und Spielfähigkeit – Untersuchungsergebnisse

4. Folgerungen für die Schulung der Antizipation
4.1. Methodische Maßnahmen der Antizipation im volleyballspezifischen Training
4.1.1 Variation der Bewegungsausführung
4.1.2 Veränderung der äußeren Bedingungen
4.1.3 Üben unter Zeitdruck
4.1.4 Üben nach Vorbelastung
4.1.5 Die Aufmerksamkeitslenkung
4.1.6 Das Schaffen einer wettkampfähnlichen Situation
4.1.7 Die Bewegungsvorstellung
4.1.8 Täuschbewegungen
4.2. Konkrete Spielreihe mit antizipativen Ansprüchen
4.3. Literaturempfehlungen

5. Schlussbemerkung

6. Anhang

ERKLÄRUNG

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abb. 1: Ebenen der Handlungsregulation

Abb. 2: Allgemeines Schema der Handlungsregulatoren

Abb. 3: Phasen des Entscheidungsprozesses bei Spielhandlungen

Abb. 4: Vereinfachtes Modell der Bewegungskoordination

Abb. 5: Zur Ausdifferenzierung der Spielfähigkeit

Abb. 6: Spielfähigkeit als situative Bewältigung von Person-, Umwelt- und Aufgabenanforderungen

Abb. 7: Gewichtung der einzelnen Leistungsbereiche für die Bedeutung der Spielfähigkeit

Abb. 8: Schema der Spielbeobachtung

Abb. 9: Eingangstest: KG und VG im Vergleich bei der Stellung zum Ball in der Annahme/ Abwehr

Abb. 10: Endtest: KG und VG im Vergleich bei der Stellung zum Ball in der Annahme/ Abwehr

Abb. 11: Eingangstest: KG und VG im Vergleich bezüglich der Zuspielgenauigkeit

Abb. 12: Endtest: KG und VG im Vergleich bezüglich der Zuspielgenauigkeit

Abb. 13: Eingangstest: KG und VG im Vergleich bezüglich der Platzierung im gegnerischen Feld

Abb. 14: Endtest: KG und VG im Vergleich bezüglich der Platzierung im gegnerischen Feld

Abb. 15: Schema des sportmotorischen Tests Teil 1

Abb. 16: Schema des sportmotorischen Tests Teil 2

Abb. 17: Schema des sportmotorischen Tests Teil 3

Abb. 18: Eingangstest: Pritschtest - KG und VG im Vergleich

Abb. 19: Endtest: Pritschtest - KG und VG im Vergleich

Abb. 20: Eingangstest: Baggertest - KG und VG im Vergleich

Abb. 21: Endtest: Baggertest - KG und VG im Vergleich

Abb. 22: Eingangstest: Abwehrtest - KG und VG im Vergleich

Abb. 23: Endtest: Abwehrtest - KG und VG im Vergleich

TABELLENVERZEICHNIS

Tab.1: Arbeitsschritte

Tab.2: Muster eines Beobachtungsbogens

Tab.3: Spielbeobachtungsergebnisse Ina

Tab.4: Spielbeobachtungsergebnisse Agnia

Tab.5: Spielbeobachtungsergebnisse Olga

Tab.6: Spielbeobachtungsergebnisse Klara

Tab.7: Spielbeobachtungsergebnisse Christina

Tab.8: Spielbeobachtungsergebnisse Nadja

Tab.9: Sportmotorischer Test zur Zielantizipation (Aufschlag auf Matten)

Tab.10: Sportmotorischer Test zur Programmantizipation (Pritschtest)

Tab.11: Sportmotorischer Test zur Programmantizipation (Baggertest)

Tab.12: Sportmotorischer Test zur Situationsantizipation (Abwehrtest)

Tab.13: Spielbeobachtungsbogen Ina

Tab.14: Spielbeobachtungsbogen Agnia

Tab.15: Spielbeobachtungsbogen Olga

Tab.16: Spielbeobachtungsbogen Klara

Tab.17: Spielbeobachtungsbogen Christina

Tab.18: Spielbeobachtungsbogen Nadja

1. Einleitung

1.1. Thema und Problem

Antizipation und Spielfähigkeit im Volleyball – eine Untersuchung von Wechselbeziehungen und Fördermöglichkeiten in der Spielpraxis von Jugendlichen.

Die vorliegende Arbeit wird sich mit diesem Thema, mit dem Zusammenhang von Antizipation und Spielfähigkeit und deren Schulung, beschäftigen. Wirkt sich eine gute Antizipationsleistung positiv auf die Spielfähigkeit aus? Mit anderen Worten: Erzielen Spielerinnen mit guten antizipatorischen Fähigkeiten im Volleyball bessere Ergebnisse, und wenn ja, wie kann man diese fördern? Mit diesen Fragen soll sich die Arbeit auseinandersetzen und nach einer ausführlichen Prüfung entsprechende Ergebnisse formulieren.

Im Volleyballtraining fiel mir auf, dass sich Spielerinnen erst kurz vor der Ballberührung bewegten, so dass ein Weiterspiel in den meisten Fällen nicht mehr möglich war. Viele Entscheidungen für bestimmte Reaktionen wurden erst im letzten Moment getroffen - leider oft zu spät, um den Ball noch zu erreichen. Es fehlte auch das Vermögen, richtig und frühzeitig einzuschätzen, wohin der Ball fliegt. Diesen Phänomenen begegnet man ständig im Anfängerbereich und zwar nicht nur in der Annahme und Abwehr, sondern auch beim Zuspiel und beim Angriff.

