Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) „Widerstand“ als Inbegriff
3) „Widerstand“ unter dem Gestaltaspekt
4) „Widerstand“ unter dialektischem Aspekt
5) „Widerstand unter interaktionellem Aspekt
6) Zusammenfassung
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1) Einleitung
Unter den vielen Aspekten und Theorien in der Psychologie die umstritten sind, ist auch das Konzept des „Widerstandes“ in der Individualpsychologie nicht ohne Anhänger und Gegner geblieben. Der Diplompsychologe, Psychoanalytiker und Professor für Psychologie an der Universität GHS Essen Günter Heisterkamp vermeidet bei der Vorstellung dieses Konzeptes dennoch die Bewertung und ermöglicht dem Leser dieses Textes die neutrale Betrachtung dieses Bereiches in der Psychologie. Aufgebaut ist sein Text in fünf umfassende Teile die sich auf verschiedene Gebiete bzw. auf die Betrachtung des Begriffes „Widerstand“ unter verschiedenen Aspekten beziehen. Grundlegend für diesen Text ist ein umfassendes Literaturverzeichnis. Teil 1 dieses Schriftstückes definiert den Begriff „Widerstand“ als prägnant und feststehend für das Feld der Individualpsychologie und im speziellen in der Psychotherapie. Der zweite Teil betrachtet den Begriff „Widerstand“ unter den Aspekten der Gestaltpsychologie, wobei die Bedeutung dieses Phänomens für den Patienten hervorgehoben wird. Im dritten Teil werden dialektische Bezüge hergestellt, d.h. These, Antithese und Synthese dieses Systems werden gesondert dargestellt und analysiert. Teil 4 betrachtet die Auswirkungen und Folgen des „Widerstandes“ besonders unter dem interaktionellem Aspekt der Situation Therapeut versus Patient. Zu guter Letzt fasst Heisterkamp im fünften Teil noch mal alle gemachten Feststellungen und Beobachtungen zusammen. Abschließend sollte gesagt sein das Heisterkamp in seinem Text vor allem von der therapeutischen Situation ausgeht, also vor allem die praktische Seite hervorhebt.
2) „Widerstand“ als Inbegriff
Der Begriff des Widerstandes wurde von Sigmund Freud entwickelt und bezog sich im allgemeinen auf Störungen des Therapieablaufs. So sagte Freud: „Was immer die Fortsetzung der Arbeit stört, ist ein Widerstand.“ 1 Diese Störungen des Therapieablaufs sind unter anderem dann ganz deutlich wahrzunehmen, wenn der zu behandelnde Patient z.B. Termine vergisst, Sitzungen absagt oder sich verspätet, wenn er sich gegen die offene Darlegung seines Problems wehrt oder darüber hinweg redet, wenn er durch die Steigerung seiner Symptome versucht die gegenwärtige Situation zu verfestigen, wichtige Zugangsquellen wie Einfälle, Träume oder Erinnerungen versperrt oder er versucht den aktuellen Forderungen seiner Lebenssituation auszuweichen. Diese Liste von Störungen ließe sich beliebig fortsetzen, da immerhin sein ganzes Verhalten dem Sinn des Widerstandes folgt. Der Sinn des Widerstandes liegt darin den therapeutischen Prozess der Wandlung zu behindern bzw. zu erschweren, da dies eine Wandlung der seelischen Verfassung voraussetzen würde. „Widerstand“ muss
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zunächst als Sammelbegriff für eine Reihe von Phänomenen gelten, über die sich Therapeuten verständigen. Er dient dazu eine gewisse Einteilung vorzunehmen ohne jedoch eine Erklärung zu versuchen. Also soll der Begriff des „Widerstandes“ zunächst als faktische Definition dienen um eine Verständigungsbasis herzustellen. Im weiteren wird dann auf die Frage eingegangen wie sich solche Vorgänge auf die individualpsychologische Struktur des Seelischen beziehen, wie sich psychologisch funktionieren und wie sie in der Therapie gemeistert werden können.
