Gottlob Frege und dessen Bedeutungslehre


Seminararbeit, 1999
7 Seiten

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Inhalt

1. Einleitung

2. Zeichen und Sätze
2.1 Zeichen
2.2 Sätze
2.3 Satzteile

3. Betrachtungen

4. Schluß

1. Einleitung

Gottlieb Frege (1848-1925) gilt als einer der Begründer der modernen Logik. Er versuchte, sie als eigene Disziplin zwischen Mathematik und Philosophie herauszuarbeiten, da sie weder Teil der einen noch der anderen ist. Das Anliegen Freges war es, eine Sprache für die Wissenschaft zu entwickeln, die die Verständigungsprobleme natürlicher Sprachen nicht kennt, die aus verschiedenen Wortbedeutungen, deren unterschiedlichem Gebrauch und dergleichem resultieren.

Ein wesentlicher Beitrag dazu ist die 1879 erschienene ,,Begriffschrift" sowie eine Reihe weiterer, unter anderem das hier bearbeitete Werk ,,Sinn und Bedeutung", welches 1892 herausgegeben wurde. Es gilt als Entwurf einer allgemeinen Bedeutungslehre und wird als eine der wichtigsten historischen Quellen der modernen Semantik angesehen. Gegenstand dieser Hausarbeit ist es, den Unterschied der Begriffe ,,Sinn" und ,,Bedeutung" bei Frege zu untersuchen. Es werden Zeichen und Sätze betrachtet und die damit verbundenen Probleme erläutert.

2. Zeichen und Sätze

2.1 Zeichen

Zunächst wird festgestellt, daß sprachliche Ausdrücke wie Worte oder Wortverbindungen Zeichen sind. Das Wort "Venus" beispielsweise bezeichnet den Planeten Venus, ist aber selbst nicht die Venus. Es ist in der Sprache nur ein Symbol für die Venus und steht dort für sie, wo von ihr gesprochen wird, da sie selbst in einem Satz nicht vorkommen kann, sondern ihre Bahn um die Sonne zieht. Physikalische oder sinnliche Erscheinungen lassen sich nicht in Sprache einbinden, also bedient man sich dieser Verweise auf sie, den Wörtern. Jedesmal wenn von etwas gesprochen wird, geschieht dies mittels Worten, die Referenzen auf das Besprochene darstellen, es bezeichnen. Anders ist es auch gar nicht möglich, sich in etwas so Abstraktem, wie es Sprache ist, zu bewegen.

Das, worauf ein Zeichen meist weist, nennt Frege seine Bedeutung. Der Ausdruck ,,Venus" meint die Venus, die Bedeutung des sprachlichen Zeichens ,,Venus" ist also der Planet Venus. Die Venus selbst paßt in keinen Satz, das auf sie weisende Zeichen ,,Venus" schon. Die gleiche Bedeutung kann durch verschiedene Zeichen in verschiedenen Zusammenhängen repräsentiert werden. Ein besonderes Beispiel dafür sind die Sprachen. Der Ausdruck für eine Sache ist in fast jeder Sprache ein anderer und meint doch dasselbe. So essen Deutsche ,,Brot", wenn Spanier ,,pan" genießen.

Außer der Bedeutung eines Zeichens erkennt Frege noch einen ihm zugehörigen Sinn. Dieser ist zu verstehen als eine bestimmte ,,Art des Gegebenseins" des bezeichneten Gegenstandes. So verweisen etwa die Zeichen "Abendstern" und "Morgenstern" auf denselben Planeten Venus in verschiedener Weise, da die Zusammenhänge, in denen beide Ausdrücke jeweils verwendet werden, verschiedene sind. ,,Morgenstern" meint die Venus am Morgenhimmel vor Sonnenaufgang, ,,Abendstern" meint die Venus am Abendhimmel in der frühen Dämmerung. Die beiden Worte kann man nicht ohne weiteres miteinander vertauschen, ohne ihren Zusammenhang zu entstellen, obwohl beide dasselbe bedeuten. Ihre voneinander verschiedener Sinn macht ihre verschiedene Verwendung aus.