Meine langjährige Erfahrung als Volleyballtrainerin mit Jugendlichen im Alter zwischen zwölf und fünfzehn Jahren bestätigt die Beobachtungen meiner eigenen Spielerfahrung. Viele Fehler resultieren aus mangelnder Beobachtung des Balls, Mit- und Gegenspieler. Erst wenn sich der Ball wieder im eigenen Feld befindet, wird ihm Aufmerksamkeit geschenkt. Während jedoch der Ball in der gegnerischen Hälfte gespielt wird, sind die meisten Spielerinnen unkonzentriert. Daraus ergeben sich eine Menge misslungener Abwehraktionen. Aber auch in Angriffssituationen kommt es häufig zu Fehlern. Einige Spielerinnen finden die Lücken in der Aufstellung des Gegners, andere spielen den Ball jedoch in die Hände ihres Gegenübers, was in der Regel nicht zu einem Punktgewinn führt. Warum gelingt es einigen Jugendlichen immer wieder, auch in schwierigen Situationen rechtzeitig den richtigen Standort im Feld einzunehmen und eine situationsangepasste Entscheidung zu fällen, anderen dagegen nicht? Kann man dieses Verhalten schulen, und wenn ja, mit welchen Methoden? Auch diese Fragestellungen sollen in dieser Arbeit berücksichtigt werden.

Beobachtet man hingegen Profimannschaften, so kommt es wesentlich seltener zu vergleichbaren Situationen. Die Spielerinnen entscheiden sich frühzeitiger für eine bestimmte Bewegung. Es gelingt ihnen auch besser, sich an der Stelle im Feld zu platzieren, an der sie die folgende Aktion ausführen. Für die verschiedensten Spielsituationen scheinen sie immer eine passende Antwort zu kennen, und das unabhängig von äußeren Störfaktoren. Tatsache ist, dass sich diesbezüglich vom Anfänger- über das Fortgeschrittenen- bis zum Könnerstadium ein Wandel vollzieht. Mein Interesse besteht nun darin, die Faktoren dieser Veränderung herauszufinden und zu erklären.

1.2. Methoden und Untersuchungskonzept

Eine Literaturrecherche soll vorab einen Überblick über die Grundlagen und Formen der Antizipation und der Spielfähigkeit geben. In einem ersten Schritt wird die Antizipation in all ihren verschiedenen Ausprägungsformen definiert und erläutert. Direkt im Anschluss soll außerdem auf die Antizipation im Sportspiel und somit im Volleyball näher eingegangen werden. Es folgt ein Kapitel, das die Grundlagen der Antizipation darstellt und somit auf den Begriff der Antizipation vertieft eingeht. Nach der Klärung des Terminus Spielfähigkeit – im engeren und weiteren Sinn – wird ebenso auf die Grundlagen der Spielfähigkeit eingegangen. Nachdem nun die beiden Begriffe – Antizipation und Spielfähigkeit – eingehend behandelt wurden, stellt ein weiteres Kapitel die Aussagen in der Literatur über die Zusammenhänge von Antizipation und Spielfähigkeit zusammen.

Eine empirische Untersuchung soll nun in der Praxis die gegenseitige Abhängigkeit von Antizipation und Spielfähigkeit prüfen. Aufgrund des begrenzten Zeitraumes dieser Arbeit, ist lediglich ein Experiment im kleinen Rahmen möglich. Aus diesem Grund können die Resultate nur eine Tendenz aufzeigen. Es geht also vielmehr um die Frage, ob die Thesen der Literatur durch die Untersuchungsergebnisse bestätigt werden können. Sie können ebenso als Grundlage für spätere Untersuchungen verwendet werden.

Nach der Formulierung des Untersuchungsinteresses und der Hypothesen, soll eine Vorüberlegung klären, inwiefern Antizipation und Spielfähigkeit operationalisierbar sind. Diese Reflexion stützt sich hauptsächlich auf die Theorien von MEINEL / SCHNABEL (1998). Diese testähnliche Konstruktion teilt sich in eine Spielbeobachtung, die die Spielfähigkeit überprüft und in einen sportmotorischen Test zur Antizipation. Hierfür wurde die Mannschaft in zwei etwa gleichstarke Gruppen, eine Kontroll- und eine Versuchsgruppe, eingeteilt. Der Eingangstest gab Aufschluss über den aktuellen Könnenstand der Jugendlichen. Während nun die Versuchsgruppe einem spezifischem Antizipationstraining unterzogen wurde, trainierte die Kontrollgruppe unspezifisch weiter. Der Endtest, der sich in seiner Form nicht vom Eingangstest unterschied, informierte über Veränderungen. Die Untersuchungsergebnisse wurden in tabellarischer, schematischer und schriftlicher Form dokumentiert und ausgewertet. Auf diese Art und Weise kann die Frage, ob die Antizipation mit der Spielfähigkeit zusammenhängt, bejaht oder widerlegt werden. An die Auswertung schließt sich eine Interpretation der Untersuchungsergebnisse, d.h. deren Aussagen über den Zusammenhang von Antizipation und Spielfähigkeit . In einem weiteren Kapitel sollen Methoden dargestellt werden, die bei der Förderung der antizipatorischen Fähigkeiten berücksichtigt werden müssen. Konkrete Übungsbeispiele und weitere Literaturempfehlungen sollen bei der Verwirklichung des Antizipationstrainings helfen. Das Erarbeitete wird in einer Schlussbemerkung nochmals zusammengefasst. Die abschließende Bibliographie gibt Anregungen zur weiteren Vertiefung dieses Themas.

Die folgende Tabelle stellt das Vorgehen nochmals übersichtlich zusammen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab.1:Arbeitsschritte

2. Antizipation und Spielfähigkeit in der Literatur

2.1. Formen der Antizipation

Im Alltag, am Steuer im Straßenverkehr, überlegen wir uns schon vor dem Abbiegen an einer Kreuzung, welche Richtung wir einschlagen möchten. Überqueren nun Fußgänger die Fahrbahn, so unterbrechen wir unser Vorhaben und lassen sie passieren. Wir nehmen unsere Absicht, nämlich an der Kreuzung abzubiegen, geistig vorweg, kalkulieren Störgrößen wie beispielsweise die Fußgänger mit ein und reagieren so gut wie möglich auf spontane, nicht vorhersehbare Gegebenheiten.