3) „Widerstand“ unter dem Gestaltaspekt
Nun wird „Widerstand“ unter dem Gestaltaspekt betrachtet, da dieser Gedanke grundlegend für die Individualpsychologie ist. Adler sagt, die Persönlichkeit ist eine „immanent zielgerichtete Einheit“. 2 „Das individuelle Bildungsprinzip, das als vereinheitlichende Gestalt alle Verhaltens- und Erlebensweisen des Individuums durchzieht,“ wird von Adler als Lebensstil bezeichnet. 3 Alle Ausdrucksformen des Seelischen werden urbildlich von diesem Lebensstil durchzogen. Abzuleiten sind feststellbare Widerstände in der Therapie aus der Vormachstellung des Ganzen gegenüber seinen Gliedzügen. Alles was ein Individuum hervorbringt ist im System des speziellen Lebensstils organisiert. In diesem Sinne z.B. handeln wir, denken wir und fühlen wir. Also behalten oder vergessen wir, verstehen oder missverstehen wir, usw..
Als Verdeutlichung des Gestaltaspektes lassen sich viele anschauliche Beispiele finden, so z.B. das bekannte Vexierbild von W.E. Hill. Wir sehen entweder die junge hübsche Frau mit ihrem Hut und stimmigen Accessoires oder sehen eine alte Hexe mit einer fürchterlichen Hakennase. Betrachten wir nun jenes Bild, entdecken wir eine uns vertraute Struktur und verdrängen die andere Möglichkeit unbewusst bzw. ungewusst in den Erlebnishintergrund. Es ist insofern ein Widerstand zu erkennen, das wir die junge Frau lieber sehen als die alte Hexe und so das Bild der Hexe in den Hintergrund rücken. Gleichermaßen gibt es in der Denk- und Gedächtnispsychologie Beispiele die Widerstände verdeutlichen. Hier sein nur einmal auf die Neun-Punkte-Aufgabe 4 verwiesen, bei der neun Punkte die im Quadrat angeordnet sind mit vier geraden Strichen in einem Linienzug durchfahren werden müssen. Der in dieser Aufgabe enthaltene strukturelle Zwang, den Rahmen des virtuellen Quadrates nicht zu überschreiten, beschreibt einen Widerstand. Allerdings wäre es nötig diesen Rahmen zu durchbrechen, wollte man diese Aufgabe lösen. „Daraus resultieren „Widerstände“ , die prägnante, aber inadäquate Lösungsgestalt zugunsten einer differenzierteren, aber adäquaten aufzugeben. Das quasi-neurotische Verhalten besteht in der Fixierung an ein Handlungsmuster, das - um in
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dem gewählten Beispiel zu bleiben - nur Versuche innerhalb eines als quadratisch antizipierten Lösungsschemas erlaubt.“ 5 Ebenso gibt es Probleme beim schöpferischen Problemlösen, die dadurch hervorgerufen werden, wenn wir an die funktionale Gebundenheit von Gegenständen erinnert werden. Auch beim Aufbau von Erinnerungen, also beim Gebrauch unseres Gedächtnisses gibt es funktionale Prinzipien, die gemäß der Funktion ihre eigenen Widerstände bzw. ihre eigene Zensur hervorbringen. „Wenn die am Beispiel aktueller Handlungsverfassungen gewonnenen Einsichten auf überdauernde Charakterverfassungen bezogen werden, lassen sich „Widerstände“ als Ausdrucksformen für deren Entwicklungschancen und Entwicklungsgrenzen verstehen.“ 6 Das bedeutet also das „Widerstände“ kennzeichnend dafür sind wie weit sich ein Individuum entwickeln bzw. selbst einschränken kann. Gleichzeitig sind in „Widerständen“ die Systemschranken eines individuellen Lebensstils zu erkennen. Vor allem neurotische Lebenspläne geben prototypisch Beispiele für dieses System. Der allumfassende Rahmen dieses Systems strebt allem entgegen, was nicht durch die neurotische „Schablone“ passt. Charakteristische Attribute eines neurotischen Lebensstils sind z.B. „starrsinnig“ oder „eigensinnig“. Aufgrund der Tatsache das die neurotische Logik sich mit der allgemeinen Logik der Menschheit bricht, fehlt laut Piaget