uns zu einer Hausecke, die an den Park grenzt, um das Eingangsportal des Moabit genau beobachten zu können. Langsam steigt die Spannung. Nach ein paar kurzen Erklärungen reiche ich Helle die Taschenlampe, damit er Wachmann Kuno das Zeichen für die Flucht geben kann. Ich warte gespannt hinter der Hausecke, bis die Kirchenglocke Mitternacht schlägt.
Dong, dong, dong..., die Glocke hat schon drei Mal geschlagen. Helle macht Kuno mit der Taschenlampe verständlich, dass wir hier sind, bereit, die Befreiungsaktion zu starten. Schon wird die Türe geöffnet und Kuno tritt mit Heiner auf die Strasse. Die Alarm -sirene des Moabit heult auf. Verflucht ! Ein Schreck durchfährt mich. Irgend was ist schief gelaufen ! Auch die anderen sind erschrecken. Jetzt muss alles blitzschnell über die Bühne gehen. Heiner und Kuno eilen immer schneller die Strasse hinauf, um zu uns zu gelangen. Aber schon stürmen die Wachmänner aus der Eingangstür. Zu Fuss wären sie Heiner und Kuno nicht nachgekommen, deshalb verschwinden sie. „Wahrscheinlich, um ihren Dienstwagen im Hinterhof zu holen“, vermutet Helle . Heiner und Kuno sind inzwischen ausser Atem bei uns angekommen und rennen nun mit uns zum Auto. Aufatmend setzen wir uns, die Türen knallen und Helle gibt Gas. Mir ist, als seien nur drei Türen zugeschlagen worden. Erst jetzt bemerke ich, dass Kuno Probleme zu haben scheint, denn seine Hintertür hat sich verklemmt und ist noch nicht zu. Ich will ihm zu Hilfe kommen, doch Helle fährt eine derart enge Kurve, dass ich auf die andere Seite gedrückt werde. Plötzlich ruft Helle: „ Verflucht die Wachmänner ! Ich hatte richtig vermutet.“ Sie waren uns unauffällig, ohne Licht , gefolgt, da wir sehr langsam fuhren. Schon folgt die nächste Kurve, um die Wachmänner abzuhängen : Kuno und ich werden zurückgeworfen. Dabei prallt Kuno mit solcher Wucht gegen die Tür, dass sie sich öffnet und er auf die Strasse geschleudert wird. Auf der Stelle schreie ich Helle sofort zu, er solle sofort anhalten, Kuno sei aus dem Auto gefallen. Solche Schrecksekunden hatte ich noch nie erlebt. Durch die Rückscheibe sehe ich, wie Kuno blutüberströmt im Licht der Strassenlaternen auf dem Asphalt liegt. Helle will sofort umkehren, um ihn zu holen, als im selben Moment der Streifenwagen des Wachpersonals um die Ecke fährt und bei Kuno anhält. Da Helle nahe bei Kuno gehaltet hat, schiessen die Wachmänner nun wie verrückt auf unser Auto, um uns zum Stehen zu bringen und hindern uns damit, zu Kuno zurückzukehren. Unser Leben aufs Spiel zu setzen, wäre viel zu riskant. Dies würden mir das meine Eltern nie verzeihen. Aus diesem Grund müssen wir Kuno zurücklassen, auch wenn es uns schwer fällt.
Trotz dieses grossen Schockes für alle Beteiligten, fuhren wir weiter, um kurz vor dem Alexanderplatz die falschen Ausweise, die unter einer Brücke versteckt sind, zu holen und Heiners Klamotten in der Spree verschwinden zu lassen. Zehn Minuten später geht es wieder heimwärts. Während Heiner sich die Kleider, die unter dem Rücksitz des Autos versteckt waren, überstreift, diskutieren Helle und ich noch über Kuno, da unser aller Mitleid auf seiner Seite ist.
In dieser Nacht dachte ich noch sehr viel nach und kehrte tief in mich hinein. Ich freute mich darüber, dass ich endlich einmal helfen, zudem den Nazis einen Streich spielen und Heiner befreien konnte. Hauptsächlich beschäftigte mich jedoch der Vorfall von Kuno. Er liess alle Freuden versiegen. Wir konnten zwar Heiner retten, doch diesem jungen Mann wurde in jener Nacht sein Lebenstraum, im Ausland ein neues Leben zu beginnen, zunichte gemacht.
Michi Finsterwald
Arbeit zitieren:
Michi Finsterwald, 2001, Die Flucht, München, GRIN Verlag GmbH
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