Auch das Handeln im Sport besteht sowohl aus Agieren, als auch aus Reagieren mit der Vorwegnahme der bevorstehenden Handlung. Bevor wir eine Aktion ausführen, nehmen wir unser Umfeld wahr, fällen eine entsprechende Entscheidung für eine ganz bestimmte Lösungsvariante und programmieren die einzelnen Schritte. Der Zuspieler im Volleyball macht sich zum Beispiel ein Bild der gegnerischen Aufstellung, entscheidet sich, den Ball auf die Außenposition zu stellen und geht die einzelnen Schritte im Kopf durch, bevor er sie ausführt.

In der Literatur finden sich hinsichtlich der Antizipation verschiedene Definitionen, abhängig vom Bereich, in dem sie verwendet werden.

Die allgemeine Definition des Sports lautet:

„[...] die [gedankliche] Vorwegnahme oder Erwartung eines bestimmten Ziels bzw. Ereignisse in der Vorstellung bzw. Phantasie , an dem sich das Verhalten, v.a. künftiges Handeln, orientiert. Im Sport spielt die Fähigkeit des Menschen zur Antizipation insofern eine wichtige Rolle, als mit ihrer Hilfe die Eigenbewegung leichter einer Fremdbewegung anpasst, die Reaktionszeit wegen des weitgehenden Ausfalls des Überraschungseffekts verkürzt werden können, wodurch die Antizipation u.a. für das taktisch angemessene Verhalten bei der Ausübung eines Sports unentbehrlich wird.“(MEYERS LEXIKONVERLAG (Hrsg.), 1987, 37)

MEINEL / SCHNABEL (1998, 57ff) behandeln die Antizipation wesentlich ausführlicher und unterscheidet drei Arten: die Ziel-, die Programm- und die Situationsantizipation:

Die Zielantizipation „geht vom Ziel, vom Zweck der Tätigkeit aus und nimmt das angestrebte Resultat bereits voraus“ (MEINEL / SCHNABEL, 1998, 57) . Der Sportler nimmt das Ziel geistig vorweg, d.h. schon vor der Ausführung kennt er den Ausgang seines Vorhabens – ob er ihm so gelingt, wie er sich ihn vorstellt, ist allerdings nicht garantiert. So wird vor einem Aufschlag im Volleyball die gegnerische Aufstellung wahrgenommen und analysiert und das Ziel, den Ball in die gegnerischen Lücke zu spielen, geistig vorweggenommen.

Die Programmantizipation hingegen ist wesentlich komplexer. Sie beinhaltet den „Aufbau eines inneren Modells der motorischen Handlung, das im Verlauf des motorischen Aktes durch Regelvorgänge differenziert und modifiziert wird“ (MEINEL / SCHNABEL, 1998, 57f). Es wird nicht nur das Ziel vorweggenommen, sondern ein ganzer Bewegungsablauf. Vor dem Bewegungsakt geht der Sportler die einzelnen Schritte der darauffolgenden Handlung in der Vorstellung durch. Während der Bewegungsausführung ist er geistig immer schon eine Stufe weiter, das bedeutet, dass er sich geistig schon mit dem nächsten Handlungsteil auseinandersetzt. Während sich der Spieler beispielsweise im Absprung zum Block befindet, konzentriert er sich gedanklich schon längst mit dem eigentlichen Blockieren des Balles und der darauffolgenden Landung. Ziel- und Programmantizipation bilden daher eine unzertrennliche Einheit, jede Programmantizipation beinhaltet gleichzeitig auch eine Zielantizipation.

Die Situationsantizipation ist vor allem auf Kampf- und Spielsportarten bezogen. Sie soll im folgenden Kapitel ausführlich besprochen werden.

2.1.1 Komplexe Antizipation im Sportspiel

In den Spielsportarten und somit auch im Volleyball, kommt es ständig zu Antizipationsleistungen. Spitzensportler und Jugendliche im Anfängerstadium werden permanent damit konfrontiert. Der Angreifer, der sich einem Zweierblock gegenüber sieht, muss nicht nur die Flugkurve des Balles, sondern auch die Bewegung seines Gegners antizipieren. Dabei erfolgt eine Situationsanalyse, d.h. die aktuelle Spielsituation wird wahrgenommen, gespeichert und anschließend werden „mehrere Varianten im Modell – in der Vorstellung des Sportlers – durchgespielt“ (MEINEL / SCHNABEL, 1998, 61). Er hat die Möglichkeit, den Block mit einem Driveschlag zu überspielen, den Block links oder rechts anzuschlagen oder ihn mit einem gezielten Lob auszuspielen. Es ist wichtig, dass der Spieler nach einer genauen Analyse des Ball-, Gegner- und Mitspielerverhaltens die richtige Entscheidung trifft. Dafür ist jedoch eine langjährige Erfahrung nötig; je erfahrener der Spieler, desto umfangreicher ist sein Repertoire an Reaktionsvarianten. Auf längere Sicht werden sich also die Jugendlichen durchsetzen, die es verstehen, Bewegungen richtig zu antizipieren, gegebenenfalls auch unter Druck.

Um den Gegner diese Vorwegnahme zu erschweren, ist es das Bestreben jedes Spielers, seinen Gegner zu täuschen oder zumindest das beabsichtigte Ergebnis so spät wie möglich zu offenbaren. Durch eine Angriffstäuschung ist es möglich, der abwehrenden Mannschaft erst relativ spät das Vorhaben zu offenbaren. Ein kleiner Zeitvorsprung genügt, um einen Punktgewinn zu erzielen. Nicht selten wird im Volleyball das Stellen nur angetäuscht, der zweite Ball jedoch schon in die Lücken der anderen Mannschaft gespielt.

Mit dem Begriff der Programmierung wird sich das folgende Kapitel noch vertiefend beschäftigen.

2.2. Grundlagen der Antizipation

2.2.1 Handlungsregulation

Jeder Aktion im Volleyball, sei es ein Angriff oder die Abwehr eines Lobs, ist eine komplexe Handlung, die sich aus mehreren Teilen zusammensetzt. So könnte man den Angriff weiter in Anlauf, Absprung und Schmetterschlag unterteilen. Bei dieser Handlungskette laufen im Innern der Sportler verschiedene Prozesse ab, die unter dem Begriff Handlungsregulation zusammengefasst werden können.

Zunächst soll jedoch der Ausdruck der sportlichen Handlung besprochen werden. Es handelt sich hierbei um

„in sich abgeschlossene, zeitlich und inhaltlich strukturierte Einheiten der sportlichen Tätigkeit, die auf das Erreichen eines bestimmten Zieles gerichtet und durch Vorausnahme des Handlungsergebnisses und des Handlungsprogramms durch bewusste Entscheidungen sowie durch ständige analytisch-synthetische Kontroll- und Regulationsprozesse gekennzeichnet sind“ (Meinel / Schnabel, 1998, 34)

Während der Begriff der Handlung sowohl die inneren, als auch die äußeren ablaufenden Prozesse berücksichtigt, beschränkt sich die Handlungsregulation auf die Vorgänge im Innern der Spieler. Genau diese Vorgänge spielen sich auch bei jeder Bewegungsantizipation ab. Es geht hier um die „Steuerung und Regelung jeder menschlichen Handlung durch psychische beziehungsweise psychophysische Vorgänge“ (MEINEL / SCHNABEL, 1998, 34).

HACKER (1978, 103ff) unterscheidet zwischen der intellektuellen, der perzeptiv-begrifflichen und der sensomotorischen Regulationsebene. In der ersten Ebene, der intellektuellen, wird ein Handlungsplan aufgestellt, d.h. die jeweilige Situation wird analysiert und der folgende Bewegungsakt wird geistig vorweggenommen. In der zweiten Regulationsebene wird ein Handlungsschema erstellt, die Programmierung findet statt. Das Verhalten der Umwelt wird bei der Programmierung mitberücksichtigt, besonders, wenn diese aktiv ist. In der letzten Ebene liegt der Bewegungsentwurf vor, der Spieler hat sich also für eine ganz bestimmte Vorgehensweise entschieden. Auf jede der drei Ebenen kann methodisch eingewirkt werden. Während man die sensomotorische Ebene hauptsächlich durch Selbstbeobachtung schult, reicht für die zweite Stufe die Fremdbeobachtung aus. Ein Handlungsplan wird durch die sprachliche Information des Trainers erstellt, beim weiteren Üben durch Rückinformationen.

Hierzu die folgende Darstellung von MEINEL / SCHNABEL (1998, 35) :

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Ebenen der Handlungsregulation

Die Handlungsregulation bei CHRISTMANN / FAGO (1991, 79ff) betrifft ebenfalls die psychische Komponente der Spieler. Im Gegensatz zu MEINEL / SCHNABEL (1998, 35) beschränkt sie sich jedoch nicht auf die Erstellung eines Handlungsplanes, eines Handlungsschemas und Bewegungsentwurfes, sondern berücksichtigt darüber hinaus auch die Ausführung und die Ergebniskontrolle.

CHRISTMANN / FAGO (1991, 80) veranschaulichen die Handlungsstruktur wie folgt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Allgemeines Schema der Handlungsregulatoren

In der ersten Ebene der Handlungsstruktur - dem Orientierungsteil -orientieren sich die Volleyballer, d.h. sie gewinnen einen Überblick über die aktuelle Situation. Sie verarbeiten die Eingangsinformationen und versuchen ihr Ziel und einen Handlungsplan zu antizipieren. Dabei stützen sie sich auf gespeicherte Informationen aus ihrem Erfahrungsschatz.

Die Antriebsregulation, die den ganzen Handlungsprozess überdauert, ist besonders wichtig beim Entscheiden für ein bestimmtes Handlungsschema. Eine Spielerin mit einer hohen Antriebsregulation wird sich überlegter und schneller entscheiden als eine mäßig motivierte Sportlerin. Da Volleyball ein Reaktionsspiel ist und es ständig um den Zeitfaktor geht, sind schnelle Entscheidungen essentiell für einen Punktgewinn.

Die dritte Ebene beinhaltet die Ausführung der Bewegung, die unter Umständen an die wechselnden Umweltbedingungen angepasst werden muss. Tritt unvorhergesehen ein Störfaktor auf, muss der Handlungsplan aktualisiert werden. Eine plötzliche Richtungsänderung des Angreifers würde einen Standortwechsel des Abwehrspielers bewirken. Dieser müsste spontan sein Vorhaben ändern und sich auf die neue Situation einstellen.

Im Erlebnisteil wird beurteilt, ob das angestrebte Ziel erreicht wurde und der Verlauf dafür angemessen war – je nachdem wird die Bewegung verworfen oder in den Speicher weitergeleitet.

Handlungen laufen teilweise bewusst, teilweise unbewusst ab. Sobald gewisse Aufgabenlösungen wiederholt zum Erfolg führen, wird ihr Ablauf automatisiert und kann „zum Teil «gedankenlos», «mechanisch» und «verkürzt» ab“ (CHRISTMANN / FAGO, 1991, 79). Sind die Bewegungsabläufe jedoch stark automatisiert, so neigen die Spieler zu Unkonzentriertheit. Um dieser Automatisierung vorzubeugen, ist es notwendig, die Spiel- und Übungsformen im Training ständig zu variieren.

Die Antizipation sollte auch so spät wie möglich und so früh wie nötig erfolgen. Stellt sich beispielsweise der Abwehrspieler zu früh auf einen longline gepritschten Ball ein, der im letzte Moment doch diagonal geschlagen wird, so hat er das Nachsehen. Aber auch zu langes Überlegen kann sich negativ auswirken. Die Antizipation eines Angriffs muss demnach so früh erfolgen, dass der Abwehrspieler noch rechtzeitig den vom Angreifer anvisierten Ort erreicht.

Die folgende Darstellung von CHRISTMANN / FAGO (1991, 82) veranschaulicht den Handlungsprozess mit Beispielen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Phasen des Entscheidungsprozesses bei Spielhandlungen

Dieses Schaubild trifft hauptsächlich auf fortgeschrittene Volleyballspieler zu. Ersetzt man jedoch einige Elemente, so kann es auch auf Jugendliche bezogen werden. Der frontale Angriffsschlag und der Drehschlag müssten lediglich durch einen Lob, bzw. einen Lob entgegengesetzt zur angetäuschten Richtung ersetzt werden.

Die Handlungsstruktur wurde wiederum mit anderen Bezeichnungen versehen, da der Handlungsprozess in diesem Fall den Entscheidungsprozess in den Vordergrund stellt. Der Spieler bereitet seine Entscheidung vor, wählt eine von vielen aus, realisiert und kontrolliert sie. In diesem Fall bereitet er einen Angriff über die Position drei vor. Er verschafft sich einen Überblick über die Situation und sucht in seinem Erfahrungsspeicher nach entsprechenden gespeicherten Informationen. Er entscheidet sich schließlich für einen Driveschlag, bzw. für einen Lob in die linke Lücke der Feldabwehr. Er realisiert sein Vorhaben und reagiert dabei auf das ungenaue Zuspiel des Stellers, das er nicht direkt in seinen Handlungsablauf eingeplant hatte. Nach der Ausführung bewertet er die Bewegung gemäß seiner Effektivität und speichert ihn gegebenenfalls als weitere Lösungsvariante ab.

2.2.2 Sollwert-Istwert-Vergleich

MEINEL / SCHNABEL (1998, 42) beschreibt im folgenden Schaubild den Sollwert-Istwert-Vergleich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Vereinfachtes Modell der Bewegungskoordination

Aus dem Schaubild ist ersichtlich, dass Programmierung und Sollwert-Istwert-Vergleich nahe beieinander liegen und somit eine unzertrennliche Einheit bilden.

„Um das jeweils vorausgenommene Ergebnis zu erreichen und das dementsprechende Handlungsprogramm zu verwirklichen, müssen ständig die kleinsten Teilschritte des Bewegungsaktes mit dem Gesamtziel, den Teilzielen, dem motorischen Verlaufsprogramm bzw. den erwarteten Rückmeldungen verglichen werden.“(MEINEL / SCHNABEL, 1998, 65)

Diese Aussage kann folgendermaßen verdeutlicht werden: Der Trainer formuliert das Ziel der Handlung, indem er es artikuliert oder vormacht. Beim Spieler wird der Bewegungsakt programmiert, d.h. er wird geistig vorweggenommen. Dabei vergleicht er die eingehenden und die im motorischen Gedächtnis gespeicherten Informationen (Istwerte) mit dem vorgegebenen Ziel und den erwarteten Rückmeldungen (Sollwerte). Über Nervenfasern werden die Informationen vom Zentralnervensystem an die Zielorgane weitergeleitet, wo schließlich die Bewegungsausführung stattfindet. Im Anschluss daran werden die Informationen über das Endergebnis, aber auch über die Umweltbeschaffenheiten über afferente Bahnen wieder im motorischen Gedächtnis gespeichert, wo sie beim nächsten Versuch wieder abgerufen werden können.

Je mehr die Spieler üben, desto mehr Informationen sind im motorischen Gedächtnis gespeichert und können zum Vergleich herangezogen werden. Eine Verbesserung des Bewegungsaktes wird deswegen durch permanentes Üben und ständiges Korrigieren erreicht. Genauso verhält es sich mit der Antizipation: Die Antizipationsvermögen eines Spielers steigt mit der Anzahl der gespeicherten Bewegungsabläufe.

2.2.3 Wahrnehmung

Bevor eine Vorwegnahme einer Bewegung stattfinden kann, muss zuerst die gegebene Situation wahrgenommen, d.h. Informationen erfasst werden. Darunter fällt sowohl das Wahrnehmen der Objekt-, als auch der Fremd- und der Eigenbewegung.

Bei der Wahrnehmung unterscheiden VOIGT / WESTPHAL (1995, 58ff) zwischen folgenden Sehtechniken: statischem und dynamischem Sehen, wobei ersteres wiederum in scharfes und ganzheitliches Sehen eingeteilt werden kann. Beim dynamischen Sehen „[...] versucht der Spieler, diese sich bewegenden Diagnosemerkmale optisch zu verfolgen“ (VOIGT / WESTPHAL 1995, 58). Er macht dabei antizipative Augefolgebewegungen. Liegen die dynamischen Diagnosemerkmale weit auseinander – bei gleichzeitiger Beobachtung von Steller und Angreifer zum Beispiel - kommt es häufig zu Blicksprüngen; das heißt, dass die Spieler optisch schnell zwischen den beiden zu beobachtenden Merkmalen hin- und herspringen. Statistisches Sehen hingegen bedeutet, dass ruhende Diagnosemerkmale wahrgenommen werden oder zeitlich nur ein sehr kurzer Ausschnitt. Beim scharfen Sehen konzentriert sich der Spieler auf ein Merkmal mit all seinen Details. In einer Angriffsituation ist das häufig die Schulterachse des Angreifers, da diese entscheidend für die Schlagrichtung ist. Das ganzheitliche Sehen unterschlägt oft jegliche Details, nimmt hingegen Merkmale wahr, die räumlich weit auseinander liegen. Man spricht hier auch vom peripheren Sehen.

Aus der Vielzahl der erfassten Einzelinformationen kann nun die relevante Information zusammengesetzt und für die Antizipationsleistung verwendet werden. Das Problem im Anfängerbereich liegt im Herausfinden der handlungsrelevanten Informationen. Die Jugendlichen müssen erst lernen, welche Informationen für eine bestimmte Zielsetzung, bzw. Handlungsabsicht entscheidend sind. Außerdem ist ein Minimum an Spielverständnis nötig, um eine Handlung gezielt wahrnehmen, antizipieren und planen zu können. Ohne die Kenntnis des Läufersystems ist die beste Wahrnehmungsfähigkeit nutzlos.