der bewegliche Ausgleich zwischen Assimilation und Akkomodation. Nun ist der neurotische Lebensstil ein „kunstvoll arrangiertes Vermeidungssystem“, das sich durch Starrheit kennzeichnet, die gegen alles gerichtet ist was dieses System stören könnte. Vermeidungssystem in der Hinsicht, dass der Neurotiker immer versucht ist u.a. Sachen, Empfindungen und Gedanken auszuschließen bzw. zu vermeiden die sein System belasten könnten. Der neurotische Lebensstil ist ständig in seiner Einheit gefährdet. Die Angst des Neurotiker seine Identität zu verlieren, führt zu dem Hauptirrtum einer neurotischen Lebensweise. Das nämlich die eigene Identität nur aufrecht gehalten werden kann, wenn er sich an ein Schema bindet, es sozusagen fixiert. Diese Aufgabe, also die Unmöglichkeit sich gegen die lebensnotwendige Wandlungen des Seelischen zu stellen, erfordert vom Betroffenen allerhand „Kunstgriffe“,
„Hilfskonstruktionen“ oder „Arrangements“. Um die eigene Gestalt nicht verändern zu müssen, wird z.B. zu Tricks, Finten, Leugnungen, Verkehrungen, Vermeidungen, Umwertungen und Verschiebungen gegriffen. Diese unzähligen Verhaltensweisen des Neurotiker dürfen nicht als Widersprüche zum gesamten System gesehen werden, sondern sollten vielmehr als dessen Belege gelten. Als Versuch der Absicherung bringen solche Symptome erheblich belastende Folgen mit sich. Adler spricht davon, das der Patient genau die Symptome vorgibt, die er benötigt um seine fiktiven Ziele zu erreichen. Gerade hier muss
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sich der Therapeut die Frage stellen, welchen Sinn oder welche Ziele sein Patient mit diesen Symptomen versucht zu verwirklichen. Denn im System des Patienten wird das Unsinnige sinnig, das Unzweckmäßige zweckmäßig usw.. Der Patient reproduziert ständig das Grundmuster der eigenen Erlebnis- und Verhaltenswelt, das als Zentrum die Erhöhung des Selbstwert- und Persönlichkeitsgefühls inne hat. „So sind Widerstände nach individualpsychologischer Auffassung Sicherungen und Arrangements, die der Selbsterhaltung des neurotischen Lebensplanes dienen.“ 7
4) „Widerstand“ unter dialektischem Aspekt
Verwenden wir den Widerstandsbegriff nur als Beschreibungsbegriff so dient er dazu die Störungen und Blockierungen der therapeutisch angestrebten Veränderungen aufzuzeigen. Er zeigt das Paradoxem auf mit dem der Patient umzugehen hat, denn er sucht die Hilfe eines Therapeuten auf, wehrt sich dann aber gegen die eigene Heilung. Adler spricht von einer Blockierung des obligatorischen Strebens nach Überwindung von Schwierigkeiten des Lebens. Zudem sind lebensnotwendige Gestaltung und Umgestaltung des Alltages durch sein Verhalten blockiert. Der Versuch des Neurotiker das Bewegliche des Seelischen einzudämmen, steigert die Bedrohlichkeit für sein Leben. Künkel spricht davon, dass der Kern neurotischen Verhaltens darin liegt, ständig die Wandlung des Seelischen zu verhindern. Künkel sagt: „Dieser Formenwandel wird ewig angedeutet und nie vollzogen. ... Was nur Vorgang, Ablauf, Prozeß sein kann, wird benutzt, um einen Zustand vorzutäuschen.“ 8 Salber sagt aus der morphologischen Grunderfahrung heraus: „Widerstände verweisen danach auf die Einschränkungen seelischer Formenbildung.“ 9 Aus den Erfahrungen unseres Handelns heraus bildet sich eine Angst vor der Umkehr unseres Handelns und der eigenen Reaktion darauf. Um diese Ängste in Schach zu halten, wird in der Neurose versucht die Zahl der Wandlungen so gering wie möglich zu halten. Da sich dies jedoch nicht unbegrenzt durchführen lässt, benötigt diese Einschränkung ständig neue Hilfskonstruktionen, und das mit zunehmender Tendenz.