Hat ein Ausdruck einen Sinn, kann es trotzdem sein, daß er bedeutungslos ist. Der Name ,,Odysseus" z.B. steht für jenen sagenhaften griechischen Seefahrer und wird in diesem Sinn verwendet, allerdings ist die Person, auf die er weist, nicht existent und vielleicht auch nie gewesen. Die Bedeutung von ,,Odysseus", also das, was es bezeichnet, ist somit nicht klar, währenddessen ein Sinn vorhanden ist.

In der Tat lassen sich viele Beispiele finden, in denen es eine Bedeutung Fregescher Art nicht gibt. Besonders die Kunst ist reich an ihnen, läßt zahlreiche Situationen, Personen, Gegenstände und Ideen außerhalb der Wirklichkeit zu. Da Freges Hauptaugenmerk auf der wissenschaftlichen Betrachtung liegt, unterstützen diese Beispiele seine Ansicht, daß die von ihm verlangte logische Sprache für Wissenschaft solche Ungenauigkeiten nicht zulassen darf. Jedes Zeichen sollte einen Sinn und eine Bedeutung haben.

Das Zeichen bzw. Worte überhaupt eine Bedeutung haben können, wird vorausgesetzt. Sie liege schon in der Absicht, von bezeichneten Dingen zu denken und sprechen. Diese eher unkorrekte Vorausnahme einer Bedeutung ist auf den Standpunkt Freges zurückzuführen. Seine angestrebte Sprache der Logik soll ja dem Ziel dienen, verbindliche Aussagen über betrachtete Gegenstände zu treffen, daher befaßt er sich nur mit für ihn bedeutungsvollen Zeichen.

2.2 Sätze

Weitergehend fragt Frege, wie es sich mit Sinn und Bedeutung von ganzen Behauptungssätzen verhält. Im folgenden werden sie kurz als ,,Satz" bezeichnet.

Jeder Satz enthält einen Inhalt. Es ist gleichgültig, ob dieser unsinnig erscheint oder nicht, wahr ist oder nicht, es gibt ihn in irgendeiner Weise, es wird etwas ausgedrückt. Diesen Inhalt bezeichnet Frege hier als den Gedanken des Satzes und fragt weiter, ob dieser sein Sinn oder seine Bedeutung ist.

Setzt man voraus, der Satz habe eine Bedeutung, und ersetzt man in ihm ein Wort durch ein anderes mit derselben Wortbedeutung, aber anderem Sinn, so ändert sich die Satzbedeutung nicht, dafür aber der Sinn. Als Beispiel vergleiche man ,,Der Morgenstern ist ein von der Sonne beleuchteter Körper" mit ,,Der Abendstern ist ein von der Sonne beleuchteter Körper". Die Bedeutung von ,,Morgenstern" und ,,Abendstern" ist die gleiche, allerdings ist der Sinn beider Ausdrücke verschieden. Wer vom Abendstern spricht, meint nicht den Morgenstern, und umgekehrt. Mit dem unterschiedlichen Sinn der beiden Zeichen für die Venus wird auch der Inhalt beider Sätze voneinander verschieden. Der Sinn eines Satzes muß also sein Inhalt bzw. Gedanke sein.

Nun stellt sich die Frage, was dann die Bedeutung eines Satzes ist, vorausgesetzt, sie existiert. Das es sie gibt, sei schon an der Suche nach ihr zu sehen, da ein bedeutungsloser Satz ohne jeglichen Erkenntniswert wäre. Hier muß wieder auf Freges Hinarbeiten auf eine Sprache der Wissenschaft verwiesen werden, womit diese etwas ungenaue Definition entschuldigt werden kann. Für seinen Zweck reicht diese Erklärung aus, da ja tatsächlich das Bestreben wissenschaftlicher Arbeit dahin geht, Erkenntnis zu gewinnen. Geht man von einem Satz ohne Bedeutung aus, ist es nicht möglich, eine genaue Aussage zu formulieren.

Erst wenn die Behauptung, die in einem Satz aufgestellt wird, in irgendeiner Weise beurteilt werden kann, läßt sich aus ihr etwas schließen. Dieses Urteil liefert der Wahrheitswert eines Satzes mit den beiden Möglichkeiten ,,wahr" oder ,,falsch". Ist die Aussage eines Satzes wahr, ergibt sich für ihn der Wahrheitswert ,,wahr". Bei falscher Aussage gilt das Gegenteil. Mit diesem einfachen Schema ist das Bewerten der Bedeutung einer Aussage möglich. Ein Satz liefert eine Erkenntnis dann, wenn klar ist, ob der Gedanke des Satzes wahr oder falsch ist. Da nun der Inhalt eines Satzes sein Sinn ist, muß sein Wahrheitswert seine Bedeutung sein. Wenn der Wahrheitswert eines Satzes seine Bedeutung ist, haben alle wahren Sätze die gleiche Bedeutung und alle falschen ebenso, die einen bedeuten das Wahre und die anderen das Falsche, woraus sich allein genauso wenig Erkenntnis ableiten läßt wie aus den bloßen Gedanken. Daran ist zu sehen, wie Sinn und Bedeutung zusammenhängen; erst der Gedanke und die Antwort auf die Frage, ob er war oder falsch ist, machen eine Erkenntnis möglich. Der Sinn eines Satzes ist also sein Gedanke, seine Bedeutung ist sein Wahrheitswert.

2.3 Satzteile

Diese Feststellung untersucht Frege weiter ausführlich an Satzteilen und Nebensätzen, es soll an dieser Stelle reichen, seine dabei gewonnenen Ergebnisse anzureißen, da sein Prinzip das gleiche bleibt.

Was bei der Ersetzung eines Satzteiles für die Bedeutung eines Satzes gilt, muß dann auch für dessen Wahrheitswert gelten. Als Beispiel ersetze man wieder einmal im Satz ,,Der Morgenstern ist ein von der Sonne beleuchteter Körper" den Satzteil ,,der Morgenstern" durch ,,der Abendstern". Der Wahrheitswert bleibt unverändert ,,wahr", da die Bedeutung der Worte ,,Morgenstern" und ,,Abendstern" dieselbe ist. So ist auch die der beiden Sätze gleich, ihr Sinn allerdings verschieden, da unterschiedliche Gedanken ausgedrückt werden.

So wie Worte bzw. Satzteile verhalten sich auch Teilsätze. Frege stellt fest, daß sich der Wahrheitswert eines Satzes nicht verändert, wenn einer seiner Teilsätze durch einen mit gleichem Wahrheitswert ausgetauscht wird.

Allerdings läßt sich unser Sprachgebrauch nicht so einfach beschreiben. In einem Satz wie ,,Napoleon, der die Gefahr für seine rechte Flanke erkannte, führte selbst seine Garden gegen die feindliche Stellung" werden zwei Gedanken ausgedrückt:

1. Napoleon erkannte die Gefahr für seine rechte Flanke;
2. Napoleon führte selbst seine Garden gegen die feindliche Stellung.

Der Nebensatz hat für sich allein genommen einen Gedanken, und diesen behält er offensichtlich auch im ganzen Satz. Er fügt sich nicht als kleiner Teil des Ganzen in den Hauptsatz ein, sondern beide Gedanken können unabhängig voneinander existieren. Da er im Gesamtsatz einen eigenen Gedanken, also Sinn hat, hat er auch seine eigene Bedeutung, seinen Wahrheitswert. Hier spielt seine Wahr- oder Falschheit eine Rolle. Wenn man den ganzen Satz als Behauptungssatz nimmt, behauptet man gleichzeitig beide Teilsätze. Ist einer von beiden falsch, ist es auch der ganze Satz, denn von einem ,,halb-wahren" Satz kann man nicht sagen, er sei wahr.

Man könnte nun auch in einem solchen Satz einen eigenständigen Nebensatz mit eigener Bedeutung durch einen mit derselben Bedeutung, also dem gleichen Wahrheitswert, ersetzen. Es ergäben sich aber mitunter eigentümliche Inhalte, da die verschiedenen Gedanken der Teilsätze eventuell zusammen keinen Sinn ergäben.

3. Betrachtungen

Die klare Unterscheidung von Freges Sinn und Bedeutung stellt sich in der Realität mitunter etwas schwierig dar. Die natürlichen gesprochenen und geschriebenen Sprachen lassen vielfach Ausdrücke mit mehreren Deutungsmöglichkeiten zu, die zum Teil auch beabsichtigt sind.

Zum Beispiel findet man im Satz ,,Weil das Eis spezifisch leichter als Wasser ist, schwimmt es auf dem Wasser" als Inhalt folgende Gedanken:

1. Eis ist spezifisch leichter als Wasser;
2. etwas, das spezifisch leichter als Wasser ist, schwimmt darauf;
3. Eis schwimmt auf dem Wasser.

Der Nebensatz ,,weil das Eis spezifisch leichter ist als Wasser" drückt den ersten Gedanken und einen Teil des zweiten aus. Würde man den Nebensatz hier durch einen anderen mit gleichem Wahrheitswert ersetzen, würde leicht der zweite Gedanke geändert und somit der Sinn des ganzen Satzes, vielleicht sogar dessen Wahrheitswert.

Nicht zuletzt tragen viele Wörter und Sätze Inhalte mit sich, die völlig voneinander verschiedene Gedanken in einem Satz ermöglichen. Das Zeichen ,,Leiter" z.B. deutet mit dem Artikel ,,der" auf einen Führer und auf etwas stromleitendes, der Artikel ,,die" läßt es auf eine Kletterhilfe weisen. Oft werden eventuelle Verständnisprobleme durch den Kontext beseitigt, aber dennoch ist die Gefahr des Mißverstehens bei natürlichen Sprachen stets vorhanden. Menschliche Kommunikation ist immer auch geprägt von Absichten, Gefühlen, der derzeitigen psychischen Verfassung einzelner Teilnehmer usw. und findet auch außerhalb der Sprache mittels Gestik, Mimik und anderen Körpersignalen statt. Daher kann ein Satz geschrieben ganz anders erscheinen als von einer Grimasse oder einem Lächeln begleitet und auch anders aufgefaßt werden.

Deshalb ist es unmöglich, die von Frege gewünschte Logiksprache innerhalb einer natürlichen zu etablieren.

4. Schluß

Freges Ausführungen zu Sinn und Bedeutung sind hier an einigen Beispielen nur knapp erläutert worden, doch lassen diese sein Ansinnen schon erkennen.

Nach Frege ist der Sinn eines Wortes oder Zeichens die Art des Gegebenseins dessen, was es bedeutet. Der Sinn eines Behauptungssatzes ist der in ihm ausgedrückte Gedanke, seine Bedeutung sein Wahrheitswert. Allerdings zeigt sich bei eingehender Betrachtung der natürlichen Sprache, daß sie sehr oft mehrdeutig ist und Sinn und Bedeutung ihrer Bestandteile nicht einfach getrennt und eingeordnet werden können. Die sich so anbahnenden Schwierigkeiten, eine genaue Struktur in die natürliche Sprache zu bringen und ihre Zeichen eindeutigen Bedeutungen zuzuordnen, um sie für exakte Aussagen zu gebrauchen, sind ein weiterer Beleg der Wichtigkeit der Existenz einer Sprache für die um Eindeutigkeit bemühte Wissenschaft.

Die Probleme, die Frege mit dieser Sprache lösen will, sind auch die, die sich ihm in seinem Werk auftun bei der Beschreibung und Erklärung seiner Gedanken.

Literaturverzeichnis:

Patzig, G. (Hrsg.), 1994, Frege, Gottlob: Funktion, Begriff, Bedeutung, 7. Aufl., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen

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Details

Titel
Gottlob Frege und dessen Bedeutungslehre
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar "Sinn und Bedeutung. Eine Einführung in Freges Sprachphilosophie"
Autor
Jahr
1999
Seiten
7
Katalognummer
V95878
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Aufsatz "Sinn und Bedeutung" von 1892 ist Grundlage der HA. Viel Spass beim Lesen!
Schlagworte
Gottlob, Frege, Bedeutungslehre, Institut, Philosophie, Dresden, Prof, Wansing, Seminar, Sinn, Bedeutung, Eine, Einführung, Freges, Sprachphilosophie
Arbeit zitieren
Henri Wahl (Autor), 1999, Gottlob Frege und dessen Bedeutungslehre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95878

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