2.2.4 Aufmerksamkeit

Die Aufmerksamkeit bildet ebenso Grundlage der Antizipation. Man versteht darunter die Suche, die Aufnahme und die Verarbeitung von Informationen. Da man nicht willkürlich viele Informationen aufnehmen und verarbeiten kann, ist es notwendig, die wichtigen von den unwichtigen zu unterscheiden. Wir sprechen diesbezüglich auch von einer Informationsselektion. Beim gegnerischen Angriff muss der Abwehrspieler beispielsweise einige der vielen verschiedenen Informationen auswählen. Er hat die Möglichkeit, den Ball, den Steller oder die Angreifer zu beobachten. Er kann sich des Weiteren auf die Anlaufrichtung oder die Schulterachse der Angreifer konzentrieren. Da nicht alle Kriterien parallel beobachtet werden können, muss eine Auswahl erfolgen. Im Anfängerbereich erfolgt diese Selektion oft willkürlich, erst ein erfahrener Spieler weiß, auf was es ankommt.

Versucht ein Spieler ein weites Feld wahrzunehmen, so sprechen wir von Distribution der Aufmerksamkeit. Gilt es jedoch eine „eng umschriebene Reizquelle auf Kosten anderer intensiv zu beobachten, so spricht man von Konzentration der Aufmerksamkeit“ (CHRISTMANN / FAGO 1991, 76)

Für eine gute antizipatorische Leistung sind beide Formen notwendig. Einerseits konzentriert sich der Abwehrspieler auf die Bewegungen des Angreifers und kann somit die Ballrichtung und eventuell die Ballgeschwindigkeit vorwegnehmen; andererseits distribuiert er seine Aufmerksamkeit zum Beispiel in einer Angriffssituation um die Lücken in der gegnerischen Aufstellung wahrzunehmen.

Außerdem unterscheidet man zwischen paralleler und serialer Informationsaufnahme. Bei letzterer schaltet der Spieler in Sekundenbruchteilen zwischen mehreren Reizquellen hin und her. Bei der parallelen Informationsaufnahme nimmt er mehrere Gegebenheiten gleichzeitig wahr. Hierfür ist die Fähigkeit des peripheren Sehens von Vorteil, die bei erfahrenen Volleyballern ausgeprägt vorliegt.

Zusammenfassend kann man sagen: je besser die Aufmerksamkeitsleistung, desto einfacher ist es, unmittelbare Ereignisse vorwegzunehmen.

2.3. Die Formen der Spielfähigkeit

Im Sportspiel Volleyball müssen die Spieler ständig mit den Mitspielern kooperieren und gegen den Gegner agieren. Es entstehen dadurch ständig neue Spielsituationen, die bewältigt werden müssen. Dabei müssen nicht nur die Regeln beachtet, sondern auch Kreativität gezeigt werden, um zum Punktgewinn zu gelangen. Die Motivation der Spieler darf nicht unterschlagen werden, auch sie trägt positiv zur Spielfähigkeit bei.

Eine allgemeine Definition der Spielfähigkeit lautet:

Wer fähig ist, aktiv und erfolgreich an einem Sportspiel als Mit- und Gegenspieler teilzunehmen, indem er spieltypische Situationen und Spielvorgänge im Rahmen der Regeln technisch und spieltaktisch, individuell oder in Kooperation mit anderen bewältigt, sie emotional erlebt und mitgestaltet, besitzt die Spielfähigkeit.“ (KÖNIG 1997, 477)

Zur genaueren Definition kann man die Spielfähigkeit nach KÖNIG (1997, 478) wie folgt einteilen und konkretisieren:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Zur Ausdifferenzierung der Spielfähigkeit

Wie der Abbildung zu entnehmen ist, kann man die Spielfähigkeit in eine Spielfähigkeit im engeren und eine im weiteren Sinne einteilen. Erstere ist weiter unterteilbar in eine allgemeine und eine spezielle.

Allgemeine Spielfähigkeit bezeichnet hierbei die Fähigkeit, ein Spiel in Gang zu setzen, es in seinem Verlauf zu sichern und bei Störungen wiederherzustellen. Von spezieller Spielfähigkeit ist dann die Rede, wenn für ein bestimmtes Spiel Kenntnisse über Spielidee und Spielregeln, die notwendigen Fertigkeiten im Umgang mit dem Spielgerät und taktische Erfahrungen in wichtigen Spielsituationen vorhanden sind.“(KÖNIG, 1997, 477)

Mit anderen Worten sprechen wir immer von der speziellen Spielfähigkeit, wenn wir sie auf ein bestimmtes Sportspiel, in unserem Fall das Volleyball, beziehen.

Die allgemeine Spielfähigkeit ist unabhängig von der Spielsportart. Zu ihr zählen die Fähigkeiten, die Grundlage aller Sportspiele bilden, wie beispielsweise die Antizipationsfähigkeit, das periphere Sehen und die Orientierungsfähigkeit in komplexen Spielsituationen.

Während es bei der Spielfähigkeit im weiteren Sinne lediglich darum geht, ein Spiel aufrecht zu erhalten, bezieht sich der engere Begriff auf fundiertere Fähigkeiten im Bereich der Kondition, der Koordination, der Technik und Taktik.

KONZAK (1990, 49) definiert die Spielfähigkeit wie folgt:

„Spielfähigkeit ist die komplexe Fähigkeit, die durch die verschiedenartigen und ständig wechselnden Spielsituationen entstehenden Aufgaben individuell und in Kooperation mit anderen Spielern bei indirekter und direkter gegnerischer Einwirkung lösen zu können. Spielfähigkeit äußert sich außerdem in der situationsangepassten Nutzung allgemeiner und spielspezifischer psychischer, konditioneller, koordinativer und technisch-taktischer Leistungsvoraussetzungen sowie durch eine normadäquate Selbststeuerung des sozialen Verhaltens.“

Die Definition unterstreicht den komplexen Charakter dieser Fähigkeit. Sie geht weniger auf die allgemeine, bzw. die spezielle Form ein, betont dafür das kooperative Handeln, das dem individuellen gegenüber steht. Die Spielfähigkeit setzt neben psychischen, konditionellen, koordinativen und technisch-taktischen Fähigkeiten auch die Reaktion auf gegnerische Handlungen voraus.

Die Bedeutung der Spielfähigkeit wird in der folgenden Aussage nochmals verdeutlicht: „Die Spielfähigkeit bildet [...] Grundlage für die komplexe Spielleistung bzw. für ein leistungswirksames Spielverhalten“ (KONZAG 1990, 50).

MEINEL / SCHNABEL (1998, 222) unterstreichen ebenfalls die Komplexität der Spielfähigkeit:

„Der Begriff der Spielfähigkeit steht beispielsweise für einen Fähigkeitskomplex, in dem zwar koordinative Fähigkeiten eine zentrale Stellung einnehmen, jedoch nicht allein, sondern in besonders engem Zusammenhang mit Schnelligkeitsfähigkeiten und taktischen Fähigkeiten.“

2.4. Die Grundlagen der Spielfähigkeit

2.4.1 Anforderungsprofil des Volleyballspiels

Da sich die spezielle oder spezifische Spielfähigkeit ausschließlich und konkret auf ein bestimmtes Sportspiel mit all seinen konditionellen, vor allem aber technisch-taktischen Anforderungen bezieht (vgl. KÖNIG, 1997, 478), ist es erforderlich, das Anforderungsprofil im Volleyball darzustellen.

Die Sportart Volleyball gehört zu den Rückschlagspielen und ist gekennzeichnet durch

"alternierendes Schlagrecht zweier Spielparteien, zyklischer Wechsel der Aktionen [...] und kurzzeitige Berührung des Spielobjekts." (Wetterich / Seidenstücker / Grabowiecki 2000, 121)

Aus diesen spezifischen Rahmenbedingungen des Volleyballs und der kleinen Aktionsfläche von 162m2 mit 12 Spielern, ergibt sich eine bestimmte Dynamik, die an die Spieler entsprechende Anforderungen stellen:

Von den Volleyballern werden „vor allem hohe Präzisionsleistungen unter Zeit- und Entscheidungsdruck abverlangt“ (Voigt / Westphal 1995, 5). Diese Forderung resultiert aus der Kürze der Ballberührung. Wird ein Ball zu weit vom Netz weggestellt, ist kein optimaler Angriff mehr möglich. Der Angreifer muss auf einen Driveschlag ausweichen, der in den meisten Fällen leicht abgewehrt werden kann. Der Steller muss nicht nur fähig sein, sein Zuspiel präzise auszuführen, sondern sich auch rechtzeitig für eine situationsangepasste Lösungsvariante entscheiden. Durch den hohen Zeitdruck muss die Informationsaufnahme zeitlich vorgeschaltet werden. Hierfür sind vor allem visuelle und koordinative Fähigkeiten erforderlich. Neben diesen Bedingungen sind „hohe Start- und Explosivkräfte, eine allgemeine aerobe Ausdauer, Beweglichkeit, Spielausdauer für Kurzzeitintervalle über eine längere Belastungszeit, psychische Leistungen“ (VOIGT / WESTPHAL 1995, 6) erforderlich.

Alle diese Faktoren sind Voraussetzung für die Spielfähigkeit und somit für die Spielleistung.

2.4.2 Person-, Umfeld- und Aufgabenanforderungen als Grundlage der Spielfähigkeit

Man kann die Spielfähigkeit auch in ein Beziehungsgefüge von Person, Umfeld und Aufgabe setzen. All diese Faktoren können weiter unterteilt werden und nehmen Einfluss auf die Spielfähigkeit. Die individuellen Hintergründe, beispielsweise die Tatsache, ob der Jugendliche freiwillig oder gezwungenermaßen das Sportspiel ausübt, wirken sich positiv oder negativ auf sein Spielverhalten aus. Die Genetik, die Größe des Jugendlichen oder die Muskelbeschaffenheit, ist auch ausschlaggebend. Sie kann jedoch durch Training nicht oder nur wenig verändert werden. „Die Umsetzung angestrebter Sinnfindungen verlangt vom Jugendlichen die bewusste Auseinandersetzung mit Situationen im Sport.“ (VOIGT / RICHTER 1991, 20) Erst wenn das Kind den für sich bedeutenden Sinn im Volleyballspiel gefunden hat, kann es das Spiel als Erlebnis erfahren und seine Spielfähigkeit entfalten. Die Motorik ist bei jedem Jugendlichen unterschiedlich stark ausgeprägt, Ursachen liegen oft schon im frühen Kindesalter. So lernen einige Jugendliche sehr schnell, andere brauchen länger für das Erfassen eines Bewegungsablaufs und erzielen erst später gute Spielleistungen.

Aber auch das soziale Umfeld, seine Mit- und Gegenspieler können die Spielfähigkeit beeinträchtigen oder fördern. Es reicht schon ein Mitspieler, mit dem er sich nicht versteht, und die Konzentration auf das Spiel wird unmöglich. Während im Training lediglich Trainer und Mitspieler anwesend sind, muss sich der Spieler im Wettkampf zusätzlich mit der gegnerischen Mannschaft, deren Trainer und gegebenenfalls mit Zuschauern auseinandersetzen. Diese Tatsache kann die Spielleistung sowohl fördern, als auch mindern. Bei den einen wirkt die Anwesenheit von Zuschauern motivierend, andere fühlen sich in einer solchen Situation hingegen beobachtet. Darüber hinaus müssen sich die Jugendlichen an gewisse Normen anpassen. Halten sie sich nicht an die Spielregeln, so wird der Schiedsrichter mit Sanktionen darauf reagieren. Diese können sich wiederum negativ auf die Psych e des Spielers auswirken und somit die Spielfähigkeit beeinträchtigen.