„Widerstände“ sind also nicht allein auf die therapeutische Situation beschränkt, sonder finden sich auch im ganz normalen Alltag wieder. Sie sind sozusagen ubiquitär. Geradezu dramatisch wird es für den Neurotiker, wenn sich seine „Widerstände“ auf ganz alltägliche, ja für den gesunden Menschen selbstverständliche Situationen ausdehnen. Wenn er nicht in der Lage ist seine Wohnung „einfach“ zu verlassen, oder ein Tier zu streicheln usw.. Diese abnormen Verhaltensweisen werden auch nicht durch Leistungsdruck, Unterstützungen, Überredungen, Abwertungen etc. unterdrückt sondern erfahren vielmehr dadurch noch eine
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Verschlimmerung, die dazu führt die bereits angesprochenen Hilfskonstruktionen zu schaffen. „Diese Veränderungswiderstände lassen sich in geradezu tragischer Weise bis in die Odyssee der Rat- und Hilfesuche hinein verfolgen, die oft nach der unbewussten Logik ausgerichtet ist, nur jeden denkbaren anderen Helfer zu konsultieren, bevor erst in äußerster Notlage derjenige aufgesucht wird, der am ehesten helfen könnte.“ 10
Die Frage warum ein Mensch sich so eine Last auferlegt führt in die Dialektik seelischen Geschehens. Eine Neurose findet ihre Begründung, nach individualpsychologischer Auffassung, in übersteigerten Minderwertigkeitsgefühlen, die nur durch entsprechende Gegentendenzen ausgeglichen werden können. Es wird also ein Kompromiss aufgebaut zwischen Minderwertigkeit (These) und Geltungsstreben (Antithese). Um einer Vereinseitigung zu entgehen bedient sich Heisterkamp dem Grundgedanken des Adlerschen Persönlichkeitskonzeptes. „ ... und zwar als ein Streben von einem wie auch immer erlebten Minus („Unten“) zu einem wie auch immer gearteten Plus („Oben“). Die Formalisierung soll einerseits auf die unabdingbare Individualisierung in jedem Einzelfall hinweisen und andererseits das allgemeine Verständnis für das neurotische Arrangement, aus dem die Widerstände gegen Veränderungen resultieren, erleichtern:
Hier sei das Beispiel des Studenten erwähnt, der seine Minderwertigkeitsgefühle nur durch eine fiktive alles andere überragende Sonderleistung ausgleichen kann. Damit seine Fiktion nicht zerbricht, muss er alles daran setzen einen Misserfolg zu vermeiden. Hier kommen sich jedoch beide Tendenzen in die Quere und führen den Studenten in eine Situation, die ein Hilfskonstrukt bzw. einen Kompromiss erfordert. Um nun aus dieser scheinbar ausweglosen Situation herauszukommen, entwickelt der Student ein Magengeschwür. Dieses ausgeklügelte Arrangement, das zudem schmerzhaft ist, bietet wenn auch unter einer Anzahl von „Kriegskosten“, einen Kompromiss: die grundlegenden Tendenzen werden durch Modifikation in der Synthese durch das Symptom aufgehoben. Das Magengeschwür hilft ihm seinen überzogenen Anspruch weiterzuleben und liefert zudem einen Grund für die Rechtfertigung des eigentlichen Vermeidungsverhaltens. Dieser Kompromiss ist jedoch eine Milchmädchenrechnung, denn sie belastet den Studenten mit einer Menge von psychischen als auch physischen Symptomen, die von Adler als „Kriegskosten“ verstanden werden.
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Das Grundschema der Adlerschen Persönlichkeitskonzeption kann man aufgrund verschiedenster spezieller Ausdrucksformen weiter konkretisieren, das sei an dieser Stelle durch verschiedene Beispiele aber nur angedeutet. Vorausgesetzt sei das negative Gefühle durch Dominanz bzw. das Zusammenspiel spezifischen Unvermögens gekennzeichnet sind. Dies sind u.a. Trennungsängste, Vereinnahmungsängste, Ohnmachtsängste, Versagensängste, Auflösungsängste usw.. Zu jedem dieser Gefühle gibt es die entsprechenden Tendenzen, also überkompensatorische Tendenzen und entsprechende Sicherungstendenzen. So ist z.B. bei dem Gefühl der Versagensangst die Tendenz zu Omnipotenzansprüchen kennzeichnend. Egal welche Art von Gefühl auftritt, so muss die Schlucht zwischen den überkompensatorischen Tendenzen und den dazu gehörigen Vermeidungstendenzen durch einen Kompromiss überbrückt werden. Dieser Kompromiss besteht entweder aus psychischen oder aus psychosomatischen Störungen. „Es handelt sich um eine problematische Konstruktion, weil zwei unvereinbare Tendenzen vereinigt werden sollen und die zur Sicherung der Identität entwickelten Arrangements ständig die originären Ängste reproduzieren. 13 Wir differenzieren weiter, wenn wir die von Adler definierten Lebensstil als Regulationsprinzipien unterschiedlicher Grundideale betrachtet. Adlers Beispiel der verzärtelten Kinder 14 zeigt ganz deutlich das eine seelische Fehlkonstruktion stets schwere negative Folgen nach sich zieht. „Die jeweilige Tendenz lässt sich in Polarität zur jeweils anderen als Sicherungstendenz verstehen. Die überkompensatorischen Tendenzen nach Verwöhnung implizieren entsprechende Ohnmachtsängste, die ihrerseits zu
überkompensatorischen Machtansprüchen führen. Diese vergrößern wiederum die Ablehnungsängste, die zu einer Übersteigerung der Versorgungsansprüche führen. Verzärtelte Kinder entwickeln deswegen häufig Lebensstile, die aus der Dialektik übersteigerter Versorgungs- und Machtansprüche bestehen, indem sie durch die Dokumentation von Unzulänglichkeiten andere zu beherrschen zu suchen. ... Die Macht dieser Kinder liegt in ihrer Ohnmacht.“ 15 Nun aus dieser Situation heraus rutschen die Kinder in einen Teufelskreis: Es kommt zu einem je/desto Verhalten, denn je schwächer, ohnmächtiger usw. sie sich fühlen desto größer ist der Anspruch auf Stärke, Macht usw.. Es kommt im Endeffekt zu immer fataleren Steigerungen. „Der neurotische Lebensstil ist ein individuelles Wirkungssystem, das sich ständig neu re-produziert.“ 16 Das Problem eines Neurotiker liegt nicht in den schlimmen Erinnerungen, es liegt darin das er ständig die leidvollen Erfahrungen neu hervorbringt. Durch Starrheit in diesem System erreicht der Neurotiker die Sicherheit seinen Ansprüchen gerecht werden zu können. Da die zentrale Stelle im neurotischen System die Sicherungstendenzen sind, verlangt der Patient das die Welt sich ändern müsse, bevor er sich ändert. Da entspringt
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der Vorstellung das eine Verringerung der Sicherung eine Gefährdung für sein System darstellt. Um nun den Heilungsprozess einzuleiten, bedient man sich einer kontinuierlichen Verringerung der Sicherungstendenzen. Eine Therapie geht dann, soweit sie individualpsychologischer Auffassung entstammt, folgenden Gesichtspunkten nach:
(1) Strukturierung; Gliederung des Ungegliederten, besondere Beachtung der Gefühle (2) Analyse; die Patienten lernen Fragen nach dem unbewussten Sinn ihres Handelns zu stellen, sie lernen Symptome und Störungen zu verstehen, sie lernen ihre Erlebens-und Verhaltenswelt zu begreifen
(3) Erste Umstellungen; Folgerungen aus der veränderten Situation des Patienten (4) Veränderungen; sie resultieren aus den Erfahrungen von seelischen Zwickmühlen
Aus der Aufdeckung von „Irrtümern“, „Lebenslügen“, „Verrücktheiten“ oder Kriegskosten werden neue Anreize zur Um- und Neustrukturierung entwickelt. Ziel muss es sein, dass sich der Patient die Frage nach dem Sinn seines Handelns immer wieder neu stellt. Zudem steigert man die Bewegung der Neustrukturierung dadurch, dass man den Patienten spüren lässt, dass er aktiv an der belastenden Situation beteiligt war. Salber sagt darüber aus, dass die Dynamik der Umstrukturierung letztlich aus der geheimen Intelligenz seelischer Formenbildungen resultiert. Um die Therapie voranzutreiben bedient man sich dem Prinzip der Ermutigung, welches dazu führt das der Therapeut irgendwann überflüssig wird, weil der Patient in der Lage ist sich selbst zu helfen.
5) „Widerstand“ unter interaktionellem Aspekt
Die allgemeine Wirkungseinheit die den bereits beschriebenen Vorgängen ihre Bedeutung zuweist ist die Beziehung Therapeut und Patient. Kennzeichnend für ein vorhandenes Beziehungsmuster sind Umstellungen und Starrheit. Der Patient ist versucht die Beziehung zu seinem Therapeut im Sinne seines Lebensstils zu verändern bzw. zu manipulieren. Adler sagt dazu: „ ..., dass er von dem Patienten die gleiche Haltung - und immer die gleiche Haltung erwarte, die er in seinem Lebensplan gemäß, zu den Personen seiner früheren Umgebung, noch früher seiner Familie gegenüber, eingenommen hat.“ 17 Das bedeutet das der Patient auch dem Therapeut gegenüber dieselbe Haltung einnimmt, die er früher dazu benutzt hat seine Umgebung auf seinen Lebensplan umzugestalten. In dieser Situation entstehen in der Interaktion Konflikte, die dazu genutzt werden können Veränderungen einzuleiten, aber gleichfalls eine Gefahr darstellen, da sie Behinderungen des Therapieablaufs implizieren.
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Adler sagt darüber: „Da sich der Arzt dem neurotischen Streben des Patienten in den Weg stellt, so wird er wie eine Wegsperre oder ein Zaun empfunden, der die Erreichung des Größenideals auf neurotischem Weg zu verhindern scheint. Deshalb wird jeder Patient versuchen, den Arzt zu entwerten, ihn seines Einflusses zu berauben, ihm den wahren Sachverhalt zu verschleiern, und er wird immer neue Wendungen finden, die gegen den Psychotherapeuten gerichtet sind.“ 18 Die unter 2) bereits beschriebenen „Widerstands“merkmale (Vergessen von Terminen, usw.) sollten also als Gegenbewegung des Patienten in der therapeutischen Situation gewertet werden. Sie dienen dem Patienten als Sicherungstendenzen der individuellen Situation und Position. Durch die Intention des Therapeuten dem Patient heilende Hilfe zu geben und der Gegenbewegung des Patienten ist die Beziehung Therapeut versus Patient stets gefährdet, in unwiderrufbare und unerträgliche Beziehungen abzugleiten. Nur durch diesen „kreativen Konflikt“ ist es allerdings möglich eine Heilung einzuleiten. Es muss dem Patienten klar gemacht werden, dass die bisherige Lebenseinstellungen nicht von Erfolg gekrönt sein können. Der Therapeut muss zudem deutlich machen, dass er nicht bereit ist die Position einzunehmen, die bisherige Menschen seines sozialen Umfeldes eingenommen haben. Der Therapeut wird von Adler aufgerufen den Patienten „zu entwaffnen“. So gibt er einige „Winke“ die es ermöglichen sollen, dem Patienten Ansatzpunkte zu entziehen. Das wären, das der Therapeut nie die Heilung versprechen, sondern nur die Heilungsmöglichkeit aufzeigen solle, Erfolge in der Therapie sollten dem Patienten zugeschrieben werden, usw..
Der Therapeut sei aufgefordert, bereits im Gestaltansatz von zwischenmenschlichen Beziehungen nach neuen neurotischen Ansätzen zu suchen. Das Verhalten des Patienten muss die Funktion einer um ein egozentrisches Bedürfnis gebildeten Wirkungseinheit verlieren. So sind Fragen nach einer Selbstmordrate, die Abwertung bereits aufgesuchter Therapeuten usw. Ansätze zu neuem neurotischen Verhalten. Der Therapeut muss diese Fragen, Abwertungen usw. so umformulieren, das sie ihre eigentliche Funktion verlieren, und dem Patienten rechtgegeben wird, was er ja eigentlich erst versucht durch ein Gefühl der Überlegenheit zu erreichen.
Die interaktive Situation zwischen Patient und Therapeut, die nach individualpsychologischer Lehre immer mit Störungen belastet ist, zeigt die Schwierigkeiten des Patienten ganz deutlich. Aus dieser Situation heraus bietet sich dem Therapeuten die Möglichkeit, die durch den Patienten geforderte Haltung zu verweigern. Die Auflösung der „Widerstände“ als Modell gesehen, bietet dem Patienten eine Möglichkeit kooperative Beziehungsformen zu üben. Auch Künkels Auffassung einer individualpsychologischen Therapie fordert diese Vorgehensweise.
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„Der Arzt ist der erste Mensch, an dem der Patient diese Haltung studieren kann. Denn hätte er schon früher die Gelegenheit gehabt, eine solche Erfahrung gründlich zu machen, so wäre er schon früher gesund geworden.“ 19
Wie schon bereits erwähnt, entsteht eine paradoxe Situation aus Akzeptierung und Verweigerung. Ausgangslage ist der Gedanke, dass der Patient zunächst gar nicht anders kann, als zu versuchen den Therapeuten in sein Schema einzupassen. Merkt der Therapeut, dass er dem Patienten bei der Heilung Sachen, Entscheidungen usw. abnehmen soll, muss er sich diesem verweigern. Der Beitrag des Therapeuten liegt nicht darin, sich in die Welt des Patienten hereinpressen zu lassen, sondern sich gemäß dem therapeutischen Paradoxes von Akzeptierung und Verweigerung zu verhalten. Akzeptierung heißt sich einzulassen, sich einzufühlen, das Verhalten des Patienten aufzunehmen und zu begreifen. Sollte der Klient doch versuchen den Therapeuten in seine Sicherungstendenzen einzugliedern, muss er sich dem entziehen. Die Beziehung wird dadurch offen für „sozial reversible Formen“. Der ausschlaggebende Unterschied zwischen althergebrachter und aktueller Psychoanalyse ist darin zu sehen, das die interaktive Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem Patienten als ein psychosozialer Zusammenhang verstanden wird. Bei G. und R. Blanck wird darüber gesagt: „ Der Therapeut soll sich nicht beirren lassen, sondern mit der großen Bescheidenheit reagieren, die Zauberkraft ablehnen, die ihm zugeschrieben wird, als ... unbewusste Wünsche des Patienten respektieren, um eine gemeinsame Basis zu finden.“ 20 Nun ist es zu guter Letzt nicht nur der Patient der den Therapieablauf stören kann, sondern selbst der Therapeut kann als Behinderung agieren. Beispiele dafür wären das Klammern an Leitlinien seiner Schulrichtung, unsicheres Auftreten usw.. Die Gefahr liegt darin das die Inhalte die auf inhaltlichem Wege erarbeitet worden sind, über den Beziehungsweg zunichte gemacht werden. So kann eine Deformierung der Lebensstilanalyse zu einer Ausfragung, Belehrung, Bewertung usw. führen. In diesen Situation geraten Patienten in Situationen, die sie eigentlich durch den Therapeuten nicht erleben wollten.
Nicht nur in der Lebensstilanalyse kann der Therapeut seinen Anteil an den Schwierigkeiten haben, sondern auch bei der Deutung von Widerständen können dadurch Fehler auftreten. Neben neurotischen Widerständen gegen die eigentliche Therapiesituation gibt es auch Widerstände die auf reeller Basis beruhen. Sie richten sich gegen sachliche oder soziale Zumutungen. Erkennt dies der Therapeut nicht, läuft er Gefahr diese „reellen“ Widerstände zu missdeuten und sie mit neurotischem Charakter zu behaften. Er blockiert den Heilungsprozess und seinen eigene Selbsterfahrung.
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Nun sieht es die individualpsychologische Therapie nicht vor, dass der Patient in unentwickelte Anliegen des Therapeuten eingespannt wird. Auch soll der Therapeut keine eigenen Sicherungstendenzen entwickeln, die ihm das Gefühl der Überlegenheit, der Stärke usw. vermitteln. Haley parodiert diese Situation folgendermaßen: Er sieht es, ... „ als Machtkampf, in dem sich Patient und Therapeut mit ihren „Finten“ hereinlegen wollen, jeder den anderen in eine Unten-Position (one-down) und sich selbst in eine Oben-Position (oneup) zu bringen versucht.“ Es darf auf keinen Fall zu einer Situation der gegenseitigen ichhaften Ausnutzung kommen, denn sonst setzt sich die scheinbar widersinnige Situation der seelischen Störungen in der Scheintherapie des Patienten fort. Diese Situation blockiert alle Umbildungen, weil für die Partner der Sinn unbewusst bleibt. Eine Supervision ist dann der einzige Ausweg aus dem Dilemma. Findet keine „heilende“ Supervision statt, bricht die Beziehung zwischen Therapeut und Patient, ohne jedoch Ansätze für einen Neuanfang zu hinterlassen.
