Herz der Finsternis von Joseph Conrad - Ein Schwellentext zwischen Viktorianismus und Modernismus


Essay, 2005
8 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Ich [...] litt unter dem Anblick der Leute, die durch die Straßen eilten, um einander ein wenig Geld abzuknöpfen. [...] Sie waren Eindringlinge, deren Wissen vom Leben mir eine aufreizende Anmaßung schien, denn ich war sicher, dass sie die Dinge nicht wissen konnten, die ich wusste.

Am Beginn dieses Aufsatzes muss ein Geständnis stehen. Ich muss zugeben, dass ich bis jetzt noch nicht so viele Bücher gelesen habe, als dass ich einfach an ein Regal gehen, zugreifen und einen Schwellentext aus den anderen Büchern hervorziehen könnte. Im Internet, auf der Suche nach Inspiration, fand ich in einem Vorlesungsprotokoll eines Professors für Anglistik an der Universität Kiel folgende Behauptung, die Ausgangspunkt meiner Überlegungen werden sollte: „Ein Schwellentext zwischen Viktorianismus und Modernismus ist Joseph Conrads Roman Heart of Darkness (dt. Herz der Finsternis), der 1899 erschien.“[1] Bei meiner Untersuchung, deren Ziel es ist, diese Behauptung zu überprüfen, konzentriere ich mich zunächst auf den sich im Text widerspiegelnden historischen Zeitgeist, um dann darzustellen auf welche Art und Weise Conrad diesen in Frage stellt. Abschließend werde ich aufzeigen, dass diese inhaltlichen bzw. erkenntnistheoretischen Schwellenübertretungen auf der formalen Ebene ihre Entsprechung finden und wie sich der Roman im letzten Jahrhundert zwischen den Polen Subversivität und Kanonisierung bewegte.

Das Licht der Zivilisation

Herz der Finsternis ist tief verwurzelt in traditionellen Denkmustern und historischen, sozialen und kulturellen Kontexten des Viktorianischen Zeitalters. Diese werden bereits in der Rahmenhandlung der eigentlichen Geschichte des Erzählers Charlie Marlow auf der ersten Seite des Buches angedeutet, als sich Marlow auf dem Schiff einer Handelsgesellschaft an der Themsemündung befindet und auf die „größte[...] Stadt der Erde“ (vgl. S. 5)[2] blickt. Impliziert wird mit diesem Bild die mit der industriellen Revolution einhergehende wirtschaftliche Prosperität, die den Aufschwung Britanniens zu einer neuzeitlichen Großmacht unter der Regentschaft der Königin Viktoria[3] wesentlich begünstigte. Diesem technischen und ökonomischen Aufstieg steht im Viktorianischen Zeitalter das Festhalten an bürgerlichen Konventionen, Traditionen und prüden Moralvorstellungen gegenüber. Auch dies hat sich in das Herz der Finsternis eingeschrieben. Horatchek wies in diesem Zusammenhang besonders auf „eine Moral der Kontrolle über Triebimpulse und eine Moral [...] der Arbeit“[4] hin, die als besonders typisch für die genannte Epoche gelten. Und so wird auch Marlow nicht müde darauf hinzuweisen, wie gut er sich selbst unter Kontrolle hat (vgl. S. 28) und welch wichtige Rolle die Arbeit in seinem Leben einnimmt (vgl. z.B. S. 51)[4]. Eng damit verbunden ist das der Zeit entsprechende Bild der geschlechtlichen Rollenverteilung. Denn Frauen sind für Marlow bloße Objekte, weitestgehend ohne Rechte, da sie seiner Meinung nach „völlig außer Fühlung mit der Wahrheit“ (S. 21) seien, „in einer Welt ihrer eigenen Schöpfung [lebten], deren gleichen es nie gegeben hat und auch nie geben kann“ (vgl. S. 21).

So vertritt er also für die viktorianische Epoche typische Auffassungen und arbeitet als Flussdampferkapitän auf dem Kongo an der Kolonialisierung der restlichen Welt. Dabei sahen und sehen sich in Herz der Finsternis die Europäer selbst als „Sendbote[n] des Erbarmens [und] der Wissenschaft [...] zur Durchführung der gerechten Sache“ (vgl. S. 46), „jede Station [der Handelsgesellschaft] sollte ein Leuchtturm auf dem Wege zu einer besseren Zukunft“ und „[e]in Mittelpunkt [...] aller Bestrebungen, die auf Belehrung, Verbesserung, Verbrüderung abzielen“ (vgl. S. 60), sein. Vertreter der Marlow anheuernden