Koordinative Fähigkeiten sind grundlegende Voraussetzungen für die Spielfähigkeit. Die Volleyballer müssen Bewegungen koppeln, d.h. verbinden können und sich auf sich verändernde Situationen einstellen und schnell darauf reagieren. Nach einer Desorientierung im Sprung müssen sie sich wieder im Raum orientieren und das Gleichgewicht finden. Rhythmische Fähigkeiten sind notwendig, um eine gewisse Bewegungsdynamik zu garantieren. Werden die Raum-, Kraft- und Zeitmerkmale auch noch aufeinander abgestimmt, so wird ein präzisiertes Spielen ermöglicht.

Mit zunehmendem Spielniveau treten die taktischen Fähigkeiten immer mehr in den Vordergrund. Fundierte Kenntnisse bezüglich des Regelwerks und der Spielsysteme bilden die Basis taktischen Denkens. Ein taktisch geschulter Spieler kennt im Gegensatz zu einem Anfänger mehr Lösungsvarianten für ein Problem.

Das nachstehende Schaubild von VOIGT / RICHTER (1991, 20) veranschaulicht nochmals die Faktoren, die die Spielfähigkeit beeinflussen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Spielfähigkeit als situative Bewältigung von Person-, Umwelt- und Aufgabenanforderungen

2.4.3 Bedeutung der einzelnen Fähigkeiten für die Spielfähigkeit

In der folgenden Darstellung haben VOIGT / RICHTER (1991, 7) noch einmal die einzelnen Leistungsbereiche aufgelistet, die Grundlage der Spielfähigkeit sind. Dieses Schema gewichtet die Bereiche jedoch entsprechend ihrer Bedeutung für die Spielfähigkeit. Als Einteilung wurden die drei Kategorien niedrig, mittel und hoch gewählt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Gewichtung der einzelnen Leistungsbereiche für die Bedeutung der Spielfähigkeit

Hohe Bedeutung wird der Koordination und der Psyche zugeschrieben. Erstere ist zuständig für die Bewegungspräzision, ohne die ein Spiel nicht zustande kommen kann. Aber auch die Psyche hat eine zentrale Stellung. Allein ein demotivierter Spieler kann den Spielfluss durch sein gleichgültiges Verhalten unterbrechen. An dritter Stelle steht die Spielausdauer für Kurzzeitintervalle. Ein Spieler muss fähig sein, über einen langen Zeitraum, immer wieder kurze Strecken mit maximaler Geschwindigkeit zurückzulegen. „Kognitionen sind geistige Fähigkeiten und Fertigkeiten zum organisierten Vorgehen beim Lösen von Aufgaben und Problemen.“ (CHRISTMANN / FAGO 1991, 63) Im Trainingsprozess werden Bewegungsvorstellungen entwickelt, die immer wieder neu analysiert und bewertet werden. In den verschiedenen Spielsituationen kann dann auf diese Informationen zurückgegriffen und eine situationsangepasste Lösungsvariante ausgewählt werden. Auf den letzten Plätzen stehen Schnellkraft für den Start, Sprung und Schlag, Beweglichkeit und aerobe Ausdauer.

2.5. Zum Zusammenhang von Antizipation und Spielfähigkeit – Ergebnisse der Literatur

In diesem Kapitel sollen die Aussagen der Literatur über den Zusammenhang von Antizipation und Spielfähigkeit zusammengestellt werden.

Die theoretischen Untersuchungen von Richtering / Westphal (1986, 77ff) weisen nach, dass antizipiert wird, die Fähigkeit der Antizipation leistungsdifferenzierend ist und höher qualifizierte Spieler besser antizipieren. Daraus ergibt sich die „Bedeutung der Antizipationsfähigkeit für den Spielerfolg und die Vermutung, dass diese Fähigkeit trainierbar ist, verlangen nach Konsequenzen in der Ausbildung“ (RICHTERING / WESTPHAL 1986, 77). Da Spielfähigkeit und Spielerfolg eine unzertrennbare Einheit darstellen, beinhalten diese Aussagen die Wechselbeziehung von Antizipation und Spielfähigkeit. Ebenso wird auf die Notwendigkeit aufmerksam gemacht, dass diese Tatsachen im Trainingsprozess Berücksichtigung findet, d.h. die Antizipation gezielt gefördert werden muss.

KONZAG (1990) ermittelt in ihrem Artikel die dominanten Komponenten der Spielfähigkeit. Ihrer Meinung nach gehören „ständig komplexe und differenzierte Spielsituationswahrnehmungen und Spielantizipationen“ (KONZAG 1990, 50) neben situationsangepasstem Entscheiden und Präzision zu den wichtigen Grundlagen der Spielfähigkeit. Somit wäre die gegenseitige Abhängigkeit von Antizipation und Spielfähigkeit direkt angesprochen. Sie formuliert weiter:

„Durch Analyse der sich ständig verändernden Handlungsbedingungen, durch antizipierendes Inbeziehungsetzen von Situationsbedingungen und ihren zukünftigen Veränderungen zu den eigenen Handlungsvoraussetzungen und Handlungsabsichten und die damit ermöglichte Vorwegnahme der Handlungsergebnisse ist der Spieler zu befähigen, aus einer mehr oder weniger großen Anzahl von Lösungsalternativen situationsangemessene Handlungsentscheidungen zu treffen und aktiv mittels variabler Handlungsprogramme unter Berücksichtigung des größten Nutzens gegen mehr oder weniger starke Stör- und Einflussfaktoren auf die Spielfortsetzung einzuwirken.“ (KONZAG 1990, 51)

[...]

Ende der Leseprobe aus 87 Seiten

Details

Titel
Antizipation und Spielfähigkeit im Volleyball
Untertitel
Eine Untersuchung von Wechselbeziehungen und Fördermöglichkeiten in der Spielpraxis von Jugendlichen
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Sportwissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
87
Katalognummer
V9398
ISBN (eBook)
9783638161138
Dateigröße
1281 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Volleyball, Antizipation, Spielfähigkeit
Arbeit zitieren
Juliane Grimm (Autor), 2001, Antizipation und Spielfähigkeit im Volleyball, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9398

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