6) Zusammenfassung
Widerstände in einer individualpsychologischen Therapie werden als Gegenbewegungen zu einer Umbildung gedeutet und beziehen sich auf die individuellen Entwicklungschancen und -grenzen. Das Ungewisse und die gefährdenden Umbildungserfahrungen lassen die neurotische Seele nur beschränkt Freiheit in der seelischen Wandlung. Eine ständige Reproduktion der Ängste ist gegeben. Durch fiktive Vorstellungen ist die neurotische Seele versucht Gefühle des Unvermögens, der Ohnmacht usw. zu kompensieren. Der Patient bewegt sich in einer Zwickmühle aus Zurücknahme und Steigerung der Sicherungstendenzen. Nimmt er sie zurück wächst die Angst vor der Realität, steigert er sie steigt auch sein Leiden an der Realität. Seelische Störungen dienen zur Absicherung der Identität gegenüber Veränderungen. Ein neurotisches System muss sich also zwangsläufig an der auf Umbildung ausgelegten Therapiesituation brechen. Der Therapeut dient als Person, die modellierend auf die neurotische Seele zugreift und durch eine Veränderung der Erlebens- und Verhaltenswelt Hilfe gibt. Eine Krise wird erfahrbar, wenn der Patient versucht den Therapeuten in seine Wirklichkeit einzupassen. Nur in der therapeutischen Situation wird ein neurotisches Schema der Interaktion bearbeitbar. Hilfegebender Eingriff wird durch ein paradoxes Indem aus Akzeptierung und Verweigerung gekennzeichnet. „Die Bearbeitung dieser Schwierigkeiten dient dem individualpsychologischen Therapeuten als Modell, an dem der Patient durch teilnehmende Interaktion die ermutigenden Wirkungen kooperativer Beziehungsformen erfahren kann.“ 21
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Anmerkungsverzeichnis
1 Greenson, R.R., Technik und Praxis der Psychoanalyse, Band 1, S. 85, Klett, Stuttgart 1973
2 Wexberg, E., Individualpsychologie, 1931, Hirzel, Stuttgart 1974.
3 Heisterkamp, G., Das Konzept des Widerstandes in der Individualpsychologie, Ratingen 1981, in Petzold und
Hilarion (Hrsg.), Widerstand - ein strittiges Konzept in der Psychotherapie, Reihe Vergleichende
Psychotherapie, Band 3, Innfermann, Paderborn 1981
4 Krech, D.; Crutchfield, R., Grundlagen der Psychologie I, Beltz, Weinheim 1968.
5 Nach Heisterkamp 1981, Heisterkamp, G., Das Konzept des Widerstandes in der Individualpsychologie,
Ratingen 1981, in Petzold und Hilarion (Hrsg.), Widerstand - ein strittiges Konzept in der Psychotherapie, Reihe
Vergleichende Psychotherapie, Band 3, Innfermann, Paderborn 1981, S.122.
6 ebenda, S. 123
7 ebenda, S. 124 und Künkel, F., Vitale Dialektik, Hirzel, Leipzig 1929.
8 Künkel, F., Vitale Dialektik, Hirzel, Leipzig 1929.
9 Salber, W., Klinische Psychologie, Vorlesung im WS 1978/1979 an der Universität Köln.
10 Nach Heisterkamp 1981, S. 127
11 Kausen, R., Nicht nur die Psychologie für Lehrer und Pfarrer, Individualpsychologie ist wieder aktuell,
Bayerische Schule 6 (1978)
12 ebenda, S. 127, 128
13 ebenda, S. 129
14 Charakterisierung der Wirkungseinheit als ein „indem“ aus Verwöhnungsansprüchen und Machtansprüchen.
15 Nach Heisterkamp 1981, Heisterkamp, G., Das Konzept des Widerstandes in der Individualpsychologie,
Ratingen 1981, in Petzold und Hilarion (Hrsg.), Widerstand - ein strittiges Konzept in der Psychotherapie, Reihe
Vergleichende Psychotherapie, Band 3, Innfermann, Paderborn 1981, S. 129
16 ebenda, S. 129
17 Adler, A., Der Sinn des Lebens, Fischer, Frankfurt 1973.
18 Adler, A., Der Sinn des Lebens, Fischer, Frankfurt 1973.
19 Künkel, F., Vitale Dialektik, Hirzel, Leipzig 1929.
20 Blanck, G. und R., Angewandte Ich-Psychologie, Klett, Stuttgart 1974
21 Nach Heisterkamp 1981, Heisterkamp, G., Das Konzept des Widerstandes in der Individualpsychologie,
Ratingen 1981, in Petzold und Hilarion (Hrsg.), Widerstand - ein strittiges Konzept in der Psychotherapie, Reihe
Vergleichende Psychotherapie, Band 3, Innfermann, Paderborn 1981,S.138
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Arbeit zitieren:
Andreas Verweyen, 2001, Zu Günter Heisterkamps "Das Konzept des Widerstandes in der Individualpsychologie", München, GRIN Verlag GmbH
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