Handelsgesellschaft bezeichnen sich gar als die „Pioniere des Fortschritts“ (S. 17). Fortwährend wird die Intelligenz, Sprachfähigkeit und Kulturalität (vgl. S. 10, 51, 52) des weißen Mannes hervorgehoben, der als „Wanderer auf einer vorgeschichtlichen Erde“ (S. 65) das ,Licht der Zivilisation’ durch „Kälte, Nebel, Ungewitter, Krankheit, Verbannung und Tod“ (vgl. S. 9) trägt. Ganz selbstverständlich stellen sich die Europäer hinsichtlich der Evolution eine Stufe über den primitiven, wilden und kulturlosen Eingeborenen (vgl. S. 67f) auf, die „immer noch dem Urbeginn der Zeiten“ (S. 75) angehörten. Der vorgeschichtliche schwarze Mann (vgl. S. 66) wird identifiziert mit dem „Nicht-Wirklichen, Irrationalen, Wahnhaften, Gefährlichem, Bösem“[6], der „leidenschaftlichen, düsteren Seele der Wildnis“ (S. 112), die sich in der Undurchdringlichkeit des Dschungels als undefinierte Fleischmasse ausnimmt. Mit grausiger Brutalität und erbarmungsloser Verachtung begegnen die Agenten der Handelsgesellschaft den Afrikanern (vgl. S. 29) und pressen ohne Rücksicht auf Menschenleben dem Kontinent die Rohstoffe ab. Den Gipfel dieses Rassenwahn markiert der ,Bericht über wilde Sitten’ des Elfenbeinhändlers Kurtz, der sich von ganz besonderer Unmenschlichkeit zeigt. Marlow berichtet, dass er darin behaupte,

dass wir Weiße, auf der Höhe der Entwicklung, die wir erreicht hätten, ihnen (den Wilden) notwendig als übernatürliche Wesen erscheinen [und] ihnen mit göttlicher Machtvollkommenheit entgegentreten müssten. (vgl. S. 93)

Die Reklamation der (Schreckens)Herrschaft, die mit der Nachschrift „Alle die Hunde ausrotten!“ (S. 93) endet, und die proklamierte Überlegenheit der Weißen in Herz der Finsternis waren es, die den nigerianischen Schriftsteller Chinua Achebe im Jahre 1975 dazu veranlassten, Conrads Werk einen durch Fortschreibung von imperialistisch-eurozentrischen Selbst- und Fremdbildern getragenen Rassismus vorzuwerfen.

Die Mächte der Dunkelheit oder der Hunger nach Elfenbein

Doch Conrad hat mit Herz der Finsternis kein rassenideologisches Manifest verfasst. Denn wurden diese Ansichten in erster Linie durch die Agenten der Handelsgesellschaft vertreten, so finden wir bei Kapitän Marlow eine merkwürdige Ambivalenz vor. Wie wir gesehen haben, ist er zwar einerseits vor allem hinsichtlich Moral und Frauenbild in viktorianische Traditionen eingebunden und trägt oftmals seine Bewunderung für Afrika verwaltende Weiße vor (vgl. S. 31). Andererseits aber verurteilt er das Gewinnstreben der Handelsgesellschaft und im allgemeinen die Ausbeutung des Kontinents als „verrückten Einbruch“ (S. 42) in die Wildnis :

Ein Hauch törichter Raffsucht wehte durch all das, wie die Ausdünstung eines Kadavers. Bei Gott! Nie in meinem Leben habe ich etwas so Unwirkliches gesehen.

Angesichts der angeblich „menschenfreundlichen Vorwände des ganzen Unternehmens“ im Zusammenspiel mit „ihr[em] Gerede, ihre[r] Herrschaft, ihre[r] angeblichen Arbeit“ (vgl. S. 42) bezeichnet er die in einer inneren Station haltmachende, einem „finsteren, widerwärtigen Geschäft“ (S. 92) nachgehende ,Eldorado-Forschungsexpedition’ schließlich als Tiere, die weniger wertvoll als Esel wären, und ihren angedeuteten baldigen Tod als „Schicksal [...], das sie verdienten“ (vgl. S. 61).

[...]


[1] Prof. Dr. Horatchek im Wintersemester 2003/04 in der Vorlesung „Konstruktion von Innerlichkeit in der Englischen Literatur von Shakespeare bis zur Postmoderne“. Im Internet unter http://www.anglistik.uni- kiel.de/Chairs/Anglistik/Mat.erial/VL_WS03_04_Prot.okoll.pdf (Abrufdatum: 05.08.2005)

[2] Alle Zitate beziehen sich, so weit nicht anders gekennzeichnet, auf Conrad, Joseph (1958): Das Herz der Finsternis. Berlin. Aufbau-Verlag. Das Eingangszitat findet sich auf Seite 133.

[3] Königin Viktoria regierte Großbritannien von 1840 bis 1901 und war namensgebend für dieses Zeitalter.

[4] Horatchek: vgl. S. 226

[5] Weitere Beispiele für viktorianische Moralstellungen finden sich auf den Seiten 47 und 50.

[6] Horatchek: vgl. S. 225

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Herz der Finsternis von Joseph Conrad - Ein Schwellentext zwischen Viktorianismus und Modernismus
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Lektürekurs: Schwellentexte der Weltliteratur
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
8
Katalognummer
V94655
ISBN (eBook)
9783640103652
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herz, Finsternis, Joseph, Conrad, Schwellentext, Viktorianismus, Modernismus, Lektürekurs, Schwellentexte, Weltliteratur
Arbeit zitieren
David Blum (Autor), 2005, Herz der Finsternis von Joseph Conrad - Ein Schwellentext zwischen Viktorianismus und Modernismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94655

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Herz der Finsternis von Joseph Conrad - Ein Schwellentext zwischen Viktorianismus und Modernismus


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden